Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


BERTOLD LÖFFLER 1874–1960 Packungsentwurf (Nr. 9) Dames 1928 (Detail) JTI Collection Vienna

„Flüchtige Schönheit“ zur Freude beim Rauchgenuss

GABI LAGUS MÖSCHL (AUCH: MÖSCHL LAGUS) Rummy, Entwurf für ein Deckelinnenbild 1928 JTI Collection

Heute undenkbar: Kunst und Tabak als gemeinsame Werbeträger

Anstelle der alten verzopften Päckchen mit ihrer missfarbenen Oberfläche und hässlichen Zierschrift finden wir heute wohlproportionierte Schachteln in leuchtendem Rosa, Gelb, Blau oder Schwarz-Gold…“, durfte in den 1920er-Jahren die Monatsschrift Deutsche Kunst und Dekoration jubeln. Man war begeistert von den Ergebnissen, die aus einem 1928 von der Österreichischen Tabakregie veranstalteten Wettbewerb hervorgegangen waren. Die Künstler des Landes, anzunehmender Weise waren viele von ihnen selbst passionierte Raucher, waren aufgerufen gewesen, ihr Schaffen in den Dienst der Verschönerung von Zigarettenpackungen und gleichzeitig der Werbung eines noch jungen, wenig selbstbewussten Österreich zu stellen. Mitglieder von Secession oder Hagenbund waren sich nicht zu gut, um von den lichten Höhen hehrer Kunst in die Niederungen wohlhonorierten Designs herabzusteigen.

25er-Packung Asta, mit Carry Hausers Deckelinnenbild »Strandbad Kritzendorf« 1928 © Bildrecht, Wien

25er-Packung Asta, mit Carry Hausers Deckelinnenbild »Strandbad Kritzendorf« 1928 JTI Collection Vienna © Bildrecht, Wien, 2015 Foto: Pedro Salvadore


 

Josef Dobrowsky, Anton Faistauer, Franz von Zülow, Albert Paris Gütersloh lieferten ebenso Entwürfe wie die Künstler der Wiener Werkstätte und des Werkbundes mit Gabi-Lagus Möschl oder Mathilde Flögl.

 

Rauchen war damals noch ein Zeichen für Kreativität, für Weltoffenheit und für Modernität.

Bildtext unter dem Foto

LUDWIG HEINRICH JUNGNICKEL 1881–1965 Rauchender Ziegenbock. Entwurf für ein Secessionsplakat 1910 Leopold Museum, Wien, Inv. 1953


 

Unvorstellbar in der heutigen Zeit, die das Rauchen ins Freie verbannt und auf seine Geruchsbelästigung reduziert. Keine Spur mehr vom ästhetischen Vergnügen, aus der eleganten Tabatiere ein Zigaretterl zu zupfen, dieses in einen Spitz aus edlem Bernstein zu stecken, mit einem formschönen Feuerzeug anzuzünden und den blauen Rauchkringeln Ideen suchend nachzusinnen. Damals könnte es im lustvoll verqualmten Atelier oder im noblen Salon so zugegangen sein: Man fand sich zusammen, um einen Abend lang gute Gespräche bei Cognac und Tabak zu führen und sich ganz nebenbei darüber zu unterhalten, welche neue Zigarettensorten auf den Markt gekommen sind und wie hübsch sich die jeweiligen Päckchen dazu ausnehmen.

Mit „Flüchtige Schönheit“ präsentiert JTI Austria mit „Kunst und Design der 1920er“ aus der eigenen Kollektion bis 29. Februar 2016 ein Stück Zeitgeschichte. Zum Beweis, dass Rauchen einst auch als Kulturäußerung geachtet wurde, werden neben einer Reihe hübscher „Tabak-Objekte“ die bereits erwähnten Kunstwerke vom Entwurf bis zur fertigen Zigarettenpackung gezeigt. Schauplatz dieser wohltuenden Rehabilitation von zu Suchtmenschen degradierten Rauchern ist das Leopold Museum, das in der Fülle seines eigenen Bestandes freundlicherweise auch für diese Kunst die passende Nische bereitgestellt hat.

