Der Überblick kann leicht verloren gehen, wenn vier französische Paare in erotische Verwicklungen geraten. Dass man sich trotz Verwirrung und dem redlichen Bemühen, Personen und erotische Ziele auf die Reihe zu kriegen, dabei amüsiert, ist einzig und allein dem Ensemble des Landestheaters zu verdanken. Wenn sie schwungvoll alle diese Möchtegern-Seitenspringer auf die Bühne bringen, wird es eigentlich nebensächlich, wer mit wem grad will, soll oder könnte.
r.o.: Katharina von Harsdorf (Clotilde Pontagnac) und Chris Pichler (Lucienne Vatelin) proben mit Valentin Schreyer (Rédillon) den Seitensprung
r.: Tolle Verwirrungen im Hotelzimmer
l.o.: Noch betrachtet Chris Pichler (Lucienne Vatelin) die Werbung von Daniel Kamen (Pontagnac) skeptisch
l.u.: Im Haus von Vatelin (Rainer Doppler rechts sitzend) nimmer die pikante Verwirrung ihren Ausgang
Monsieur Pontagnac ist der Anstifter. Er bildet sich partout ein, die Gattin seines Freundes Vatelin verführen zu müssen. Sie wäre dazu bereit, wenn, ja, wenn nur ihr Mann sie einmal betrügen würde. Als eine diesbezügliche Altlast – die Geliebte aus früheren Tagen taucht mehr als zudringlich auf – ruchbar wird, scheint die Chance gekommen. Dass dennoch nichts aus dem Fremdgehen wird, liegt am allseitigen Dilettantismus der Beteiligten in derlei Angelegenheiten.
Georges Feydeau hat mit der Farce „Le Dindon“ (in einer für St. Pölten überarbeiteten Übersetzung „Einer ist der Dumme“) dem Pariser Leben der Belle Epoque einen wenig schmeichelhaften Spiegel vorgehalten. Im Grunde sind seine Charaktere zutiefst moralisch, oder besser gesagt, zu dumm zum unmoralisch sein. Das Stück ist an sich leichte Kost, die auch durch einen prominenten Autor und ein nicht unbedeutendes Theater kaum nahrhafter wird.
Isabella Suppanz hat selbst Regie geführt und ihren Schauspielern dabei nur lockere Zügel angelegt. Sie dürfen sich ungeniert durch das Stück blödeln. Jede Suche nach Tiefgang wäre ohnehin müßig. Diese feine französische Komödie als letzte Produktion war wohl der heitere Abschied einer erfolgreichen Intendantin, die trotz vieler Unkenrufe das Mehrsparten-Haus in St. Pölten zum Landestheater Niederösterreich als anerkannte Sprechbühne geführt hat.
Mit „Einsame Menschen“ hat sich der junge Gerhard Hauptmann Luft gemacht
Pegasus unterm Joch
1890 ist „Einsame Menschen“ entstanden. Gerhard Hauptmann war gerade 28 Jahre alt. Er war als freier Bildhauer gescheitert, hatte eine Zeichenausbildung hinter sich gebracht und Schauspielunterricht genommen. Zuletzt hatte er psychiatrische Studien betrieben, währenddessen aber auch Kontakt unter anderem zu Frank Wedekind gehalten. In dieser Zeit heiratete er die gut situierte und wohl aus einem streng protestantischen Haus stammende Kaufmannstochter Marie Thienemann (1885) und hatte mit ihr zwei Söhne.
r.g.o. u. Titel: Johannes Vockerat (Christan Nickel)
r.: Frau Vockerat (Brigitte Furgler) mit Johannes (Christian Nickel)
l.o.: Anna Mahr (Pauline Knof) mit Johannes (Christian Nickel)
l.u.: Käthe Vockerat (Atnje Hochholdinger) und Johannes (Christian Nickel)
Leiste: käthe Vockerat (Antje Hochholdinger)
Regisseur Janusz Kica hat dem Wort den gebührenden Platz eingeräumt. Es stört keine unnötige zeitgebundene Kulisse, es genügen verschiedene Sessel, die von den Darstellern selbst an den gerade für das jeweilige Gespräch richtigen Platz geschoben werden. Jede der Figuren ist in ihrer Weise einsam, denn abgesehen vom gemeinsamen Absingen eines Chorals zu Beginn wollen sich die Stühle und die darauf Sitzenden nicht mehr zu einer Runde zusammenfinden. Diese wohltuende Kargheit der Ausstattung erlaubt auch den Schauspielern, und zwar allen, die vom Autor vorgezeichnete Problematik allein mit ihrem darstellerischen Können glaubhaft und bis zum letzten Moment spannend zu vermitteln – Sprechtheater in bester Weise.
