Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Robotlab (Matthias Gommel, Martina Richter, Jan Zappe) Foto: © Robotlab

ÄSTHETIK DER VERÄNDERUNG Jubiläumsausstellung für die Angewandte

Sarah Borinato, Marianne Stålhös, Carina Stella, ÄSTHETIK DER VERÄNDERUNG. © Mario Ilić

Ein Bogen von 150 + 30 Jahren über die Leistungen einer Universität

Rektor Gerald Bast hat das Glück, ein Jubiläum mit seiner Institution, mit der Universität für Angewandte Kunst Wien zu feiern. Es gilt, auf ein Bestehen von 150 Jahren zurück zu blicken, voller Stolz über die erbrachten Leistungen, vor allem aber auf die verschiedensten Kreativen, die mit ihrem Genie in dieser Lehranstalt als Professoren gewirkt oder dort als Studenten ihre Ausbildung genossen haben. Der Blick nach hinten wäre einem Mann wie Bast jedoch zu wenig. Sein Credo: Die Universität muss Teil dessen bleiben, mit dem immer wieder die jeweilige Gegenwart mit entsprechendem Vorausblick gestaltet wird. Er hat deswegen den vergangenen 150 Jahren noch 30 Jahre Zukunft hinzugefügt. Es sind Utopien und Gedanken, die weitergesponnen werden, hinein in eine Zeit, die ungewiss ist und dennoch nicht passiv abgewartet zu werden braucht. Der Tenor der Ausstellung 30+: Man muss sich aktiv den Herausforderungen stellen, um das Kommende in den Griff zu bekommen. Das heißt, sich nicht vor revolutionären Gedanken zu scheuen.

Oskar Kokoschka, Plakat zur Aufführung des Stücks Mörder, Hoffnung der Frauen © MAK/Georg Mayer

Es gilt die Trends zu erkennen und sie aufzugreifen, ohne sich davor zu fürchten. Es mag nicht alles angenehm sein, was auf uns zukommt. Aber wir können damit fertig werden, gemeinsam mit den Vordenkern, die nicht selten Künstler sind mit ihrer besonderen Gabe der Vorahnung – eben diejenigen Menschen, für die eine Universität wie die Angewandte am 21. September 1867 von Kaiser Franz Joseph I. gegründet wurde.

Marc Lee, 10.000 Moving Cities – Same but Different, 2010/2017 © Marc Lee

Einer dieser Propheten ist zweifellos der Künstler Peter Weibel. Er ist Mitkurator des Zukunfts-Teils der Jubiläumsausstellung. Er hat das Smartphone zu einer Zeit gezeichnet, als es noch lange keine Mobilbetreiber gegeben hat. Und er hat in den 1980er-Jahren bereits ein Flugzeug in ein Hochhaus krachen lassen. Die kleine Skulptur ist zu sehen und bringt den Betrachter auf die richtige Spur durch die Schau, die im Erdgeschoß mit der Rückschau beginnt.

Es finden sich große Namen wie Gustav Klimt, Josef Hoffmann, Margarete Schütte-Lihotzky, Hans Hollein oder Maria Lassnig. In Erinnerung an den Gast Joseph Beuys ist die Leiche eines Baums zu sehen, den dieser 1983 im Rahmen einer spektakulären Aktion im Hof der Angewandten gepflanzt hat. Ungewöhnlich offen wird die NS-Zeit aufgearbeitet. Es geht darin um den Exodus österreichischer Künstler ebenso wie um Persönlichkeiten, die während dieser Jahre für das System gearbeitet haben und danach weiterhin in den Diensten der Universität geblieben sind. Wiener Mode war das Ergebnis des Erfindungsreichtums von Elli Rolf, Gertrud Höchsmann oder Fred Adlmüller, die alle etliche Jahre an der Angewandten unterrichtet haben. Sie haben talentierte Nachfolger gefunden, was in der Schau an einem langen Tisch mit Modellen eindrucksvoll bewiesen wird.

Die Gegenwart ist in Videos festgehalten und an einer eigenen Station einzusehen. An den Bildschirmen präsentieren sich alle Abteilungen der Angewandten den Besuchern, die sich die Muße nehmen sollten, indem sie sich entspannt hinsetzen und einfach diese Leistungsschau anschauen. Hörstationen, Videos, Webstationen und ein großzügiger Büchertisch mit Publikationen, die Einblicke in die umfangreiche Tätigkeit der Angewandten ermöglichen, komplettieren den Blick auf die vitale, mit politischen und gesellschaftliche Entwicklungen verzahnte Geschichte der Angewandten. Hier passiert genau das, was der Titel dieser Jubiläumsausstellung andeutet, nämlich die Ästhetik der Veränderung (bis 15. April 2018) als Resultat von geerdeter Anwendbarkeit in Zusammenarbeit mit hochfliegenden Vorstellungen, die uns nach einer Schrecksekunde die damit veränderte Umwelt durchaus vertraut erscheinen lassen; egal ob es sich um den Jugendstil, dessen Protagonisten zum guten Teil mit der Angewandten in enger Verbindung standen, oder um eine interaktive Webinstallation 10.000 Moving Cities in 30 Jahre plus handelt.

