Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht Antike / Antin © KHM-Museumsverband

THE SHAPE OF TIME überbrückt 200 Jahre Kunstgeschichte

Ausstellungsansicht Rembrandt / Rothko © KHM-Museumsverband

Wenn Maria Lassnigs Iris die Helena von Rubens an die Wand spielt

Die Sammlungen des Kunsthistorischen Museums enden um ca. 1800. Sie können sich dennoch durchaus sehen lassen. Immerhin sind fünf Jahrtausende Kunstschaffen in seinen Räumen konzentriert. Alles, was später kam, hat andere Orte des Bewahrens und Zeigens gefunden. Dennoch gibt man sich im KHM damit nicht zufrieden. Irgendwie sollte jüngere Kunst einfach als frischer Wind durch Antikensammlung, Alte Meister und Wunderkammer wehen. Seit geraumer Zeit werden zeitgenössische Künstler engagiert, zu diesem Anliegen Ausstellungen zu gestalten. Deren Spaß an der Freud´, sich mit den Alten zu messen, bringt jedes Mal spannende Dialoge über die Zeiten hinweg. Die jüngste Produktion von Modern and Contemporary, „The Shape of Time“ (bis 8. Juli 2018), wurde dem britischen Kunsthistoriker Jasper Sharp anvertraut.

Ausstellungsansicht Rubens / Lassnig

Der englische Titel ist keine Geringschätzung unserer Sprache, sondern wurde auf einem 1962 erschienen Buch von George Kubler gefunden. Macht die Zeit wirklich die Form? Sharp gibt darauf nur indirekt eine Antwort. Er stellt die alteingesessenen Stars des Museums einfach mit Werken späterer Künstler in Verbindung, oder wie es im Ausstellungstext heißt, er setzt Trittsteine auf dem kunstgeschichtlichen Weg von dem Punkt, an dem die Sammlungen des Museums enden, bis zu jenem, an dem wir uns heute befinden. Das Urteil über die gestaltende Kraft der Zeit muss jeder für sich selber finden. Gelegenheit dazu hat er an 19 Stationen, die es bei einem Besuch der Schauräume wie bei einer Schnitzeljagd aufzufinden gilt. Der Besucher muss also aktiv einsteigen und wird vielleicht gar nicht bemerken, dass der Teil eines zum „Tableau vivant“ gewordenen Kunstwerks ist.

Ausstellungsansicht West / Caravaggio © KHM-Museumsverband

An manchen der Stationen ist durchaus ein Lächeln angebracht. So findet er neben einem jungen Paar des Venezianischen Bildhauers Tullio Lombardo zwei Küchenuhren aus dem Baumarkt. Man möchte es nicht glauben, aber diese beiden Chronometer sind eine unbetitelte Installation von Felix Gonzalez-Torres. Sie wurden in Wien gekauft und in dem Moment, in dem sie hier aufgehängt wurden, mussten zwei andere in einem Museum in einem weit entfernten Teil der Welt abgenommen werden.

Es kann dieses Kunstwerk eben nur einmal geben. Dass sich Gonzales-Torres dabei vor Vergnügen über die Dummheit der Kunstwelt auf die Schenkel geschlagen hat, als man ihm dieses Ansinnen abgenommen hat, ist durchaus vorstellbar. Berührend hingegen ist „Die heilige Familie mit heiliger Anna und dem Johannesknaben“ von Bronzino um 1445 neben einem Familienbildnis von Lucian Freud mit dem Titel „Large Interior“ aus dem Jahren 1981 bis 83. Freud versammelt darauf ein Flickwerk seiner Familie, mit zwei Frauen, mit denen er Kinder hatte, von denen zwei abgebildet sind, und vorne liegend einen Freund der Familie namens Star.

Bereits 1840 hatte der englische Maler J. M. W. Turner einen entscheidenden Schritt Richtung Abstraktheit getan, als er von der „Stürmischen See“ nur mehr die Idee der bedrohlichen, sturmgepeitschten Wasser malte. Diese Entwicklung ist das verbindende Element zu Tizian, Nymphe und Schäfer, um 1570/75. Auch der Renaissancemaler hatte sich in späteren Jahren von einer üppigen Farbpalette zum Monochromen und zu deutlichen Pinselstrichen hingewendet. Bei der Paarung Rubens/Lassnig ist, so der Kurator, ein seltsames Phänomen aufgetreten. „Iris stehend“, eine lebensvolle Frau mit deutlichen Rundungen, hat die ebenfalls nicht magere „Helena (Das Pelzchen)“ bei der ersten Hängung beinahe erdrückt. Rubens musste so lange hin und her gerückt werden, bis zwischen den beiden Damen einigermaßen Gleichgewicht bestand. Dieses gegenseitige Powergehabe ist jedoch die Ausnahme, in den anderen Fällen ist es entweder der deutliche Gegensatz oder subtile Ähnlichkeit, die den Vergleich mit Kunst vor und nach 1800 zur reizvollen Aufgabe für den Besucher macht.

