Kultur und Wein

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Tod eines Handlungsreisenden Szenenfoto © Franziska Frenzel

TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN Wenn Träume bitter enden

Thomas Kamper als Willy Loman © Franziska Frenzel

Ein Opfer nicht nur des viel gerühmten American Way of Life

Der US-amerikanische Autor Arthur Miller hat bereits 1949 den Glauben an die unbegrenzten Möglichkeiten seines Landes erschüttert. Als Beispiel des Scheiterns dient ihm ein Vertreter, ein Klinkenputzer, dem zuletzt sogar das Fixum gestrichen wird, bevor man ihn endgültig feuert. Willy Loman ist ein absoluter Durchschnittstyp, wie man ihn in den ersten TV-Werbespots als den amerikanischen Mann schlechthin dargestellt hat; adrett gewandet mit Anzug, Krawatte und Hut legt er tausende Meilen zurück, um einen erfolgreichen Abschluss zu tätigen und mit dem Erlös seine Familie zu ernähren. Ehefrau Linda hält das Heim in Schuss und die Kinder, in diesem Fall die beiden Buben Biff und Happy, geben berechtigten Anlass zu zufriedenstellenden Zukunftshoffnungen. Alles zusammen wäre die ideale Konstellation für ein glückliches Leben nach dem bekannten Muster des American Way of Life – wären da nicht einige ganz natürliche Hindernisse. Biff schafft den Schulabschluss in Mathematik nicht und das College bleibt ihm deswegen trotz großer sportlicher Ambitionen verwehrt.

Thomas Kamper, Katharina Schmirl © Franziska Frenzel

Sein Versagen kompensiert er mit Diebstählen und windigen, nie ausgeführten Projekten. Sein Bruder ist von Anfang an immer nur der Zweite und fügt sich erstaunlich zufrieden in die Rolle des arbeitslosen Verlierers. Willy selbst wird alt, die Geschäfte gehen schlecht und die Schulden häufen sich trotz sparsamster Haushaltsführung durch Linda. Den finalen Ausweg bietet eine Lebensversicherung, sofern das Institut den Selbstmord als Unfall anerkennt.

Philipp Stix, Thomas Kamper, Thomas Marchart © Franziska Frenzel

Diese Geschichte hat nichts von ihrer Aktualität verloren. Nicht nur in den USA darben Millionen von Working Poor, die sich mit einer Reihe von Mac-Jobs gerade noch über Wasser halten können. Das Phänomen ist längst auch nach Europa übergeschwappt und sorgt hüben wie drüben für ein Prekariat, das keine Gewerkschaften kennt und angefangen von der Altersarbeitslosigkeit bis zu den Problemen alleinerziehender Mütter diese Menschen vom allseits gepriesenen Wohlstand fernhält.

Dass die SCALA Wien den „Tod eines Handlungsreisenden“ just als Einstieg nach einer immense soziale Verwerfungen schaffenden Pandemie ins Programm nimmt, wird wohl Zufall sein, trifft dennoch den Nagel auf den Kopf. Regisseur Peter M. Preissler hat die Handlung ohne unnötige Gegenwartsbezüge umgesetzt und damit dem Stück seine Intensität gewahrt. Auf der raffiniert eingeteilten Bühne, gestaltet von Marcus Ganser, hat die Tristesse in all ihren weiten Ausmaßen Platz. Die Schauplätze sind logisch in Oben und Unten verteilt. Sogar ein Auto fährt auf, zwar ein Kleinwagen, wie ihn ein amerikanischer Vertreter nie fahren würde, der aber die Armseligkeit seines Chauffeurs umso deutlicher macht. Dessen Fahrer ist Thomas Kamper. Sein Willy Loman ist berührend authentisch ein Mann, der hilflos zwischen hochfahrenden Träumen und tiefster Verzweiflung pendelt. Seine große Liebe gilt nicht der Ehefrau,

wenngleich Linda (Susann B. Winter) als graue Maus nichts anderes im Sinn hat als das Wohlergehen ihres Gatten. Biff ist Willys Favorit, dem Philipp Stix so viel Sympathie verleiht, dass man es gar nicht glauben möchte, wenn er sein Leben nicht in den Griff bekommt. Sein Bruder Happy hat dank Thomas Marchart die Lebenslust trotz seines untätigen Daseins nicht verloren. Beide können eben dem fleißigen Bernard (Max-Merlin Kolodej kann famos den farblosen Streber) nicht den kleinen Finger reichen, denn der wird Anwalt für ganz große Fälle. Regis Mainka darf sich als hartherziger Howard Wagner und stolzer Besitzer eines Magnetophon Gerätes austoben, Raimund Brandner als Charley mit Willy Karten spielen und Michael Werner im weißen Anzug des Onkel Ben als wohlmeinender Geist erscheinen. Katharina Schmirl ist in der Besetzungsliste nur als „Die Frau“ angegeben, als dralle Geliebte vielleicht aber einer der wenigen Menschen, die dem bedauernswerten Willy für eine Nummer im Auto im Austausch gegen ein paar Nylons zumindest ein kurzes Erfolgerlebnis schenken.

Bühnenansicht mit Thomas Kamper als Willy Loman © Franziska Frenzel
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