Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


ZORAN MUŠIČ, Pflanzenmotiv, Pflanzenmotiv, Jahreszeitenwechsel © Ditesheim & Maffei Fine Art

ZORAN MUŠIČ Poesie einer unheimlichen Stille

ZORAN MUŠIČ, Frauen auf dem Weg zum Markt, 1949 © Arnaldo Zappa collection

Ein Zeuge für die finsteren Abgründe des 20. Jahrhunderts

Malerei ist der Ausdruck des Inneren“, sagte Zoran Mušič (1909 in Görz geb., verst. 2005 in Venedig) einmal, „Reden ist schwierig.“ Was er, der 1944 bereits arrivierte slowenische Maler, überlebt hat, als er von Nazischergen in das Konzentrationslager Dachau verschleppt wurde, ist Teil dieses Unaussprechlichen. Er hat es gezeichnet und gemalt, zum Teil unter Lebensgefahr im KZ selbst, in Zeichnungen, aus denen man unmittelbar die Fassungslosigkeit des Künstlers über die Grausamkeiten an Menschen von Menschen spürt, und in den 1970er-Jahren in einer Serie erschütternder Gemälde, die immer den selben Titel haben: Wir sind nicht die Letzten. In den Jahren dazwischen hüpfen scheinbar lustige Pferdchen über die Leinwand. Dass mehr dahinter steckt als eine kindlich anmutende Tierdarstellung verrät der jeweilige Hintergrund. Es handelt sich stets um die Karstlandschaft Dalmatiens.

ZORAN MUŠIČ, Wir sind nicht die Letzten, 1976 © Fondazione Musei Civici di Venezia

Dieses Motiv hat Mušič aufgrund seiner Kargheit stets mehr angesprochen als jede freundlich grüne Gegend. Der mit den Pferdchen ausgedrückte Wunsch einer Rückkehr in die Paradiese seiner Jugend, um das Erlittene vergessen zu können, ist ihm damit nur insoweit in Erfüllung gegangen, als es der Ernst des Dargestellten zugelassen hat. Seine Bilder sind von einem melancholischen Grundton beherrscht, von einer Palette, die keine leuchtenden Farben kennt. Venedig, seine Wahlheimat, entbehrt auf seinen Gemälden jeder Freundlichkeit, die man mit der Lagunenstadt verbindet, und hebt sich mit seinen düsteren Palazzi in seiner Tristesse kaum von den einsam in ausgedorrter Erde liegenden Felsbocken ab. Auf Porträts wird man immer nur ihn oder seine Frau Ida finden. Andere Menschen, so der Maler, hätte er nie so gut gekannt, um sie und ihren Charakter entsprechend auf die Leinwand bannen zu können.

ZORAN MUŠIČ, Atelier, 1990 © Fondazione Musei Civici di Venezia

Im Leopold Museum ist nun eine umfassende Retrospektive des Œuvres von Zoran Mušič bis 6. August 2018 zu sehen. Kuratoren sind Ivan Ristić und Hans-Peter Wipplinger, die von frühesten Werken bis zu Arbeiten aus 1988 zusammengetragen und einen Überblick über die „Poesie der Stille“, wie sie die Ausstellung betitelt haben, ermöglichen. Ausgewählte Leihgaben aus mehreren internationalen Privatsammlungen und Museen aus Slowenien, Italien, Spanien und Österreich wurde damit in dieser Anzahl erstmals in Wien vereint. Hans-Peter Wipplinger meint dazu:

Die Lebensodyssee des Malers Zoran Mušič wurde stark von den Schlüsselereignissen des 20. Jahrhunderts bestimmt.“ So ist die Ausstellung auch ein Beitrag zum Gedenkjahr 2018 als Erinnerung am die Ereignisse vor 80 Jahren, die unter dem sogenannten „Anschluss“ durch Hitler-Deutschland die Voraussetzungen für Gräuel wie das KZ Dachau geschaffen haben. Es war aber nicht das erste einschneidende Ereignis im Leben des Künstlers. Nach den Schlachten des Ersten Weltkrieges kann die Familie nicht mehr nach Görz zurückkehren und zieht nach Griffen in Unterkärnten, wo Mušič das Gymnasium in Völkermarkt besucht. Nach der Volksabstimmung 1920 über den Verbleib Kärntens bei Österreich wird die Familie vertrieben und findet im Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen eine neue Heimat. Angesprochen werden aber auch die Reisen, die der Maler von sich aus unternommen hat und immer wieder sein Schaffen beeinflusst haben.

Noch als Student hielt er sich in Spanien auf, um im Prado Werke von Francisco de Goya und El Greco zu kopieren und einige Jahrzehnte später verlässt er Venedig Richtung Paris, wo ihn die renommierte Galerie de France unter Vertrag nimmt. Auch in seinem Schaffen ist er ein Wanderer, der Ende der 1950er-Jahre den Schritt in die Abstrakte wagt, aber zugunsten einer anthropomorphen Landschaft wieder verlässt. An seiner Seite war stets seine Frau Ida, die noch wenige Monate vor ihrem Tod am 15. Jänner 2018 mehrere Gemälde aus ihrem Besitz dem Leopold Museum zur Verfügung gestellt hat.

