Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht STADT DER FRAUEN Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien

STADT DER FRAUEN als neues Kapitel der Wiener Kunstgeschichte

Marie Egner, In der Laube, um 1901 Foto: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Späte Ehre für die zahlreichen, aber wenig namhaften Künstlerinnen des Fin de Siècle

Es ist müßig von männlicher oder weiblicher Kunst zu sprechen. Es gibt nur diese eine Äußerung von Kreativität, die unser Dasein in ihren Bildern und Skulpturen so widerzuspiegeln vermag, dass man nicht aufhören kann, hinzuschauen, um sich daran zu erbauen. Die Protagonisten dieses Geschehens kommen längst aus beiderlei Geschlecht und nicht immer ist es einfach, aus Strich und Farbe zu bestimmen, ob hinter dem jeweiligen Gemälde ein Mann oder eine Frau steckt. Nicht immer war man allerdings dieser Ansicht. Die Gründe für den Irrtum, dass die Weiblichkeit nicht über ein ebenso großes Potential an Schaffenskraft verfüge wie die Herren der Schöpfung, sind schwer zu erklären. Was immer daran schuld war, dass Kunsthochschulen für Mädchen nicht zugänglich waren, Professoren sich geweigert haben, ambitionierte Frauen zu unterrichten oder die alten Meister in ihren Werkstätten nur den Buben die Fertigkeit des Malens beigebracht haben?! Es hat eines langen Prozesses bedurft, derlei Aversionen aufzuweichen und Frauen als künstlerische Kollegen anzuerkennen.

Ausstellungsansicht STADT DER FRAUEN Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien

Jedenfalls hat es im 19. Jahrhundert einen gewaltigen Ruck gegeben. Es gehörte plötzlich zum guten Ton, dass sich nicht nur der begabte Sohn, sondern auch die talentierte Tochter an die Staffelei stellte. Freilich betrachtete man die Malerinnen eher als familiären Aufputz, geradeso wie das brave Mädchen, das es am Klavier bis zum „Gebet einer Jungfrau“ brachte. Seinen großen Auftritt hatte es, ebenso wie die malende Freundin, wenn sich die „bessere Gesellschaft“ in den Salons zum geistigen Austausch und zum Champagner-Trinken traf und das Gebotene mit gnädigem Applaus bedachte. So blieben die meisten der durchaus ernsthaften Künstlerinnen eher eine momentane Erscheinung, die man nicht für wert befunden hat, in die Geschichte der Kunst aufgenommen zu werden.

Helene Funke, Akt in den Spiegel blickend, 1908-1910 © Belvedere Foto: Johannes Stoll © Belvedere

Die Ausstellung „Stadt der Frauen. Künstelrinnen in Wien von 1900 bis 1938“ (bis 19. Mai 2019) zeigt beeindruckend die weibliche Kraft, die im Aufbruch zur Moderne gegenüber Größen wie Koloman Moser, Egon Schiele oder Oskar Kokoschka jedoch wenig Chancen zu haben schien, von der Öffentlichkeit im ihr zukommenden Rang gemäß wahrgenommen zu werden. Die Kuratorin Sabine Fellner betont jedoch im Katalog, dass der seit Jahrzehnten in unverminderter Intensität geführte Diskurs über Frauenquoten geradezu regressiv erscheint angesichts der Tatsache, dass 1908 in der unter der Präsidentschaft von Gustav Klimt eröffneten Kunstschau ein Drittel der gezeigten Werke von Frauen stammte, und fragt sich angesichts dieser Zahlen: „Könnte es sein, dass wir vor rund einhundert Jahren in dieser Frage bereits sehr viel weiter waren?“ Die Antwort geben eindrucksvoll die gezeigten Werke.

An die 60 Künstlerinnen werden über ihre Arbeiten vorgestellt und damit ein neues Kapitel der Kunstgeschichte Wiens geschrieben. Der chronologische Aufbau erleichtert das Begreifen der wesentlichen Rolle, die Künstlerinnen in der Entwicklung der Moderne gespielt haben. Sie waren in allen wichtigen Stilrichtungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vertreten: von Stimmungsimpressionismus, Secessionismus, Expressionismus, Kinetismus bis zur Neuen Sachlichkeit.

 

Dass die Bilder heute in ihrer ganzen Pracht in den stimmungsvollen Räumlichkeiten des Unteren Belvedere bewundert werden können, erforderte eine Menge Kleinarbeit. Fellner erinnert sich, dass sie sich auf eine Entdeckungsreise begeben musste, auf Dachböden stöberte oder in die letzten Winkel diverser Depots hineinleuchten musste, um die Gemälde überhaupt zu finden. Es tauchten dabei Namen auf, die kein Mensch mehr kannte oder mit einer Künstlerin in Verbindung brachte. Die Kuratorin konnte sich bei ihrer Suche auch nicht an irgendeine bestimmte Thematik halten. Diese Frauen haben sich selbstbewusst über das Klischee des sanften Stilllebens hinweggesetzt.

Sie haben Menschen auf die Leinwand gebracht, die alles andere als dem zu ihrer Zeit gängigen Schönheitssinn entsprochen haben; wie beispielsweise Elena Luksch, die mit dem gekonnt grauslichen Katzenfresser ihr Publikum schockiert hat, oder Teresa Feodorowna Ries, eine der ersten Bildhauerinnen, mit dem dämonischen Grinsen einer Hexe, die sich für die Walpurgisnacht schön macht. Sie lädt ein, sich mit dem selben Vergnügen teuflisch Neuem und noch nie Gesehenem auszusetzen und ungeniert mit bisher fremden und alles andere als ungefährlichen Frauen mutig anzubändeln.

Emilie Mediz-Pelikan, Blühende Kastanien, 1900 Foto: Johannes Stoll © Belvedere, Wien
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