Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


FERDINAND HODLER, Blick in die Unendlichkeit | 1913–1916 © Privatsammlung, Foto: SIK-ISEA, Zürich

FERDINAND HODLER Schweizer Pionier der Wiener Moderne

Ferdinand Hodler, Genfersee mit Mont-Blanc bei Sonnenaufgang, 1918 © Kunstmuseum Solothurn

Die gewaltige Kraft der Todesgedanken, umgesetzt in einem Leben für die Malerei

Zwischen der Skepsis im jugendlichen Selbstbildnis bis zur melancholischen Landschaft des Genfersees erstreckt sich ein faszinierend breites Œuvre, das zu seiner Zeit über die Grenzen der Schweizer Heimat der Kunst kraftvolle Impulse gab. Ferdinand Hodler war diese Bedeutung keineswegs in die Wiege gelegt worden. Er kam 1853 in einem Berner Armenviertel zur Welt und begann nach dem Tod seiner Eltern mit der Lehre bei einem Dekorationsmaler. Die Herstellung von Souvenirlandschaften für Touristen brachte ihm nicht nur ein bescheidenes Einkommen, sondern verschaffte ihm offenbar auch das technische Rüstzeug, in entsprechender Weise an ein Gemälde heranzugehen. Die zufällige Begegnung mit dem Maler und Direktor der École des Beaux-Arts Barthélemy Menn im Genfer Musée Rath verhalf dem 18-jährigen zu einem Freiplatz an der Kunstschule, die Ferdinand Hodler fünf Jahre lang besuchte.

FERDINAND HODLER, Wilhelm Tell | 1896/97 © Kunstmuseum Solothurn

Ein Aufenthalt in Madrid mit Studien alter Meister im Prado lässt die Farbpalette Hodlers aufhellen, was sich aber schlagartig ändert, als 1879 der letzte von drei Brüdern an Tuberkulose verstirbt. Ein berührender Spiegel seines Befindens ist das Selbstbildnis von 1879/80, das einen jungen Mann vor einem dunklen Hintergrund zeigt, der sichtlich traurig am Betrachter vorbeischaut. Er wurde vertraut mit dem Tod, der für ihn zur eigentlichen Kraftquelle wurde: „Wenn du ihn aufnimmst in dein Wissen, in deinen Willen, das schafft die großen Werke! ... Das zu wissen, das verwandelt den Todesgedanken in eine gewaltige Kraft.

FERDINAND HODLER, Die Straße nach Evordes | um 1890 © Kunstmuseum Winterthur

Der Lebensmut war Hodler in diesen Tagen jedoch keineswegs abhanden gekommen. Er beteiligte sich an Wettbewerben, um auf sich aufmerksam zu machen und Preisgeld einzustreifen, das er bitter benötigte. Der Lohn für die Mühen der Bewerbungen stellte sich ein, zum Beispiel als Auftrag, den Waffensaal des Zürcher Landesmuseums mit einem neuartigen Entwurf für ein Historienbild zu gestalten. Seinen ersten Auftritt in Wien hatte Hodler 1899 in der Wiener Secession. Es folgten weitere Beteiligungen an Ausstellungen in Wien, bis 1904 in der XIX Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Österreichs der durchschlagende Erfolg eintrat. Unter den 31 Gemälden von Hodler befand sich auch das Monumentalgemälde „Wilhelm Tell“, das die Besucher durch den auf sie zustürmenden Schweizer Nationalhelden bis heute zutiefst beeindruckt. Der Maler selbst durfte über Einkünfte aus dem Verkauf seiner Bilder jubeln: „Die Wiener haben mir nun aus dem Dreck herausgeholfen!

Seine Wiener Kollegen sahen in Ferdinand Hodler zu Recht ein Vorbild. Gustav Klimt, Koloman Moser, Carl Moll, aber auch Oscar Kokoschka und Egon Schiele waren von der expressionistischen Arbeitsweise des Schweizers angetan und nahmen die darin enthaltenen Anregungen in ihr Werk auf. So erklärt sich auch der Titel der Ausstellung „FERDINAND HODLER Wahlverwandtschaften von Klimt bis Schiele“, die bis 22. Jänner 2017 im Leopold Museum zu erleben ist.

