Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Brief von Peter Handke an Rene Char, Manuskript auf Holzrinde, 24.12.1986 – © ONB

SCHATZKAMMER DES WISSENS 650 Jahre Österreichische Nationalbibliothek

Josefsplatz, Kolorierter Kupferstich von Carl Schütz, 1780 – © ONB

Von der Tabula Peutingeriana über Prachthandschriften bis zum digitalen Buch in einer virtuellen Sammlung

An der Wiege der heutigen Nationalbibliothek steht ein Evangeliar. Geschaffen wurde die Handschrift von Johannes von Troppau, Pfarrer im mährischen Landskron und Kanonikus zu Brünn. Bestimmt war sie für Herzog Albrecht III., einen der Mächtigen seiner Zeit. An Luxus durfte es also nicht mangeln. Geschrieben ist sie in Gold, verziert sind die Blätter mit aufwändigen Initialen und Miniaturen und umgeben von einem bemerkenswerten Einband mit vier kleineren Löwenköpfen als Symbole der vier Evangelisten und in der Mitte dem großen Löwenhaupt, das für Christus steht. Zu sehen wird diese Kostbarkeit nur wenige Tage sein, dann muss sie aus konservatorischen Gründen ausgetauscht werden. An „Ersatzstücken“ gibt es in der ONB jedoch keinen Mangel. Schließlich hat man noch den Autographen von Mozarts Requiem (30. März bis 29. April 2018), die Gutenberg-Bibel (1. Juni bis 1. Juli 2018) oder die Tabula Peutingeriana (1. bis 30. November 2018), um sie im Prunksaal als „Objekt des Monats“ kurz der Öffentlichkeit zu zeigen.

Evangeliar des Johannes von Troppau, Handschrift, 1368 – © ONB

Die Ausstellung „Schatzkammer des Wissens. 650 Jahre Österreichische Nationalbibliothek“ selbst ermöglicht bis 13. Jänner 2019 eine beeindruckende Wanderung durch das Wissen von sechseinhalb Jahrhunderten, das bis in jüngste Zeit am dauerhaftesten nur zwischen zwei Buchdeckeln aufbewahrt werden konnte.

Wappen der Fugger (Raimund Fugger), Stimmbuch, Handschrift, 16. Jh. © ONB

Die Bibliothek als Sammelstätte von Büchern hat auch im digitalen Zeitalter nicht ausgedient, ist Generaldirektorin Dr. Johanna Rachinger überzeugt. Es mag sich der Zugang geändert haben, da niemand mehr das ehrwürdige, nach Plänen von Johann Bernhard Fischer von Erlach errichtete Gebäude persönlich aufsuchen muss, um zu seinen Informationen zu gelangen. Es genügt ein Internetzugang, um beispielsweise eine historische Zeitung (ANNO) lesen oder mit alten Ansichtskarten (AKON) eine Weltreise von einst antreten zu können.

Trotzdem wird das Buch in seiner herkömmlichen Weise seine Faszination zumindest für die Generation, die sich bereits vor dem Siegeszug des Computers auf der Welt befunden hat, seine Faszination nicht verlieren. So trifft man in der Ausstellung auf die beiden literarischen Werke von Maximilan I., dem „Theuerdank“ und dem „Weißkunig“ als zwei Beispiele für den frühen Buchdruck. Diesem bibliophilen Kaiser verdankt die heutige Nationalbibliothek auch ihren ersten Bibliothekar, den niederländischen Gelehrten Hugo Blotius, der in einem wenig repräsentativen Gewölbe über dem Kreuzgang des damaligen Minoritenklosters 7.379 Exemplare zu verwalten hatte.

Bengalischer Tiger aus der Menagerie in Schönbrunn, Matthias Schmutzer © ONB

Die Habsburger waren durchwegs Bücherfreunde, die für umfangreiche Erwerbungen sorgten. Ein Stimmbuch mit dem Fugger-Wappen ist Zeuge einer bedeutenden Anschaffung im 17. Jahrhundert, als die verarmte Augsburger Kaufmannsfamilie 15.000 Bände um 15.000 Gulden an Kaiser Ferdinand III. veräußern musste. Schaut man genau hin und hat zumindest eine kleine Ahnung vom Kaufwert eines Gulden, dann kann man ermessen, welch Vermögen ein Buch in diesen Tagen bedeutete.

