Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Gefährdete Hand 1932 © Alberto Giacometti Estate/Bildrecht, Wien 2014

ALBERTO GIACOMETTI, (mehr als ein) Pionier der Moderne

Eintauchen in den Kosmos Giacometti, um in Grenzbereiche unserer Wahrnehmung vorzudringen

Inge Morath, Alberto Giacometti in seinem Atelier 1958 © Alberto Giacometti Estate/Bildrecht, Wien

Andacht und Ehrfurcht, mit diesen beiden Begriffen lässt sich das Erlebnis beim Eintritt in die Ausstellung „Alberto Giacometti. Pionier der Moderne“ (bis 26. Jänner 2015) am treffendsten beschreiben. Hohe, Respekt gebietende Frauengestalten beherrschen den ersten Raum. Die Skulpturen scheinen von innen her zu leuchten. Erst wenn man den Schatten nachgeht, erahnt man den Grund für die Faszination, die sich von diesen schmal aufragenden Figuren auf den Besucher überträgt. Zum einen Teil ist es die geniale Beleuchtung und zum anderen sind es weiße Aussparung in der dunklen Wand dahinter, die noch ein Quäntchen Erhabenheit beitragen. Das sind die Werke, mit denen sich der Bildhauer Alberto Giacometti einen Platz unter den Größten seiner Kunst geschaffen hat. Dieser Giacometti kann nicht verwechselt werden.

 

Der 1901 in der italienischen Schweiz geborene Bildhauer hatte zu diesem kompromisslos existentialistischen Ausdruck der menschlichen Gestalt ab den 1940er Jahren gefunden.

Große Frau II 1960 © Alberto Giacometti Estate/Bildrecht, Wien 2014

Bis dahin war Giacometti, einfach gesagt, ein bedeutender und gesuchter Künstler gewesen. Aufwachsen durfte Alberto in einer der Kunst zugetanen Familie. Sein Vater Giovanni Giacometti war einer der bedeutendsten nachimpressionistischen Maler der Schweiz, der früh das Talent seines Sohnes erkannte und förderte. Sein Bruder Diego, ebenfalls künstlerisch tätig, blieb das ganze Leben an der seiner Seite und wurde neben der Mutter Annetta Stampa zu den am öftesten abgebildeten Modellen.

Frau mit durchgeschnittener Kehle 1932 © Alberto Giacometti Estate/Bildrecht, Wien 2014

Zum Studium zieht Giacometti nach Paris, lernt während seines Studiums an der Académie de la Grande Chaumière das pulsierende Kunstleben der Metropole kennen und stellt fest, dass ihm diese Stadt immer besser gefällt. Er erliegt gerne ihrer Anziehungskraft, erwirbt ein winziges Atelier und bleibt bis zuletzt sowohl der Stadt als auch seinem Atelier treu. Ein Film am Ende der Ausstellung gibt Gelegenheit, ebendort Giacometti dabei zuzusehen, wie er sich „Nacht für Nacht" einer Form nähert, die der Existenzialist Jean-Paul Sartre als Vordringen in die Grenzbereiche der Wahrnehmung erkannt hat.

Franz Smola und Philippe Büttner sind die Kuratoren dieser Koproduktion mit dem Kunsthaus Zürich und der Alberto Giacometti-Stiftung Zürich. Sie haben in der Gestaltung beste Voraussetzungen geschaffen, genussvoll in den Kosmos Giacometti eintauchen zu können. Die Ausstellung folgt dabei dem Leben des Künstlers und seinen immer wiederkehrenden künstlerischen Wandlungen. Er gerät in den Bann des Kubismus, erinnert sich später aber begeistert über den Kontakt zu den Surrealisten um André Breton: „Die einzige Künstlergruppe, wo etwas los war.“ Als Giacometti wieder realistisch zu arbeiten beginnt, kommt es dort zum Ausschluss (1935). Eine Radikalisierung der Proportion folgt und mündet in Giacomettis späten, nun der ganzen Welt vertrauten Skulpturen.

