Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Klimt persönlich: Ein intimes Zwiegespräch von Person und Werk

Morgen Freitag Wiedersehen mein Herz

Den meisten seiner Zeitgenossen galt der Mensch Gustav Klimt (1862-1918) als verschlossen. Klimt ließ tatsächlich nur wenige, sehr Vertraute hinter die Mauern blicken, die er um sich aufgebaut hatte. Über die Gründe für diesen privaten Rückzug wurde schon viel geschrieben. Schließlich gilt Gustav Klimt als der bedeutendste österreichische Maler, dessen Werk weit über die Kunstszene hinaus bekannt ist und dem auch heuer weltweit anlässlich seines 150. Geburtstages gebührende Anerkennung gezollt werden wird.

 

Umso wertvoller ist deshalb der Beitrag des Leopold Museums, der sich der Person von Gustav Klimt widmet (bis 27.08.2012). Kaum ein anderes Haus bringt derartig ideale Voraussetzungen mit, um einem solchen Vorhaben auch gerecht werden zu können. Es kann auf einen einzigartigen Bestand von Meisterwerken zurückgegriffen werden, die nun gemeinsam mit seiner persönlichen Korrespondenz zu einer außergewöhnlichen Gesamtschau vereinigt wurden, kuratiert von Tobias Natter gemeinsam mit Peter Weinhäupl und Franz Smola.

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Panorama: Brief von Gustav Klimt in München an Emilie Flöge in Wien, 03.06.1897 (Poststempel) Privatbesitz

l.g.o.: GUSTAV KLIMT (1862-1918) Schönbrunner Landschaft, 1916, Privatbesitz

l.o.: Postkarte von Gustav Klimt an Emilie Flöge am Attersee,07.07.1908, Privatbesitz

l.u.: Postkarte der Wiener Werkstätte von Gustav Klimt in Wien an Emilie Flöge in Paris, 27.02.1909, Privatbesitz

l.g.u.: Postkarte von Gustav Klimt in Ravenna an Emilie Flöge in Wien, 02.12.1903, Privatbesitz

r.o.: H. BÖHLER Gustav Klimt und Emilie Flöge, um 1909, ÖNB/Wien

r.u.l.: GUSTAV KLIMT (1862-1918) Sitzende mit gerafftem Rock, 1910 © Leopold Museum

r.u.r.: GUSTAV KLIMT (1862-1918) Sich umarmendes Paar (Studie zum »Beethovenfries«), 1902 © Leopold Museum

Leiste: ANTON JOSEF TRČKA (1893-1940) Gustav Klimt (Detail), 1914 © IMAGNO/Austrian Archives, Wien

Titel: MORITZ NÄHR (1859-1945) Gustav Klimt mit Katze, 1912, Privatbesitz

Man staunt, wie mitteilsam Gustav Klimt sein konnte. Durch die gesamte Ausstellung führen Briefe, Postkarten und Ansichtskarten, die er an seine Lebensgefährtin Emilie Flöge geschrieben hat. Begleitet werden sie von persönlichen Zitaten des Künstlers, ausgewählten Bildern, Fotos und sogar Nachbauten von Seeufer und Vorraum des Ateliers. Heute wären diese Botschaften wohl bald verloren gegangen, da sie nicht per (Rohr-)Post, sondern mittels SMS gesendet worden wären. Aber auch das Papier war keine Garantie, da nach dem Ableben von Klimt ein Teil verbrannt wurde und er seinerseits Antwortschreiben offenbar nicht aufbewahrt hat.

 

Der erhaltene Rest ist dennoch beeindruckend. In knapper Formulierung hat Klimt darin Eindrücke von seinen Reisen festgehalten, seinem Befinden bei der Arbeit, wie in einem Brief an Marie Zimmermann vom 1. September 1899, dass ihm die Vollendung des Bildes „Ein Morgen am Teiche“ besondere Mühe mache. Es finden sich darin einfache Wetterberichte, zumeist dann, wenn ihn der Regen am Malen behinderte. Und es sind liebevolle Worte der Zuneigung, wie am 3.6.1897, wenn er an Emilie Flöge schreibt: „morgen Freitag Wiedersehen mein Herz...“

Die an sich nicht einfach lesbare Schrift des Künstlers wurde sorgfältig entziffert. Der Text wurde korrekt in Druck übertragen und neben den Originalschreiben aufgelegt. Als Ausstellungsbesucher wäre man wohl mit deren Lektüre überfordert. Es empfiehlt sich daher der Erwerb des opulenten Katalogs (ISBN: 978-3-85033-657-4, Preis € 39,90, Museumsausgabe), der neben fundierten Artikeln zur Person Klimts auch alle gezeigten Korrespondenzen beinhaltet, die in Ruhe genossen werden sollten.

