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RADETZKYMARSCH Berührendes Solo für Joseph Roth

Alexander Waechter © Andreas Anker

Untergang der Monarchie und der Welt für die Familie Trotta

Franz Joseph zu sagen, fand der alte Bezirkshauptmann Franz Freiherr von Trotta und Sipolje vollkommen ungehörig. Entweder sprach man vom Kaiser oder von Seiner Majestät. Schließlich hatte sein Vater Joseph als blutjunger Leutnant dem ebenfalls noch jungen Kaiser in der Schlacht bei Solferino das Leben gerettet. Als Sohn des Helden von Solferino war ihm zwar eine militärische Laufbahn versagt geblieben, weil sein Vater aus Enttäuschung über eine Passage in einem Lesebuch, in der die damaligen Ereignisse verfälscht wiedergegeben waren, ihm eine solche untersagt hatte. Der unbedingten Verehrung für den Kaiser konnte diese Episode jedoch keinen Abbruch tun. Carl Joseph, sein Sohn, wurde für die Offizierslaufbahn bestimmt. Carl Joseph ist alles andere als ein Militarist, nicht schneidig genug und findet sich in diesen Kreisen nur schwer zurecht. Beim Schnapssaufen hält er aber mit seinen Kameraden wacker mit. Er will seinem Frust Herr werden und das Gefühl. seelisch und körperlich den Untergang der Monarchie zu erleben, betäuben. Schwer lastet auf ihm das Erbe des Großvaters.

Alexander Waechter © Andreas Anker

Anfangs des Ersten Weltkrieges wird er beim Versuch, für seine Soldaten Wasser zu holen, von russischen Kosaken erschossen. Sein Vater stirbt zwei Jahre später genau an dem Tag, an dem der Kaiser beigesetzt wird.

 

„Das alte Vaterland der Trottas zerfiel und zersplitterte“, schreibt Joseph Roth in seinem Roman „Radetzkymarsch“ (erschienen 1932), in dem er das Leben von drei Generationen derer von Trotta während der einen Regierungszeit von Kaiser Franz Joseph in einer faszinierend formulierten und pointierten Weise erzählt.

 

Alexander Waechter hat Kaiser Franz Joseph in sein Theater am Franzjosefskai21 geholt. Er wird zum Kaiser, zum Großvater, zum Bezirkshauptmann, dem der Kopf nach der Nachricht seines Sohnes bedenklich wackelt, und zu Carl Joseph, dem sensiblen Burschen, der alles andere als ein Offizier werden hätte sollen. Als Requisiten genügen eine Uniformjacke und ein Säbel, der einmal gefährlich gezückt wird, wenn der Betreiber eines Spielsalon am Ende der Welt, also in einer Garnisonsstadt an der östlichen Grenze der Monarchie, vom Leutnant ganz dumm eingehandelte Spielschulden eintreiben will. Den Rest bestreitet Waechter allein durch sein schauspielerisches Können. Er reißt mit sparsamen Gesten und mit einer den Rollen jeweils angepassten Stimme sein Publikum mit in den Untergang des Kaiserreiches. Seine größte Stärke ist dabei die Wahrhaftigkeit, mit der er Gefühle ausdrückt, ob es die Liebestrunkenheit von Kathi ist, oder die unendliche Traurigkeit von deren Gatten, dem Gendarmen Slama, wenn er dem jungen Offizier die Liebesbriefe in die Hand drückt, oder Carl Josephs Trauer über den Tod seines Freundes Dr. Demant. Man nimmt Alexander Waechter die Erschütterung auf der Stelle ab und erlebt ganz ohne Einspielung des Radetzkymarsches die Tragödie einer Familie, für die dieses alles andere als martialische Musikstück zur Hymne ihres Schicksals geworden war.

theater franzjosrfslai21

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