Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht Julian Turner © mumok / Photo: Klaus Pichler

TURNER & HAHN Zeitgenössische Kunst von heute und gestern

Ausstellungsansicht Kunst ins Leben! Der Sammler Wolfgang Hahn © Photo: Lisa Rastl mumok

Es hat sich nicht viel verändert, von Fluxus der 1960er-Jahre bis Kapsch Contemporary Art Prize 2017

Das mumok heißt mit vollem Namen museum moderner kunst stiftung ludwig wien, was insofern wesentlich ist, als sich die jüngste Sonderausstellung „Kunst ins Leben“ (bis 24. Juni 2018) mit dem Sammler Wolfgang Hahn und die 1960er-Jahre beschäftigt. Hahn war Chefkurator am Wallraf-Richartz-Museum und später am Museum Ludwig in Köln. Nunmehr kann gemeinsam mit dem Museum Ludwig in Köln die 1978 vom mumok angekaufte Sammlung erstmals in vollem Umfang in Wien der Öffentlichkeit gezeigt werden.

 

In den 1960er-Jahren war das Rheinland ein wichtiger Schauplatz für die Umwälzungen in der zeitgenössischen Kunst. Was im Dadaismus bereits einige Jahrzehnte davor begonnen worden war, wurde nun Programm einer neuerlichen Revolution, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg als unabdingbar herausgestellt hatte. Auch in der neuen Kunst ging es um Grenzüberschreitungen zwischen Malerei, Theater, Literatur und Musik. Joseph Beuys, John Cage oder Daniel Spoerri wurden zu Stars der Szene, ihre Arbeiten Schlüsselwerke dieser Zeit.

Wolfgang Hahn im Wohnzimmer seines Kölner Wohnhauses, 1968 © Photo: Rainer K. Wick

Wolfgang Hahn saß sozusagen an der Quelle und wurde zum begeisterten Sammler. Er kaufte die neue Kunst und schuf damit eine Dokumentation des Aufbruchs, der sich in Nouveau Réalisme, Fluxus, Happening, Pop-Art und Konzeptkunst ausdrückte. Sie gibt dem heutigen Besucher die seltene Gelegenheit, eine durch die Persönlichkeit des passionierten Sammlers Hahn erstellte Übersicht und damit einen kunsthistorischen Abriss zu erleben, der mit Werken von Cristo, Allan Kaprow, Niki de Saint Phalle, Andy Warhol oder Yoko Ono beeindruckend illustriert wird.

Ausstellungsansicht Juian Turner (Abstellkammer) © mumok / Photo: Klaus Pichler

Der Kapsch Contemporary Art Prize 2017, der heuer an Julian Turner ging, überspringt 50 Jahre. „warum nicht“ ist das Motto der Werkschau des 1985 in Hamburg geborenen Künstlers. Überzeugt hat die Jury, dass er sich auf pointierte und humorvolle Weise mit dem Begriff des Displays, musealen und nicht-musealen Präsentationsformen sowie mit unterschiedlichen Sammlungsprozessen auseinandersetzt. Sein Markenzeichen ist das Unperfekte, das Improvisierte und das handwerklich Selbstgemachte.

Julian Turner umreißt selbst so sein Anliegen: „Das Kaputte ist immer ehrlicher, man kann es mehr verstehen.“ Zu den Attraktionen der nunmehrigen Sonderausstellung, die ihm im mumok bis 11. März 2018 gewidmet ist, zählt die Abstellkammer. Sie soll den Besucher anregen, darüber nachzudenken, was dort versteckt sein könnte, abgesehen von Materialien, die zur Einrichtung einer Ausstellung erforderlich sind. Man begegnet aber auch etlichen Ideen und Arbeiten, die man in ähnlicher Form bereits in der Sammlung Hahn entdeckt hat. Der Gesamteindruck, dass die Zeit zwischen Fluxus und dem Kapsch Contemporary Art Prize 2017 stehen geblieben zu sein scheint, ist möglicherweise ein Symptom der Gegenwartskunst, das in den beiden Sonderausstellungen des mumok allzu deutlich sichtbar wird.

Marcel Broodthaers Un jardin d’hiver II, 1974 © MOMA

NATURGESCHICHTEN Kunst-Spuren des Politischen

Jonathas de Andrade ABC da Cana, 2014

Der leise Aufschrei zu lauten Problemen

Kunst hätte so viel zu sagen. Sie könnte das Gewissen der Menschen aufrütteln, den Verantwortlichen die wahren Probleme aufzeigen und gleichzeitig ihrem ureigensten Auftrag erfüllen, indem sie Emotionen im Rezipienten erweckt. Leider fehlt ihr dazu in den meisten Fällen die entsprechende Breitenwirkung. Nachdem sich im 20. Jahrhundert die Kunst auf das Verständnis eines elitären Zirkels von Connaisseuren reduziert hat und ihrer kleine Schwester, der sogenannten leichten Muse, die Unterhaltung der Massen überlassen hat, ist ihr einiges an Schlagkraft abhanden gekommen. Museen sind die einzigen Orte, die für jedermann auch zeitgenössische Kunst anbieten. Aber es muss einer erst hineingehen und dort außerdem einigermaßen verständliche Objekte vorfinden, um sich nicht verarscht und um sein Eintrittgeld und darüber hinaus um Steuergeld geprellt zu finden. So manche Installation oder so manches Bild wird erst durch ausführliche Erklärung zugänglich und für den in den meisten Fällen unbedarften Betrachter damit zum Kunstwerk.

