Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Eon Werk von Nychos im Atrium des Wien Museum (Detail)

TAKE OVER Street Art & Skateboarding in der Bauruine

Lym Moreno  Foto: Rafael Bittermann/SAE Wien © Wien Museum

Nix Bleibendes zwischen Illegalität und Bundesdenkmalamt

„Was werden die Leute sagen, wenn wir Street Art ins Museum holen?“ fragt sich sorgenvoll Direktor Dr, Matti Bunzl. Wahrscheinlich nicht viel, und wenn sie was zu sagen haben, dann eher was Positives. Der Umbau hat am Wien Museum am Karlsplatz begonnen. Die Räume sind verwaist, Baugitter außen und innen zeugen vom baldigen Anrücken der Bagger und die Sammlungen sind längst in sicheren Depots. Das bietet sich doch geradezu zwangsläufig an, sich Kunstrichtungen anzunehmen, die in ihrer Entfaltung auf triste Ruinen, unschöne Betonwände oder hässliche Fassaden angewiesen sind – sofern sie legal ausgeübt werden. Neu verputzte Hauswände oder Garnituren der U-Bahn mit Graffiti zu „schmücken“, fällt in den Bereich Vandalismus und wurde auch bei der Ausstellung „TAKE OVER Street Art & Skateboarding“ (bis 1. September 2019) bewusst als solcher bezeichnet. Bevorzugte Örtlichkeiten dieser Sprayer decken sich nicht selten mit den Trainingsanlagen der Skater, denen auch nur dort Platz zum Sporteln bleibt, wo es für den Normalbürger nichts mehr zu holen gibt;

Mural von Frau Isa und Nychos, The Weird Crew  © Nychos/RabbitEyeMovement

also irgendwo auf Lagerplätzen aufgelassener Fabriken oder auf nicht weiter benötigten Flächen entlang der Eisenbahn. Im Wien Museum sind die zwei, die Sprayer und die Skater, nun museal geworden, geadelt zu Protagonisten einer Kultur, die selten wo gern gesehen wird, aber dennoch ihren zweifellosen Rang in diesem bunten Geschehen mit jugendlichem Elan behauptet und unter dem fruchtbaren Dünger der Polarisierung gedeihen lässt.

Paul Busk, Kryot und Skero  Foto: Christoph Schleßmann © Wien Museum

Das Erdgeschoß lädt zum Do-it-Yourself (DIY) ein und wurde zur Skate-Area. Könner aus der gar nicht so kleinen Wiener Szene haben nun Gelegenheit, im Museum ihre teils halsbrecherischen Turns und Jumps auf den von Spoff Parks mit entsprechend genug Beton erbauten Rampen zu absolvieren. Kinder sind eingeladen, an Skateboardkursen teilzunehmen, und skeptische Erwachsene in Panels wie „(K)ein Raum für Street Art und Skateboarding“ ihre Meinung zu offenbaren.

Die vergänglichen Arbeiten der Sprayer sind im ersten Stock in der „Hall of Fame“ zu bestaunen. Gewonnen wurden dazu die Großen und nicht selten Gefürchteten dieser Kunst, die mit ihren meist nächtlichen Einsätzen das Stadtbild Wiens in den letzten 25 Jahren geprägt haben. Mit dabei ist B U S K (Paul Busk), dessen Schriftzug eine Wand durchbricht und damit eine riesige Schablone schafft. MALR zieht sich aus den sofort sichtbaren Flächen zurück und verwandelt stattdessen die Toiletten in ein „Styles Örtchen“. Frau Isa ist eine der wenigen weiblichen Sprayer. Sie bringt betont legal und sehr feminin ihre Kunst an die Wände und ist auch auf den Murals an der Außenseite zu finden, auf einem Bild gleich neben dem Eingang, das sie gemeinsam mit Nychos als The Weird Crew (herziges Mädchen und gieriger Tod) gestaltet hat. Ihnen allen wurden Wände zur Verfügung gestellt, die von den strengen Auflagen des Bundesdenkmalsamtes freigegeben wurden.

Obwohl damit die vielleicht essentielle Spannung des Erwischtwerdens beim Malen weggefallen ist, sind die Bilder beeindruckend, schräg und wild. Da es auch die Möglichkeit gibt, sich solche Gemälde zu erwerben, haben manche der Werke sogar die Chance zu überleben. Normalerweise werden sie übermalt und damit zerstört, ganz wie das hinduistische Mandala, das nur dafür gefertigt wird, um vom Wind wieder weggeblasen zu werden, wenn es seine spirituelle Aufgabe erfüllt hat.

