Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


 

300 Jahre Freimaurer Ein Blick hinter das wahre Geheimnis

Szenenbild von Mozarts „Zauberflöte“ © Österreichische Nationalbibliothek

Im Zeichen von Winkelmaß und Zirkel

Gleichermaßen bekannt wie geheimnisvoll, damit lässt sich in zwei Worten das Wesen der Freimaurerei ausdrücken, wie es der Nichteingeweihte wahrnimmt. 1717 wurde der Überlieferung nach die Großloge von England gegründet. Die englische Bezeichnung „Freemason“ bezieht sich auf die Bruderschaften mittelalterlicher Baumeister und Steinmetze. So kam es auch zu den Symbolen Maurerkelle, Winkelmaß und Zirkel. Weitere Hinweise auf Freimaurerei sind der abgebrochene Obelisk und ein ruinöser Tempel Salomons. Sie stehen für die Unvollkommenheit, an der die Menschheit arbeiten muss, um zu wahrer Brüderlichkeit zu finden. Warum eine Vereinigung mit solch edlen Zielen partout geheim gehalten werden soll, hat mehrere Gründe. Die Freimaurer selbst sagen, dass damit nicht das Wirken, sondern die Privatsphäre geschützt werden soll, historisch ist es darauf zurück zu führen, dass in Österreich unter Joseph II. und Franz II. die Freimaurerei verboten bzw. gänzlich aufgehoben war und während der Zeit des Nationalsozialismus ein Bekanntwerden der Mitgliedschaft durchaus nicht ungefährlich war.

Angelo Soliman nach einem Gemälde von Johann Nepomuk Steiner © Österreichische Nationalbibliothek

Sie wurden immer wieder zu Sündenböcken gestempelt, wenn es darum ging, ihnen obskure Machenschaften in die Schuhe zu schieben, die darin gipfelten, dass die Freimaurer Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges gewesen seien. Anders als in Österreich und Deutschland sind die Freimaurer in den USA und im Norden Europas ein Verein wie jeder andere, zu dem man sich unter anderem mit dem sichtbaren Tragen eines Freimaurerrings bekennt.

Schärpe eines Kommandeurs des 33. Grades, Großloge von Österreich, 19. Jahrhundert – © ONB

In einer Ausstellung im Prunksaal der Nationalbibliothek mit dem Titel „300 Jahre FREIMAURER Das wahre Geheimnis“ (bis 7. Jänner 2018) werden sozusagen die Türen der Logen geöffnet. Mit über 150 Objekten und ausführlichen Informationstafeln wird die Geschichte der Freimaurerei ohne Geheimnistuerei offengelegt. Eine Porzellangruppe nach einem Entwurf von Johann Joachim Kaendler um 1740 erinnert daran, dass Franz Stephan von Lothringen, Gemahl von Maria Theresia, Freimaurer war. Man weiß bestimmt, dass er 1731 in Den Haag aufgenommen und bald darauf in England zum Meister erhoben wurde.

Die Engländer konnten damit einen mächtigen Thronanwärter zu ihren „Brüdern“ zählen. Dass seine Gemahlin das Treiben nicht so sehr goutierte, darf ins Reich des Tratsches verwiesen werden, auch der Umstand, dass man, um vor der Spionage Maria Theresias sicher zu sein, Schloss Rosenau im damals entlegenen Waldviertel zu einer Loge ausbaute – aber vielleicht ist doch was dran!? Wolfgang Amadeus Mozart war ebenso Freimaurer wie der zu Lebzeiten hoch angesehene Angelo Soliman, der als Sklave nach Europa verschleppt worden war.

Aufgrund seiner Sprachkenntnisse stieg er zum Prinzenerzieher auf und wurde im Alter von 60 Jahren in der Loge „Zur wahren Eintracht“ aufgenommen und innerhalb von nur vier Wochen zum Meistergrad erhoben.

 

Über die Zeiten gab es ein Auf und Ab der Freimaurerei. In der Zwischenkriegszeit traten Vertreter des „Roten Wien“ trotz Skepsis seitens der sozialistischen Partei in Logen ein. Die bekanntesten mögen Julius Tandler sein oder Ferdinand Hanusch, der Bruder und Meister vom Stuhl der Loge „Lessing zu den Drei Ringen“ und ab 1922 Großbeamter der Großloge von Österreich war.

