Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


KLEINGELDAFFAIRE³ Drei Frauen und doch nur eine Geliebte

Anita Kolbert, Irene Budischowksy, Stephanie Fürstenberg © Rolf Bock

Eine Warnung, die Lust auf ein Verhältnis macht

Elfriede Hammerl ist Schriftstellerin und konnte sich deswegen in ihrem Roman „Kleingeldaffäre“ in die Langzeitfreundin eines verheirateten Mannes versetzen. Wie weit und ob überhaupt darin autobiografische Elemente enthalten sind, spielt in diesem Fall keine Rolle. Es geht um eine Frau, die sich in der Liebe zu einem gewissen G. scheinbar heillos verfangen hat. Als Mann könnte einen dabei der Neid auf diesen Prachtkerl von Seitenspringer fressen, sofern man es nicht selbst auch erlebt hat und die Argumente seitens der ständig zu kurz gekommenen Freundin noch im Ohr hat. Natürlich bleibt er bei seiner Frau, schließlich ist er mit ihr verheiratet. Das muss die andere doch verstehen! Erstaunlich, wie lange Zweitfrauen dafür Verständnis aufbringen, dass er an ihrem Geburtstag grad in Zeitnot ist, dass er Weihnachten selbstverständlich zuhause verbringt und dass er in seinem Urlaub mit der Familie verreist. Irgendwann beginnt es die Freundin sogar zu akzeptieren, wenn er ihr gegenüber eine ähnliche Gleichgültigkeit an den Tag legt wie gegenüber seiner Gattin.

Irene Budischowsky © Rolf Bock

Resignierend qualifiziert sie dann das ohnehin seltene Liebesgeschehen als schonungsvollen Sex und freut sich trotzdem die ganze Woche darauf, dass er wieder bei ihr auf einen Sprung vorbeischaut. Keine Liebschaft kann so aufregend sein, dass sie auf Dauer nicht zu einem eheähnlichen Zustand verkommt. Aber sie birgt auch die Gewissheit, nicht gänzlich einsam zu sein, zumindest zu wissen, dass es einen Mann gibt, den sie liebt und der ihr fallweise sogar Geld in einem Kuvert zusteckt – Kleingeld im Verhältnis zu den nicht gelebten Träumen, die keine Affäre dieser Welt zu erfüllen imstande ist.

 

Michaela Ehrenstein, Prinzipalin der Freien Bühne Wieden, hat aus dem Roman ein Theaterstück gemacht, mit dem Titel „Kleingeldaffaire³“. Drei attraktive Schauspielerinnen werden zu einer Geliebten. Jede von ihnen verkörpert einen bestimmten Aspekt einer solchen Frau. Anita Kolbert steht eher auf dem sachlichen Standpunkt, von dem aus sich eine solche Angelegenheit mit einiger Distanz einschätzen und bewältigen lässt. Stephanie Fürstenberg macht die erotische Anziehungskraft eines solchen Verhältnisses glaubhaft und körperlich spürbar.

Irene Budischowsky ist dagegen die feinfühlige Geliebte, die alles unternimmt, um für ihn schön und anziehend zu bleiben, sogar mit Reizwäsche, die sie aber leider nur herzeigt. Das eigentliche Drama spielt sich nicht in einer Handlung ab, sondern in der Seele dieser Frau, die alle Facetten eines solchen Daseins mit viel Wortwitz und erstaunlich wenig Wehleidigkeit für sich analysiert, um letztendlich nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch dem des geheimnisvollen G. damit fertig zu werden.

Stephanie Fürstenberg © Rolf Bock

Marlowe und die Geliebte von Lope de Vega Ein Literaturskandal?

Michaela Ehrenstein, Alfons Noventa © Rolf Bock

Abenteuerliche Stationen eines inoffiziellen Dichterlebens: Madrid, Neapel, Bermuda, Bozen und Venedig

Wer ist denn dieser Christopher Marlowe wirklich gewesen? Spärliche Quellen sprechen von einem englischen Dichter, der 1564 auf die Welt kam und 1593 angeblich bei einem Liebeshandel von seinem Nebenbuhler erstochen wurde. Er soll auch einige Stücke geschrieben haben, die zu ihrer Zeit großen Anklang fanden, und er soll in der englischen Politik aktiv tätig gewesen sein. Für Gerald Szyszkowitz fanden sich in den zeitgenössischen Berichten zu viele Ungereimtheiten. Also ist ihnen akribisch nachgegangen. Das Ergebnis seiner Nachforschungen war die Überzeugung, dass Christopher Marlowe der eigentliche Schreiber der meisten Theaterstücke ist, die an sich einem gewissen William Shakespeare zugeschrieben werden. Szyszkowitz hat dazu bereits mehrere Bücher verfasst, in denen seine Annahmen bis ins Detail bewiesen erscheinen. Es mag verwundern, dass ob solcher Behauptungen bisher der große Literaturskandal ausgeblieben ist. Marlowe wurde gar nicht ermordet. Er konnte fliehen und wurde vom Secret Service Ihrer Majestät Elisabeth I. als Spion eingesetzt.