Golif  Foto: Christoph Schleßmann © Wien Museum

Ausstellungsansicht  Foto: Manuela Mark

DAS ROTE WIEN Ein geglücktes sozialistisches Experiment

Karl-Marx-Hof, Baugruppe für Gas-, Wasser- und Elektroanlagen, ca. 1929  © Wien Museum

Zum ersten Mal eine Stadt, die für alle lebenswert sein sollte

Die Gemeindebauten in den Außenbezirken Wiens sind das bleibende Gedächtnis für einen in der Stadtgeschichte unvergleichbaren Aufschwung, der nach dem Ersten Weltkrieg eingesetzt und bis zu den politischen Umwälzungen Anfang der 1930er-Jahre angedauert hat. Man braucht dazu nur die Namen der Bauträger unter den Jahreszahlen an den Fassaden der Arbeiterburgen zu lesen, um zu sehen, wer dafür bedankt wird. Es sind sozialistische Stadträte, die mit entsprechenden Visionen in einer Zeit, als buchstäblich nichts da war, daran gegangen sind, Wien aus dem Dreck zu ziehen, in den sie die Ignoranz der bis dahin Regierenden geführt hatte. 1918 gab es kein Essen, kein Heizmaterial, keine brauchbare Währung und die Männer waren kriegsversehrt. Den Frauen waren vollkommen neue Tätigkeitsfelder aufgezwungen worden, um ihren Familien überhaupt ein Dasein zu ermöglichen. „Wien hat aufgehört ein Herrschaftszentrum zu sein. […] Das Gedränge der Exzellenzen in Wien löst sich, die feinsten Hofräte sind über Nacht schäbig, faillit und grau geworden,

Plakat der SDAP für den Wahlkampf 1932  [Entwurf: Siegfried Weyr] © VGA

die große Karrière der Reichsbeherrschung gehört einer romantischen Vergangenheit an“, bringt der Schriftsteller Walther Rode 1929 den Zustand der Stadt auf den Punkt. Den Unterstandslosen war es wohl egal, wie es denen da oben ging. Sie wollten wieder ein Dach über den Kopf. Hoffnung konnten sie schöpfen, als die Gemeinderatswahlen 1919 mit der absoluten Mehrheit klar an die Sozialisten gingen. Der neu gewählte Bürgermeister Jakob Reumann machte in seiner Antrittsrede klar, dass die großen sozialpolitischen Aufgaben der Gemeinde große Ausgaben nach sich ziehen müssten. „Luxussteuer“ war das Zauberwort einer revolutionären Fiskalpolitik. Gemeint war damit die Wohnbausteuer, aus der bis 1934 mehr als 60.000 Wohnungen und begleitend dazu zahlreiche Sozial-, Gesundheits-, Freizeit-, Bildungs- und Kultureinrichtungen finanziert wurden. Leben in Wien war wieder möglich geworden.

Schulbuch: „Wiener Kinder 1. Buch", 1927  © Wien Museum

Anlässlich der 100 Jahre erinnert das Wien Museum mit der Ausstellung „DAS ROTE WIEN 1919-1934“ (bis 19. Jänner 2020) im Ausweichquartier MUSA an dieses geglückte Experiment. Auf einer breiten Palette von Themen werden diese Zeit, ihre Protagonisten und deren Leistungen dargestellt. Frauen und deren Befindlichkeiten sind ebenso angesprochen wie die jüdischen Arbeiter oder die Querelen um die Orientierung dieser ungewöhnlich vitalen Bewegung, die von der Gegnerschaft durch den Begriff „Austromarxismus“ diskreditiert werden sollte. Otto Glöckel erarbeitete eine „Wiener Schulreform“, um althergebrachte Methoden des Drills durch Aktivierung der Kinder zu ersetzen. Der Anatom Julius Tandler entwickelte ein Fürsorgesystem, um die körperliche Gesundheit der Kinder und Jugendlichen zu fördern. Sichtbar machte Otto Neurath den Fortschritt mit der von ihm erfundenen Methode der Bildstatistik, im Grunde Piktogrammen.

Sie ermöglichte eine Kommunikation von „Tatsachen und Zusammenhängen“ mit einem breiten Publikum. Die bis dahin unterprivilegierte Arbeiterschaft erfand sich mit der Idee des „Neuen Menschen“ als gesellschaftliche Klasse neu und demonstrierte dies bei Massenfesten und -aufmärschen mit entsprechendem Pathos. Errungenschaften wie die Einführung des Achtstundentags und die Rechte auf Mitbestimmung ließen das Selbstbewusstsein gegenüber dem Kapital, das bei den Arbeitgebern verortet wurde, gewaltig steigen.

 

Das Ende des Roten Wien wurde 1929 durch die weltweite wirtschaftliche Depression eingeläutet. Dazu kam eine bürgerliche Bundesregierung, für die das Streben der Wiener Gemeindeväter nichts anderes als sozialistische Umtriebe waren. Am Horizont zeichnete sich wie ein grelles Wetterleuchten bereits der Nationalsozialismus ab. Das letzte Aufbäumen gab es 1934, als sich die Arbeiterschaft, bewehrt durch den Republikanischen Schutzbund, in den Gemeindebauten verschanzte, um sich gegen die Heimwehr und das Bundesheer zu verteidigen. Auch diese Tage werden in der Ausstellung angesprochen, bevor der Besucher hinaus geschickt wird.

Er soll und vor allem er kann sich das Rote Wien noch vor Ort ansehen. Eine Reihe von „Begehbaren Objekten“ wurde dafür zugänglich gemacht. Der original erhaltene Tanzsaal im Karl-Seitz-Hof, ein Siedlerhaus aus den 1920er-Jahren in der Freihofsiedlung in Kagran, das Einküchenhaus auf der Schmelz oder das Vorwärts-Haus an der Wienzeile sind bestehende Zeugen einer Utopie, an die Politiker geglaubt und auf die von ihnen regierte Menschen zurecht vertraut haben.

Amalienbad, ca. 1926  Foto: Fritz Sauer © Wien Museum
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