Monika Piórkowska, Liquid Democracy, 2017 © Universität für angewandte Kunst Wien

Thomas Bayrle, Tulpenfrau, 1967 Foto: Jens Ziehe © Bildrecht, Wien, 2017

THOMAS BAYRLE Zeichner von vielschichtigen Mustern

MAK-Ausstellungsansicht, 2017 THOMAS BAYRLE. © MAK/Georg Mayer

Man macht was als Künstler, weil man es eben gerne hat

Die Arbeiten des deutschen Künstlers Thomas Bayrle erfordern nächste Nähe gerade so wie entsprechende Distanz. Besieht man sie von der Ferne, steht man vor einer Pieta, einem Kleidungsstück oder einem japanischen Liebespaar nach einem Farbholzschnitt aus 1720. Geht man ganz nahe heran, öffnet sich eine Fläche, die aus einer dichten Masse unzähliger kleiner Motive besteht. Es kann sich um Handys handeln, um Schuhe, Tulpen oder um Totenköpfe. Ihre Menge ergibt ein Trompe-l'œil, wie man es aus dem Manierismus kennt. Über optische Umwege lässt es den Gegenstand erkennen, den Bayrle tatsächlich darstellen wollte, oder besser gesagt, dargestellt hat. Beide Ebenen seiner Bilder, sowohl das Große als auch das vermeintlich Kleine, sind wichtig und gleich wesentlich für deren Verständnis. Was Bayrle damit jeweils gemeint hat, klingt im Titel an. Sie entbehren nicht dem Humor und der Witzigkeit, die einen Betrachter die Vielschichtigkeit des Inhalts ahnen lassen. Der Rest wird dem Wissen um den intellektuellen Hintergrund überlassen, das man sich beispielsweise mit dem zur Ausstellung erschienen Katalog erwerben kann.

Thomas Bayrle, $, 1980 Wolfgang Günzel © Bildrecht, Wien, 2017

Wie Thomas Bayrle selbst sagt, macht er als Künstler das, was er gern hat. Er kann nicht genau sagen, warum. Es entsteht einfach nach der bedenkwürdigen Devise „Wenn etwas zu lang ist – mach es länger“.

Thomas Bayrle, Verdun (Totentanz), 1987 Foto: Wolfgang Günzel © Bildrecht, Wien, 2017

Thomas Bayrle (*1937) ist gelernter Weber und Stoffdesigner. Die Arbeit des Dessinateurs hat inzwischen der Computer übernommen, der sich damit einer Technik bemächtigt hat, bei der schon vor 200 Jahren Lochstreifen verwendet wurden und die damit als frühe Vorläuferin unserer Rechner angesehen wird. Erfinder dieses bereits „digital“ gesteuerten Webstuhls war Joseph-Marie Jacquard, der damit die Textilherstellung revolutionierte. Für Bayrle sind die auf diese Weise entstandenen geheimnisvollen Inhalte eines Stoffmusters das Material für seine Kunst. Die Themen dazu bezieht er aus der Alltagskultur und seinen Überlegungen zu Politik und Wirtschaft.

So liegt ein aus Kreuzen bestehendes Kruzifix schwer auf einer Fläche aus immer gleichen Symbolen für eine von der Hochfinanz geförderte Waffenproduktion. „Verdun (Totentanz)“ nennt Bayrle dieses bedrückende Bild, einen Stempeldruck auf Leinwand aus 1987. Eine Webarbeit ist die „iPhone Pietà“, eine ungemein aufwändige Verbindung des gesamten, dem Künstler zur Verfügung stehenden Repertoires an Techniken, die vom digitalen Entwurf bis zur traditionell handwerklichen Fertigung reichen.

Die Ausstellung „THOMAS BAYRLE Wenn etwas zu lang ist – mach es länger“ (bis 2. April 2018) ist auf verschiedene Schauplätze des MAK aufgeteilt. Arbeiten sind im MAK DESIGNLABOR, in der MAK GALERIE und in der MAK-Schausammlung Gegenwartskunst zu finden. Der Rundgang wird damit zu einer Entdeckungsreise duch die Welt der angewandten Kunst, die sich mit dem Schaffen von Bayrle faszinierend verquickt.  In der Säulenhalle betritt man im wahrsten Sinn des Wortes ein Werk von Bayrle, das aber erst entschlüsseln werden kann, wenn man sich in den ersten Stock hinauf begibt. Mit dem Blick von oben fügen sich die Handys zu einem Bild mit dem Titel „iPhone meets Japan“ zu dem oben erwähnten Liebespaar aus 1720. Die Installation wurde eigens für diese Ausstellung geschaffen, als Tribut an die zwischen Neorenaissance und Industriearchitektur angesiedelte Säulenhalle, vor deren Mixtur an Stilen und der Dichte seiner Dekorationen Thomas Bayrle nach eigener Aussage ungemeinen Respekt verspürte und diesen auch in seine Arbeit einfließen ließ.

iPhone Pietà
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