Kultur und Wein

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Die Eroberung des Goldenen Apfels Ensemble © Alexi Pelekanos

DIE EROBERUNG DES GOLDENEN APFELS Geschichte kontrafaktisch

Die Eroberung des Goldenen Apfels Ensemble © Alexi Pelekanos

Die Geschichte einer Belagerung als Theaterprojekt

Warten auf ... Godot, nein, nein! sondern auf den Auftritt, aber ähnlich absurd, ist kurz zusammengefasst der Inhalt des Theaterprojekts von Hakan Savaş Mican mit dem wunderschönen Titel DIE EROBERUNG DES GOLDENEN APFELS. In der Kantine eines Theaters sitzen seit der jüngsten türkischen Belagerung von Wien, also 1683, vier Mitglieder des „europäischen Freiheitschores“ und warten auf ihren Auftritt in einem Stück, das 200 Jahre später anlässlich der 200-Jahresfeier der erfolgreich abgewehrten Zweiten Wiener Türkenbelagerung tatsächlich gegeben wurde. Man hört die Durchsagen des Inspizienten, aber ihr Chor wird ewig nicht aufgerufen. Der Text ist nichts anderes, als was halt so geredet wird, während man bereits im schönen Kostüm gespannt darauf harrt, sein Können auf der Bühne draußen zu zeigen. Die Wirtin (Michael Scherff), mittlerweile 91 Jahre alt, versucht das Quartett (Zeynep Bozbay, Tim Breyvogel, Stanislaus Dick und Vidina Popov) zu unterhalten.

Zeynep Bozbay, Michael Scherff © Alexi Pelekanos

Er bzw. sie entlockt dem Spielautomaten jeweils die passende Begleitmusik für Songs, die aber nach einigen Takten jäh abreißt, und wird dazwischen zum artistischen Über-den-Tisch-Springer. Überraschend tauchen Gestalten auf, die sich auf dem Weg zur Bühne offenbar in die Kantine mit dem sinnigen Namen „Zum Goldenen Apfel“ verirrt haben: ein Jantischare, der mit seinem Säbel alles kurz und klein hauen will, der Hofmusikus, der einer Saz (türkisches Saiteninstrument) verdammt rockige Sounds entlockt, und nach einem Teeverkäufer der Chorleiter, ein Berliner mit türkischem Akzent, immer in der Person von Volkan T error. Die Zweifel, ob man sich überhaupt im richtigen Stück befindet, werden immer lauter, zumal der Muezzin zu seinem Gesang auf den Stephansturm beordert wird, bis endlich der Aufruf aus dem Lautsprecher ertönt, die Sänger zu ihrem Auftritt enteilen und über den Monitor von der Bühne her der feierlich pathetische Gesang des Chores ertönt, allerdings, soweit man es mitkriegt, in Türkisch.

Die Eroberung des Goldenen Apfels Ensemble © Alexi Pelekanos

Was immer der Grund für diese Veränderung historischer Tatsachen gewesen sein mag, Wunschdenken von im Westen lebender Türken? What ever! Im Grunde handelt es sich dabei um, wie es Wissenschaftler ausdrücken, kontrafaktische Geschichte. Wien galt zu Zeiten von Kara Mustapha für das osmanische Reich als der Goldene Apfel, der durch eine riesige Streitmacht gepflückt werden sollte. Es ist nicht gelungen. Historiker führen den Flop auf einen strategischen Fehler des Großwesirs zurück.

Er hatte einfach vergessen, die Höhen des Wienerwaldes entsprechend zu sichern. Von dort her rückte im letzten Moment das Entsatzheer unter Jan Sobieski zur Stadt vor und vertrieb die osmanischen Besatzer. Reinhard Pohanka hat in seinem Buch „Kein Denkmal für Maria Theresia“ unter anderem auch diese Ereignisse beschrieben und im Sinne von kontrafaktischer Geschichte plausible Theorien erarbeitet, was bei einem Fall von Wien passiert wäre. Sein Fazit: Eigentlich nicht viel, es wäre durch die politischen Konstellationen dieser Tage alles beim Alten geblieben.

Nix mit Halbmond auf dem Stephansturm! Aber träumen wird doch auch den Machern dieses Stücks erlaubt sein. Was die konventionellen Theaterbesucher zu solchen Projekten sagen, ließ sich am Premierenabend nicht so recht klarstellen, sicher ist aber, dass es viel Jugend gegeben hat, die begeistert von diesem Experiment waren. Schließlich sind sie das Publikum von morgen, das sich mit solchen Projekten an die plüschigen Sitze auch eines klassischen Theaters gewöhnen kann.