Michaela Ehrenstein, Johannes Terne © Rolf Bock

Neben seiner Tätigkeit als Agent der Krone blieb ihm jedoch genügend Zeit, für seinen Freund Shakspere, so hieß der Prinzipal im Globe Theatre tatsächlich, den „Hamlet“, „Der Kaufmann von Venedig“ und etliche andere der bedeutendsten Theaterstücke der Weltliteratur zu verfassen.

Alfons Noventa, Eva-Christina Binder © Rolf Bock

„Marlowe und die Geliebte von Lope de Vega“ setzt mit dem Aufenthalt des Spions in Madrid ein. Unter dem Decknamen Antonio de Loredo lernt er Miguel Cervantes kennen und soll für einen Londoner Verleger dessen Roman Don Quijote übersetzen. Beschattet wird er von Marita, die sich ihm gegenüber als Kellnerin ausgibt und mit ihm vergnügte Nächte verbringt, also ganz nach dem bewährten Muster eines Agententhrillers. Die Liebe schlägt jedoch ein, als er die Schauspielerin Micaela trifft, die Geliebte des genialen Vielschreibers Lope de Vega. Gerade zu dieser Zeit wird Graf von Lemos, an sich unheilbarer Verspieler seines Vermögens, zum Vizekönig von Neapel ernannt. Marlowe geht mit diesem nach Italien, nicht ohne Micaela mitzunehmen, wird von dort von England aus zu einer Fahrt auf die Bermudas kommandiert, kehrt jedoch zurück und heiratet Micaela in einer kleinen Kirche bei Bozen.

Der Stoff ist also ganz neu, noch nie dagewesen, und lässt dennoch Blicke auf den Inhalt etlicher Shakespeare-Stücke zu, wie zum Beispiel bei einem Orkan auf hoher See, der Marlowe zu seinem „Der Sturm“ inspiriert.

 

Gerald Szyszkowitz ist Autor des gleichnamigen Romans und der, wie er es bezeichnet, Komödie, die er nun für die Freie Bühne Wieden inszeniert hat. Er verzichtet dabei auf jegliche Kulissen und braucht kaum Requisiten, darf aber getrost auf die Kunst von Babsi Langbein setzen, die für die großartigen Kostüme gesorgt hat. Für die musikalische Untermalung ist der Geiger Béla Fischer zuständig. Den Rest erledigt souverän das Ensemble: Alfons Noventa als Graf Lermos, dessen Gattin Maria Christina ist Eva-Christina Binder. Gekonnt stottert Felix Kurmayer in der Rolle des Miguel Cervantes, während Gerhard Rühmkorf den alternden Lope de Vega verwirklicht. Eine in ihrer Freizügigkeit natürliche Marita Morales ist Christina Jäger und Wilhelm Seledec ein würdiger Sir Henry Wotton, seines Zeichens englischer Botschafter.

Die beiden Hauptfiguren spielen Johannes Terne, der den ebenfalls stotternden Marlowe zur männlichen Venusfalle werden lässt, in der sich alle beteiligten Frauen verfangen, und Michaela Ehrenstein, die als Micaela offenbar weiß wovon sie spricht, wenn sie sich über die leichte Entzündbarkeit einer Schauspielerin für die Liebe, aber genauso über die Treue einer solchen Frau in breit angelegten Dialogen mit wechselndem männlichen Gegenüber ihre Gedanken machen darf.