 

Nach 1945 erlebte die Freimaurerei eine neue Blütezeit. Sie wurde zu einem Sammelbecken von Kreativen, Wirtschaftstreibenden und Politikern wie Ernst Hagen (Seniorenclub), Kuno Knöbl (Club 2), Hans Peter Haselsteiner, Fred Sinowatz oder Helmut Zilk, der den Kulturschaffenden mit dem Politiker in seiner Person verband.

Tempel mit einem Medaillon des Kaisers Franz Stephan von Lothringen von Jac. Mercorus © ONB

Heute gibt es in Österreich 78 Logen mit etwa 3.500 Mitgliedern. Deren Großloge steht im Vereinsregister und kann sogar per Internet kontaktiert werden: www.freimaurerei.at.

Nichts geändert hat sich an den Idealen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität, wie sie schon in der Oper Die Zauberflöte besungen werden. Sie sind im Vergleich zum großen Rest der Menschheit nur wenige, die dezidiert an einer menschlicheren Welt arbeiten, können aber in ihrem Streben nach Selbsterkenntnis, Selbstbeherrschung und Selbstveredelung wie der in der Bibel benannte Sauerteig wirken, um auch andere dazu zu ermuntern, das wahre Geheimnis, nämlich den Menschen, zu ergründen.

Zwei Freimaurer, Porzellangruppe © Österreichische Nationalbibliothek

Ausstgellungsansicht Im Rausch des Schreibens

IM RAUSCH DES SCHREIBENS Über die Ursprünge dichterischer Inspiration

Gert Jonke, Schriftbild , 1989, Privatbesitz Ingrid Ahrer - © Österreichische Nationalbibliothek

Ist gute Literatur ohne Kaffee, Alkohol, Tabak und kräftigere Stimulantia überhaupt denkbar?

Die im Titel gestellte Frage scheint sich angesichts der jüngsten Ausstellung im Literaturmuseum von selbst mit einem klaren Nein zu beantworten. Um in die Welt eintreten zu können, in der die Hand oder später die Finger auf der Tastatur wie von selbst zu schreiben beginnen, waren und sind viele Autoren auf kräftige Anstöße angewiesen. Es kann sich dabei um eine Zigarette nach der anderen, um Wein oder härteres aus der Flasche oder um das Bewusstsein erweiternde Drogen handeln. Der „Rausch des Schreibens“ (bis 11. Februar 2018) weist schon im Untertitel „Von Musil bis Bachmann“ auf typische Vertreter dieser Gattung von Schreibern hin, die mit ihren Leidenschaften und Schwächen anhand von Texten, Zeichnungen, Tonbeispielen und einigen wenigen Objekten vorgestellt werden.

 

Wir leben in einer Zeit, in der Rauch- und diverse andere Genussverbote die Öffentlichkeit beherrschen und Anständigkeit mit prüder Enhaltsamkeit gleichgesetzt wird.

Zeitschrift „Das Pult“, Cover mit Heimito von Doderer, 1973 - © Österreichische Nationalbibliothek

Ein Foto mit Peter Handke mit Zigarette im Mund wird aus Schulbüchern verbannt und die Pfeifensammlung von Ernst Jandl wirkt auf zarte Gemüter unappetitlich abstoßend. Es wird also einigen Erklärungsbedarf zum Inhalt dieser Ausstellung geben. Wie werden bei Führungen mit Kindern diesen die offenbar im Vollrausch hingekritzelten Zeilen eines Gert Jonke als Literatur verklickert? Oder ein auf der Couch rauchender Robert Menasse als literarisches Genie hingestellt und ein Falco, der dem Kokain eine Hymne geschaffen hat, als Vorbild der Jugend? Es wird nicht leicht sein, aber es ist eine Notwendigkeit, darauf hinzuweisen, dass Großes nicht selten auf diese heute verpönte Weise entstanden ist.