Sie umfasst rund 100 Gemälde und über 50 Arbeiten auf Papier aus allen Schaffensphasen, beginnend mit einem Selbstporträt aus dem Jahre 1873, setzt sich fort über Landschaften, die durch ihren immensen Gefühlsausdruck den Betrachter in sich hinein ziehen, Kolossalgemälden der Moderne und Werken, die bei seinen Wienaufenthalten entstanden sind, bis zu einem überaus berührenden Zyklus, in dem er mit einer Reihe von Zeichnungen von seiner sterbenden Geliebten und Muse Valentine Godé-Darel Abschied nimmt. In den letzten Jahren seines eigenen Leben beschäftigt ihn der Blick von seinem Fenster aus auf den Genfersee mit dem Mont-Blanc im Hintergrund, der immer wieder mit langsam sich verdunkelnden Farben umgesetzt wird. Am 19. Mai 1918 stirbt Ferdinand Hodler in Genf im Alter von 65 Jahren nach einem Leben, dem das Wissen um den Tod, wie er es selbst gesagt hat, „einen vollkommen anderen Rhythmus“ gebracht und ihm das Schaffen großer Werke ermöglicht hat.

Ferdinand Hodler, Bildnis Gertrud Müller, 1911 © Kunstmuseum Solothurn

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Der Rechtsweg aist ausgeshlossen.

Ausstellungsansicht © Leopold Museu, Wien/Foto: Lisa Rastl

ANTON KOLIG Kraftvolle Formen und leuchtende Farben

Kindergruppe beim Dominospiel, 1912, Muzeum Novojičínska Foto: Radek Pólach © Bildrecht, Wien 2017

Feinfühliger Berserker einer neuen Kunst

Jünglinge führen den Besucher des Leopold Museums in die Ausstellung „Anton Kolig“. Die Gemälde stammen aus nahezu allen Schaffensphasen des Künstlers. Aber auch in Aktzeichnungen ist er den Formen der jungen männlichen Körper nachgegangen, hat sie erforscht, deren Bewegungen studiert, ihr burschikoses Gehabe, aber auch deren Zärtlichkeit erfasst, die sein liebevoller Blick in deren Posen erkannt hat. Die Blätter, zu sehen im zweiten Untergeschoss des Hauses, sind mehr als Skizzen für die Gemälde, die den männlichen Körper in ungewöhnlich kraftvollen Farben unmittelbar auf den Betrachter zukommen lassen. „Sehnsucht“ nennt sich ein unvollendetes Werk aus 1921. Der kniende junge Mann streckt seine Arme nach vorne, seine Augen sind geschlossen und verleihen dem Gesicht Entrücktheit. Ein Mädchen, möglicherweise das Objekt seines Wollens, ist nur mit ein paar Strichen angedeutet und hockt in der rechten unteren Ecke des Bildes. Kolig befand sich damals in Kärnten. Er war nach dem Krieg, wo er in den letzten Jahren als Kriegsmaler in der Hauptsache Porträts von Generälen und Kameraden angefertigt hatte, wieder nach Nötsch, dem Heimatort seiner Frau Katharina, zurückgekehrt.

Anton Kolig, „Sehnsucht“ (unvollendet), 1921, Belvedere, Wien © Bildrecht, Wien 2017