Ausstellungsansicht Lombardo / Gonzalez-Torres © KHM-Museumsverband

Klimtbrücke © KHM-Museumsverband

STAIRWAY TO KLIMT und nackte Wahrheit in der Antikensammlung

Griechische Antike I Gustav Klimt Interkolumnienbild © KHM-Museumsverband

Der Bilderzyklus im Stiegenaufgang – 2018 wieder aus der Nähe zu sehen

Der Eingangsbereich des Kunsthistorischen Museums Wien ist bekanntlich eine üppige Ansammlung von Allegorien, mythologischen Anspielungen und historisierenden Stilen. Noch Ende des 19. Jahrhunderts war solcherlei einschüchternde Überfrachtung durchaus Mode, und zwar ganz im Sinne des Bildungsauftrages für das neu errichtete Hofmuseum, das als Heimstätte der „künstlerischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses“ dienen sollte. In Form einer opulenten Ouvertüre wird dabei auf alle die im Museum vertretenen Kunstbereiche angespielt, freie Flächen waren verpönt, getrieben von einem Horror vacui musste jede Wand und jede Decke, jedes Eck und jede Rundung kunstvoll ausgestaltet werden. So erhielten 1890, ein Jahr vor der Eröffnung, Gustav Klimt, sein jüngerer Bruder Ernst sowie ihr gemeinsamer Studienkollege und –freund Franz Matsch seitens des Hofbau Comités den Auftrag für einen malerischen Zyklus. Die drei Künstler, die als „Maler-Compagnie“ gemeinsam auftraten, hatten die Aufgabe, die bedeutendsten Stilepochen der europäischen Kunst nachvollziehbar darzustellen.

Ägypten I Gustav Klimt Zwickelbild © KHM-Museumsverband

In einer Höhe von zwölf Metern über der Eingangshalle wurden diese Bilder als sogenannte Zwickel und Interkolumnien in die Säulen- und Arkadenarchitektur des Hauses eingebettet.

 

Über 100 Jahre lang musste der Eintretende entweder auf halber Höhe der Treppe stehen bleiben und nach oben blicken, um diesen Zyklus betrachten zu können, oder er hat ihn wie alle die anderen Artefakte des Eingangsbereiches ignoriert und ist zügigen Schrittes den Sälen mit den Sammlungen zugeeilt. Bis 2. September 2018 hat er nach 2012 neuerlich Gelegenheit, Klimts Gemälde eingehend zu studieren. Für die Dauer der Ausstellung ist vor den Bildern über die gesamte Breite des Stiegenhauses eine Brücke gespannt. Auf Texttafeln erfährt der Besucher das inhaltliche Programm, die gedanklichen und malerischen Hintergründe sowie die Bedeutung der einzelnen Figuren für diverse Epochen der Kunstgeschichte.

 

Der 100. Todestag von Gustav Klimt (14. Juli 1862 – 6. Februar 1918) ist wohl ein schuldiger Anlass, diesen wohl bekanntesten österreichischen Maler mit einer Reihe von Ausstellungen zu feiern. Das Kunsthistorische Museum schließt sich diesem Gedenken mit einer Kostbarkeit an.

Aus den Sammlungen des Theatermuseums – das Bild gehörte einst dem Kulturkritiker und Theaterautor Hermann Bahr und kam über dessen Verlassenschaft in die Theatersammlung der Österreichischen Nationalbibliothek – wurde Gustav Klimts NUDA VERITAS ins Haupthaus geholt. In ihrer schlichten und dennoch provozierenden Nacktheit ist diese Frauenfigur eine Abrechung des Künstlers mit seinen Kritikern. Der Spruch, ein Zitat von Friedrich Schiller, KANNST DU NICHT ALLEN GEFALLEN DURCH DEINE THAT UND DEIN KUNSTWERK – MACH ES WENIGEN RECHT. VIELEN GEFALLEN IST SCHLIMM und ein Spiegel, der dem Betrachter entgegengehalten wird, machen die Bedeutung der „nackten Wahrheit“ deutlich. Präsentiert wird es in der Antikensammlung in unmittelbarer Nähe des männlichen Torsos eines Doryphoros (Speerträgers), einer römischen Replik nach dem griechischen Bildhauer Polyklet (5. Jh. v. Chr.), und führt so den Besucher in ein Spannungsfeld von zweieinhalb Jahrtausenden, in denen sich das Ideal der Kunst im Grunde kaum verändert hat.

Ägypten II Gustav Klimt Interkolumnium © KHM-Museumsverband
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Diashow mit den schönsten Objekten der Kunstkammer Wien

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