Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Metamorphose, 1960 © Atelier Joannis Avramidis, Wien/Foto: Archiv Brusberg, Berlin

JOANNIS AVRAMIDIS Ein österreichisch-griechischer Bildhauer

Ausstellungsansicht, 2017 © Leopold Museum, Foto: Lisa Rastl

Baum und Mensch, eine Symbiose von Statik und Beweglichkeit

Seine Werke sind in der Öffentlichkeit präsent und auf den ersten Blick zu erkennen. Joannis Avramidis (1922-2016) hat seinen Figuren eine unverwechselbare Form verliehen, keine neue, er hat lediglich aus äußerer Gestalt und innerer Wesenheit eine einzigartige Harmonie geschaffen, die von seinen Skulpturen auf den Betrachter überfließt. In vielen seiner Werke gleitet der Blick über Rundungen, die in Wellen nach oben wachsen, wie in einem Baum, in dem sich das Menschliche, die Humanitas, widerspiegelt. Dazwischen wurden sie immer wieder auch zu Bandfiguren, in radikaler Vereinfachung, die Avramidis selbst als „das schlechthin ,Schöpferische´“ betrachtet. Er spricht in diesem Zusammenhang vom „Kampf zwischen einem abstrakten Vorgang ... und einem abstrahierenden Prozess.

 

Zeitlebens war das Studium der Natur der entscheidende Faktor in seiner Arbeit, wenngleich diese auf mathematischen Regeln und dem Prinzip der Konstruktion basiert.

Joannis Avramidis zwischen Bandfiguren im Atelierhof, 2012 © Foto: Robert Newald

Das Geheimnis liegt in der zentralen Achse, die dem Baum ebenso Stabilität verleiht wie dem menschlichen Kopf und ihn dennoch beweglich sein lässt. In Kopf IV (3 Stadien), einer Aluminiumkonstruktion, legt er seinen Zugang offen, indem beim ersten Stadium die Konstruktion sichtbar bleibt, lässt diese aber auch in Asymmetrischer Kopf (Kupfer) und sogar im Rhombus-Kopf aus Edelstahl durchscheinen. Noch deutlicher sichtbar werden seine Gedanken in den Zeichnungen, die zum Teil als Vorbereitung für eine dreidimensionale Arbeit dienten, genauso aber wie seine Gemälde selbstständige Kunstwerke sind.

 

Der emotionale Zugang zum Werk von Joannis Avramidis darf allerdings nicht mit zuviel Theorie verbaut werden. Das Wissen darum ist gut, muss sich aber dem Gefühl unterordnen, das sich bei einer Begegnung mit seinen Skulpturen unwillkürlich einstellt.

Gelegenheit zu diesen Empfindungen hat man bis 4. September 2017 im Leopold Museum, das mit der Retrospektive JOANNIS AVRAMIDIS eine noch zu Lebzeiten des Künstlers ausgesprochene Einladung ein Jahr nach seinem Tod erfüllt. Es handelt sich um die bisher größte Ausstellung mit rund 100 Exponaten aus allen Schaffensphasen, darunter 50 Skulpturen und mehr als 40 Grafiken und Gemälden. Direktor Hans-Peter Wipplinger sieht darin zu Recht eine längst fällige Würdigung des großen Einzelgängers, der „die Geschichte der modernen Skulptur in Österreich maßgeblich mitgeschrieben hat.

Kopf – Das Trojanische Pferd (Halbprofil), 1970 © Atelier Joannis Avramidis, Wien

CARL SPITZWEG Der strickende Wachposten, 1855 Foto Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