Boildtext unter dem Foto

JOSEF DOBROWSKY 1889–1964 Waidhofen an der Ybbs, Entwurf für ein Deckelinnenbild 1928 JTI Collection Vienna © Bildrecht, Wien, 2015


 

95 Jahre später Sitz, 2014 (Detail) © Eigentum des Künstlers

SENGL MALT eine Hommage an das Leopold Museum

33 Tier-sucht 11 Obst, 2014 © Im Besitz des Künstlers

Traumhafte Verwirrungen in „eigenartigen und unverwechselbaren“ Bildern

Peter Sengl (geb. 1945) hat sich nie ein Blatt vor den Mund, pardon, vor den Pinsel genommen. Er hat stets das gemalt, was ihm seine Fantasie, sein Genie befohlen hat. Um Trends hat sich Sengl offenbar nie gekümmert, hat am Figuralem festgehalten, als jede erkennbare Darstellung als Affront gegen moderne Kunst verachtet wurde. Er hat in Farben geschwelgt und bizarre Geschichten erzählt, als es schon längst passé war, Kunst für Gemüt und Augen und nicht nur fürs Hirn zu machen. Er war geil auf den herzförmigen Arsch seiner Frau Susanne, die ihm für absurde Traumsequenzen Modell gestanden ist. Um sie herum lässt er Hunde, Katzen, Papageien oder Tigerköpfe durch tiefrote irreale Räume fliegen. Der Tod wird zum tanzenden Kavalier und ist deswegen keine Frau. Über all dem wurde nie der Humor vergessen, der jede noch so undenkbare Absonderlichkeit mit einem Augenzwinkern logisch macht.

Der Tod tanzt in Rot, Schwarz und Blau - Und ist auch diesmal keine Frau, 2002 © Im Bes. des Künstl.

Dabei ist es egal, ob es abgetrennte und durch hölzerne Prothesen ersetzte Gliedmaßen sind, eine ausgestopfte Kuh oder ein barockes Stillleben, in dem Affen auf einem fein gedeckten Tisch ihr Unwesen treiben. Sengls Malereien ergreifen brutal den Betrachter und lassen ihn nicht so schnell wieder los, zumindest nicht solange, bis der Rezipient den Künstler verstanden zu haben glaubt.

In Kuhkopf Schauen, 1989 © LENTOS Kunstmuseum Linz

„SENGL MALT“ ist der Titel der Retrospektive im Leopold Museum. Schlampig gelesen erinnern die beiden Wörter an schottischen Whisky, der erstens aus einer einzigen Brennerei stammt und für den zweitens ausschließlich gemälzte Gerste verwendet wird. Es handelt sich dabei um ein Prädikat, das nur an hochwertige Destillate vergeben wird. Insofern ist diese Verwechslung mit „Single Malt“ dem Künstler keineswegs abträglich. Die Werke von Peter Sengl sind tatsächlich „eigenartig und unverwechselbar“. Es sind durchwegs Essenzen moderner Kunst, die in ihrer Einzigartigkeit kaum Vergleichbares finden lassen.

Die Ausstellung, die eben dort zu seinem 70. Geburtstag ausgerichtet wurde (bis 8. Februar 2016), ist gleichzeitig eine tiefe Verbeugung von Peter Sengl vor einer Sammlung, in der Kunstgeschehen vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur jüngsten Gegenwart ausschließlich mit einem Best-of vertreten ist. Er hat sich dafür mit Bildern u. a. von Oskar Kokoschka, Egon Schiele, Albin Egger-Lienz oder Gustav Klimt auseinandergesetzt.

Es sind Kopien, ohne Kopien zu sein, denn der Künstler selbst sitzt in einem auffälligen Anzug bescheiden in einer Ecke des jeweiligen Bildes und macht es damit zum neuen, eigenständigen Geschöpf. Der Besucher darf raten, welches Vorbild für das jeweilige Werk Pate gestanden ist, denn nicht immer verrät der sonst vielsagende Titel den Meister der vom Jubilar verehrten Vorlage. „SENGL MALT“ ist damit nicht nur ein lustvolles Eintauchen in verwirrende Träume, sondern auch eine Einladung, sich mit einem Museum auseinander zu setzen, das auch einem Maler vom Kaliber eines Peter Sengl faszinierende Anregungen für sein jüngstes Schaffen zu geben vermochte.

