Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Henriette Moos? Oskar Kokoschkas Alma-Puppe als Venus 1919 © Privatsammlung Courtesy Richard Nagy Ltd., London

Oskar Kokoschka. Das Ich (eines großen Unbekannten) im Brennpunkt

TRUDE FLEISCHMANN 1895–1990, Oskar Kokoschka und Olda Palkovská, London 1939 © Universität für angewandte Kunst Wien, Oskar Kokoschka-Zentrum

Fotos erklären Gemälde

 

Gemälde erklären Fotos

Bilder voller Ecken und Kanten, an denen sich die Augen schmerzhaft stoßen, bevor sie durch die ungestüm gesetzten Pinselstriche hindurch die tief empfundene Wirklichkeit dahinter erblicken; so kennt man die Werke von Oskar Kokoschka. Voller Ecken und Kanten ist auch das Gesicht dieses Künstlers. Es ist der Spiegel einer eigenwilligen Persönlichkeit, von der sich die Kunst des 20. Jahrhunderts wesentliche Impulse gefallen lassen musste. In seinem Fall waren es unsanfte Tritte exakt an die Stelle, an der man auch einen trägen Gaul in Bewegung setzt. Sie brachten ihm die Bezeichnung „Oberwildling“ ein, und Kokoschka wurde diesem Titel vollends gerecht. Malerei und Gesicht sind in seinem Falle eins, nahezu deckungsgleich, ob es sich um ein Selbstbildnis, um Porträts von Menschen und Städten oder ob es sich um eines der Fotos handelt, die wie bei kaum einem anderen Künstler sein Leben durchgehend illustrieren und erzählen.

OSKAR KOKOSCHKA, Selbstbildnis an der Staffelei, 1922 Sammlung Leopold II © Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2013

Kokoschkas Witwe Olda ist es zu verdanken, dass die wichtigsten dieser Fotos heute an einem einzigen Ort dauerhaft verwahrt sind. Der umfangreiche Foto-Nachlass des Künstlers befindet sich im Oskar Kokoschka Zentrum an der Universität für angewandte Kunst Wien und war Grundlage der Ausstellung „Oskar Kokoschka. Das Ich im Brennpunkt“ (bis 27. Jänner 2014).

Oskar Kokoschka, Salzburg 1950 © Foundation Oskar Kokoschka/VBK Wien

Die Auswahl der gezeigten Arbeiten wurde von den Kuratoren Bernadette Reinhold und Patrick Werkner von der „Angewandten“, sowie Tobias G. Natter und Franz Smola vom Leopold Museum getroffen. Mag. Johann Moser von BWM Architekten hat dazu ein „räumliches, begehbares Fotoalbum“ geschaffen und kleine Fotoformate mit mächtigen Gemälden Kokoschkas durch geschickte Trennung zu einer Ausstellung vereinigt.

Es wurde also das Beste dafür getan, um Oskar Kokoschka einem breiten Publikum nahezubringen. Es bleibt nur mehr die Frage, wie man eben dieses breite Publikum von der Wichtigkeit dieser Schau überzeugen kann. Kokoschka wird in Pöchlarn an der Donau, einer kleinen Stadt unweit von Melk, 1886 geboren. Er studiert an der Kunstgewerbeschule in Wien, der heutigen Angewandten.

1912 lernt er die junge Witwe Alma Mahler kennen und beginnt mit ihr eine heftige Liebesaffäre. Nach Kriegsausbruch 1914 meldet er sich zur Kavallerie und wird zwei Mal verwundet. Nach dem Zweiten Weltkrieg unterrichtet Kokoschka in Salzburg in der von ihm gegründeten „Schule des Sehens“ (1953-1963), 1955 entwirft er für die Salzburger Festspiele Bühnenbild und Kostüme für „Die Zauberflöte“ und wird auf Initiative von Bruno Kreisky 1974 wieder eingebürgert; oder bitterer, erst 1974, nachdem er als entarteter Künstler 1938 vor den Nazis fliehen hatte müssen.

