Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstgellungsansicht Im Rausch des Schreibens

IM RAUSCH DES SCHREIBENS Über die Ursprünge dichterischer Inspiration

Gert Jonke, Schriftbild , 1989, Privatbesitz Ingrid Ahrer - © Österreichische Nationalbibliothek

Ist gute Literatur ohne Kaffee, Alkohol, Tabak und kräftigere Stimulantia überhaupt denkbar?

Die im Titel gestellte Frage scheint sich angesichts der jüngsten Ausstellung im Literaturmuseum von selbst mit einem klaren Nein zu beantworten. Um in die Welt eintreten zu können, in der die Hand oder später die Finger auf der Tastatur wie von selbst zu schreiben beginnen, waren und sind viele Autoren auf kräftige Anstöße angewiesen. Es kann sich dabei um eine Zigarette nach der anderen, um Wein oder härteres aus der Flasche oder um das Bewusstsein erweiternde Drogen handeln. Der „Rausch des Schreibens“ (bis 11. Februar 2018) weist schon im Untertitel „Von Musil bis Bachmann“ auf typische Vertreter dieser Gattung von Schreibern hin, die mit ihren Leidenschaften und Schwächen anhand von Texten, Zeichnungen, Tonbeispielen und einigen wenigen Objekten vorgestellt werden.

 

Wir leben in einer Zeit, in der Rauch- und diverse andere Genussverbote die Öffentlichkeit beherrschen und Anständigkeit mit prüder Enhaltsamkeit gleichgesetzt wird.

Zeitschrift „Das Pult“, Cover mit Heimito von Doderer, 1973 - © Österreichische Nationalbibliothek

Ein Foto mit Peter Handke mit Zigarette im Mund wird aus Schulbüchern verbannt und die Pfeifensammlung von Ernst Jandl wirkt auf zarte Gemüter unappetitlich abstoßend. Es wird also einigen Erklärungsbedarf zum Inhalt dieser Ausstellung geben. Wie werden bei Führungen mit Kindern diesen die offenbar im Vollrausch hingekritzelten Zeilen eines Gert Jonke als Literatur verklickert? Oder ein auf der Couch rauchender Robert Menasse als literarisches Genie hingestellt und ein Falco, der dem Kokain eine Hymne geschaffen hat, als Vorbild der Jugend? Es wird nicht leicht sein, aber es ist eine Notwendigkeit, darauf hinzuweisen, dass Großes nicht selten auf diese heute verpönte Weise entstanden ist.

Friederike Mayröcker Mitte der 1980er Jahre © Gabriela Brandenstein

In fünf Stationen, raffiniert in die denkmalgeschützten Regale hineingezaubert, wird der Besucher zuerst unter „Schreibrausch & Wortmaschine“ mit dem Zwang zum Schreiben, der rauschhaften Produktion von Texten konfrontiert. Für Elfriede Jelinek war der Computer das geeignete Mittel, ihre innere Unruhe möglichst schnell niederzuschreiben. Elfriede Gerstl bringt den kreativen Prozess im Verhältnis zur euphorischen Erfahrung des Schreibens auf den Punkt: „dann ists kein rausch / keine Droge / fast arbeit“.

In „Zug um Zug“ ist von Nikotin und Alkohol die Rede. Zug um Zug und Zeile um Zeile entstehen etwa bei Ernst Herbeck, Anita Pichler oder Theodor Kramer Gedichte in Zigarettenlänge. Es gibt kaum ein Foto, auf dem Heimito von Doderer ohne Pfeife oder Zigarette dargestellt ist.

Zu seinem grotesken Zorn-Roman „Die Merowinger oder Die totale Familie“ hat seine Großnichte Johanna von Doderer den Wutmarsch komponiert, der per Kopfhörer neben den „rauchenden“ Bildern ihres Großonkels zu hören ist. Robert Musil war dem Rauchen derart verfallen, dass er als Versuch einer Selbstkontrolle in den letzten zwei Jahren seines Lebens penibel die Uhrzeit jeder gerauchten Zigarette notierte. Ingeborg Bachmann maß die Zeit in Zigaretten. In ihrem Roman „Malina“ wartet die Ich-Erzählerin auf ihren Geliebten, um freudig festzustellen: „Sechzig Zigaretten später aber ist Ivan zurück...

 

Welche Substanzen gesellschaftlich legitimiert und akzeptiert, welche hingegen sogar mit kriminellen Tatbeständen verbunden sind, hängt scheinbar vom Zeitgeist ab. Walter Benjamin wurde durch die Lektüre von Hermann Hesses „Steppenwolf“ zu Haschisch-Experimenten angeregt. Seiner Zeit voraus war Leo Perutz, der in „St. Petri-Schnee“ die Wirkung der Alkaloide, die im Getreidepilz Mutterkorn vorkommen, lange vor der tatsächlichen Erfindung des LSD, bereits beschrieben hatte.

Edward Reavis (Hg.), „Rauschgiftesser erzählen“, Rixdorfer Verlagsanstalt, 1981 - © ONB

In „Rauschtexte: Ekstase, Trance, Entrückung“ beschreibt unter anderem Peter Rosei in „Wer war Edgar Allan?“ ein „wahnsinniges Bewusstsein“ aus der Innenperspektive. Es sind Zustände des Außer-ich-Seins, die literarische Texte seit jeher auszeichnen. Das Spektrum reicht vom Gewaltrausch über den erotischen Rausch oder die (selbstzerstörerische) Ekstase bis zu den Erfahrungen der Entrückung und Entgrenzung, die in einer gesellschaftlichen Ordnung keinen Platz mehr hat.

 

Im letzten Kapitel, in dem es um „Exzess & Askese: Schreib- und Selbstdisziplin“ geht, steht Franz Kafka und dessen Werk „Ein Hungerkünstler“ am Beginn der Überlegungen. Der Exzess seines Helden liegt im Verzicht und im Wunsch, „sich selbst zu übertreffen bis ins Unbegreifliche“.

Seine Sehnsucht nach Enthaltsamkeit hat wohl Adalbert Stifter dazu bewogen, seine Figuren immer wieder ein enthaltsames Leben führen zu lassen. Er selbst war von einem „Wolfshunger“ beseelt, den auch Kuraufenthalte nicht bändigen konnten. Wie viele andere war auch er zwischen Rausch und Nüchternheit zerrissen, oder wie es Joseph Roth in einem Brief an Stefan Zweig treffend ausdrückt: „Ich kann mich nicht im Literarischen kasteien, ohne im Körperlichen auszuschweifen.

Robert Menasse o. J. © Gerald Kral
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