Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Innenhof des Karl-Marx-Hofes in 1190 Wien

Tatort Gemeindebau – eine spannende Wiener Milieustudie

Eingangstor zum Karl-Marx-Hof in 1190 Wien

Mordsgeschichten wie der Tratsch an der Bassena

13 Krimiautoren waren eingeladen, das Böse im Gemeindebau aufzuspüren. Da es keinen Ort der Welt gibt, der vor dem Verbrechen sicher ist, zumindest vor den Untaten der Fantasie, erwiesen sich die vom Roten Wien und später der sozialistischen Stadtregierung geschaffenen Wohnburgen als inspirierender Nährboden für derlei Geschichten. Es gibt zwar immer weniger dieser grauen trostlosen Bauten, denn die Stadt Wien schaut auf seine Gemeindewohnungen und lässt die Fassaden, hinter denen ihre Bürger hausen, regelmäßig auffrischen. Freilich kann auch in einer Wohnung ein Mord passieren, die wahren Schauplätze des Grauens dürften aber deren Keller sein. Diese unterirdische Welt wird stets Geheimnisse der düstersten Art bergen. Funde von Leichenteilen sind keine Seltenheit und so manches sauber geputzte Skelett lässt darauf schließen, dass das weiche Drumherum seines ehemaligen Besitzers den Ratten als Futter willkommen war.

 

In den Geschichten spielen die Morde zumeist eine Nebenrolle.

Tatort Gemeindebau Cover 900 hoch

Protagonisten sind der selten gewordene Hausmeister mit dem noch selteneren Wiener Idiom, betagte Damen, die sich zum Spielenachmittag treffen, der potente Aufreißer, der seine Verführungskünste neuerdings in Multikultikreisen ausprobiert, und der ewig Flache, dem jedes Übel zuzutrauen ist, wenn es um die illegale Erlangung von ein paar Cent geht. TATORT Gemeindebau (Herausgeberin Edith Kneifl, Falter Verlag) ist damit eher eine spannend zu lesende Milieustudie, die dank des Insiderwissens der Autoren viel mehr über Wien erzählt als so manche wissenschaftliche Forschungsarbeit und jedem, der uns Wiener wirklich kennenlernen will, mit wärmstem Gruseln zu empfehlen ist.

 

FalterCITYwalks Nr. 15: Prag – Gehen, Sehen & Genießen

Idealer Begleiter in einer Stadt mit vielen Namen

Prag hat viele schmückende Beinamen. Die „goldene Stadt“ hört man dort gern. Die Prager selber sprechen von der „Mutter aller Städte“, sogar von der „ewigen Stadt“ und wer einmal dort gewesen ist, bestätigt auch „die Stadt der hundert Türme“. Ein Blick in die Geschichte ließe sogar zu, die tschechische Hauptstadt als „Stadt der Fensterstürze“ zu bezeichnen. Zwei Mal hat man dort auf derart handgreifliche Weise Politik gemacht und Kriege ausgelöst, wie beim zweiten Prager Fenstersturz, der den Dreißigjährigen Krieg zur Folge hatte.

Bild aus dem beschriebenen Buch, Foto: Jasmin Sowa

Heute noch sieht man die Fensterchen, durch welche anno 1618 zwei kaiserliche Statthalter und ein Schreiber aus ihrem Büro ins Freie befördert wurden und den Absturz über 17 Meter angeblich dank eines Misthaufens überlebten. Der rettende Misthaufen wurde in der Zwischenzeit aus dem Hof des Hradschin, der Prager Burg, entfernt. Die Fenster in der sogenannten böhmischen Kanzlei gibt es noch, und, wundert sich Irene Hanappi im jüngsten FaltersCITYwalks, „man sich fragt, wie ein erwachsener Mann da hat durchrutschen können.“

Man liest sich gern durch diesen Falter-Stadtführer. Der Text fließt entlang von fünf Routen, auf denen man die Stadt gründlich erkundet, sogar dann, wenn man nicht vor Ort ist und vielleicht gerade an der Planung eines verlängerten Wochenendes an der Moldau arbeitet – ein Vorhaben, das man übrigens schnellstens umsetzen sollte, man will ja schließlich auch verstehen, was einen Komponisten wie Friedrich Smetana zu diesem unbeschreiblichen Jubel im Finale des musikalischen Gemäldes „Vltava“, uns besser bekannt als „Die Moldau“, inspiriert hat.


Irene Hanappi, Prag - Gehen, Sehen & Genießen, Falter Verlag 2012, ISBN 978-3-85439-469-3, Peis € 9,90


 

Auch das Weinviertel hat sich einen Reiseführer verdient

Landstrich der Entdeckungen

Natur, Kultur, Essen, Trinken, Sport, oder mit einem Wort, alles Wissenswerte für die Freizeit, dafür sind Falters Feine Reiseführer bekannt. Dass in dieser Reihe auch Regionen vorgestellt werden, die nicht gerade zu den Hot-Spots des Tourismus zählen, ist Ehrensache für den Falter Verlag – und nicht zuletzt auch eine Erfolgsstory. So ist der „Führer Das Weinviertel und das Marchfeld“ soeben in einer Neuauflage erschienen, was zweifellos auf einiges Interesse an Ausflügen in den Nordosten von Niederösterreich schließen lässt.