Diese Diskrepanz zwischen den geordneten Verhältnissen einer gutbürgerlichen Existenz auf der einen und der inneren Unruhe, der Anspannung und kreativen Ziellosigkeit des Künstlers auf der anderen Seite mag für das Stück Anregung gewesen sein; Auslöser war ein Ereignis in der eigenen Familie. Sein Bruder Carl hatte mit einer jungen Polin, einer Studentin namens Anna Krzyzanowska, eine Affäre begonnen. Gerhard Hauptmann beschreibt Anna als „gläubige Sozialistin“, die sich „von Eltern und Verwandten losgemacht“ hatte und „eine junge Dame von Güte“ war.
Die Gespräche zwischen den Beteiligten, also „Carl und mir, da ich ihn gestellt hatte, zwischen Martha (Carls Frau) und mir, da ich auf ihrer Seite stand, zwischen Martha und Carl, Martha und Mary (Marie Thienemann), zwischen Mary und Carl, zwischen mir und Mary“ dürften im Groben der Inhalt von „Einsame Menschen“ sein. Anna heißt auch die Studentin auf der Bühne, in St. Pölten gespielt von Pauline Knof. Christian Nickel ist der junge Mann, der eben Vater geworden ist, seine Frau Käthe Vockerat Antje Hochholdinger.
Ausgerechnet von Landeshauptmann Erwin Pröll musste man anlässlich der Premierenfeier erfahren, dass Intendantin Dr. Isabella Suppanz demnächst ihre Tätigkeit in St. Pölten beenden werde. Schade. Eine Landeshauptstadt braucht durchaus ein ernsthaftes Sprechtheater, das unter der künstlerischen Leitung von Suppanz eine Reihe großer Produktionen herausgebracht hat und damit zu einem Kunstzentrum mehr in Niederösterreich geworden ist.
Die Affäre Rue de Lourcine: Eine alte Zeitung wird zum Handlungsträger
Nicht nur Franzosen können über einen Mord lachen
Es braucht einigen guten Willen, um diese Handlung wahrscheinlich zu finden. Der offenbar betuchte Lenglumé (Valentin Schreyer) muss sich heimlich außer Haus schleichen, um sich des Nachts besaufen zu können. Mit Mistingue (Oliver Rosskopf), einem vermeintlichen Schulfreund und Kumpanen bei dieser Fete, kehrt er heim. Beide beklagen einen Filmriss, entdecken in ihren Taschen aber kuriose Requisiten wie Kohlenstücke, ein Häubchen und einen Damenschuh.
Während die beiden noch ihren Rausch ausschlafen, bringt der Diener Justin (Hendrik Winkler) Blumen in den Salon. Das Papier, mit dem sie umwickelt sind, steckt er zu sich und dreht dieses später der Hausfrau Norine, die beim gemeinsamen Frühstück mit Mann und Zufallsgast partout lesen will, als aktuelle Tageszeitung an. Sie liest laut von einem Mord in der Rue de Lourcine vor, dessen Hergang sich mit den Bruchstücken der Erinnerungen der beiden Männer deckt.
Bilder (Fotos Lukas Beck) zum Vergrößern anklicken
l.o.: Hendrik Winkler, Antje Hochholdinger, Oliver Rosskopf, Valentin Schreyer
l.o.: Antje Hochholdinger, Hendrik Winkler
l.u.: Valentin Schreyer, Antje Hochholdinger, Philipp Brammer
r.: Oliver Rosskopf, Valentin Schreyer, Philipp Brammer
Leiste: Hendrik Winkler, Antje Hochholdinger, Oliver Rosskopf
Zu dieser eigentümlichen Versammlung gesellt sich Norines Vetter Potard (Philipp Brammer), der – Teufel nochmal, so ein Zufall! – Beobachter des nächtlichen Treibens von Lenglumé und Mistingue war. Irgendwann scheint jeder mehr darüber zu wissen als die beiden Missetäter, die sich selber dieses Mordes beschuldigen und um diesen zu vertuschen, die Zeugen und sich gegenseitig beseitigen wollen.
Klar ist von Anfang an, dass nie ein Mord geschehen ist und alles nur aufgrund vieler Missverständnisse, halber Sätze und viel Heimlichtuerei zur Affäre aufgeschaukelt wird. Das einzig tote Wesen ist am Ende eine Katze – und schuld dran ist die Zeitung, die allerdings bereits 20 Jahre alt ist. Und kein Mensch erfährt, warum ein Blumenhändler eine so alte Zeitung als Packpapier verwendet.
