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Das „süße Mädel“ Wally, ein wesentlicher Teil von Schieles Kunst

Egon Schiele, Bildnis Wally Neuzil, 1912 © Leopold Museum, Inv. 453

Modell, Muse, Wirtschafterin und Lebensgefährtin: Eine Ausstellung als Würdigung

Man braucht den Hintergrund gar nicht zu kennen, um auf der aquarellierten Bleistiftzeichnung „Die Orange, das einzige Licht“ vom 19. April 1912 das geheimnisvoll berührende Leuchten zu spüren. Wally Neuzil hatte bei einem ihrer regelmäßigen Besuche im Gefängnis von Neulengbach ihrem Egon die Orange mitgebracht. Schiele war zutiefst gerührt und notierte in seinem Gefängnistagebuch: „Ich habe das Lager in meiner Zelle gemalt. Mitten im schmutzigen Grau der Decke eine glühende Orange, die V. gebracht hat, als das einzig leuchtende Licht im Raum.“ Schiele war in Untersuchungshaft gekommen, da er wegen „Entführung“, „Schändung“ und „Verletzung der Sittlichkeit“ angeklagt war.

Egon Schiele, Kardinal und Nonne ("Liebkosung"), 1912 © Leopold Museum, Wien

Wally Neuzil (geb. am 19. August 1894 als Walburga Pfneisl in Tattendorf) hatte Schiele vermutlich am Beginn des Jahres 1911 kennengelernt. Sie war erst 16 Jahre alt, aber bereits als Modell in Wien tätig. Im Gegensatz zu den zahlreichen Modellen, die Schiele für seine Arbeit benötigte, sich aber in diesen Tagen oft nur schwer leisten konnte, blieb Wally bei ihm. In kurzer Zeit spielte sie eine Schlüsselrolle im Leben des Künstlers und – vielleicht ist es nur eine kühne Vermutung – verhalf dem Maler zu seiner künstlerisch produktivsten Phase. Sie war ihm nicht nur bevorzugtes Modell, sondern auch eine Art Haushälterin, die gleichzeitig seine wirtschaftlichen Angelegenheiten in Ordnung zu halten versuchte.

Vor allem war sie eine treue Lebensgefährtin, die auch dann eisern zu ihm hielt, wenn er in Krumau wegen seines freien Lebensstiles angefeindet wurde und in Neulengbach sogar im Gefängnis landete. Das Loblied auf Schieles ergebene Muse ließe sich beliebig fortsetzen, vor allem mit ihrer Toleranz, die sie den anderen Mädchen im Atelier entgegenbrachte. Sie waren aus dem gleichen Grund wie sie zu Modellen der Maler geworden. Alle die „süßen Mädel“ entstammten den unteren Gesellschaftsschichten, die sich mit ihren jugendlichen, teils noch kindlichen Körpern verdingten. Prüderie war bei dieser Tätigkeit nicht gefragt.

 

Die Beziehung zwischen Wally und Schiele hielt nur wenige Jahre. Am 16. Februar 1915 schrieb Egon Schiele an seinen Förderer Arthur Roessler: „Habe vor zu heiraten, - günstigst, nicht Wal vielleicht.“ Es kam zu einem tränenreichen Abschied. Wally Neuzil lässt sich zur Krankenpflegerin ausbilden und arbeitet in verschiedenen Kriegsspitälern. Am 25. Dezember 1917, also noch während des Ersten Weltkrieges, stirbt sie 23-jährig an Scharlach. Begraben ist sie am Friedhof in Sinj (Dalmatien).

Egon Schiele | Frau in Unterwäsche und Strümpfen (Wally Neuzil) | 1913 © Vermittlung Christie‘s

Durch die Gemälde von Egon Schiele ist Wally unsterblich geworden und es war hoch an der Zeit, ihr, der im Grund Unbekannten und doch so Wichtigen in Schieles Werk, eine Ausstellung, besser, eine Würdigung zu widmen. Das Leopoldmuseum konnte dazu natürlich auf eigene Bestände zurückgreifen, um in einer emotional eher zurückgenommenen Ausstellung das Leben dieser Frau zu zeigen. Sie war in allen ihren Lebensstationen ein Spiegelbild der sozialen Verhältnisse ihrer Zeit, aber sie hatte eine Faszination, die uns nur ein Egon Schiele übermitteln konnte. Diethard Leopold, einer der Kuratoren der Ausstellung „WALLY NEUZIL. Ihr Leben mit EGON SCHIELE“ (bis 01.06.2015), hat dafür im Vorwort des Kataloges eine Erklärung formuliert. Für ihn ist es „ihr eigentümlich zurückhaltender, still forschender Blick; ihre hellen, offenen Augen, die nichts und niemand den Weg versperren; und das Licht, das durch sie fällt.

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