Es mag verwundern, dass ein Maler, der mit Egon Schiele Mitglied in der Neukunstgruppe gewirkt und für eine Ausstellung des Hagenbundes ein Plakat gestaltet hatte, sich in die Einsamkeit weit weg von Wien zurückzog. Einer der Gründe war gewiss die Bekanntschaft mit zwei Künstlern aus Nötsch: Sebastian Isepp und Franz Wiegele, der Bruder seiner Frau. Durch sie wurde dieser kleine Ort im Gailtal zu einem Kraftpunkt der Kunst, der heute noch unter dem Namen „Nötscher Kreis“ ein Begriff ist. Dass ihn ausgerechnet dort ein Bombardement am Ende des Zweiten Weltkrieges ereilen sollte, nimmt sich wie ein bitterer Treppenwitz der Kunstgeschichte aus. Er überlebte verschüttet den Angriff, die Kraft war ihm dadurch jedoch abhanden gekommen. Kolig (geb. 1886 in Neutitschen, heute Nový Jičín) arbeitete bis an sein Lebensende 1950 weiter, den Fokus auf religiöse Themen gerichtet, mit einer vollkommen neuen Formensprache, die kaum mehr die ursprüngliche Energie seines Striches erkennen lässt.

Anton Kolig, Männlicher Akt am Bauch liegend © Bildrecht, Wien 2017

1944, also ein Jahr vor dem Abwurf der ersten Atombombe, hatte Kolig visionär diese Katastrophe vorausgesehen. Auf dem Bild zeigt der Maler mit mahnendem Zeigefinger nach oben, wo ein schwarzer Adler Ganymed in den Himmel trägt. Das Schöne verlässt die Welt. Ein Jahr vorher war er als Professor in Stuttgart zwangspensioniert worden, weil ihm, den an sich unpolitischen Menschen, die Situation mehr und mehr unangenehm geworden war. Die Fresken, die er mit seinen Studenten 1929 in einem Saal des Landhauses in Klagenfurt geschaffen hatte, waren 1938 von den Nazis zerstört worden und 1937 das Gemälde „Flora“ aus der Ausstellung Deutsche Kunst in München auf persönliche Anweisung Adolf Hitlers entfernt worden. Wie ein Künstler, der ein Wandmosaik für das Salzburger Festspielhauses geschaffen und das Wiener Krematorium künstlerisch gestaltet hatte, diese vernichtenden Rückschläge ertragen konnte, ist nur zu erahnen.

Hilfestellung bei dieser Suche nach dem inneren Zustand des Malers könnte das Stillleben in memoriam Franz Wiegele aus 1946 bieten. Im Zentrum liegt ein Totenschädel mit aufgerissenem Mund, als wolle er die Verzweiflung über den Tod an sich, aber auch über das Ableben einer Reihe von Lieben bei dem verheerenden Bombenangriff laut anklagen.

Anton Kolig mit zwei Aktmodellen in seinem Atelier © Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Das Leopold Museum widmet Anton Kolig bis 8. Jänner 2018 eine Ausstellung mit rund 60 Gemälden und 50 Arbeiten auf Papier. Kurator ist Franz Smola, der sowohl auf eigene Bestände des Museums als auch auf die des Belvedere in Wien und dem Museum Moderner Kunst Kärnten in Klagenfurt zurückgreifen konnte. Die letzte derart unfangreiche Ausstellung wurde am 15. September 1948, also noch zu Lebzeiten von Anton Kolig, vom damaligen Bundespräsidenten Theodor Körner persönlich eröffnet.

Es mussten fast sieben Jahrzehnte vergehen, bis man einen der bedeutendsten Künstler Österreichs wieder entsprechend würdigt. Stolz schreibt Direktor Hans Peter Wipplinger im Prolog des Kataloges: „Die Ausstellung im Leopold Museum kann für sich in Anspruch nehmen, nach langer Zeit wieder alle wichtigen Werke von Anton Kolig zu versammeln.

Gemeint sind damit etwa die beiden Fassungen des „Großen Knienden“ oder das großformatige Familienbild von 1928 und die beiden nicht vollendeten Gemälde „Die Malerfamilie“ und „Die Werkstatt des Malers“, die aus Privatbesitz beigesteuert wurden. Entstanden ist damit ein faszinierender Überblick über das Werk eines expressionistischen Malers, der wie kaum ein anderer die Kraft eines Berserkers mit ungemein zartem Gefühl, das seine Bilder ausstrahlen, verbinden konnte.

Anton Kolig, Stillleben, 1912, Wien Museum © Bildrecht, Wien 2017
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