Mark Dion The Ethnographer at Home, 2012

Was dennoch fehlt, ist die Berührung, nicht die taktile, die im Grunde ebenfalls hilfreich sein kann, sondern die seelische. Die Gedanken des Künstlers, und seien sie noch so engagiert, gehen einen anderen herzlich wenig an, wenn diese nicht so umgesetzt sind, dass sie den Blick fesseln und Neugier erwecken, um dahinter zu kommen, warum der Museumsbesucher betroffen sein sollte.

Candida Höfer Zoologischer Garten Paris II, 1997 © Bildrecht Wien, 2017

Eine lobenswerte Ausnahme von snobistischer Abgehobenheit ist die Ausstellung im mumok „Naturgeschichten Spuren des Politischen“ (bis 14. Jänner 2018). Inhalt der Schau sind „Darstellungen von Natur, die auf gesellschaftliche Prozesse und zeitgeschichtliche Ereignisse Bezug nehmen. Die Arbeiten unterlaufen sowohl die Vorstellung von Natur als geschichtsfreiem Raum als auch die Fiktion eines unveränderlich naturgegebenen Geschichtsbildes“, so Kurator Rainer Fuchs.

Das bedeutet im Klartext, dass Natur seit dem Auftreten des Menschen von diesem beeinflusst und gestaltet wurde und umgekehrt die Natur ein wesentlicher Faktor in der Entwicklung der Menschheit gewesen ist. Eh klar, möchte man sagen. Wenn man aber vor den Fotos von Candida Höfer steht, mit Tieren aus verschiedenen Zoos, spürt man plötzlich den Touch in Form von Mitleid mit diesen Kreaturen. Beobachtet man Joseph Beuys, der sich mit einem Kojoten in einen Käfig sperren lässt, genügt dazu der Hinweis, dass der Künstler mit diesem Video die brutale Ausrottung der Ureinwohner Amerikas aufzeigen wollte. Wie sehr wir uns die Natur untertan gemacht haben, erfährt man in der Rauminstallation von Marcel Broodthaer mit dem Titel „Un jardin d´hiver II (1974). Palmen, wie man sie in jeder Blumenhandlung und besseren Einrichtungshäusern zu kaufen bekommt, grünen im Wintergarten des Kleinen Mannes, um diesem das ganze Jahr über kostengünstig Tropenfeeling im kalten Norden zu ermöglichen.

Christian Philipp Müller Drei Schwestern Korridor, 2017 © mumok / Klaus Pichler

Auf drei Ausstellungsebenen im mumok und mit der ergreifenden Installation „The Tar Museum“ von Mark Dion im Naturhistorischen Museum spannt die Präsentation einen Bogen von den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart. Angesprochen werden Kolonialismus und seine Folgen (z. B. als bitterer Humor in „The ABC da Cana“ von Jonathas de Andrade aus 2014). Totalitäre Ideologien werden entlarvt (Sigma aus Rumänien und OHO aus Slowenien mit Arbeiten aus den 1970er- und 1980er-Jahren).

Die Folgen von Nationalismus und dem damit verbundenen tödlichen Hass werden in den Fotos von Sandra Vitaljić gegenwärtig: Wälder und Felder, unter deren Baumwurzeln und Grasflächen nationalistisch ausgelöste Grausamkeiten des Zweiten Weltkrieges und der Jugoslawienkriege zwischen Kroaten und Serben begraben liegen. Ingeborg Strobl liegen die langsam verschwindenden Almhütten am Herzen. Ihr Beitrag: Rumex alpinus (2017).

Gemütliche Bänke auf grünen Bergwiesen und ein Fernseher zeigen bald Vergangenes. Aufgezählt sind hier nur einige der Objekte, wobei man sich für jedes einzelne genügend Zeit nehmen sollte. Sehr lesbar formulierte Saaltexte helfen dem Zugang auf die Sprünge. Der Besucher wird also nicht allein gelassen und hat eine Menge zum Schauen und wohl auch zum Weitererzählen, um dieser wirklich großartigen Ausstellung doch den ihr zustehenden Zulauf zu schaffen.

Ausstellungsansicht / exhibition view Naturgeschichten. Spuren des Politischen © mumok/Klaus Pichler
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