Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Gerhard Richter, Abstraktes Bild 559-1, 1984 (Detail) © Gerhard Richter

Abstract Painting Now! Beeindruckender Einstand von Florian Steininger

Bernard Frize, Balaire, 2015 © Bildrecht, Wien, 2017  Foto: © Markus Wörgötter

Warum sich die Malerei vom Gegenstand gelöst hat – die Antwort!

Die erste große Ausstellung des neuen künstlerischen Leiters der neueröffneten Kunsthalle Krems, Florian Steiniger, darf ohne Übertreibung als beeindruckend bezeichnet werden. Räume wurde mit Oberlicht hell gemacht und die Säulen-Architektur der Halle durch Wegräumen zu vieler Zwischenwände sichtbar gemacht. Der Rahmen wäre also geschaffen, um ihn entsprechend zu bespielen. Dass dabei gleich ein Überblick über das aktuelle abstrakte Schaffen entstanden ist, lässt den derzeit noch mühsamen Zugang zur Kunsthalle Krems neben der Großbaustelle für die Landesgalerie zur überwindlichen Hürde werden. Etwa 60 künstlerische Positionen geben eine nachvollziehbare Erklärung dafür ab, warum sich die zeitgenössische Kunst erfolgreich vom Gegenstand trennen konnte – und musste. „Abstract Painting Now!“ (bis 5. November 2017) scheint eine Aufforderung zu sein, sich mit der Frage zu beschäftigen, warum ein Gerhard Richter, eine Katharina Grosse oder ein Sean Scully darauf verzichtet haben, von den Betrachtern ihrer Bilder Fragen wie: „Was soll das denn darstellen?“ zu hören.

Katharina Grosse, Ohne Titel, 2010 ©  Bildrecht, Wien, 2017  Foto: Sebastian Schobbert

Abstrakt ist einfach abstrakt und erfüllt damit seinen Auftrag nur dann vollends, wenn kein Tüftler mehr in den Farblabyrinthen irgendwas erkennen kann.

Tomma Abts, Inte, 2013 © Foto: Nick Ash

Man muss einmal kapiert haben, dass in diesem Fall der Prozess der Bildentstehung wichtiger ist als das Ergebnis. Dieses kann durchaus unansehnlich sein, ein brauner Fleck irgendwo auf einer grauen Leinwand oder ganz im Gegenteil ein Farbenrausch, in dem man sich gerne verliert. Per Kirkeby, ein in Kopenhagen lebender und arbeitender Maler, bringt es auf den Punkt: „Ich verstehe, wie gesagt, meine Gemälde als eine Summierung von Strukturen. Eine Sedimentation hauchdünner Schichten.“ Ihm geht es also nicht darum, mit einem Formenreichtum zu beeindrucken, sondern den Rezipienten den Hergang seiner Gemälde suchen und finden zu lassen. Man könnte einwenden, was einen das angeht, was sich der Künstler denkt?! Die Antwort geben die Bilder von sich aus. So ist der spanisch-US-Amerikaner Juan Uslé überzeugt, dass das Bild und der Malprozess ein untrennbares Gespann sind.

Gemeint ist damit Ähnliches wie beim Österreicher Jakob Gasteiger, der lieber vom Machen als vom Malen eines Bildes spricht. Wade Guytons Werke sind seiner eigenen Angabe nach ungemalte Bilder. Anstatt die Leinwand mit dem Pinsel von Hand zu bearbeiten, lässt er die rohe Leinwand durch den Tintenstrahldrucker laufen und lässt damit eine Maschine wesentliche Vorarbeiten zu seinen Werken ausführen. Was bei ihm zählt, ist das Konzept, ebenso wie beim Franzosen Bernhard Frize. Er dirigiert seine Assistenten im Atelier und lässt sie mit mehreren Pinseln gleichzeitig arbeiten. Sein Taktschlag muss exakt wie der eines Opernmaestros sein, denn ein Gemälde wie „Balaire“ (2015) fasziniert durch feinste Schattierungen in der jeweiligen Farbdichte, wie sie an sich nur eine meisterliche Hand schafft.

Die Abstrakte enthält eine ungeahnte Vielfältigkeit in ihrem Ausdruck und ihren Stilen. Dekonstruktion, Kritik an der Autorschaft, Minimalismus, Mix, Zitat und Ornament sind wesentliche Parameter mit ihren historischen Wurzeln am Anfang des 20. Jahrhunderts. Sogar die Landschaftsmalerei hat mit der Abstrakten zu neuen Wegen gefunden und damit vielleicht zurück zu ihrem ursprünglichen Anliegen, reine Stimmung zu sein, nichts als Emotion. Der Kärntner Franz Grabmayr hat mit dem „Kamp-Felsen“ (1976) oder der Franzose Eugéne Leroy mit „Deux petites arbres“ (1986) Natur in ihrem Wesen erfasst. Materie als Malerei wurde von Caitlin Lonegan (NY) oder dem Schweizer Adrian Schiess in ungestüme Bewegung umgesetzt, während sich Marcia Hafif (USA) und Joseph Marioni (USA) mit einer Farbe zufrieden gegeben haben. Sie haben in der Substanz des Materials geforscht und damit radikal jede Räumlichkeit ignoriert. Ihre Werke erinnern an Musiker, die sich auf das monotone Abspielen eines Tones beschränken, keinen Rhythmus und keine Harmonie brauchen. Im Gegensatz dazu haben die Maler den Begriff Abstraktion auf ihre Weise definiert, als eine Kunst, die in ihrer selbst geschaffenen Freiheit auf alles andere als auf sich selbst verzichten kann.

Per Kirkeby, Summer Storm, 1986 Foto: Kunsthalle Krems / Jorit Aust
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