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VERHÜLLT, ENTHÜLLT! DAS KOPFTUCH  Ausstellungsansicht

VERHÜLLT, ENTHÜLLT! DAS KOPFTUCH mehr als ein Stück Stoff?

VERHÜLLT, ENTHÜLLT! DAS KOPFTUCH  Ausstellungsansicht

Über die Gefahr, ein Kleidungsstück ideologisch zu vereinnahmen

Eine kurze Geschichte, die ein ehemaliger Passamtsleiter erzählt hat. Er war in den 1990er-Jahren aus einem künstlerisch unsicheren Dasein in den mager, aber sicher besoldeten Staatdienst eingetreten und fand sich am Pult des Passamtes im Polizeikommissariat Ottakring wieder. Er hatte die Vorschriften penibel studiert und wusste, dass auf einem Passfoto nichts außer dem bloßen Kopf, also Gesicht, Ohren und Haare, zu sehen sein durfte. Als Antragssteller aus der doch zahlreich vertretenen türkischen Community erschienen und Fotos mit Kopftuch tragenden Frauen vorgelegt wurden, wollte diese der kleine Beamte nicht annehmen. Am nächsten Tag erreichte ihn der Anruf eines Muftis, der mitteilte, dass in seinem Vorzimmer eine Menge Männer stünden, die eine offizielle Bestätigung begehrten, dass ihre Frauen Kopftuch aus religiösen Gründen tragen müssten; wobei er dafür eigentlich nicht zuständig sei.

Mind over Matter –  Julie, Portrait of a Lady Suzanne Jongmans © Courtesy Galerie Wilms

Der Fall ging über das Zentralpassamt ins Innenministerium und zurück kam ein vergilbter Zettel aus dem Jahr 1946, der damals den zurückgekehrten Juden erlaubte, auf dem Passfoto Kippa oder Hut zu tragen. Dazu wurde die Weisung ereilt, diesen Passus analog auf die Muslime anzuwenden. Der Passamtsleiter versuchte es nun mit persönlicher Überzeugstätigkeit. In den Gesprächen wurden ihm Argumente von „Allah schimpft sonst“ bis zur deutlichen, sogar aggressiven Ablehnung westlicher Lebensart, die der Islam verbietet, entgegengehalten. Das Kopftuch sei das äußerliche Zeichen für ihre Einstellung zum Leben an sich, das von ihrer Religion über das staatliche Gesetz hinaus geregelt sei. Jede Frau, die mit offenem Haar durch die Welt ginge, sei übrigens eine Hure. Auch in Ottakring werden seit damals viele, viele österreichische Reisepässe ausgestellt, die mit Fotos, auf denen außer dem von Stoff rundum knapp eingebundenen Gesicht nicht zu sehen ist, ausgestellt.

Kopftuch für Frauen und Männer Tunesien, Sfax und Umgebung, vor 1914 © KHM-Museumsverband

Die Ausstellung „Verhüllt, enthüllt! Das Kopftuch“ (bis 26. Februar 2019) hat sich nun dieser an sich unschuldigen Kopfbedeckung angenommen. Aus den reichhaltigen Sammlungen des Weltmuseums hat Kurator Axel Steinmann einen kulturhistorischen Überblick erarbeitet, der mit Beispielen vom alten Mesopotamien ausgehend über Kulturen und Zeitläufte hinweg bis zum verspielten Accessoire einer modebewussten Muslima das Kopftuch und seine vielschichtige Bedeutung beleuchtet. Ergänzend zu sehen gibt es alte Kunst und junge Positionen, die sich mit diesem Phänomen auseinandersetzen. Die Konnotation mit Religionen und Ideologien wird selbstverständlich erwähnt, aber für den Besucher erfreulicherweise nicht aufdringlich betont, zumindest nicht explizit thematisiert.

Anders Christian Schicklgruber, Direktor des Weltmuseums Wien. Sein Kommentar zu den eher unprätentiös ausgestellten Textilien und Fotos bugsiert jeden, der bei einer Kopftuchträgerin hierzulande Unbehagen verspürt, sofort ins rechte Eck. Brav nach Klischee wird auf Klosterschwestern verwiesen, die ja ebenso verschleiert seien, und auf die Italienerinnen, die beim Betreten einer Kirche ihre Haarpracht fromm und keusch bedecken.

Wenn man das eine verbieten wolle, müsse man auch gegen das andere sein. Weiters sei ja auch das Dirndl nur eine Manifestation rückständiger Heimatverehrung, das seine heutige, Busen-freizügige Form während der NS-Zeit erhalten habe. Was fehlt, ist die Botschaft, dass wir dank Joseph II. eine Aufklärung hinter uns haben, die Religion zum Privatvergnügen gemacht hat. Wie man Kopftücher auch ohne christliche und muslimische Hintergedanken tragen kann, haben unsere Großmütter bewiesen. Wenn sie an heißen Sommertagen auf dem Feld arbeiteten, haben sie ihren Kopf mit einen Tuch vor dem Sonnenstich geschützt. Ihnen war, abgesehen vom Pflichtbesuch der Sonntagsmesse, der Liebe Gott ziemlich egal; und trotzdem waren sie Kopftuchträgerinnen, die bis heute allzu gern als Beispiel herangezogen werden um einer Alice Schwarzer entgegen zu treten, die doch glatt behauptet hat, das Kopftuch sei die Flagge des Islamismus.

Preisgekröntes Kopftuch-Outfit Modezeichnung aus dem Archiv der © Modeschule Hetzendorf 1964
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