Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Theodor von Hörmann Blühender Garten in Znaim um 1893 © Leopold Privatsammlung

Theodor von Hörmann, der unbekannte Meister des Lichts

Theodor von Hörmann Biergarten in Dachau um 1892 © Museum im Ballhaus Imst

Ein Impressionist mit der Akkuratesse eines Offiziers

Auf den Holzbänken und Tischen liegen braun gefärbte Blätter. Wo im Sommer lustig Bier getrunken wurde, ist der Herbst eingekehrt und mit ihm die Magie des rotbraunen Lichts. Es ist exakt dieser Moment der Stille eingekehrt, der Theodor von Hörmann zu einem Gemälde inspiriert hat. „Biergarten in Dachau“ ist 1892 entstanden und zeigt etwas weiter hinten den Maler, der scheinbar achtlos seine Staffelei mit dem begonnenen Bild im Vordergrund abgestellt hat, um sich im raschelnden Laub ein wenig die Beine zu vertreten.

Theodor von Hörmann Blumenmarkt an der Madeleine IV um 1889 © Leopold Museum, Wien

Man will in diesen Gastgarten eintreten, ganz leise, um den Künstler nicht zu stören, aber gemeinsam mit ihm die warmen Strahlen der vom verbliebenen Laub abgedeckten Sonne zu genießen. Vielleicht lässt er sich doch ablenken, spricht er den Besucher an, erzählt ihm von seinem ungewöhnlichen Werdegang als Maler und von seiner Freude am Licht, das er mit leichtem Pinsel an Ort und Stelle festzuhalten versteht.

Thedor von Hörmann Tümpel im Buchenwald 1892 © Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck

Theodor von Hörmann (1840 – 1895) hat tatsächlich eine äußerst unübliche Karriere als Künstler vorzuweisen. Er wurde in der Genie-Schulkompanie in Krems an der Donau zum Offizier ausgebildet, wobei bereits damals sein großes Interesse der Beobachtung des Geländes und dem Vermessen der Landschaft mittels Perspektive und linearer Begrenzung gegolten hat. Sein zeichnerisches Talent war bei der Armee offenbar erkannt worden. Ab 1867 unterrichtete er an der Kadettenschule in Wien unter anderem das Fach Freihandzeichnen.

Hörmann selbst fertigte in diesen Jahres bereits erste Ölbilder. Eine Ausbildung an der Akademie der bildenden Künste in der Klasse des Landschaftsmalers Eduard Peithner von Lichtenfels und später beim Historienmaler Anselm Feuerbach dauerte jedoch nur drei Jahre. Die akademischen Vorgaben dürften nicht seinem Bedürfnis entsprochen haben, das Licht einzufangen und in seinen Bildern dem Betrachter sichtbar zu machen.

Eine Reise an den Plattensee brachte Theodor von Hörmann mit dem ungarischen Maler Géza Mészöly in Kontakt, einem frühen Impressionisten. Arbeiten in der Natur entstanden: Seenlandschaften, Fischerdörfer und Bauernhöfe. Sie verbinden Ruhe und Harmonie, die sich am deutlichsten in der „Schweineherde bei Gödöllö“ abzeichnet. Entspannt liegen die Tiere in der Puszta, gelassen beobachtet sie der eine Pfeife schmauchende Hirte und dessen auf einer Flöte spielender Begleiter. Man könnte dagegen sagen, dass es sich um Idylle handelt, um ein geschöntes Bild des Landlebens.

Theodor von Hörmann Sommer im Garten, Znaim um 1893 © Leopold Privatsammlung

Solcherlei Kritik vergisst man aber gerne zugunsten des Genusses, den das Betrachten von Hörmanns Bildern zu schenken vermag.

 

Gemälde der Maler der École de Barbizon, die 1873 anlässlich der Wiener Weltausstellung gezeigt wurden, erregten naturgemäß das Interesse Hörmanns. 1884, nach der Heirat mit Laura Bertuch und einer damit verbundenen Erbschaft hatte er finanzielle Unabhängigkeit erlangt. Aus dem Offizier wurde ein Künstler. 1886 übersiedelte er mit seiner Frau nach Paris, wandelte auf den Spuren seiner Vorbilder in Fontainebleau und setzte sich an den Schauplätzen der französischen Pleinairmalerei mit den Impressionisten auseinander.