 

Ein weiterer Grund, dem Besucher den Katalog nahezulegen, sind von Prof. Rudolf Leopold angekaufte Zeichnungen von Gustav Klimt, laut Prof. Elisabeth Leopold, nur die besten. Sie sind der höchstpersönliche Ausdruck des Künstlers, voller unverhüllter Erotik, spontaner Gedanken und Empfindungen, weitab von einem uns gewohnten Klimt. Sie stellen einen eigenen Anziehungspunkt der Ausstellung, und es ist einfach unmöglich, sich im Vorübergehen an diesem genialen Strich satt zu sehen.

 

Jubiläumsausstellung – 10 Jahre Leopold Museum

Wer sonst als Egon Schiele!

„Denken Sie nicht, empfinden Sie!“ so Elisabeth Leopold, ist der Schlüssel zur Ausstellung „Melancholie und Provokation“. Schiele kann man nicht mit dem Kopf erfassen, aber umso tiefer erleben, sich an jedem seiner gewaltigen Striche nicht satt sehen können, sich von seinen Farben irritieren lassen und ihm letztlich verfallen, wie der Gründer dieses Museums, Prof. Rudolf Leopold.

g.o.l.: Selbstbildnis mit Lampionfrüchten, 1912 Leopold Museum, Wien

g.o.r.: Bildnis Wally Neuzil, 1912 Leopold Museum, Wien o,: Schwarzhaariges Mädchen mit hochgeschlagenem Rock, 1911 Leopold Museum, Wien

u.: »Selbstseher« II (»Tod und Mann«), 1911 Leopold Museum, Wien

r.o.: Sitzender Männerakt (Selbstdarstellung), 1910 Leopold Museum, Wien

r.u.l.: RUDOLF SCHWARZKOGLER (Wien 1940 – 1969 Wien) 3. Aktion 1965, Abzug für Archivio Conz Verona 1972/73, Foto Ludwig Hoffenreich, 1965 Privatsammlung, Wien

r.u.r.: EGON SCHIELE (Tulln 1890 – 1918 Wien) Männlicher Akt mit langem Arm, 1910 Privatbesitz

r.g.u.: OSKAR KOKOSCHKA (Pöchlarn 1886 – 1980 Montreux) »Pietà«. Plakat für sein Drama »Mörder , Hoffnung der Frauen« in der »Internationalen Kunstschau 1909« Leopold Museum, Wien © VBK Wien, 2011

Leiste: Selbstbildnis mit hochgezogener nackter Schulter, 1912 Leopold Museum, Wien

Titelseite: Mädchen mit übereinandergeschlagenen Beinen, 1911 Leopold Museum, Wien

Rudolf Schwarzkogler (1940-1969) verbindet mit Schiele nicht nur die gleiche Anzahl an Lebensjahren, sondern auch die schonungslose Auseinandersetzung mit dem männlichen Körper. Aus der Zeit des Wiener Aktionismus stammen die Fotografien, auf denen Schwarzkogler seine Aktionen festgehalten hat. Diese Momentaufnahmen werden in der Ausstellung mit Bildern von Egon Schiele in Verbindung gebracht. Ungeheure Spannung ist das Ergebnis dieser Zusammenschau.

 

Weitere Dialogpartner Schieles sind Günter Brus und Elke Krystofek, der Wortkünstler und Sprachakrobat Franz Graf, die Regisseurin Claudia Bosse und der Tänzer Philipp Gehmacher.

 

Erschienen ist zur Ausstellung „Melancholie und Provokation“ ein umfangreicher Katalog, herausgegeben von Elisabeth Leopold und Diethard Leopold, erschienen im Christian Brandstätter Verlag 2011, Preis € 39,90.

Am 21. September 2001 wurde das Leopold Museum eröffnet. Man möchte es nicht glauben, dass es erst zehn Jahre her sind. Das markante weiße Gebäude im MuseumsQuartier ist längst ein wichtiger Schauplatz für Kunst vom 19. Jh. bis zur Gegenwart geworden und damit gleichzeitig eine Brücke über die immer wieder neuen künstlerischen Aufbrüche, die diesen Zeitraum bis heute bestimmen.

 

Am 22. September 2011, am Tag nach den Jubiläumsfeiern, wurde die Ausstellung „Melancholie und Provokation“, mit dem Untertitel „Das Egon Schiele-Projekt“, eröffnet. Man ist auf zwei Schienen unterwegs. Die eine ist die historische Betrachtung, kuratiert von Elisabeth Leopold. Diethard Leopold, der Sohn des Sammlerehepaares, setzt auf den Dialog von Gegenwartskunst mit Schiele.