Von ähnlicher Intensität wie die Liebe zu Büchern war der Kunstsinn der Habsburger ausgeprägt. Franz I., erster Kaiser von Österreich, ließ die exotischen Tiere in der Menagerie in Schönbrunn von Matthias Schmutzer mit dem Pinsel in fantastische Landschaften setzen. Erzherzog Rainer wiederum erwarb 1883 eine Sammlung von rund 10.000 Papyri und schenkte diese seinem Onkel Kaiser Franz Joseph I., von dem sie als Spezialsammlung der Hofbibliothek eingegliedert wurden.

Musiknoten kamen erstmals mit Moritz Graf von Dietrichstein, einem Förderer von Ludwig van Beethoven, ab 1826 in die Hofbibliothek. Es handelte sich um das Archiv der Hofmusikkapelle, aber auch um den Autografen von Josef Haydns „Gott erhalte“ und dem von Mozarts Requiem. Originalhandschriften von Gustav Mahler, Anton Bruckner, Richard Strauss oder Alban Berg folgten. Den Überblick über die jeweils bekannte Welt lieferten stets Landkarten, die seit dem 16. Jahrhundert systematisch erworben wurden, aber auch ganz „ebenerdige“ Darstellungen wie die „Donauansichten“ von Jakob Alt. Auch nach dem Ende der Monarchie behielt die nunmehr als Nationalbibliothek benannte Sammlung ihre Bedeutung. Sie überlebte die Jahre des Anschlusses, wurde immer wieder erweitert, so 1992 mit einem Bücherspeicher unter der Erde, und ist nun auf dem besten Weg, in allen heute nur möglichen Kanälen der Verteilung, vom Lesesaal bis zum Smartphone, das bei ihr gespeicherte Wissen zugänglich zu machen.

Gutenberg-Bibel, Druck von Johannes Gutenberg, um 1454 – © ONB

Ausstgellungsansicht Im Rausch des Schreibens

IM RAUSCH DES SCHREIBENS Über die Ursprünge dichterischer Inspiration

Gert Jonke, Schriftbild , 1989, Privatbesitz Ingrid Ahrer - © Österreichische Nationalbibliothek

Ist gute Literatur ohne Kaffee, Alkohol, Tabak und kräftigere Stimulantia überhaupt denkbar?

Die im Titel gestellte Frage scheint sich angesichts der jüngsten Ausstellung im Literaturmuseum von selbst mit einem klaren Nein zu beantworten. Um in die Welt eintreten zu können, in der die Hand oder später die Finger auf der Tastatur wie von selbst zu schreiben beginnen, waren und sind viele Autoren auf kräftige Anstöße angewiesen. Es kann sich dabei um eine Zigarette nach der anderen, um Wein oder härteres aus der Flasche oder um das Bewusstsein erweiternde Drogen handeln. Der „Rausch des Schreibens“ (bis 11. Februar 2018) weist schon im Untertitel „Von Musil bis Bachmann“ auf typische Vertreter dieser Gattung von Schreibern hin, die mit ihren Leidenschaften und Schwächen anhand von Texten, Zeichnungen, Tonbeispielen und einigen wenigen Objekten vorgestellt werden.

 

Wir leben in einer Zeit, in der Rauch- und diverse andere Genussverbote die Öffentlichkeit beherrschen und Anständigkeit mit prüder Enhaltsamkeit gleichgesetzt wird.

Zeitschrift „Das Pult“, Cover mit Heimito von Doderer, 1973 - © Österreichische Nationalbibliothek

Ein Foto mit Peter Handke mit Zigarette im Mund wird aus Schulbüchern verbannt und die Pfeifensammlung von Ernst Jandl wirkt auf zarte Gemüter unappetitlich abstoßend. Es wird also einigen Erklärungsbedarf zum Inhalt dieser Ausstellung geben. Wie werden bei Führungen mit Kindern diesen die offenbar im Vollrausch hingekritzelten Zeilen eines Gert Jonke als Literatur verklickert? Oder ein auf der Couch rauchender Robert Menasse als literarisches Genie hingestellt und ein Falco, der dem Kokain eine Hymne geschaffen hat, als Vorbild der Jugend? Es wird nicht leicht sein, aber es ist eine Notwendigkeit, darauf hinzuweisen, dass Großes nicht selten auf diese heute verpönte Weise entstanden ist.

