Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Kiki Smith, Ohne Titel Photograph by Wolfgang Woessner

KIKI SMITH und ihre geheimnisvoll beredten Wesen

Ausstellungsansicht KIKI SMITH Johannes Stoll, © Belvedere, Vienna

Eine PROCESSION vorbei an sanft schockierenden Kreaturen

Kiki Smith ist in einer von der Kunst geprägten Familie aufgewachsen. Ihr Vater Tony war minimalistischer Bildhauer und ihre Mutter Jane Lawrence Sängerin und Schauspielerin. In einem solchen Umfeld ist es kaum verwunderlich, dass sowohl sie als auch eine der jüngeren Schwestern, Seton, zur Kreativität gefunden haben. Kiki hatte sich bald ihren Platz in der Kunstwelt erobert, der ihr Schaffen mit Ausstellungen in den renommiertesten Häusern der Öffentlichkeit zugänglich machte. New York, San Francisco, Houston oder das Museo Jumex in Mexico City waren bereits Schauplätze, in denen ihr vielgestaltiges und durch die Jahrzehnte immer wieder gewandeltes Werk das Publikum fasziniert oder aber auch abgestoßen hat. Auch diese an sich negative Reaktion war Teil der Absicht, mit der Kiki Smith an die Menschen herangeht und ihnen nicht immer leicht verdaubare Geschichten erzählt. Ein langer Darm (Digestive System 1988), abgetrennte und gehäutete Köperteile (Untiteld 1988) oder eine seitlich liegende Frau, die am Rücken wie eine Blutwurst zusammengenäht ist (Blood Pool 1992) sind frühe Arbeiten, mit denen sie ihr schonungsloses Programm dargelegt hat.

Kiki Smith, Sky, 2011 © Kiki Smith, courtesy Pace Gallery

Sie lässt in Tongue and Hand (1985) Zunge und Hand in einen Dialog treten, um dem Mund (Mouth 1993) einen ganz eigenen, von der biologischen Erscheinungsform abweichenden Ausdruck zu geben. 1990 präsentierte sie Körperflüssigkeiten in sauberen Gefäßen und brachte damit in einer Zeit von Aids eine Diskussion über die Museumswürdigkeit von Substanzen wie Blut, Speichel, Sperma oder Schweiß in gang. Frauen standen immer wieder im Mittelpunkt, solche, deren Brüste verdorrt sind (Untitled 1990) oder reduziert auf deren urweibliche Organe wie Womb with Fetus (1988). Die Künstlerin hat also immer tief geblickt und ihre Sicht der jeweiligen Entdeckung skulptural geformt.

 

Mit den Jahren kamen neue Techniken, Materialien und Themen dazu. So wurden Zeichnungen von Kiki Smith von ihr handwerklich solid auf Textilien umgesetzt. Darin begann sie Märchen zu erzählen, von einem Parlament der Eulen oder eine Kathedrale des Wolfes.

Tiere wurden zu Botschaftern einer Welt, in der ein Mensch nur mehr die Nebenrollen spielen darf oder sich gleich mit dem Tier verbindet wie in Born (2002), in dem eine Frau in Erwchsenengröße von einem Reh zur Welt gebracht wird, oder in Rapture (2001), in dem diese Frau dem Bauch einer Wölfin entsteigt. Der Boden im letzten Raum der Ausstellung ist von toten Krähen bedeckt, durch die hindurch der Besucher vorsichtig steigen kann, um von Weißkopfadlern bedrohlich umflattert zu werden (Prelude 2014) und in einem Sternenhimmel die Fabelwesen Noctua, Corvus, Hydra und Filis (2013) einem nicht näher genannten Zodiak zuordnen zu können. Es ist also ein Abenteuer, sich mit Kiki Smith und ihrer Kunst einzulassen und sich der PROCESSION, geleitet von der Kuratorin Petra Giloy-Hirtz, anzuschließen, die bis 15. September 2019 im Unteren Belvedere mit andächtig abgeschritten werden kann.

Kiki Smith, Ohne Titel Photograph by Ellen Labenski © Kiki Smith
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