In Paris, wo er am Boulevard Montparnasse wohnte, hielt er unter anderem den Bau des Eiffelturms fest, brachte einen Blumenmarkt auf der Leinwand zum Leuchten und trieb sich malend an der Seine herum.

 

1890 verließ Hörmann Frankreich und zog sich in das Städtchen Znaim zurück. Dort konnte er seinem Kredo „Wir wissen längst, dass die im Freien gemalte Skizze oft zehnmal besser ist als das danach im Atelier componierte Bild“ , aber auch seinem Wunsch nach Richtigkeit huldigen. Hörmann schuf Gemälde wie „Sommer im Garten“, eine Serie von Farben glühenden Esparsettenfeldern und das eigentümlich berührende Bild „Des Kranken Morgenfreude“, auf dem hinter einem blühenden Garten eine Lokomotive fröhlich weißen Rauch aufsteigen lässt.

Theodor von Hörmann Der Neue Markt in Wien 1895 © Privatbesitz

In Wien wurde ihm die Anerkennung verweigert. Anders in München, wo Hörmann 1891 mit den secessionistischen Ideen der Maler Fritz von Uhde und Ludwig Dill und deren Kolonie in Dachau bekannt wurde. Trotzdem zog es ihn verstärkt nach Wien. Nach einer Sizilien-Reise verschlechterte sich sein Gesundheitszustand, den auch ein Kuraufenthalt in Bad Gleichenberg nicht verbessern konnte. Viel zu früh verstarb Theodor von Hörmann in Graz am 1. Juli 1895.

 

Sein malerisches Werk schien vergessen, anders ist es nicht zu erklären, dass es rund 120 Jahre gedauert hat, bis ihm in Österreich eine Einzelausstellung gewidmet wurde.

Bis 29. August 2016 sind nun im Leopold Museum 80 Werke unter dem Titel „Von Paris zur Secession“ zu erleben. Zusammengestellt wurde die Ausstellung von Kuratorin Marianne Hussl-Hörmann, die neben den zum guten Teil in Privatbesitz befindlichen Gemälden auch der Person des Offiziers und Künstlers mit Fotografien, Autographen und Werken von Zeitgenossen Hörmanns ein sowohl umfangreiches als auch berührendes Erinnern gestaltet hat.

Theodir von Hörmann Der Maler im Blumengarten (Selbstbildnis) um 1891/92 © Tiroler Landesmuseum

Ausstellungsansicht 2, Wilhelm Lehmbruck. Retrospektive © Foto: Lisa Rastl, 2016

Wilhelm Lehmbruck, Berlinde De Bruyckere – Skulptur

Berlinde De Bruyckere, Suture © Leopold Museum, Wien

Ein „verwundeter Genius“ und vernähte Körper

Zwei auf den ersten Blick so grundverschiedene Künstler unter einen Hut zu bringen, ist dem Leopold Museum mit den Ausstellungen Wilhelm Lehmbruck, eine Retrospektive (bis 04.07.2016), und Berlinde De Bruyckere, Suture (bis 05.09.2016) eindrucksvoll geglückt. Vor allem im Fall von Lehmbruck konnte man sich auf eine große Erfahrung mit maßgeblichen Künstlern des anbrechenden 20. Jahrhunderts stützen. So dürfte es für Hans-Peter Wipplinger, dem neuen museologischen Leiter, kein Problem dargestellt haben, einem hierzulande weitgehend Unbekannten die „bisher umfassendste Retrospektive in Österreich“ auszurichten. Als Kurator lässt er bei dieser Wahl keinerlei Zweifel aufkommen, dass es sich bei Wilhelm Lehmbruck (1881* in Meiderich bei Duisburg – 1919+ in Berlin) um einen der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts handelt, und bezeichnet Lehmbruck als einflussreichen Erneuerer und Wegbereiter der modernen europäischen Bildhauerkunst.