Der Titel der Ausstellung verweist auf die Geisteshaltung Schieles vor allem in den ersten Jahren seines Schaffens. Deswegen wurde von Frau Leopold auch die erste „Kollektivausstellung“ des Künstlers vor genau 100 Jahren (1911, Galerie Miethke) an den Anfang gestellt. Bereits in diesen Gemälden, von denen noch einige gezeigt werden können, zeichnen sich eindringlich tiefe Melancholie und radikale Provokation ab.

 

Seinen Werken wurden Zeitgenossen gegenübergestellt, wie der um einige Jahre ältere Oskar Kokoschka. In einer Zeit, die vom Harmoniestreben des ausklingenden Jugendstils und dem Aufkommen der Wiener Werkstätte durchdrungen war, brach OK mit allen bis dahin gültigen formalen und inhaltlichen Übereinkünften – und faszinierte und beeinflusste damit entscheidend den jungen Egon Schiele.

Bausteine des Gesamtkunstwerks Orgien Mysterien Theater

Kunst Universum Hermann Nitsch

Gewaltige Schüttbilder in beeindruckender Hängung empfangen den Besucher im Unteren Atrium des Leopoldmuseums. Sie führen ihn in „Strukturen: architekturzeichnungen, partituren und realisation des o.m. theaters“ (bis 30.01.2012). Diese Arbeiten, entstanden aus dem Zufall der Aktion, sind das landläufige Markenzeichen von Hermann Nitsch (*1938), der vielerseits darauf reduziert wird; weniger aus böswilliger Ignoranz, denn aus mangelndem Wissen über einen der bedeutendsten Künstler der Gegenwart.

 

Sein Mensch erscheint immer offen, aufgerissen bis zum Gedärm, das auf den Fotos einer gemeinsamen Aktion mit R. Schwarzkogler (1965) in abstoßender Weise auf dem Körper liegt. Auf späteren Zeichnungen ist es Teil der Menschen, bis es sich in den Architekturzeichnungen selbständig gemacht hat. Nitsch siedelt diese seine Architektur unter der Erde an, in deren mystischem Bauch, da ihm das meiste der Gegenwartsarchitektur ein Gräuel ist.

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Panorama: »Das letzte Abendmahl«, A/P, 1983 Nitsch Foundation, Wien © VBK Wien, 2011

l.g.o.: Farbskala, 2005 Atelier Hermann Nitsch, Prinzendorf © VBK Wien, 2011

l.o.l.: Jubelnder Hermann Nitsch nach der Aufführung seiner „Ägyptischen“ am 4.7.2009 in Mistelbach

l.o.r.: 9. Sinfonie: Die Ägyptische, Partitur, 2009 Atelier Hermann Nitsch, Prinzendorf © VBK Wien, 2011

l.u.: Reliktegesamtinstallation Sammlung Eva-Maria und Dr. Rainer Neumann © VBK Wien, 2011

r.o.: Satyagraha, Mappe 4-teilig, E. A. (Auflage 1/35 – 35/35 + 10 E. A.), 2001 Nitsch Foundation, Wien © VBK Wien, 2011

r.u.l.: Oedipus Christus, 1987 The Duerckheim Collection © VBK Wien, 2011

r.u.r.: Architekturzeichnung, 1982 Atelier Hermann Nitsch, Prinzendorf © VBK Wien, 2011

Leiste: Schüttbild (3-teilig), 2003 (Ausschnitt) Atelier Hermann Nitsch, Prinzendorf © VBK Wien, 2011

Zu sehen sind weiteres Teile der Partitur der 9. Symphonie: Die Ägyptische, 2009; keine Notenblätter, sondern Millimeterpapier, auf dem die Dauer der Töne, Lautstärke und Tonsteigerungen aufgezeichnet sind. Die Interpretation obliegt den Musikern. Daran angeschlossen sind die Farbskalen, in denen Farbe „wie töne begriffen“ werden soll, oder eine Nachstellung des Asolo Raums, einer Sakristei mit (übermalten) Messgewändern in der Atmosphäre einer Krypta.

 

„wir graben uns in die eingeweide der erde“, sagt Hermann Nitsch. Diese eine Sentenz enthält und erklärt nicht nur viele der auch in der Ausstellung gezeigten Arbeiten, sondern umschließt – bis zu dem Punkt, an dem es um die intensive Gottsuche eine Hermann Nitsch geht – das gesamte Werk des Aktionisten, Malers, Zeichners, Theatermachers, Architekten, Farbenlehrers und Komponisten, und dessen Summe: das Orgien Mysterien Theater.

