Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Seyneb Saleh, Tim Breyvogel © Alex Pelekanos

ROMEO UND JULIA Liebe ist Blitz und Donnerschlag

Romeo und Julia Ensemble © Alexi Pelekanos

Speed Dating und Speed Killing zwischen Montagues und Capulets

Vorsicht Ironie! Der rettende Gedanke, dass hier ein Regisseur mit Shakespeare seinen Spaß treibt, kommt erst spät. Vorerst herrscht ein wenig Ratlosigkeit mit der Inszenierung von Sebastian Schug. Dabei hätte einem die Auswahl eines Klassikers wie „Romeo und Julia“, des Klassikers der Theaterliteratur schlechthin, bereits stutzig machen sollen. Eine Bühne wie das Landestheater Niederösterreich beweist damit ausgesprochen Mut. Ein Stück, das kaum noch Neues bieten kann, bei dem verzweifelte Regisseure schon vier Romeos und vier Julias auftreten ließen, um sich noch abzuheben, ist eine Herausforderung sondergleichen. Sie wurde angenommen wie der Zweikampf zwischen Mercutio und Tybalt und bis zum blutigen Ende ausgefochten.

 

Schug beweist darin, dass er das Werkzeug der Parodie ungemein subtil einzusetzen vermag. Er versteht es, den Zuschauer zu irritieren. Darf er jetzt lachen oder soll er weinen? Die Entscheidung ist nicht immer klar, fällt aber meist zugunsten der Heiterkeit aus.

Seyneb Saleh © Alexi Pelekanos

In „Shakespeare in Love“ stellt der Prinzipal der Truppe, nachdem ihm der Dichter das Ende dieses als Komödie geplanten Stücks erzählt, gallig fest: „Da wird sich das Publikum aber biegen vor Lachen.“ Beim Ableben des kurioserweise vollbärtigen Romeos (Tim Breyvogel) nach Einnahme des Giftes legt dieser eine Show hin, die gut gemeintes Gelächter auf den Rängen auslöst. Ganz anders Julia (Seyneb Saleh). Sie macht ihre Sehnsucht, zumindest im Tod bei ihrem geliebten Mann zu liegen, mit verzweifelten Versuchen, auf den Sarkophag hinaufzukommen, ernsthaft ergreifend spürbar.

Romeo und Julia Ensemble © Alexi Pelekanos

Die Liebe, die die zwei verbindet, schlägt tatsächlich ein mit Donner und Blitz, denen das bekannte Gewitter folgt, das schon viele Generationen von Theaterbesuchern mit Tränen überschwemmt hat. Mit ein paar bemerkenswerten Tricks wird der Verbrauch von Papiertaschentüchern erheblich gebremst. So ist Elzmarieke de Vos mit aufgepicktem Schnurrbart ein aufgedrehter Mercutio, der für Heiterkeit sorgt, wenn sie bzw. er den Zeitgenossen so richtig auf die Nerven geht.

Sie bzw. er gibt nicht einmal dann Ruhe, wenn sie bzw. er bereits tödlich verwundet ist. Tybalt (Emanuel Fellmer), sein Mörder, ist dagegen ein Bösewicht, wie er im Buche steht. Obwohl ihm Romeo nach der frevelnden Tat mehrfach Versöhnung anbietet, kann er nicht umhin, ihn zu attackieren, um letztlich in dessen Säbel zu rennen. Der Auftritt von Mercutio und Tybalt wäre damit bereits im ersten Teil erledigt, aber beide dürfen als Musiker weiterleben und noch mit etlichen Musiknummern das Geschehen untermalen. Auch Graf Paris ist eine Frau (Josephine Bloéb), die Verse hersagen muss, als hätte sie nie zu sprechen gelernt, und dafür die schuldigen Lacher erntet. Als Neutrum versucht Benvolio (Stanislaus Dick) Frieden zu stiften, scheitert aber am Hang zur Selbstzerstörung der anderen. Das ihren Rollen immanente Augenzwinkern beherrschen perfekt Helmut Wiesinger als Diener und Prinz, Johanna Tomek als Amme und Apotheker und Martina Spitzer als Mutter von Julia.

Thomas Bammer balanciert gekonnt einerseits den feindseligen Capulet und andererseits den gutherzigen Bruder Lorenzo durch diese Parodie. Von allen ist Tempo gefordert, Speed Dating und Speed Killing, schließlich sind die beiden Familien einander doch spinnefeind bis auf den Tod, dem William Shakespeare mit dieser Tragödie reichlich Ernte gegeben hat. Schön, dass man darüber auch schmunzeln darf, zumal man ja ohnehin weiß, dass die Geschichte mit Sicherheit traurig ausgehen wird.