Michael Scherff, Volkan T error © Alexi Pelekanos

Wie es euch gefällt Ensemble © Alexi Pelekanos

WIE ES EUCH GEFÄLLT Vergnüglicher Mummenschanz im Wald von Arden

Vidina Popov, Stanislaus Dick © Alexi Pelekanos

Verliebte sind Narren und Narren können durchaus Weise sein

Einer solchen Zivilisation möchte man sofort in die Wildnis hinaus entfliehen. Beherrscht wird sie von Herzog Frederick, einem Despoten, der am liebsten alle um sich verbannen würde. Zuerst trifft sein Zorn den Bruder Duke Senior, dann den jungen Orlando, der peinlicherweise seinen Ringer besiegt hat, danach Rosalinde, die Cousine seiner Tochter Celia, die mit ihr den Hof verlässt. Draußen im Wald von Arden herrscht lustiges Treiben. Duke Senior genießt das Leben in der Natur und lässt alle, die sich ihm anschließen wollen, gerne daran teilhaben, so auch den heiteren Philosophen Jaques, der ihm mit seinen Späßen die Zeit vertreibt. Sehr bald versammeln sich um ihn jedoch die Vertriebenen. Orlando erscheint mit seinem Diener Adam. Unerkannt für den Vater trifft auch Rosalinde ein, allerdings verkleidet als Bursche mit dem Namen Ganymed. Sie befindet sich in Begleitung ihrer Cousine, die sie als dessen Schwester Aliena ausgibt. Deren Begleiter ist der Hofnarr Touchstone, der sich, seines Junggesellendaseins überdrüssig, um das bärtige Bauernmädchen Audrey bemüht.

Stanislaus Dick, Katharina Knap, Bettina Kerl © Alexi Pelekanos

Weniger Glück in der Liebe hat der Schäfer Silvius bei Phöbe, einer Schäferin, die sich in den kleinen Ganymed verschaut hat, aber aus natürlichen Gründen bei ihm abblitzt. Zu allem Überfluss taucht auch Oliver auf, dem sein Bruder Orlando das Leben rettet und ihn damit vom alten Hass gegen ihn befreit. Amor verbindet Oliver mit Aliena und einer Hochzeit von vier Paaren steht nichts mehr im Wege.

Helmut Stippich, Toni Slama © Alexi Pelekanos

Das bunte Knäuel an Beziehungen, Irrtümern und Verwechslungen, das William Shakespeare mit seiner Komödie „Wie es euch gefällt“ geknüpft hat, muss erst einmal entwirrt werden. Im Landestheater Niederösterreich ist dieses Unterfangen in der Regie von Gottfried Breitfuß in entzückender Weise mit vielen intelligenten Gags und einem Haufen origineller Ideen geglückt. Im Wald von Arden wird übermütig Mummenschanz getrieben. Wald ist übertrieben, er besteht aus einem einzigen Baum.

Sogar der wird im Verlauf des turbulenten Geschehens mit einer zur Motorsäge umfunktionierten E-Gitarre umgesägt. Als Holzhacker betätigt sich Michael Scherff als guter Duke Senior und böser Herzog Frederick in Personalunion. Zu seiner Hofhaltung im Wald gehören Pfarrer Sir Oliver (Othmar Schratt) und Jaques (André Willmund), der neben dem Schauspielern ernsthaft gut Trompete spielt. Der zweite Musiker ist Helmut Thomas Stippich, der einige Musikinstrumente ebenso gekonnt wie den Edelmann Amiens und das Bauernmädchen Audrey spielt. Vielseitigkeit ist auch bei Helmut Wiesinger gefragt.

Er schafft es virtuos, sich in affenartiger Behändigkeit coram publico vom Diener Adam in Le Beau, danach in Corin, den Schäfer, und zuletzt sogar in Hymen zu verwandeln. Touchstone, der Narr, ist vielleicht der Weiseste von allen, zumindest vermittelt Toni Slama diesen Eindruck, wenn er von einer kleinen Stehleiter aus das Leben mittels seiner Bonmots erklärt. Aber auch er ist nicht gefeit vor dem Irrsinn der Liebe, über die er sich so herrlich lustig machen kann.

Wie es euch gefällt Ensembel und Katharina Knap © Alexi Pelekanos

Übler noch als ihm ergeht es jedoch Silvius (Stanislaus Dick), der aus verliebter Tollheit Räder schlägt und im Handstand Shakespeare rezitiert, um die spröde Phöbe (Vidina Popov) zu gewinnen. Lukas Spisser darf als Oliver zuerst seinen Bruder nicht mögen, um dann mit der Liebe Kraft Celia (Bettina Kerl) in Ballettmanier zu stemmen.