Katalog zur Ausstellung mit Abbildungen und Beiträgen u.a. von Hermann NItsch, Carl Aigner, Diethard Leopold, ISBN 978-3-85033-585-0, Preis € 39,90.


 

Neues Direktorium für das Leopold Museum

Tobias Natter neuer

museologischer Direktor

Als „maßgeschneidert“ bezeichnete der kaufmännische Direktor, Ing. Mag. Peter Weinhäupl, den neuen museologischen Direktor Dr. Tobias Natter. Der Vorarlberger ist u.a. promovierter Kunsthistoriker, geschätzter Ausstellungskurator, erfahrener Museumsdirektor (Vorarlberger Landesmuseum von 2006-2011) und Kulturmanager.


Seine Schwerpunkte decken sich tatsächlich haargenau mit denen des Leopold Museums: Jugendstil, Klimt, Kokoschka und vor allem Schiele. So gesehen dürfte die erfolgreiche Verwaltung des Erbes von Prof. Rudolf Leopold in besten Händen liegen – eine Zuversicht, die bei seiner Präsentation am 6. September 2011 auch Frau Dr. Elisabeth Leopold teilte.

Die Probleme, die von Natter zusammen mit der Ehr´ übernommen werden, sind sattsam bekannt: Geldmangel und Restitution. Verständlicherweise wollte sich der designierte Direktor dazu noch nicht konkret äußern. Man darf aber, ohne jetzt große Vorschusslorbeeren zu verteilen, in diesen Punkten seiner alemannischen Gründlichkeit und auffällig ruhigen Sachlichkeit vertrauen.

 

Die nächste Ausstellung „Melancholie und Provokation – Das Egon Schiele Projekt“ (23.09.2011-30.01.2012), zwar lange vor Natters Ernennung geplant, wird von der Öffentlichkeit trotzdem als Visitenkarte einer noch jungen Direktion wahrgenommen werden – bei aller Sympathie, die dem Leopold Museum an sich entgegengebracht wird, voraussichtlich durchaus wohlwollend.

 

Buch und Werkschau: Paul Nestlang – Unseen Strangers

„Ich mache keine Kunst,

 

ich male Meisterwerke“

Es sind starke Worte, mit der Paul Nestlang seine Arbeit definierte; stark vor allem deswegen, weil der Künstler dabei kaum 24 Jahre alt war. Seine Lebensdaten: geb. 1980, 1998 bis 2004 Studium an der Akademie der Bildenden Künste Wien, 2000 vernichtet er sein Jugendwerk, 2001 entsteht ein Zyklus von Radierungen, 2002 bis 2004 intensivste graphische und malerische Auseinandersetzung mit dem Thema Mensch, ab 2001 Ausstellungen, ab dem 20.3.2004 gilt er als verschollen und wird fünf Wochen später tot aus der Donau geborgen.

Alle Bilder dieses Artikels stammen aus dem Buch "Unseen Strangers"

g.o.r.: Selfportait # 1

l.o.: * Last Painting

r.: dancer # 1


 

Dass Paul Nestlang in dieser kurzen Schaffenszeit zu solcher Bedeutung gelangt ist, darf nicht zuletzt auf das Interesse von Prof. Dr. Rudolf Leopold zurückgeführt werden. Es war der untrügliche Blick des großen Sammlers für die gewaltige Kraft in den Bildern – zwischen 2003 und 2005 erwarb Leopold einige der wichtigsten Arbeiten des Künstlers – und vor allem eine gemeinsame Begeisterung. Beide waren große Verehrer von Egon Schiele. Leopold hat Schiele den ihm gebührenden Rang in der österreichischen Kunst des 20. Jahrhunderts verschafft. Paul Nestlang, der seine Maturaarbeit über Egon Schiele verfasst hat, teilte mit seinem Vorbild die Radikalität, tragischer Weise aber auch das zu frühe Eine seines Kunstschaffens.


Als sein eigentliches Lebenswerk gilt der Zyklus „Unseen Strangers“. Einige Hauptwerke daraus wurden anlässlich der Buchpräsentation am 25. Mai 2011 im Atrium des Leopold Museums gezeigt (zu sehen bis 14. Juni 2011).

„Unseen Strangers“ ist auch der Titel dieses Buches über Leben und Kunst von Paul Nestlang, erschienen im Christian Brandstätter Verlag Wien, herausgegeben von Mario Mündl und Gregor Auenhammer (ISBN 978-3-85033-515-7, Preis 99,- €).

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