Farblich zu Egger-Lienz Totentanz aussitzen, 2014 © AK Wien

CHRISTIAN ROHLFS Rote Cannas 1935 Osthaus Museum Hagen & Institut für Kulturaustausch, Tübingen

Megastars des deutschen Expressionismus vereint im „Farbenrausch“

GABRIELE MÜNTER Landschaft mit weißer Mauer 1910 Osthaus Museum Hagen & Inst. für Kulturaustausch

Die radikale „Kunstwende“ zur neuen Sprache der Formen und Farben

Um 1900 war die Gesellschaft Mitteleuropas gewaltigen Umwandlungen unterworfen. Landflucht hatte eingesetzt, die Städte wuchsen rapide. Der Zustrom an Menschen konnte kaum bewältigt werden. Es fehlte an Arbeit und an Wohnungen. Verunsicherung und Armut in einer nun neu zusammengewürfelten Bevölkerung machte sich breit. Früher als andere erkannten Künstler das Wetterleuchten, das ein Jahrzehnt später zur ersten großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts, dem Ersten Weltkrieg, führen sollte. Sie mussten sich von der bis dahin gepflogenen Malerei abwenden. Es wäre für sie wohl unerträglich gewesen, mit ihren Bildern nicht aufzuschreien, nicht Anstoß zu erregen, nicht kompromisslos genau das auszudrücken, was sie mit ihren Augen sahen. Der Schriftsteller, Kritiker und Galerist Herwarth Walden nannte es eine radikale „Kunstwende“, um sie zu definieren:

CONRAD FELIXMÜLLER Der Dichter (Detail) 1924 Privatsammlung © Bildrecht, Wien 2015

„Der Expressionismus ist keine Mode. Er ist eine Weltanschauung. Und zwar eine Anschauung der Sinne, nicht der Begriffe.“

ERNST LUDWIG KIRCHNER Künstlergruppe 1913 Osthaus Museum Hagen & Inst. für Kulturaustausch

Mäzene, Galeriebetreiber und mit ihnen das Publikum begannen die neue, so andere Ästhetik, mit der sie konfrontiert waren, allmählich zu verdauen. Der Sammler Karl Ernst Osthaus war einer der ersten, der die dem Expressionismus immanente Kraft erkannte. 1902 gründete er das in der westfälischen Industriestadt Hagen gelegene Folkwang Museum, das sich dieser Kunst zuwandte und sie quasi salonfähig machte. Nach einer Unterbrechung durch den frühen Tod von Osthaus wurde Ende der 1920er-Jahre die Sammlung wieder aufgebaut, überlebte die NS-Herrschaft und zählt heute mit Schwerpunkt deutscher Expressionismus und zeitgenössische Kunst zu den besten seiner Art.

Unter dem Titel „Farbenrausch. Meisterwerke des deutschen Expressionismus“ zeigt das Leopold Museum bis 11. Jänner 2016 30 Gemälde und an die 80 Papierarbeiten aller Hauptvertreter des deutschen Expressionismus und als Draufgabe, wie sie nur von diesem Haus geboten werden kann, in unmittelbarer Nachbarschaft Arbeiten ihrer österreichischen Kollegen. Werke von Emil Nolde, Franz Marc, Ernst Ludwig Kirchner, Lyonel Feininger, Alexej von Jawlensky, Christian Rohlfs u. a. sind zweifellos Publikumsmagneten, nicht zuletzt durch ihre intensiv bis grell prächtigen Farben und einem Formenrepertoire, das der heutige Betrachter längst zu schätzen und zu genießen gelernt hat.

Man sollte dabei aber nicht vergessen, wann und warum diese Bilder entstanden sind. Sie waren eine Auseinandersetzung mit den Umständen ihrer Zeit, mit bedrohlich sich aufbäumenden Städten und der Kälte zwischen deren Menschen. Die Natur wurde als Refugium gesucht, als Ausweg. Gefunden haben diese Maler aber sehr oft wieder nur düstere, dräuende Wolken. Erich Heckel hat in „Frühling in Flandern“ 1912 einen solchen Himmel über eine vom Krieg zerfetzte Landschaft gelegt und damit, man könnte sagen, ein Schulbeispiel für den Zugang zum deutschen Expressionismus geschaffen.

EMIL NOLDE Blumengarten, Frau im weißen Kleid en face 1908 © Nolde Stiftung Seebüll

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