Johannes Terne, Wilhelm Seledec © Rolf Bock

Komtesse Mizzi Ensemble © Rolf Bock

KOMTESSE MIZZI & LITERATUR Schnitzler intensiv

Anita Kolbert, Johannes Kaiser, Christine Renhardt © Rolf Bock

Von verschwiegenen Verhältnissen und schreibenden Frauen

Arthur Schnitzler führt uns in seinen Stücken und Novellen zurück in eine längst vergangene Zeit, in der es noch Barone, Grafen und Fürsten gegeben hat. Titel, die uns heute an die Gestalten eines Märchens oder bestenfalls an Geschichten der Regenbogenpresse erinnern, waren zur Zeit der Entstehung des Stücks „Komtesse Mizzi oder Der Familientag“ in Wien durchaus gesellschaftliche Realitäten. Von einem satten Reichtum aus konnte man in diesen Kreisen der umgebenden Welt mit entsprechender Arroganz begegnen. Man hielt sich im Fall des Grafen als Geliebte eine Tänzerin oder als Komtesse den privat unterrichtenden Professor zum Ausgleich des hormonellen Verlangens und kümmerte sich sehr wenig um das mit einem Fürsten gezeugte Kind. Liebeleien mit Vertreterinnen der Unterschicht waren den noblen Herren ein Sport wie das Pferderennen in der Freudenau. In dieser findet sich der Herrenreiter im zweiten Einakter dieses Abends mit dem Titel „Literatur“, ein Baron ohne Bezug zu Kultur. Ausgerechnet er nimmt sich eine Dame zur Braut, die ihn mit ihrem literarischen Talent ernsthaft bedroht.

Pierre Gold, Johannes Terne © Rolf Bock

Beide Stücke sind sich im Grund sehr ähnlich. Die Unterhaltung gleitet elegant an der Oberfläche, um die darunter vergrabene Malaise nicht ankratzen zu müssen. Aber es wäre nicht Schnitzler, hätte man daran nicht zwei gute Stunden ausnehmend Kurzweil, ganz einfach, weil er so wunderschön formuliert und dabei ausgesprochen witzig ist.

Alfons Noventa, Michaela Ehrenstein, Felix Kurmayer © Rolf Bock

Gerald Szyszkowitz hat die beiden Einakter für die Freie Bühne Wieden inszeniert. Die Bühne zeichnet die dem Regisseur eigene Kargheit aus. Ein paar Korbsesseln im ersten Teil, die mehr als knappe Einrichtung eines Wohnzimmers mit imaginärem Kamin im zweiten, das ist alles, was dem Auge geboten wird. Schnitzlers Texte genügen der Phantasie jedoch vollends. Mehr Ausstattung wäre unter Umständen sogar störend. Nicht gespart wurde bei den wunderschönen Kostümen (Babsi Langbein).

Bis ins Detail entsprechen sie der Zeit, in die das Publikum vom Ensemble entführt wird. Graf Arpad Pazmandy (Johannes Kaiser) jammert gottserbärmlich, weil seine jahrelange Mätresse Lolo (Christine Renhardt) den Fiakerunternehmer Wasner (Roland Weber) ehelichen will. Aber er hat ja seinen Freund Egon, seines Zeichens Fürst Ravenstein (Johannes Terne), der alles auf die leichte Schulter zu nehmen scheint. Aber sein außerehelicher Sohn Philipp (Pierre Gold) ist nichts anderes als das Ergebnis einer etwas mehr als 17 Jahre zurück liegenden Liaison mit Komtesse Mizzi (Anita Kolbert), der Tochter des Grafen. Der einzige, der in diesem Wirrwarr von Verhältnissen über den Dingen zu stehen scheint, ist der als Kammerdiener wirkende Gärtner (Wilhelm Seledec). Der nicht standesgemäße Draufzahler ist Professor Windhofer (Gerhard Rühmkorf), der in Aussicht auf den Aufstieg einer Komtesse zur Fürstin in die Wüste geschickt wird, nicht ohne Grüße an dessen Frau und Kinder.

 

„Literatur“ ist eine bitterböse Abrechung mit erstens einer kulturlosen Adelsschicht, zweitens mit weiblichen Ambitionen zur Kunstausübung. Margarete (Michaela Ehrenstein), geschiedene Gattin eines Baumwollspinners, hatte in den Münchener Kunstkreisen ihre Fähigkeit zum Schreiben entdeckt, bis sie sich ebendort in den Baron Clemens (Alfons Noventa) verliebte. Angesichts eines von ihr verfassten Gedichtbändchens befällt diesen die Angst vor dem Talent seiner zukünftigen Gattin. Als sie ihm obendrein eröffnet, auch einen Roman bei ihrem Verleger zur Herausgabe deponiert zu haben, wird daraus seinerseits Panik. Wie ein Retter erscheint der ehemalige Geliebte Margaretes, Gilbert (Felix Kurmayer).

Wie sie hat auch er die gemeinsamen Nächte in einem Roman aufgearbeitet, bis zum intimen Briefverkehr, der sich nun in beiden Büchern findet. Für Arthur Schnitzler gibt es keine Frage, wer den Wettkampf um diese Frau gewinnt; der Bohemien, der ihr ein Leben der Kunst bieten will oder der betuchte Baron, der ihr das Schreiben verbietet. Mit einer erschreckenden Selbstverständlichkeit schwört sie ihrem Können und ihrer Selbständigkeit ab und wirft sich in die Arme der adeligen Banause.

Stefanie Gmachl, Wilhelm Seldec © Rolf Bock
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