Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Masken aus Mali, Ausstellungsansicht

„Fremde Götter“ und die Kunst scheinbar ferner Kulturen

Dogon, Mali, Picoreur Maske

Die Kraft afrikanischer Geister und Ahnen für die Revolution der europäischen Kunst

Blicke begegnen einander, die einen fragend nach dem Geheimnis im Gesicht gegenüber, die anderen mit dem Selbstbewusstsein ihrer tiefen kultischen Bedeutung. Besucher und Ausstellungsstücke versuchen zueinander zu finden. Es sind keine der üblichen Objekte, die sich einfach bestaunen bzw. bewundern lassen, vielmehr entwickeln sie ihr eigenes Leben und lassen offen den Widerspruch gegen respektloses Begaffen spürbar werden. Zu groß ist ihre Würde, um sich als ethnografische Kuriositäten einordnen zu lassen, als Schöpfungen von „Primitiven“, wie sie über Jahrhunderte bezeichnet wurden. Es handelt sich um afrikanische und ozeanische Masken, wie sie derzeit im Leopold Museum in Wien unter dem Titel „FREMDE GÖTTER“ zu erleben sind. Es sind die Abbilder, mehr noch, die sichtbaren Vertreter der höheren Mächte, denen diese Menschen gehuldigt haben, von denen sie in ihren Ritualen Hilfe erbaten, ähnlich den Heiligenstatuen in unseren Kirchen. Ihr Aussehen war das Ergebnis einer über Generationen geprägten Fantasie, umgesetzt von kunstfertigen Schnitzern des jeweiligen Volkes.

 

Das Anderssein dieser Figuren und Masken ist faszinierend, erfordert jedoch ein Umdenken in unseren ästhetischen Mustern.

FRemde Götter Maske und Tanzaufsatz aus Kamerun Ausstellungsansicht

Paul Gauguin entdeckte bereits 1891 die Welt Ozeaniens als inspirierenden Ort für seine Kunst, allerdings nicht ohne die Enttäuschung, dass Christianisierung, Handel und Kolonialherrschaft bereits beträchtlichen Schaden angerichtet hatten. Ähnliche Erfahrungen machten der deutsche Expressionist Max Pechstein und Emil Nolde. In den Augen damaliger Ethnologen handelte es sich um „Naturvölker“, die im Aussterben begriffen waren. Also wurde im Namen der Wissenschaft „gesammelt“, was nicht selten in Raubzüge ausartete, um europäische Museen und Privatsammlungen zu füllen. Es nimmt sich aus wie ein Treppenwitz der Geschichte:

Dan, Elfenbeinküste, Deangle Maske

Aber gerade dadurch kamen auch Künstler, die die Alte Welt nie verlassen haben, in Kontakt mit der exotischen Formensprache. Mit ihren feinen Sensoren vermochten sie das Wesen hinter diesen Artefakten aus in jeder Beziehung fernen Mythen und religiösen Beziehungen zu erahnen. Pablo Picasso ist wohl der bekannteste Maler, der sich in seinen Werken intensiv damit auseinander zu setzen begann. So tragen der Kopf in „Nackte mit Stoffen“ (1907) und die Gesichter in „Mutter und Kind“ (1907) unverkennbar die Züge afrikanischer Masken. Auf dem gleichen Weg unterwegs waren in Frankreich Amedeo Modigliani und Constantin Brâncuși, während in Deutschland Mitglieder der Künstlergruppe „Die Brücke“ ihren beiden Pionieren Pechstein und Nolde folgten. Genauso war davon die Entwicklung der europäischen Kunst vom Dadaismus bis zum Surrealismus, von Max Ernst bis Paul Klee geprägt. In ihren Werken wurde versucht, die Spannung zwischen einer auf den ersten Blick verstörenden äußeren Erscheinung und dem mythologischen Hintergrund auszuloten, oder wie es André Breton formuliert hat, ein neues poetisches Kraftfeld erschließen.

Frau Elisabeth Leopold erzählte anlässlich der Eröffnung von „Fremde Götter“ eine reizende Geschichte. Mit ihren noch kleinen Kindern hatte das Ehepaar Leopold in München ein Museum besucht, wo afrikanische und die davon beeinflusste europäische Kunst gegenübergestellt waren. Auf die Frage von Rudolf Leopold an seine Kinder, was ihnen von beiden besser gefalle, deuteten diese zielsicher auf die originalen Masken.

Die Idee, europäische mit afrikanischer bzw. ozeanischer Kunst in einen Dialog zu setzen, wurde auch in der aktuellen Ausstellung verwirklicht. Direkte Gegenüberstellung wurde aber weitgehend vermieden. Der Besucher hat Gelegenheit, sich den in wunderschöner Architektur präsentierten Masken und Kultfiguren zu widmen und ein paar Schritte oder nur eine Kopfwendung weiter einem europäisches Pendant in Gestalt eines der Werke der oben genannten Künstler gegenüber zu stehen. Die Ouvertüre zu dieser spannungsgeladenen Wanderung zwischen den Kulturen bilden die Spiegelmasken des 1970 geborenen französischen Künstlers mit Wurzeln in Algerien Kader Attia. Sie verweisen auf die Ethnie der Dogon (Mali) und damit auf ihre symbolischen Urheber in Afrika.

Pablo Picasso Studie für den Kopf in Nackte mit Stoffen

Er selbst unterstreicht deren Bedeutung, wenn er schreibt: „Das Vergessen des grundlegenden Beitrags außereuropäischer Kulturen zur Moderne stellt eine Leugnung dar, die einer Reparaturmaßnahme bedarf“, zu der eine Ausstellung wie diejenige im Leopold Museum einen nicht zu überschätzenden Beitrag leisten kann.

Erschienen ist dazu ein umfangreicher Katalog. In einer Reihe von Aufsätzen unter anderem von Elisabeth Leopold über die Liebe zur Ursprürnglichkeit wird dieses umfangreiche Thema in verdauliche Portionen gegliedert und mit graphisch hervorragender Gestaltung zu einem anschaulichen Lese- und Schaubesuch dieser Ausstellung, die bis 9. Jänner 2017 im Leopold Museum in beeindruckender Weise eine Begegnung mit den bisher viel zu wenig beachteten Wurzeln des Expressionismus, oder besser gesagt, der Moderne in der europäischen Kunst ermöglicht.

Spiegelmaske, Kader Attia
Leopold Museum Logo 300

Statistik