Für Leseproben Bilder anklicken


Thomas Hofmann; Das Weinviertel und das Marchfeld. Falter Verlag 2012 (Neuauflage), ISBN: 978-3-85439-467-9, Preis: € 29,90.

Thomas Hofmann hatte das Vergnügen, in diesem Buch ein Weinviertel in Aufbruchsstimmung zu beschreiben. Es mausert sich zum Genussland, wenngleich es bis dahin noch einige Hürden zu überwinden gilt. Dass der wahrlich gute Spargel aus dem Marchfeld kommt, hat sich unter Gourmets ebenso herumgesprochen wie das Pfefferl im Weinviertel DAC, einem frischen Grünen Veltliner, der wegen seiner einzigartigen Frische bereits weltweit nachgefragt wird. Aber sonst, sonst lässt das Viertel unter dem Manhartsberg doch einiges an touristischer Infrastruktur vermissen.

 

Mit jedem Radfahrer, mit jedem Wanderer auf dem Weinviertler Jakobsweg, mit jedem neuen Weinkunden in einer der pittoresken Kellergassen verbessert sich aber die Situation. Der vorliegende Führer leistet dabei eine unschätzbare Hilfe. Er macht Lust auf Ausflüge, die sich im Weinviertel sehr bald zu Entdeckungsreisen auswachsen, nach dem Motto, dass es keine Ortschaft gibt, in der es nicht Interessantes zu finden gibt, man muss sich nur die Zeit dafür nehmen, und Zeit, die gibt´s im Weinviertel noch ausreichend.

 

Man braucht das Büchlein nur aufzuschlagen, willkürlich, irgendwo, zum Beispiel auf Seite 188. „Quer durch Retz bis zur Windmühle“ verspricht der Titel des Kapitels, das den Leser von den Tiefen des größten Weinkellers Österreichs bis hinauf zur Windmühle und den kunstvollen Statuen des Kalvarienbergs führt. Oder Seite 287: „Asparn an der Zaya: Mehr als Urgeschichte(n)“, Titel wie diese machen neugierig aufs Lesen und dann aufs selber sehen.

 

13 Kriminalgeschichten aus dem Kaffeehausmilieu

Einen kleinen Mord, Herr Franz!

Den Tod kann man sich im Kaffeehaus auf mannigfaltige Weise holen. Man raucht, bis die Lunge streikt, man trinkt Kaffee bis zum Herzinfarkt und man ärgert sich durch die aufliegenden Tageszeitungen zu Tode. Es soll auch schon vorgekommen sein, dass bei zwei kleinen Braunen in einem versteckten Winkel das gewaltsame Ableben unliebsamer Zeitgenossen geplant wurde oder in einem vom Herrn Ober unbeobachteten Moment die für schnelles Ableben geeignete Dosis Gift im Einspänner versenkt wurde. Wie man sieht, Gevatter Tod ist Stammgast dieser an sich gemütlichen Etablissements, und freundlicherweise trägt er das Seine dazu bei, dass nicht nur echte, sondern auch Phantasiemorde passieren.

 

In „Tatort Kaffeehaus“ wurden solche nie begangene Taten zum literarischen Tatbestand. 13 Kriminalgeschichten aus Wien spielen in erster Linie an Marmortischchen und Plüschfauteuils.

Die Autoren u.a. Eva Rossmann, Gerhard Loibelsberger, Sabina Naber oder Manfred Wieninger erzählen jede und jeder auf seine Weise spannende Geschichten, denen man – in erster Linie was das Kaffeehaus anbelangt – große persönliche Erfahrung anmerkt.


Sie lassen es am bekannt schwarzen Humor des Wieners ebenso wenig mangeln wie an der Lust am Morbiden.

 

Schöner als es Stefan Slupetzky in „Halsknacker“ formuliert hat, kann man es nicht sagen. Sein „Oberkieberer“ findet sich in einer luftigen, weitgehend schmucklosen Halle wieder, in einem jener L-förmigen Säle, wie sie alten Wiener Ecklokalen eigen sind. Vor einer mächtigen, zentral platzierten Marmorsäule röchelt eine hochbetagte Kühlvitrine vor sich hin, die Wände sind braun patiniert. Zwei ramponierte Karamboltische scheinen von Zeiten zu träumen, in denen das Wörtchen Kultur noch nicht mit Hedgefonds und ungesättigten Fettsäuren assoziiert wurde. Es ist ein großes, altes Tier, dieses Kaffeehaus, und es trägt den unaufhaltsamen Niedergang seiner Spezies mit Gleichmut.

 

In einem solchen Biotop muss einfach gestorben werden. Die praktische Anleitung dazu, 13 Kriminalgeschichten unter dem Titel Tatort Kaffeehaus, herausgegeben von der Kriminalautorin Edith Kneifl, ist im Falter Verlag 2011 erschienen und als praktische Kaffeehauslektüre um wohlfeile € 22,90 im Buchhandel erhältlich.

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