Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


 

Nepomukhof: Damit die Trauben ihr Bestes geben, werden sie mit Füßen getreten

Mit dem feinen Gefühl der Sohlen

Seit einer Stunde tritt Maria Graßl auf der Stelle. Ihr Bewegungsradius beschränkt sich auf einen Meter im Quadrat. Langsam beginnen in den Oberschenkeln die Muskeln zu ziehen. Schließlich müssen bei jedem Schritt die Füße hoch genug gehoben werden, dass sie möglichst von oben auf die dicke rote Masse steigen. Die Weinbeeren schwimmen wie Korken nach oben, wollen gefühlvoll mit den Zehen eingefangen und wieder zu Boden zu gedrückt werden. Dort platzen sie unter dem sanften Druck der nackten Sohlen auf und geben ihren Saft frei.


Keine leichte Arbeit! Deswegen kommt ihr jede Unterbrechung gelegen. Die sportliche junge Frau schwingt sich behände aus dem Bottich und spritzt mit kaltem Wasser die Traubenschalen von den Beinen. „Gut eine Stunde geht’s noch so dahin“, sagt sie mit erstaunlicher Fröhlichkeit, „die ganze Zeit immer zwei Stiegen auf einmal steigen, so muss man sich das vorstellen. Am Abend spüre ich die Leiste und bin froh, wenn ich ins Bett komme.“ Immer einmal gibt es Hilfe aus der Nachbarschaft, zumeist weibliche, die aus welchem Grunde immer dieses freiwillige Workout auf sich nehmen. Zumindest für ihre Beine ziehen die Damen daraus einen Nutzen. Maria Graßl: „Die Durchblutung wird angeregt. Nach dem Treten juckt die Haut richtig.“


Die Entscheidung zum Maischetreten wurde am Nepomukhof natürlich gemeinsam getroffen. Ihr Mann Christian erinnert sich: „Vor drei Saisonen war bei uns auf Besuch ein Australier, ein sogenannter Flying Winemaker; einer, der zuhause auch nur zehn Hektar hat. Gelernt und gearbeitet hat er aber vorher bei den Großen. Er hat uns den Tipp gegeben. Ich war am Anfang skeptisch. Eine alternative Produktionsmethode!? Wir haben es trotzdem mit einer kleinen Charge versucht.“

 

Das Ergebnis war beeindruckend: tiefdunkle Farbe, feine Tannine, intensive Frucht und alles harmonisch aufeinander abgestimmt. First Step, der erste Schritt, ziert das Etikett des Zweigelt Reserve 2006; mit insgesamt nur 300 Flaschen – eine wahre Kostbarkeit mit dem Zeug zum Kultwein.

Graßl: „Auf diesen Erfolg hin sind wir in Großproduktion gegangen.“ Ein Massenprodukt ist der mit Füßen getretene Wein deswegen noch lange nicht. Von den roten Sorten wie Blaufränkischer, Merlot und Pinot Noir wird auch ein guter Teil auf herkömmliche Weise erzeugt: also Rebeln, dann für einige Wochen in den Maischetank mit derzeit gängigen Bearbeitungstechniken wie Berieselung und Untertauchen der Maische mit einem Flügelsystem und vor der Gärung im Barriquefass eine schonende Pressung, „eine pneumatische, damit nicht zuviel Tannin kommt und vor allem, dass kein Kern verletzt wird“, erklärt der erfahrene Winzer, „sie lassen sonst den Wein grün schmecken.“

Angaben wie diese, in denen es um die Farben von Geruch und Geschmack geht, sind keinem Weinfreund fremd. „Mit dem bloßen Fuß wird kein Kern zertreten und außerdem“, so Christian Graßl, „erspare ich mir mit zwei Stunden Stampfen zwei Wochen Maischegärung.“

 