Orlando (Tobias Artner) und Rosalinde (Katharina Knap) hat es am schlimmsten erwischt. Der eine begeht Flurfrevel mit seinen Liebesgedichten, sie verkleidet sich als junger Mann, um ihm nahe sein zu können und ihn schließlich auch bekommt. Shakespeare hätte seine Freude gehabt mit diesem Wald von Arden, das Premierenpublikum jedenfalls war begeistert, es hat mit seinem Applaus bestätigt: „As You Like It“, wie es schon im Originaltitel heißt.

Wie es euch gefällt Ensembe © Alexi Pelekanos

Im Landestheater Niederösterreich wird Wie es euch gefällt noch bis 29. April 2017 gespielt und am 4. und 5. April 2017 als Gastspiel in der Bühne Baden. Für mehr Infos Logos unten anklicken.

Landestheater NÖ Logo 300
Bühne Baden Logo 300

Utopia Ensemble © Alexi Pelekanos

Eine hektisch zerredete Suche nach UTOPIA

Utopia Ensemble © Alexi Pelekanos

Ausgerechnet NÖ wird zur Insel der idealen Gesellschaft

Auf dem Weg einer Stückentwicklung vom Theaterkollektiv YZMA und dem Landestheater Niederösterreich führt die Reise an die sagenhaften Gestade von UTOPIA. Pate gestanden ist dafür Thomas Morus, der in einem philosophischen Dialog mit dem Titel „Vom besten Zustand des Staates und der neuen Insel Utopia“ von einer besseren Gesellschaft geträumt hat. Aus dem humanistischen Zwiegespräch wird in der Theaterwerkstatt ein Gefecht mit Worten, ein hektischer und lautstarker Kampf jede(r) gegen jede(n), der in ernüchternder Weise die Unmöglichkeit eines solchen Vorhabens beweist. Es gibt bereits auf der Fahrt einen Kapitän und eine ihm untergebene Mannschaft und auf der mit so vielen Idealen eingerichteten Insel einen Herrscher, einen Richter die Härte des Gesetzes. Zwischen diesen Fixpunkten einer angedeuteten Handlung ergießt sich über den Zuschauer ein Wust an klischeehaften Ideen für Weltverbesserung und Menschlichkeit, die in lustvoller Weise wortreich durch den Kakao gezogen werden.

Utopia Ensemble © Alexi Pelekanos

Dazu kommen Videos, die an verschiedenen Orten Niederösterreichs gedreht wurden. Zu Wort kommen Menschen, die auf ihre Weise ein Art Utopia verwirklichen wollen. Heini Staudinger von der Waldviertler Schuhfabrik beispielsweise ergeht sich in salbungsvollen Reden.

Er beschließt seinen Sermon mit einem lauten Amen, um anzudeuten, dass Ironie nicht ganz ausgeschlossen ist. Ein Zisterzienserpater von Stift Heiligenkreuz ist überzeugt, dass er seine Idealvorstellung eines Lebens hinter Klostermauern verwirklichen kann. Am nächsten dran sind die Bewohner von Cohousing Pomali. Sie sehen sich als lebendige Gemeinschaft von 78 Menschen zwischen 0 und 74 Jahren, die Praktisch, Oekologisch, Miteinander, Achtsam, Lustvoll und Integrativ leben wollen.

Utopia Ensemble © Alexi Pelekanos

Dem Ensemble, bestehend aus Zeynep Bozbay, Tim Breyvogel, Florian Haslinger und Johanna Wolff, gebührt grenzenlose Bewunderung. Der Text ist ein brutales Stakkato und nahezu unmerkbar. Trotzdem schaffen es die vier jungen Leute, die frei herumschwirrenden Gedanken zu ordnen und zu einem Theaterabend zu verbinden.

Regie führt Milena Michalek, die Utopia auf zwei Projektionsflächen beginnen lässt und diese neben den Videos als beweglichen Bühnenaufbau nutzt, um die Darsteller munter herumkraxeln zu lassen. Im Grunde haben sie für sich ein Art Utopia des Theaters erfunden, dem man den Spaß anmerkt, den die Beteiligten daran haben, ungeachtet der Meinung des Publikums, das bei der Premiere durchaus von dieser Interpretation einer Suche nach Utopia angetan war.

Utopia Ensemble © Alexi Pelekanos
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