Friederike Mayröcker Mitte der 1980er Jahre © Gabriela Brandenstein

In fünf Stationen, raffiniert in die denkmalgeschützten Regale hineingezaubert, wird der Besucher zuerst unter „Schreibrausch & Wortmaschine“ mit dem Zwang zum Schreiben, der rauschhaften Produktion von Texten konfrontiert. Für Elfriede Jelinek war der Computer das geeignete Mittel, ihre innere Unruhe möglichst schnell niederzuschreiben. Elfriede Gerstl bringt den kreativen Prozess im Verhältnis zur euphorischen Erfahrung des Schreibens auf den Punkt: „dann ists kein rausch / keine Droge / fast arbeit“.

In „Zug um Zug“ ist von Nikotin und Alkohol die Rede. Zug um Zug und Zeile um Zeile entstehen etwa bei Ernst Herbeck, Anita Pichler oder Theodor Kramer Gedichte in Zigarettenlänge. Es gibt kaum ein Foto, auf dem Heimito von Doderer ohne Pfeife oder Zigarette dargestellt ist.

Zu seinem grotesken Zorn-Roman „Die Merowinger oder Die totale Familie“ hat seine Großnichte Johanna von Doderer den Wutmarsch komponiert, der per Kopfhörer neben den „rauchenden“ Bildern ihres Großonkels zu hören ist. Robert Musil war dem Rauchen derart verfallen, dass er als Versuch einer Selbstkontrolle in den letzten zwei Jahren seines Lebens penibel die Uhrzeit jeder gerauchten Zigarette notierte. Ingeborg Bachmann maß die Zeit in Zigaretten. In ihrem Roman „Malina“ wartet die Ich-Erzählerin auf ihren Geliebten, um freudig festzustellen: „Sechzig Zigaretten später aber ist Ivan zurück...

 

Welche Substanzen gesellschaftlich legitimiert und akzeptiert, welche hingegen sogar mit kriminellen Tatbeständen verbunden sind, hängt scheinbar vom Zeitgeist ab. Walter Benjamin wurde durch die Lektüre von Hermann Hesses „Steppenwolf“ zu Haschisch-Experimenten angeregt. Seiner Zeit voraus war Leo Perutz, der in „St. Petri-Schnee“ die Wirkung der Alkaloide, die im Getreidepilz Mutterkorn vorkommen, lange vor der tatsächlichen Erfindung des LSD, bereits beschrieben hatte.

Edward Reavis (Hg.), „Rauschgiftesser erzählen“, Rixdorfer Verlagsanstalt, 1981 - © ONB

In „Rauschtexte: Ekstase, Trance, Entrückung“ beschreibt unter anderem Peter Rosei in „Wer war Edgar Allan?“ ein „wahnsinniges Bewusstsein“ aus der Innenperspektive. Es sind Zustände des Außer-ich-Seins, die literarische Texte seit jeher auszeichnen. Das Spektrum reicht vom Gewaltrausch über den erotischen Rausch oder die (selbstzerstörerische) Ekstase bis zu den Erfahrungen der Entrückung und Entgrenzung, die in einer gesellschaftlichen Ordnung keinen Platz mehr hat.

 

Im letzten Kapitel, in dem es um „Exzess & Askese: Schreib- und Selbstdisziplin“ geht, steht Franz Kafka und dessen Werk „Ein Hungerkünstler“ am Beginn der Überlegungen. Der Exzess seines Helden liegt im Verzicht und im Wunsch, „sich selbst zu übertreffen bis ins Unbegreifliche“.

Seine Sehnsucht nach Enthaltsamkeit hat wohl Adalbert Stifter dazu bewogen, seine Figuren immer wieder ein enthaltsames Leben führen zu lassen. Er selbst war von einem „Wolfshunger“ beseelt, den auch Kuraufenthalte nicht bändigen konnten. Wie viele andere war auch er zwischen Rausch und Nüchternheit zerrissen, oder wie es Joseph Roth in einem Brief an Stefan Zweig treffend ausdrückt: „Ich kann mich nicht im Literarischen kasteien, ohne im Körperlichen auszuschweifen.

Robert Menasse o. J. © Gerald Kral
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