Annette 1951 © Alberto Giacometti Estate/Bildrecht, Wien 2014

Begleitet werden die Arbeiten des Künstlers von Fotos durchwegs bedeutender Fotografen. Sie ermöglichen eine, wie es seitens des Leopold Museums heißt, visuelle Annährung an die Person Alberto Giacomettis. Der reich illustrierte Katalog zur Ausstellung „ALBERTO GIACOMETTI. Pionier der Moderne“ ist zweisprachig (Deutsch/Englisch) und ist im Leopold Museum Shop um € 29,90 erhältlich.

 

„Trotzdem Kunst“ als wesentliche Erinnerung an den Ersten Weltkrieg

ALBIN EGGER-LIENZ 1868–1926 Der Totentanz (IV. Version), 1915 © Leopold Museum

Soldaten wie Schiele, Walde oder Egger Lienz malten den Krieg

Das Selbstporträt von Egon Schiele aus 1910 wurde zum Kriegsgott Mars verfremdet. Das in einem engen Rahmen gesperrte Gesicht ist aggressiv rot, darüber steht in Großbuchstaben DER RUF und darunter KRIEG. Ein Grafiker dieser Tage (1912) hat es für eine Apologie des Krieges missbraucht, für ein Heft, in dem das Blutvergießen und die Gewalt verherrlicht werden. Man konnte oder wollte nicht voraussehen, dass daraus die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ folgen würde, ein Weltenbrand, den viele der Begeisterten nicht überlebten. Wie Schiele in diese fragwürdige Gesellschaft geraten ist, wird in der Ausstellung „Trotzdem Kunst. Österreich 1914-1918“ (bis 15. September 2014) angedeutet. Es war ein Teil der Frühexpressionisten, die den Krieg „als ein das fade gewordene Dasein erweckendes Ereignis“ begrüßten.

 

Die Künstler erkannten bald nach Ausbruch des Krieges, was dieses Morden auf den Schlachtfeldern wirklich bedeutete.

EGON SCHIELE 1890–1918 »Kranker Russe«, 1915 © Leopold Museum, Wien, Inv. 3639

Sie waren zwar eingesetzt worden, um den Krieg in Bildern festzuhalten. Aber mehr und mehr wurden ihre Werke zu erschütternden Dokumenten des endlos andauernden verheerenden Wahnsinns. Bereits 1915 schuf Albin Egger-Lienz, der sich als Freiwilliger zum Dienst an der Front gemeldet hatte, den „Totentanz (IV. Version)“. In „Vorwärts stürmende Soldaten“, ebenfalls 1915, sind die Männer bereits blick- und namenlose Kampfmaschinen, die im „Finale“ (1918) als fahle Leichen den Boden bedecken. Ähnlich Alfons Walde: 1915 entsteht das Porträt eines schneidigen

ANTON KOLIG 1886–1950 Hauptmann Boleslavski, 1916 © Leopold Museum, Wien, Inv. 171 Bildrecht, Wien 2

„Kaiserschützen am Monte Piano“. 1919 ist die Erinnerung an ein Soldatengrab geblieben, festgehalten in einem zutiefst berührenden Gemälde dieser Ausstellung. So hatten sich die Generäle des Kriegsministeriums die Propaganda durch die besten Künstler der Monarchie bestimmt nicht vorgestellt, als sie 1914 das kaiserliche und königliche Kriegspressequartier gegründet hatten.

 

Hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges ist die Frage nicht unwesentlich, ob es während einer Zeit des Schießens und gegenseitigen Hassens Kunst geben konnte. Es gab Kunst, trotzdem, und sie war bedeutend, wie die Ausstellung im Untergeschoß des Leopoldmuseums mit rund 280 Objekten eindrucksvoll beweist. Schlachtengemälde, deren Wahrnehmung gefiltert durch die Seele des Künstlers wurde, Soldatenporträts oder

spontane Skizzen des Frontalltags oder einfach düstere Bilder aus dem „Hinterland“. Für Elisabeth Leopold, die wesentlich an der Gestaltung mitgewirkt hat, ist es „ein aufschreiender Appell gegen Krieg und Mord!“

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