Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


CARL SPITZWEG Der strickende Wachposten, 1855 Foto Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

CARL SPITZWEG – ERWIN WURM Der Witz auf den zweiten Blick

CARL SPITZWEG Der Sonntagsspaziergang, 1841 Foto Salzburg Museum

„Lustige“ Geschichten aus dem alten und dem neuen Biedermeier

Carl Spitzweg, der Biedermeiermaler – wie soll sich der mit einem Künstler wie Erwin Wurm vertragen?! Dieser Meinung war auch Wurm, als er von Hans-Peter Wipplinger, Direktor des Leopold Museums, gefragt wurde, ob er, der Provokateur unserer Gegenwart, einen Dialog mit diesem Maler aus dem 19. Jahrhundert eingehen wolle. Wurm hatte offenbar wie so viele andere Zeitgenossen nicht genau genug auf die vordergründig reizenden Malereien Spitzwegs hingeschaut. Sie sind tatsächlich reines Biedermeier. Aber was war dieses Biedermeier wirklich? Es war nichts anderes als ein Rückzug, ein intelligenter Schutz gegen obrigkeitliche Beschränkungen des freien Denkens. Gegen die Zensur wurden Strategien entwickelt, um diese zu überlisten. Nach außen hin gab man sich wie gesagt bieder, lieblich und lustig. Die strengen Hüter von Staatsmacht und Moral wurden eingelullt in das wohlige Gefühl von Harmlosigkeit der Kunst.

ERWIN WURM Landadel Photo: Studio Erwin Wurm © Bildrecht, Wien, 2017

Nur die Eingeweihten hatten offenbar den entsprechenden Blick für die versteckten Botschaften, die sich über das verschrobene Gehaben der übrigen Mitmenschen mokierten. Die Künstler dieser Zeit lachten sich wohl einen Kropf, wenn diese anderen begeistert zu ihrer eigenen Verarschung applaudierten.

CARL SPITZWEG Eremit, Hühnchen bratend, 1841 Foto Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Carl Spitzweg (1808 – 1885) war ein Meister im Vernebeln bissiger Satire. Er schuf romantische Landschaften, die das Herz ins Freie zogen, und reizvoll verwinkelte Gassen in lieblichen deutschen Kleinstädten. Er bevölkerte sie mit freundlichen Menschen, die Blumen an ihre Geliebte überreichen, wie der arme Poet die scheinbar selbst gewählter Ärmlichkeit der Boheme vorziehen oder sonderliche Hobbys wie die Liebe zu Kakteen oder das Fangen von Schmetterlingen pflegen. Er verstand es aber auch, eben diese Personen auf ihren Charakter zu hinterfragen. Seine frommen Einsiedler sind durchwegs recht anlassige Trunkenbolde, die älteren Herrn Lustmolche, die ihr Geld für den Umgang mit jungen Damen hinausschmeißen und die Wachtposten, denen nach der Öffnung der damals unzähligen Grenzen fad geworden war, vertreiben sich die Zeit mit Stricken, Pfeife rauchen oder Fliegen fangen.

Jedes einzelne dieser Bilder Spitzwegs ist ein schonungslos ironischer Blick auf seine Zeit – und mit etwas Phantasie auch auf die Gegenwart.

 

Eben dort, im Heute, setzt Erwin Wurm sein Biedermeier an. Mit dem Einstieg durch das Narrow House erfährt man am eigenen Leib die Bedeutung von beengten Wohnverhältnissen. Alles ist da, die gemütliche Sitzecke, das saubere Bad und die praktische Küche, aber eben winzig klein, niedlich und wie man so sagt spießbürgerlich.

Bald darauf ragt riesiger Erdapfel phallisch aus der Wand und unter dem Motto „Hagestolz oder Zweisamkeit“ wölbt sich unübersehbar die Hose eines Kopflosen zur „Ärgerbeule“. Der Künstler selbst hat sich als eine Sammlung von Gurkerln porträtiert, und er gibt den Besucher Gelegenheit, sich mit philosophischen Büchern in einer One Minute Sculpture zu verwirklichen. Jedes einzelne Objekt ist eine Einladung zum Schmunzeln, auch der Jäger, der stolz mit Hund auf einem Tisch posiert. „Landadel“ nennt Wurm das Foto, das eine frappierende Ähnlichkeit zu den Waidmännern von Carl Spitzweg aufweist, der sich schon seinerzeit über die Begeisterung der Städter an der Jagd seine eigenen Bilder gemacht hat. Sie taumeln hilflos durch den Wald und schauen ängstlich durch dicke Brillen, während an der Seite das Picknick am Busen der Natur auf sie wartet. Köstlich! Möchte man sagen, und darf nur ja das Fragezeichen nicht vergessen, das im Titel der Ausstellung „CARL SPITZWEG – ERWIN WURM KÖSTLICH! KÖSTLICH?“ (bis 19. Juni 2017) ein ungemein wesentliches Satzzeichen darstellt.

