Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Benjamin Turecek, Pola Claricini, Stephanie Schneider © Gloriatheater

FLOH IM OHR Ein Pichowetz reicht locker für zwei

Angelika Zoidl, Gerald Pichowetz, Jürgen Heigl © Gloriatheater

Frankreich in Floridsdorf oder Savoire-vivre auf Wienerisch

Georges Feydeau war der Meister der turbulenten Komödie, des Vaudeville, das bis Anfang des 20. Jahrhunderts breite Bevölkerungsschichten Frankreichs ins Theater zog, weil es sein Publikum bestens unterhielt. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Stücke von Feydeau sind Klassiker der leichten Muse und garantieren vom ersten bis zum letzten Moment herzhaftes Lachen. Man sieht ihnen keineswegs an, wie exakt sie konstruiert sind, wie jeder Gag punktgenau hingesetzt ist und dass noch in den ärgsten Turbulenzen dem Ganzen eine strenge Ordnung zugrunde liegt. Tür auf, Tür zu ist Präzisionsarbeit, die den Schauspielern neben allem Blödeln, das ihre Rolle erfordert, höchste Konzentration abringt. „Floh im Ohr“ ist dafür ein Paradebeispiel, da es alles enthält, was diesbezüglich gut und teuer ist. Es gibt die eifersüchtige Gattin, die entschlafene Potenz ihres Ehemanns, das hübsche Stubenmädchen, das lieber dreimal ja als einmal nein sagt, den vertrottelten alten Arzt, der trotz seiner Jahre noch ein rechter Geilspecht ist, und vor allem den Doppelgänger, ohne den die ganze Geschichte gar nicht ins Laufen käme.

Roswitha Straka, Mark Mayr © Gloriatheater

An Wortwitz und Schlüpfrigkeiten wird nicht gespart und das Wichtigste im Leben, so scheint es, ist das erotische Abenteuer, das zum Gaudium der Zuschauer jedoch regelmäßig vereitelt wird. Wie es einem halt so ergeht im Leben, das so schön sein könnte, gäbe es nicht ständig die Gefahr dabei erwischt zu werden.

Elisabeth Osterberger, Angelika Zoidl © Gloriatheater

Für das Gloriatheater ist der „Floh im Ohr“ das ideale Stück, um zeigen zu können, was das Ensemble, vor allem aber der Prinzipal Gerald Pichowetz, an exzellenter Komik drauf haben. Den französischen Witz ins Wienerische übertragen hat Sebastian Puchas. So gibt es das Stundenhotel zur galanten Mieze, das kurioserweise zum Treffpunkt der gutbürgerlichen Familie Chandebise wird. Victor-Emmanuel (Gerald Pichowetz) ist Direktor der Boston Life Company Frankreich.

Seine Gattin Raymonde (Angelika Zoidl) ist eine aus ihrer Zufriedenheit aufgeweckte Ehefrau, die vom Möchtergernliebhaber, dem Anwalt Romain Tournel (Jürgen Heigl) ganz ohne Sex geliebt werden will. Da wurden doch glatt die Hosenträger ihres Mannes aus dem Hotel zu ihm nachhause geschickt. Das kann nur eins bedeuten: Der honorige Herr Chandebise muss dort verkehren. Dass es noch einen zweiten Chandebise, nämlich Camille, seinen Neffen gibt, daran denkt die gute Frau in ihrem Jammer nicht.

Dieser Camille leidet an einem schweren Sprachfehler, den Robert Notsch (er hat übrigens auch Regie geführt) genial durchhält. Wie freut man sich mit ihm, als ihm Doktor Finache (Franz Mifkovic) einen Gaumen verordnet und er plötzlich ganz normal reden kann. Aber blöderweise boxt ihm diesen ein auf sexuelle Abenteuer wilder Russe namens Alexandroff (Christian Rovny) beim Besuch in der galanten Mieze aus dem Mund und aus ist´s wieder mit dem schönen Sprechen. Was ihn aber nicht davon abhält, mit Antoinette (Roswitha Straka), der Frau des biederen Kammerdieners Étienne (Mark Mayr) ein Pantscherl zu haben.

 

Im Hotel zur galanten Mieze versuchen Frau (Pola Claricini) und Herr (Rudolf Pfister) Ferraillon für Diskretion unter ihren Gästen hinter den zahlreichen Zimmertüren zu sorgen. Dafür gibt es sogar eine drehbare Wand, hinter der Baptistin (Benjamin Turecek) sein Rheuma kuriert und auf Knopfdruck als Alibi erscheint. Die Wand wird ordentlich strapaziert, als der vor Eifersucht rasende Spanier Carlos Homénidès dé Histangua (Gerhard Huber) auftaucht.

Gerald Pichowetz, Franz Mifkovic © Gloriatheater

Er findet just das von seiner überschießenden Männlichkeit überstrapazierte Eheweib Lucienne in diesem Sündenpfuhl vor und rastet sehenswert aus. Als sinnlicher Appetitanreger für die Gäste wirkt in diesem ehrenwerten Haus das meiste Zeit in Unterwäsche herumlaufende Stubenmädchen Babette (Stephanie Schneider).

Für die groben Arbeiten ist Poche zuständig. Lustigerweise schaut er Monsieur Chandebise abgesehen von einem Gebiss à la Toni Erdmann aufs Haar ähnlich. In atemberaubendem Tempo, das übrigens die gesamte Inszenierung auszeichnet, verwandelt sich Gerald Pichowetz vom Direktor in den Hausknecht und wieder zurück. Er schafft damit das perfekte Chaos und nicht zuletzt einen guten Grund, sich mit diesem Floh im Ohr in Floridsdorf Savoire-vivre auf Wienerisch zu geben.

Floh im Ohr Ensemble © Gloriatheater
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