CARL SPITZWEG – ERWIN WURM Der Witz auf den zweiten Blick

CARL SPITZWEG Der Sonntagsspaziergang, 1841 Foto Salzburg Museum

„Lustige“ Geschichten aus dem alten und dem neuen Biedermeier

Carl Spitzweg, der Biedermeiermaler – wie soll sich der mit einem Künstler wie Erwin Wurm vertragen?! Dieser Meinung war auch Wurm, als er von Hans-Peter Wipplinger, Direktor des Leopold Museums, gefragt wurde, ob er, der Provokateur unserer Gegenwart, einen Dialog mit diesem Maler aus dem 19. Jahrhundert eingehen wolle. Wurm hatte offenbar wie so viele andere Zeitgenossen nicht genau genug auf die vordergründig reizenden Malereien Spitzwegs hingeschaut. Sie sind tatsächlich reines Biedermeier. Aber was war dieses Biedermeier wirklich? Es war nichts anderes als ein Rückzug, ein intelligenter Schutz gegen obrigkeitliche Beschränkungen des freien Denkens. Gegen die Zensur wurden Strategien entwickelt, um diese zu überlisten. Nach außen hin gab man sich wie gesagt bieder, lieblich und lustig. Die strengen Hüter von Staatsmacht und Moral wurden eingelullt in das wohlige Gefühl von Harmlosigkeit der Kunst.

ERWIN WURM Landadel Photo: Studio Erwin Wurm © Bildrecht, Wien, 2017

Nur die Eingeweihten hatten offenbar den entsprechenden Blick für die versteckten Botschaften, die sich über das verschrobene Gehaben der übrigen Mitmenschen mokierten. Die Künstler dieser Zeit lachten sich wohl einen Kropf, wenn diese anderen begeistert zu ihrer eigenen Verarschung applaudierten.

CARL SPITZWEG Eremit, Hühnchen bratend, 1841 Foto Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Carl Spitzweg (1808 – 1885) war ein Meister im Vernebeln bissiger Satire. Er schuf romantische Landschaften, die das Herz ins Freie zogen, und reizvoll verwinkelte Gassen in lieblichen deutschen Kleinstädten. Er bevölkerte sie mit freundlichen Menschen, die Blumen an ihre Geliebte überreichen, wie der arme Poet die scheinbar selbst gewählter Ärmlichkeit der Boheme vorziehen oder sonderliche Hobbys wie die Liebe zu Kakteen oder das Fangen von Schmetterlingen pflegen. Er verstand es aber auch, eben diese Personen auf ihren Charakter zu hinterfragen. Seine frommen Einsiedler sind durchwegs recht anlassige Trunkenbolde, die älteren Herrn Lustmolche, die ihr Geld für den Umgang mit jungen Damen hinausschmeißen und die Wachtposten, denen nach der Öffnung der damals unzähligen Grenzen fad geworden war, vertreiben sich die Zeit mit Stricken, Pfeife rauchen oder Fliegen fangen.

Jedes einzelne dieser Bilder Spitzwegs ist ein schonungslos ironischer Blick auf seine Zeit – und mit etwas Phantasie auch auf die Gegenwart.

 

Eben dort, im Heute, setzt Erwin Wurm sein Biedermeier an. Mit dem Einstieg durch das Narrow House erfährt man am eigenen Leib die Bedeutung von beengten Wohnverhältnissen. Alles ist da, die gemütliche Sitzecke, das saubere Bad und die praktische Küche, aber eben winzig klein, niedlich und wie man so sagt spießbürgerlich.

Bald darauf ragt riesiger Erdapfel phallisch aus der Wand und unter dem Motto „Hagestolz oder Zweisamkeit“ wölbt sich unübersehbar die Hose eines Kopflosen zur „Ärgerbeule“. Der Künstler selbst hat sich als eine Sammlung von Gurkerln porträtiert, und er gibt den Besucher Gelegenheit, sich mit philosophischen Büchern in einer One Minute Sculpture zu verwirklichen. Jedes einzelne Objekt ist eine Einladung zum Schmunzeln, auch der Jäger, der stolz mit Hund auf einem Tisch posiert. „Landadel“ nennt Wurm das Foto, das eine frappierende Ähnlichkeit zu den Waidmännern von Carl Spitzweg aufweist, der sich schon seinerzeit über die Begeisterung der Städter an der Jagd seine eigenen Bilder gemacht hat. Sie taumeln hilflos durch den Wald und schauen ängstlich durch dicke Brillen, während an der Seite das Picknick am Busen der Natur auf sie wartet. Köstlich! Möchte man sagen, und darf nur ja das Fragezeichen nicht vergessen, das im Titel der Ausstellung „CARL SPITZWEG – ERWIN WURM KÖSTLICH! KÖSTLICH?“ (bis 19. Juni 2017) ein ungemein wesentliches Satzzeichen darstellt.

ERWIN WURM Take your most loved philosophers, 2002 Foto Leopold Museum © Bildrecht, Wien, 2017
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