Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Hochzeit, Ensemble © Bettina Frenzel

Hochzeit, Ensemble © Bettina Frenzel

HOCHZEIT als zeitlose Warnung vor dem Untergang

Hermann J. Kogler, Eszter Hollosi, Bernie Feit © Bettina Frenzel

Hermann J. Kogler, Eszter Hollosi, Bernie Feit © Bettina Frenzel

Das böse Erwachen aus dem Rausch von Dummheit, Ignoranz und Geilheit

Auch das solidest gebaute Haus kann einstürzen. Zumindest Elias Canetti war davon überzeugt. Alle anderen wähnen sich noch in trügerischer Sicherheit, wenn der Boden bebt, der Luster wackelt und auf dem Dachboden Fässer gefährlich zu rollen beginnen. Sie vertrauen auf den Baumeister, der diesbezüglich ebenso in einem Wahn lebt als er sich als Vater seiner drei Kinder ansieht. Der Jude Canetti hat damit 1932 dem von ihm empfundenen und als richtig eingeschätzten Horror vor den Nationalsozialisten Gestalt gegeben. 90 Jahre danach sind es andere Gefahren, die uns dieses Menetekel mit flammenden Buchstaben in Form eines Theaterstückes an die Wand schreibt. Die Auswahl, wovor man sich fürchten darf, ist kommod. Sie reicht vom Klimawandel übers Artensterben, von einer Dritten Welt, die aufgebrochen ist, um sich ihren Teil vom Reichtum einer winzigen Elite zu holen, bis zu einer Pandemie, die über die fatale Wahrscheinlichkeit sich anzustecken zum Ableben eines guten Teils der dennoch ungebremst wachsenden Weltbevölkerung beitragen wird. Aber wir feiern, sind bester Dinge, wenn eine Hochzeit ins Haus steht, bei der wir Gäste uns darüber mokieren, wenn in der Wohnung darunter ein Mensch stirbt. Canetti hat ein Tableau geschaffen, in dem alle ihren Platz haben, die zu wissen glauben, wie man lebt, und keinen Gedanken darauf verschwenden, wie es sein könnte, wenn man stirbt. „Hochzeit“ ist der Titel dieses zwischen skurriler Komik und tragisch entlarvter Ignoranz pendelnden Stückes.

Katharina Schmirl, Eszter Hollosi, Christoph Prückner © Bettina Frenzel

Katharina Schmirl, Eszter Hollosi, Christoph Prückner © Bettina Frenzel

Sybille Kos, Ronald Seboth, Markus Tavakoli © Bettina Frenzel

Sybille Kos, Ronald Seboth, Markus Tavakoli © Bettina Frenzel

In der Scala Wien, die dieses Mal ihrem Beinamen Theater zum Fürchten gerecht wird, löste man bewundernswert die umfangreiche Besetzungsliste dieser Farce, trotz Corona-bedingten Ausfällen. So ist Prinzipal und in diesem Fall auch Regisseur Bruno Max als trumpiger Oberbaurat Segenreich eingesprungen. Er ist Brautvater, zumindest der vermeintliche, denn der Hausfreund Direktor Schön (Markus Tavakoli), ein Bonvivant und Feschak, macht kein Geheimnis daraus, dessen drei Kinder gezeugt zu haben. Man nimmt es ihm sofort ab, wenn Frau Johanna Segenreich ihre üppigen Formen Michel, dem verfressenen Bräutigam der ältesten Tochter (Magdalena Hammer als Christa), verehren will. Sybille Kos stürzt sich dabei mit dem Schlachtruf „Wuschelaugen und treuherziges Haar“ auf Clemens Fröschl, der sich als Schüchti sogar gegen die Zudringlichkeiten von Mariechen, der Jüngsten (Sophia Greilhuber), resistent zeigen muss. Bernie Feit mutiert von der klarsichtigen alten Gilz, die ihre erbschleicherische Enkeltochter Toni (Michelle Haydn) am langen Faden hält und das Haus wohl dem Papagei Lore vermachen wird, zum Sargfabrikanten Rosig, der mit dem dauergeilen 79jährigen Doktor Bock (Hermann J. Kogler) um Monika (Eszter Hollosi), die junge Frau des todkranken Apothekers Gall (Christoph Prückner) rittert. Der greise Dr. Bock ist hinter allem her, was nur weiblich ist und erinnert frappant an einen Baumeister unserer Tage.

Seine dreckige Anlassigkeit macht nicht einmal vor der behinderten Tochter des Hausmeisters Kokosch (wieder Christoph Prückner und Katharina Schmirl als genial idiotisch lachende Pepi) halt. Anita (Lisa-Marie Bachlehner), die laszive Freundin der Braut, hat sich zuvor halben Herzens mit dem Vielredner Peter Hell (Simon Brader) verlobt, der zuletzt nicht nur den Blumenstrauß, sondern auch seinen Unterarm einbüßt. Auf sie hat der Sohn des Hauses (Robert Elsinger als Karl im dritten Semester) ein Auge geworfen. Freilich blitzt der unbeholfene Studiosus bei dieser sexuell abgebrühten Dame ab. Vielleicht hätte er mehr Glück bei der attraktiven Witwe Zartl, einer Mimose, als die Eva-Christina Binder die um allseitigen Beischlaf buhlende Runde aufmischt. Diese konzentriert ihre sinnlichen Gelüste jedoch partout auf den Idealisten Horch (Marc Illich), einen redegewandten Mann, der die Gesellschaft mit einem Spiel in den Untergang begleitet. Denn diese merkt bis zuletzt nicht, dass daraus bitterer Ernst geworden ist, als das Haus mit beachtlichem Getöse über sie hereinbricht.

Magdalena Hammer, Lisa-Marie Bachlehner © Bettina Frenzel

Magdalena Hammer, Lisa-Marie Bachlehner © Bettina Frenzel

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