ERWIN WURM Take your most loved philosophers, 2002 Foto Leopold Museum © Bildrecht, Wien, 2017

Friedrich Gauermann, Der schützende Baum, um 1840 © Leopold Privatsammlung (Ausschnitt)

ZAUBER DER LANDSCHAFT von Waldmüller über Alt bis Boeckl

Ferdinand Georg Waldmüller, Versöhnung an der Brücke, um 1860 © Leopold Privatsammlung (Ausschnitt)

Herzstücke aus den Sammlungen Leopold

Die Augen von Elisabeth Leopold leuchten auf. Vor dem Bild „Versöhnung an der Brücke“ von Ferdinand Georg Waldmüller weiß sie nicht nur zu erzählen, wie wunderbar dieses Gemälde komponiert ist und wie übel diesem großen Pionier der Landschaftsmalerei mitgespielt wurde, da er seinen Studenten die damals revolutionäre Ansicht vom Malen der Natur nahebringen wollte. Es sind auch die gemeinsamen Spaziergänge mit ihrem Mann Rudolf, die sie durch die gleichen Gegenden geführt haben, wie sie Waldmüller im Salzkammergut und im Wienerwald festgehalten hat. Rudolf Leopold war der Sammler, der dieser Magie nicht widerstehen konnte und die Bilder gekauft hat. Elisabeth Leopold, seine Gattin, will diese Stimmung und die Schönheit der Werke nun den Menschen vermitteln.

Herbert Boeckl, Gruppe am Waldrand, 1920 © Leopold Museum, Wien  (c) Herbert Boeckl Nachlass

So bilden diese Ölgemälde neben den dramatischen Gewitterinszenierungen eines Friedrich Gauermann nun den Einstieg in eine Wanderung durch Landschaften, angefangen vom Biedermeier bis herauf in die Jahre zwischen den beiden Weltkriegen. Im Titel verblieben ist der ZAUBER DER LANDSCHAFT, der mit Arbeiten von Ferdinand Georg Waldmüller über Rudolf von Alt bis Herbert Boeckl (bis 1. Mai 2017) zu erleben ist.

Rudolf von Alt, Die alte Fichte in Bad Gastein, 1899 © Leopold Museum Vienna

Anton Romako lässt den Betrachter die Luft anhalten, wenn ein Mädchen über einem tosenden Wasserfall balanciert. Er konnte wie kein anderer die Befindlichkeit seiner dargestellten Personen mit einem für seine Zeit bereits gewagtem Pinselstrich wie auf dem Bild „Kinder beim Reisigsammeln“ wiedergeben. Josef Dobrowsky ist mit atmosphärischen Aquarellen ebenso vertreten wie Albin Egger Lienz, dessen „Knabe an der Quelle“ einen guten Teil der ihn umgebenden Landschaft einnimmt. Koloman Moser, Carl Moll, Emil Jakob Schindler oder Rudolf Ribarz stehen für die Landschaftskunst im 1900 und für Österreich im Umbruch wurden beispielsweise die beinahe naiv anmutende „Bregenzer Achbrücke“ von Rudolf Wacker und zwei Werke aus der Wachauserie von Anton Faistauer ausgewählt.

Für Landschaft im Aquarell gilt Rudolf von Alt als bedeutendster Vertreter dieses Genres im 19. Jahrhundert. Seine Landschaftsbilder entführen die Zeitgenossen auf Reisen bis Italien und sogar auf die Krim. In der Ausstellung sind es aber vor allem Aquarelle, die in der Gegend von Gastein gemalt wurden, so „Die St. Nikolauskirche in Gastein“ und „Die alte Fichte in Bad Gastein“. Sie stehen in einem spannungsgeladenen Gegensatz zu Papierarbeiten von Herbert Boeckl. Der junge Mann hatte sich schon während seines Studiums an der Technischen Hochschule der Malerei zugewandt.

Nach der Heimkehr vom Ersten Weltkrieg gab er die Technik auf und folgte vollends seiner Berufung zum Maler. Neben dem berühmten „Großen liegenden Frauenakt“ wagte er um 1920 Bilder mit Landschaftsmotiven zu schaffen, die ihrer Zeit weit voraus scheinen. Minimalistische Formeln aus einigen wohlgesetzten Farben zwischen schwarzen Strichen lassen das eigentliche Sujet nur erahnen. Zu selben Zeit, so erklärt sich Elisabeth Leopold die ungeheure Kraft der „Gruppe am Waldrand“, hat eine Eruption des jungen Genies stattgefunden. Dieses Gemälde, das ohne sichtbare Perspektive, allein mit den Farben dem Raum Tiefe schafft, beherrscht das Ende der Ausstellung.

Carl Moll, Motiv aus dem Prater, um 1925 © Leopold Museum, Wien
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