Der Beweis wird angetreten, mit Proben, die erst einige Tage in Maischegärung stehen. Graßl: „Ich gehe davon aus, dass die fußgetretene Variante vom Rosenberg, eine unserer besten Lagen, die Wertvollste ist.“ Er hat absolut Recht. In dieser kurzen Zeit zeigt der Zweigelt, noch nicht Wein und nicht mehr Most, großartige Anlagen. Der Haidacker steht ihm nicht gerade nach, muss ihm aber letztlich doch den Vorrang lassen, schließlich liegt diese Riede etwas unterhalb des Rosenbergs. „Kosterisch trinkt sich dieser Zweigelt am weitesten, ist in der Gärung fortgeschritten. Was da durchbeißt, ist die Weinsäure am Gaumen. Deutlich zu schmecken sind schon die Weichseln. Gelesen wurde er vor vier Tagen. Die große Tanninbildung ist abgeschlossen.“ Schwer zu glauben, und dennoch für Nase und Gaumen eine Tatsache.

 

Es folgt ein Loblied auf die Göttlesbrunner Rieden: „Sie sind alle optimal von der Sonne beschienen.“ Selbiges gilt für die gesamte Umgebung im Osten von Niederösterreich. Man hat sich ganz auf die historischen Wurzeln bezogen und die Bezeichnung Carnuntum zugelegt. Flache Hügel mit entsprechender Thermik gewährleisten die günstigsten Voraussetzungen für großen Wein, ohne Unterschied, ob rot oder weiß – ein Vorteil, den bereits die Römer zu nutzen wussten.

Selbstverständlich gibt es auch im Hause Graßl einen Rubin Carnuntum, einen Rotwein, der strenge Qualitätskriterien erfüllen muss, um unter diesem Namen auf den Markt gebracht werden zu dürfen.

 

Die großen Göttlesbrunner Weinlagen, in denen Graßl an die 14 Hektar bewirtschaftet, geben dem Rotwein genügend Alkohol und Tannine und ermöglichen ihm damit ein langes Leben. „Dazu lege ich Wert darauf, dass sie schlank bleiben und eine schöne Struktur am Gaumen zeigen“, skizziert Graßl sein Bemühen, „weil ich keine überladenen Rotweine machen will.“ Die Bestätigung für die gelungene Umsetzung liefert ein „getretener“ 2007er. „Er ist immer wieder ins selbe Barriquefass zurückgekommen, wurde aber bestimmt fünf bis sechs Mal gezogen. Er hat Feuer, Eleganz, aber wenig Holz, die Frucht ist im Vordergrund.“ Das Geheimnis dieser schlichten Größe liegt in einer recht einfachen Erkenntnis: „In den ersten drei, vier Monaten nimmt das Holz stark zu, harmonisiert aber mit dem Sauerstoff – der sorgt für ein fülligeres Gesamtbild – und weist nach zwei Jahren weniger Holz auf als am Beginn.“

Es ist der heilige Johannes Nepomuk, und der ist der Familie schon seit langem verbunden. In Göttlesbrunn gibt es einige Weingüter mit dem Namen Graßl, aber nur eines, in dem anno 1740 eine Ahnin, die Witwe des früh verstorbenen Dorfrichters, für die Brücke über den Dorfbach eine Statue dieses Heiligen gestiftet hat. „Im Krieg wurden ihm der Kopf und die Füße abgeschossen“, hat Christian Graßl in der Orts-Chronik gefunden: „Er ist vergraben worden. Bei Aushubarbeiten 1978 ist die Statue wieder zum Vorschein gekommen und hat jetzt einen Ehrenplatz in unserem Haus.“

Zuletzt gibt es doch noch einen Schluck vom legendären First Step und damit Jugend, Lebendigkeit aus 2006. „Der Geschmack verändert sich im Lauf der Zeit. Mit der Flaschenreifung kommen immer andere Aromen zum Vorschein. Wenn er nach 20 Jahren noch lebt“, sagt Graßl ohne wirklichen Zweifel, „dann ist das Geschmackserlebnis mit Sicherheit ein ganz anderes als nach zehn Jahren. In 50 Jahren werden wir sehen, ob meine Philosophie stimmt“ und macht dabei einen durchaus zuversichtlichen Eindruck, mit einem Blick auf den Torso einer Heiligenstatue im Hof.