Friederike Mayröcker Mitte der 1980er Jahre © Gabriela Brandenstein

In fünf Stationen, raffiniert in die denkmalgeschützten Regale hineingezaubert, wird der Besucher zuerst unter „Schreibrausch & Wortmaschine“ mit dem Zwang zum Schreiben, der rauschhaften Produktion von Texten konfrontiert. Für Elfriede Jelinek war der Computer das geeignete Mittel, ihre innere Unruhe möglichst schnell niederzuschreiben. Elfriede Gerstl bringt den kreativen Prozess im Verhältnis zur euphorischen Erfahrung des Schreibens auf den Punkt: „dann ists kein rausch / keine Droge / fast arbeit“.

In „Zug um Zug“ ist von Nikotin und Alkohol die Rede. Zug um Zug und Zeile um Zeile entstehen etwa bei Ernst Herbeck, Anita Pichler oder Theodor Kramer Gedichte in Zigarettenlänge. Es gibt kaum ein Foto, auf dem Heimito von Doderer ohne Pfeife oder Zigarette dargestellt ist.

Zu seinem grotesken Zorn-Roman „Die Merowinger oder Die totale Familie“ hat seine Großnichte Johanna von Doderer den Wutmarsch komponiert, der per Kopfhörer neben den „rauchenden“ Bildern ihres Großonkels zu hören ist. Robert Musil war dem Rauchen derart verfallen, dass er als Versuch einer Selbstkontrolle in den letzten zwei Jahren seines Lebens penibel die Uhrzeit jeder gerauchten Zigarette notierte. Ingeborg Bachmann maß die Zeit in Zigaretten. In ihrem Roman „Malina“ wartet die Ich-Erzählerin auf ihren Geliebten, um freudig festzustellen: „Sechzig Zigaretten später aber ist Ivan zurück...

 

Welche Substanzen gesellschaftlich legitimiert und akzeptiert, welche hingegen sogar mit kriminellen Tatbeständen verbunden sind, hängt scheinbar vom Zeitgeist ab. Walter Benjamin wurde durch die Lektüre von Hermann Hesses „Steppenwolf“ zu Haschisch-Experimenten angeregt. Seiner Zeit voraus war Leo Perutz, der in „St. Petri-Schnee“ die Wirkung der Alkaloide, die im Getreidepilz Mutterkorn vorkommen, lange vor der tatsächlichen Erfindung des LSD, bereits beschrieben hatte.

Edward Reavis (Hg.), „Rauschgiftesser erzählen“, Rixdorfer Verlagsanstalt, 1981 - © ONB

In „Rauschtexte: Ekstase, Trance, Entrückung“ beschreibt unter anderem Peter Rosei in „Wer war Edgar Allan?“ ein „wahnsinniges Bewusstsein“ aus der Innenperspektive. Es sind Zustände des Außer-ich-Seins, die literarische Texte seit jeher auszeichnen. Das Spektrum reicht vom Gewaltrausch über den erotischen Rausch oder die (selbstzerstörerische) Ekstase bis zu den Erfahrungen der Entrückung und Entgrenzung, die in einer gesellschaftlichen Ordnung keinen Platz mehr hat.

 

Im letzten Kapitel, in dem es um „Exzess & Askese: Schreib- und Selbstdisziplin“ geht, steht Franz Kafka und dessen Werk „Ein Hungerkünstler“ am Beginn der Überlegungen. Der Exzess seines Helden liegt im Verzicht und im Wunsch, „sich selbst zu übertreffen bis ins Unbegreifliche“.

Seine Sehnsucht nach Enthaltsamkeit hat wohl Adalbert Stifter dazu bewogen, seine Figuren immer wieder ein enthaltsames Leben führen zu lassen. Er selbst war von einem „Wolfshunger“ beseelt, den auch Kuraufenthalte nicht bändigen konnten. Wie viele andere war auch er zwischen Rausch und Nüchternheit zerrissen, oder wie es Joseph Roth in einem Brief an Stefan Zweig treffend ausdrückt: „Ich kann mich nicht im Literarischen kasteien, ohne im Körperlichen auszuschweifen.

Robert Menasse o. J. © Gerald Kral
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