Genau diese unlogische Story macht aber den Reiz der Komödie von Eugéne Labiche (1815-1888) aus. Das Publikum in der Theaterwerkstatt des Landestheaters St. Pölten darf guten Gewissens dazu lachen. Die Musik von Bernhard Höchtl, die dem Stück einigen Sinn verleiht, veredelt die Posse zum Vaudeville, dem französischen Singspiel, mit dem sich Labiche auf satirische Weise über das (klein)bürgerliche Leben lustig macht. Er selber dürfte sich des leichten Gewichtes seiner Schöpfungen durchaus bewusst gewesen sein, wenn er sagt: „Kann man diese Farcen denn als Werke bezeichnen?“ Genauso wie Emile Augier, der uns diesen Satz überliefert und das Vorwort zur Gesamtausgabe der Stücke von Labiche verfasst hat, war auch eine Große unserer Literatur anderer Meinung. Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek war sich keineswegs zu gut dafür, die Affäre Rue de Lourcine ins Deutsche zu übertragen.
Premiere im Landestheater Niederösterreich: Gespenster von Henrik Ibsen
Gespräche aus dem Dunkel der Vergangenheit
Fünf Personen und knapp eineinhalb Stunden, mehr braucht Henrik Ibsen nicht, um die Ausweglosigkeit aus geerbtem Unglück darzustellen. Im Zentrum des fatalen Geschehens steht Helene Alving, Witwe eines Kammerherren, in St. Pölten eindrucksvoll verkörpert von Juliane Gruner. Um sie herum zerfällt eine Familie, von deren Existenz nur sie gewusst hat und deren Tragödie sie durch ihr unseliges Wollen und im Grunde verlogenes Schweigen zu verantworten hat.
Kurz zum Inhalt von „Gespenster“: Ein Kinderheim soll eingeweiht werden. Am Vorabend erscheint bereits Pastor Manders (kühl und eisglatt abweisend Florentin Groll). Er war die Liebe von Helene, die einst vor ihrem grausamen Gatten in seine Arme flüchten hatte wollen und von ihm abgewiesen worden war. Diesen beiden Gestalten gegenüber stehen Tischler Engstrand und Regine, die dieser als Tochter aufgezogen hat und die als Dienstmädchen bei Alving angestellt ist. Ihr leiblicher Vater ist der Mann von Helene, sie ist also eine Halbschwester von Osvald Alving, dem Sohn des Hauses, einem Maler, der aus Paris zurückgekehrt ist und mit Regine ein Verhältnis anfangen will.
In Gesprächen zwischen den einzelnen Beteiligten werden diese Verknüpfungen nach und nach offenbar, tauchen als Gespenster aus dem Dunkel der Vergangenheit auf und treiben mit den Betroffenen ihr grausames Spiel.
Tischler Engstrand ebenso wie Pastor Manders drücken sich letztlich vor der Tragödie, während Regine noch in dem Moment ihrer Träume beraubt wird, als sie diese zu träumen beginnt, Osvald dem Wahnsinn anheim fällt und Helene vor der Sonne, der ihr Sohn entgegenlallt, in Verzweiflungsschreie ausbricht.
Im St. Pöltner Landestheater wurde dieser düstere Stoff nun von Regisseur Michael Gruner auf die Bühne gebracht (Premiere am 15.10.2011). Er lässt darin den Zuschauer einfach Zuschauer bleiben. Allein das Bühnenbild und die Ausstattung unterbinden jede Illusion, jedes emotionale Einklinken des Publikums: Zwei Balken, eine Papiergirlande und ein umgefallener Sessel, kaum Requisiten. Verstaubte Kostüme verkleiden die teils barfuss auftretenden Darsteller zu eben diesen Gespenstern, die in ihren Erinnerungen auftauchen.
Vieles von dem Gedankengut, das Ibsen in diesen Stück einfließen ließ, wie zum Beispiel eine damals neue Lehre in der Erbforschung, ist heutzutage unaktuell. Trotzdem sind seine Gespenster ein Pflichtstück aus der Theatergeschichte. Selten findet man eine derart sprachliche Verdichtung eines an sich hochdramatischen Geschehens, das sich nicht zuletzt dank der gekonnt sparsamen Inszenierung im Kopf des Besuchers abzuspielen beginnt.