Ausstellungsansicht 4, Wilhelm Lehmbruck. Retrospektive © Foto: Lisa Rastl, 2016

Rund 50 Skulpturen und circa 100 Gemälde, Zeichnungen und Radierungen bieten einen detaillierten Einblick in das Schaffen von Wilhelm Lehmbruck. Gleichzeitig wird damit dessen viel zu kurzes Leben umrissen und die Gründe für seinen Freitod am 25. März 1919 aufgezeigt. Treffend ist für ihn der poetische Ausdruck „verwundeter Genius“, für seine körperlichen Leiden und die seelische Erschütterung, ausgelöst unter anderem durch die Zurückweisung Elisabeth Bergners und den Kriegstraumata als Folge seines Einsatzes als Kriegsmaler und Sanitäter in einem Lazarett.

Ausstellungsansicht 3, Wilhelm Lehmbruck. Retrospektive © Foto: Lisa Rastl, 2016

Daran konnte auch späte Anerkennung mit der Aufnahme als Mitglied in die Preußische Akademie der Künste nichts ändern. Nahezu symptomatisch erscheint die Ablehnung und Verhöhnung seines Werks durch die Nazis. Seine Skulptur „Kniende“ war zentraler Blickfang der Ausstellung Entartete Kunst in München.

 

Mit Sicherheit hätten seine Arbeiten für diese Retrospektive ausgereicht. Jede einzelne von ihnen zeigt in ihrer Weise das Suchen nach einer neuen Formensprache.

Teilweise ist sie nur angedeutet, wird mit den Jahren aber immer deutlicher, um sich zum Beispiel in der Skulptur „Emporsteigender Jüngling“ expressiv mutig von gewohnten Proportionen zu lösen und den Blick des Betrachters zu irritieren. In der Ausstellung werden Lehmbruck Werke von Zeitgenossen gegenübergestellt.

Sie waren wohl als Bereicherung gedacht. Durch ihre überwältigende Stärke drohen sie jedoch die Wirkung des Hauptthemas zu beinträchtigen. Gemeint sind damit Giganten wie Egon Schiele, Käthe Kollwitz, Ernst Barlach oder Joseph Beuys. Sie alle, mit „Fliegende Figur“ von August Rodin im Mittelpunkt, verwandeln diese Retrospektive für den Besucher in ein Wechselspiel von Skulpturen, Bildern und verschiedenen Positionen des künstlerischen Aufbruchs vor gut 100 Jahren.

Ausstellungsansicht 1, Wilhelm Lehmbruck. Retrospektive © Foto: Lisa Rastl, 2016

SUTURE ist auf Deutsch die Naht und bezeichnet die düsteren bis makaberen Körperfiguren und Zeichnungen der belgischen Künstlerin Berlinde De Bruyckere (1964* in Gent). Es handelt sich dabei um ihre erste Einzelausstellung in Wien. Die zwischen 2000 und 2003 entstandene Werkgruppe Aanééingenaaid (miteinander vernäht) bildet den Auftakt und macht deutlich, worum es De Bruyckere geht, nämlich um den menschlichen Körper in seiner rohen Schönheit und Verletzlichkeit, um Fragestellungen zu Leben und Tod, Schmerz und Leid, aber auch zu Liebe und Mitgefühl.

Der Realismus, der in aller Verfremdung ihren Figuren immanent ist, darf ohne Übertreibung als unheimlich bezeichnet werden, ein Gefühl, das durch die emotional spürbare Aufladung mit historischen und ikonografischen Verweisen verstärkt wird. Nicht nur für die Künstlerin ist der Mensch ist ein geschundenes Wesen – eine Wahrheit, die von Berlinde De Bruyckere aber in heilsam schockierender Weise deutlich gemacht wird.

BERLINDE DE BRUYCKERE, Inside Me II © C. die Künstlerin und Hauser & Wirth, Foto: Mirjam Devriendt

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