Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Sonja Gangl CAPTURED ON PAPER_eyes, 2015 Albertina, Wien © Sonja Gangl

LOOK! Momentaufnahme der Pluralität

Stefan Zsaitsits Zwei, 2014 Albertina, Wien © Bildrecht, Wien, 2017

Neuerwerbungen (New Acquisitions) der letzten 18 Jahre

In der Propter Homines Halle, so vornehm und zugleich einladend (zu Deutsch: wegen der Menschen) werden die Räume im ersten Stock der Albertina bezeichnet, und in der Basteihalle heißt die Devise derzeit „LOOK!“ Einfach schauen und bewundern, was von der Albertina in den letzten 18 Jahren an zeitgenössischer Kunst erworben und was ihr geschenkt wurde. Nahezu alle Großen der Gegenwartskunst sind vertreten, angefangen von Roy Liechtenstein, Andy Warhol und Donald Judd bis zu den heimischen Meistern wie Arnulf Rainer, Hermann Nitsch oder Hubert Scheibl. Für Albrecht Schröder ist diese Ausstellung gleichzeitig ein stolzes Resümee über seine bisherige Arbeit als Direktor der Albertina und gleichzeitig Gelegenheit zu einem besinnlichen Blick auf die Veränderungen, die sowohl die Gesellschaft wie auch die Kunst in diesen Jahren erfahren haben. Das Faszinierende für ihn ist die Pluralität, die eine starre Einheitlichkeit in allen Bereichen des Denkens abgelöst hat. Er räumt ein, dass man diese Wandlung als bedrohlich sehen kann, in Hinblick aber auf die Kunst und damit auch auf das übrige Leben eher als Bereicherung empfinden sollte. Betont wird dabei die Tatsache, dass weibliche Künstler zu den über Jahrhunderte dominierenden Herren aufgeschlossen haben.

Marlene Dumas Male Beauty, 2002 Albertina, Wien © Marlene Dumas

Die Kunst der Gegenwart ist damit nicht länger eine Frage des Geschlechts ist, sondern allein der übrigen Kriterien, die an das zeichnerische und malerische Schaffen gelegt werden können.

 

Zugleich ist die Ausstellung, so Schröder, nicht mehr als eine Momentaufnahme. Aus den über 10.000 Neuzugängen wurde ohne jede Wertung der Qualität oder der Prominenz 350 Arbeiten von 55 Künstlern von ihm persönlich und der Kuratorin Antonia Hoerschelmann ausgewählt. „Wir könnten ohne weiteres mehrere vergleichbare Ausstellungen präsentieren, ohne dass sich ein einziges Werk wiederholen würde, und ohne jeglichen Verlust an Qualität und Bedeutung“, sagt Hoerschelmann, um in einem Zug Erwartungen auf kommendes Schauvergnügen zu wecken, „an weiteren Ausstellungen zur zeitgenössischen Kunst wird bereits gearbeitet.

Georg Baselitz Liebespaar 1984 – altsachlich (Remix), 2007 Albertina, Wien © Georg Baselitz

Größtenteils sind es nicht Einzelwerke, sondern Werkgruppen, die ein komplexes Verständnis für die Ideen und Gestaltungsprinzipien des jeweiligen Künstlers ermöglichen. Eingeteilt ist die Schau in Themen wie Akt, politisches Engagement, serielle Konzepte, oder gegliedert nach künstlerischen Gesichtspunkten wie Pop und Minimal und wie im Fall von Gottfried Helnwein oder Alex Katz in Künstlerräume. Die graphische Ausrichtung der Albertina wurde in den vergangenen 18 Jahren mit Gemälden ergänzt, ohne jedoch seine Identität dadurch in Gefahr zu bringen. Es geht lediglich um die große Tradition des Sammelns und Bewahrens.

Es ermöglicht uns heute das Erlebnis eines originalen Dürers ebenso wie die Meditation eines Kolossalgemäldes von Max Weiler oder das Wundern über die Kopfüber-Figuren von Georg Baselitz.

 

Die einzelnen Schaffenden werden in einem kurzen, durchaus verständlichen Saaltext vorgestellt und damit dem Betrachter der Zugang zu deren Arbeiten freigelegt. So ist über Marlene Dumas zu lesen, dass sie in ihrem Ausstellungskatalog „Wet Dreams“ ihre Erfahrungen mit dem Medium Aquarell beschrieben hat und dieses dort erstaunlicherweise als das „Unkritischte, Unaggressivste, Unerotischte“ bezeichnet. Schwer zu glauben, wenn man vor dem Hochformat der „Male Beauty“ (2002) steht, deren unmittelbare Körperlichkeit alle diese Einwände auf den ersten Blick widerlegt.

Markus Schinwald wiederum spielt medienübergreifend mit Zeichnung, Druckgrafik, Film, Fotografie, Skulptur, Rauminszenierung und Performance. Für die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten verwendete er als Vorlagen Lithografien des Malers Josef Kriehuber, dem Betrachter sicherlich als Porträtist aus dem Freundeskreis von Franz Schubert vertraut. Schinwald hat die Porträts um ein Vielfaches vergrößert und die Dargestellten mit seltsamen Apparaturen ergänzt. Dazu wurden nur Vornamen gesetzt, und zwar andere als sich am Original finden. Erhalten geblieben ist die Biedermeierwelt, die durch die vom Künstler angebrachten Verfremdungen zu neuen Interpretationen und einfach, wie bei vielen der anderen gezeigten Werke, zu einem zustimmenden Lächeln für die Vielfalt der Ideen in einer pluralistisch gewordenen Welt führt.

Markus Schinwald Lydia, 2016 Albertina, Wien © Bildrecht, Wien 2017
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