 

Trotzdem waren lange Zeit weder sein Werk, noch seine Person in Österreich als heimisch betrachtet worden. Werke von Kokoschka waren zwar immer wieder in Großausstellungen zu sehen, in den meisten Fällen aber nur mit anderen Malern seiner Zeit. Man muss weit zurück blicken, um große Kokoschka-Retrospektiven in Österreich zu finden (Wiener Künstlerhaus 1958, Belvedere 1971). Das Leopold Museum schafft nun Raum für ein neues Verständnis dieses nach wie vor großen Unbekannten. Es zeigt ihn als Menschen und Künstler, der sich auf seine Weise mit dem Medium Fotografie auseinandersetzte. Er suchte die besten Ateliers auf, um sich ablichten zu lassen, und war dabei zweifellos gewisser Eitelkeit nicht abhold

o.: Oskar Kokoschka porträtiert Bürgermeister Theodor Körner im Wiener Rathaus, im Hinter- grund Kulturstadtrat Viktor Matejka, 1949 Universität für angewandte Kunst Wien Oskar Kokoschka-Zentrum

u.: Bundespräsident Theodor Körner als Bürgermeister von Wien, 1949 LENTOS Kunstmuseum Linz © Fondation Oskar Kokoschka/VBK, Wien 2013

Er ist in seinem eigenen Atelier an der Arbeit zu sehen, in der Privatsphäre mit seiner Frau Olda, im Gespräch mit Schülerinnen und beim akribischen Bemalen eines Ostereis. Der berührende Kommentar zu dieser Aufnahme: Oskar Kokoschka, der berühmteste lebende Maler der Welt bemalte auf Anregung des Fotografen (Sven Simon) in Hamburg Ostereier.

 

Band 1 des Leopold Museum Bestandskataloges ist erschienen

Leopold und Klimt, eine außergewöhnliche Liebe

Die Frage, ob Klimt als Maler oder als Zeichner höher zu bewerten sei, wird bis heute in Fachkreisen diskutiert – und hätte im Grunde keine Antwort nötig. Gustav Klimt ist Gustav Klimt, egal ob damit prächtige Gemälde wie „Der Kuss“ oder „Die Erwartung“ gemeint sind, oder zeitlos lebendige Porträts (z.B. Bildnis Margaret Stonborough-Wittgenstein), seine erfühlten Landschaften und flirrenden Lichtspiele auf dem Wasser des Attersees oder aber seine Zeichnungen, die nicht zuletzt durch Ausstellungen des Leopoldmuseums im Klimt-Jubiläumsjahr 2012 der Kunstwelt ins Bewusstsein gerückt wurden.

Jeder Versuch einer derartigen Bewertung erscheint müßig, blättert man auch nur oberflächlich in Band 1 des eben erschienenen Leopold Museum Bestandskataloges. Erstmals wurde der komplette Sammlungsbestand aufgearbeitet.

Alle Bilder © Leopold Museum

 

l.g.o.: Liegende in Unterwäsche mit gespreizten Beinen und rückwärts gelegtem Kopf, masturbierend, 1916/17

l.o.: Sich umarmendes, stehende nacktes Paar, Studie zu Diesen Kuss der ganzen Welt im Beethovenfries

r.o.: Tod und Leben, 1910/11

Eröffnet wurde die Reihe dieser Publikationen mit dem Werk von Gustav Klimt. Tobias G. Natter, Herausgeber und Direktor des Leopold Museum: „Gustav Klimt war gefeierter Mittelpunkt und Erneuerer der österreichischen Kunst.“ Dabei betont Natter nicht ohne Stolz die Kernkompetenz des von ihm geführten Hauses: „Wie wenige Museen weltweit sind wir der faszinierenden Leitidee der Wiener Moderne verpflichtet. In kaum einem anderen Museum ist sein Werk (Gustav Klimt) sowohl in der Malerei als auch in der Zeichnung so hervorragend vertreten wie im Leopold Museum.“

 

Rein vom Umfang her dominieren in diesem Katalog die Zeichnungen. Zum guten Teil sind es durch und durch erotische Darstellungen von Frauen und immer wieder Studien zu Gemälden, die im Katalog den graphischen Denkansätzen gegenübergestellt werden. „Er (Rudolf Leopold) schätzte besonders die späten Zeichnungen, die Klimts Weltruhm als Zeichner begründeten. Es sind vollschlanke Frauen in faszinierendem Rhythmus der weichen Glieder, bewegt in tänzerischen Posen, mit träumerischen Gesichtern in lustvoll hingebender Haltung.

Nur eine Frau wie Elisabeth Leopold kann solche Darstellungen so treffend beschreiben. Ihnen gegenüber stehen die wenigen, aber bedeutenden Gemälde in der Sammlung Leopold, im Zentrum „Tod und Leben“ aus 1910/11, eines der unbestrittenen Hauptwerke von Gustav Klimt.

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