Emanuel Fellmer, Elzemarieke de Vos © Alexi Pelekanos

Wichtiger Hinweis

Bis 31. Jänner 2018 wird Romeo und Julia im Niederösterreichischen Landestheater in St. Pölten gespielt und am 19. und 20. Dezember 2017 als Gastspiel an der Bühne Baden.

Dantons Tod Keyfoto © Landestheater Niederösterreich

DANTONS TOD Diskussionsrunde nach Büchners Drama

Michael Scherff, Silja Bächli, Bettina Kerl, Catherine Dumont, Tobias Artner © Alexi Pelekanos

Die Revolution frisst ihre redseligen Kinder

Georg Büchner ist im Alter von 23 Jahren verstorben und hat dennoch trotz seiner Jugend mit dem Drama „Dantons Tod“ die Lebensweisheit eines alten Philosophen bewiesen. Seine Protagonisten, allen voran die Hauptpersonen der Französischen Revolution Georges Danton und Robespierre, messen sich im verbalen Zweikampf, um ihre Ansicht von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu definieren. Die Argumente, mit denen sie für oder gegen die Herrschaft mit Gewalt sind, für oder gegen Kopf ab auf der Guillotine, für oder gegen den Glauben an Gott, sind auf beiden Seiten bestechend schlüssig. Die Handlung, sofern man von einer solchen sprechen kann, spielt sich in der Zeit vom 24. März bis zum 5. April 1794 ab, mitten in der Phase „der Schreckensherrschaft“. Robespierre und Danton gehören ursprünglich zu den radikalen Jakobinern, die im Kampf mit den gemäßigten Girondisten liegen. Um jedoch in den Wirrnissen dieser blutigen Tage einigermaßen die Übersicht zu behalten, empfiehlt sich vor dem Besuch  des Theaters die Lektüre einschlägiger Literatur.

Silja Bächli © Alexi Pelekanos

Erst dann ist man einigermaßen in der Lage zu verstehen, was Ausdrücke wie Wohlfahrtsausschuss, Nationalkonvent und Revolutionstribunal tatsächlich bedeutet haben und warum ausgerechnet Danton in Ungnade gefallen ist und enthauptet wurde. Büchner hatte den Durchblick, denn auch er war Revolutionär und konnte daher sowohl die Geschehnisse dieser Tage als auch die Gedanken der Beteiligten in einem wahren und für einen unbedarften Zuschauer schwer besteigbaren Textgebirge ausführen.

Silja Bächli, Tobias Artner © Alexi Pelekanos

Das Landestheater Niederösterreich hat trotz der zu erwarteten Schwierigkeiten „Dantons Tod“ auf den Spielplan gesetzt. Inszeniert hat Alia Luque, die sich zwar an Büchner gehalten, aber im Grund ein eigenes Stück auf die Bühne gebracht hat. Mit Texten von Louis Aragon, Rodrigo Garcia, Heiner Müller, Francis Picabia und einem kurzen Geschichtsunterricht wurde das Verstehen zwar erleichtert, ohne Kenntnis des historischen Backgrounds bleiben dennoch viele Fragezeichen offen.

Umgesetzt hat sie das Stück als Diskussionsrunde, zusammengestellt aus den Hacklern, die das berühmte Gemälde von Eugène Delacroix als kolossale Kopie am Hintergrund der Bühne montieren. Die fünf Damen und Herren im Blaumann spielen Revolution in verteilten Rollen, indem sie sich mit deutlichem Signal gegenseitig die jeweilige Figur zuwerfen. Tobias Artner, Silja Bächli, Cathrine Dumont, Bettina Kerl und Michael Scherff sind Danton, Robespierre und etliche andere der dort involvierten Revolutionäre. An sich sind sie mit dem Sprechen des komplizierten Textes ausgelastet, aber zum Spielen bleibt ihnen ohnehin nicht viel Gelegenheit. Richtig in Aktion treten sie erst, wenn sie Ende des ersten Teiles mit Vorschlaghammer und Messern Marianne auf dem Bild und der ohnehin kargen Bühnenausstattung brutal zuleibe rücken. Daran können auch die Violinkonzerte französischer Komponisten, die als beschwichtigende Klangtuchent das ganze Stück untermalen, nichts ändern.

Wenn man auch nicht alles mitbekommt, aber mit diesem Ausbruch von Zerstörungswut wird Revolution über die Rampe gebracht, genauso wie das Verständnis für den Satz von Dantons Gegner Saint-Just: „Ist es denn nicht einfach, dass zu einer Zeit, wo der Gang der Geschichte rascher ist, auch mehr Menschen außer Atem kommen?!

Dantons Tod Keyfoto © Landestehater Niederösterreich

Wichtiger Hinweis

Bis 2. Dezember 2017 wird „Dantons Tod“ im Niederösterreichischen Landestheater in St. Pölten gespielt und am 24. Und 25. Oktober 2017 als Gastspiel an der Bühne Baden.

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