ZORAN MUŠIČ, Felslandschaft, 1972 © National Gallery of Slovenia

AUSSTELLUNG WOW! The Heidi Horten Collection © Leopold Museum, Wien, Foto: Lisa Rastl

WOW! Dass jemand Privater so viel sammeln kann...

AUSSTELLUNG WOW! The Heidi Horten Collection © Leopold Museum, Wien, Foto: Lisa Rastl

The Heidi Horten Collection als fast kompletter Überblick über die Kunst des 20. Jahrhunderts

Das Leopold Museum bietet bis 29. Juli 2018 mit einer Sonderausstellung eine ungemein kompakte Kurzeinführung in das internationale Kunstgeschehen vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. In dieser von Agnes Husslein-Arco zusammengestellten Auswahl aus der „The Heidi Horten Collection“ hat der Besucher die einzigartige Möglichkeit, Werken von nahezu allen Großen dieses Genres unmittelbar gegenüber zu stehen. Angesichts dieser Fülle tut man sich schwer, sich vorzustellen, was eine Frau, eben Heidi Horten, an Kunst um sich versammelt hat und wie viel Geld sie dafür im Laufe der Zeit ausgegeben haben muss. Aber was soll´s? Die Frage, woher die Millionen stammen, ist müßig angesichts der Faszination, die von einem Gemälde von Pablo Picasso, einer Zeichnung von Gustav Klimt, einer Skulptur von Auguste Rodin oder den in seinen Bildern verschlüsselten Botschaften eines René Magritte ausstrahlt. Originale sind eben Originale, in denen man die unmittelbare Gegenwart des Künstlers zu spüren vermeint.

MARC CHAGALL, LES AMOUREUX © Courtesy Heidi Horten Collection © Bildrecht, Wien, 2018

Heidi Horten will mit dieser Präsentation einer weit weniger betuchten Allgemeinheit nicht ihren offenbar unermesslichen Reichtum vor die Nase halten – der geht schließlich niemanden was an –, sondern in erster Linie eine Ahnung von der Leidenschaft des Kunstsammelns vermitteln. Sich mit Kunst im privaten Kreis zu umgeben, ist eine Sache, diese offenbar nach dem Motto „Geteilter Genuss ist doppelter Genuss“ an die Öffentlichkeit zu bringen, eine andere.

ROY LICHTENSTEIN, FOREST SCENE © Courtesy Heidi Horten Collection © Roy Lichtenstein Foundation

Bereits beim Betreten der Schauräume im obersten Geschoss des Leopold Museums sagt man „Wow!“, wenn man der Dominanz eines überdimensionales Affen mit dem Titel Singe Avisé (trés grand) von Les Lalanne gewahr wird. Einen Eindruck von den Summen, die beim Kunsteinkauf transportiert werden, vermittelt eine Einkaufstasche namens White Gold, in der ein ebenfalls mit Blattpalladium überzogener Bilderrahmen steckt. Stattdessen hätte Sylvie Fleury genauso gut Banknotenbündel in das aus Bronze bestehende Behältnis stecken können.

Sie hat aber der Kunst und gleichzeitig dem Traum des Künstlers von Erfolg und dem großen Geld den Vorrang gegeben. Roy Lichtenstein hat sich in Forest Scene deutlich sichtbar von Franz Marc inspirieren lassen, dessen Rote Rehe unmittelbar daneben hängen. Fans von Alfred Kubin kommen mit Zeichnungen auf ihre Kosten, die sie wahrscheinlich noch nie so unmittelbar vor ihrer Nase hatten, um derart genau den kuriosen Schnabel eines Wesens vom Mars oder das vom Sturm gepeitschte Hemd einer Figur im Wind studieren zu können.

Teils handelt es sich zweifellos um Schlüsselwerke der Malerei und Bildhauerei. Fallsweise hat man aber doch den Eindruck, dass nach Namen und nicht nach der Bedeutung des jeweiligen Werks gekauft wurde. Aber darüber sollte sich jeder Kunstfreund selbst ein Urteil bilden. Mit dem zur Ausstellung erschienen Katalog hat man darüber hinaus auch später noch die Möglichkeit, sich mit dieser Kollektion auseinander zu setzen. Der wahrhaft opulente Band enthält alle gezeigten Werke und dazu zu jedem Künstler einen über die Biografie hinausgehenden Text, dem die Bilder gegenüber gestellt sind, um mit einem Blick das Werk und den genialen Menschen dahinter erfassen und verstehen zu können.

KEITH HARING, UNTITLED, 1985 © Courtesy Heidi Horten Collection © Keith Haring Foundation
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