Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


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Karl Kraus, Daniel Jokesch: Die letzten Tage der Menschheit Cover 700

 

Notizen eines wohlmeinenden Kritikers zum Theater unter freiem Himmel

Pa, Pa, Papageno oder I´m Singin´ in the Rain

I´m Singin´ in the Rain oder wenn die Mimen Landluft schnuppern…

…dann haben erstens die großen Theater in Wien geschlossen, zweitens ist Sommer. Man will im Freien essen, man will im Freien trinken und man will Kultur im Freien konsumieren. Was leider sehr oft beim frommen Wunsch bleibt, ganz einfach, weil es regnet. Sonst aber, vom Angebot her, fehlt es an nichts. Von der Shakespeare´schen Tragödie bis zur selbstgestrickten Posse mit Musik, für jede Laune ist etwas dabei, das sich von Plastiksesseln aus, eingehüllt in Decken und Gelsenschwärme, als Theater genießen lässt.

 

Landauf, landab wird mit Begeisterung Theatersommer gefeiert. Beinahe schon jede Ortschaft konnte eine namhafte Persönlichkeit aus der Bühnenbranche für sich gewinnen. Sei es, dass diese gern und regelmäßig beim Heurigen einkehrt oder ihr Zweit-Domizil in ländlicher Idylle aufgeschlagen hat, oder beides. Was liegt also näher, als sie zu fragen, ob sie nicht…? Und ob sie will, die Persönlichkeit. Einmal selbst ein Stück aussuchen, Regie führen, die Besetzung bestimmen und damit genau das tun, was sonst übers Jahr der Direktor oder der Intendant einem vorschreibt. Und schon sind die Festspiele von Woauchimmer geboren. Die passende Location findet sich, natürlich ausnehmend stimmungsvoll, zum Beispiel in einem alten Stadl, am Kirchenplatz oder im Schlosspark; sogar Kellergassen haben sich darin bestens bewährt. Auf gut Weinviertlerisch gesagt: die Tribüne in der Kellertrift und vor den Presshäusern die Bühne. Kulisse ist dann ein Sonnenuntergang über wohlbestellten Weingärten; ein beeindruckendes Naturschauspiel, das es einem Ensemble nicht gerade leicht macht, die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich zu ziehen.

 

Das geringste Problem ist auf dem Lande die leibliche Versorgung des Publikums. Dank einer meist bäuerlichen Struktur sind Speis und Trank im Überfluss vorhanden. Selbstverständlich gibt es einen Festival-Wein. Die besten Winzer des Ortes rittern um die Ehre, diesen liefern zu dürfen – und verlangen für ein Glas aus der Flasche mit dem begehrten Etikett gleich doppelt so viel wie für gleichen Wein ohne Festspieladel. Aber die Geldbörse sitzt bei solchen Gelegenheiten ohnehin locker. Man ist zum Feiern aufgelegt, schließlich ist man Festspielbesucher, der mit Freunden anstoßen will, und vor der stattlichen Schar anwesender Prominenter nicht als Zwutschkerl dastehen möchte. Apropos Prominente: Die Stunde vor der Aufführung, die Pause und die Premierenfeier ist deren Bühne. Fotografen blitzen gnadenlos in ihre Gesichter und scharfe Scheinwerfer auf TV-Kameras schneiden sie aus dem einbrechenden Dunkel der Nacht. Die Redakteure erheischen ein Bonmot, das am nächsten Abend den Beitrag in Bundesland Heute aufpeppt. Angesichts der Zeitungsmeldungen am Morgen danach kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diejenigen, die nicht dabei sein konnten, vom Stück nichts wissen wollen, aber drauf begierig sind, zu erfahren, wer aller dabei zugesehen hat.

 

Eine Eigentümlichkeit von Premieren im weiten Land ist das Vorspiel, ein dramaturgisch bestens erprobtes Ritual, um die Finanzierung der Produktion zu gewährleisten. Dessen Akteure sind Politiker verschiedenster Ränge, alle natürlich in Vertretung des Landeshauptmanns, dessen herzlichste Grüße übermittelt werden, bevor eine endlose Liste an Namen verlesen wird. Deren Träger erheben sich von ihren Sitzen, um sich zum kurzen Applaus zu verbeugen. So viel geklatscht wie in dieser halben Stunde wird manches Mal im ganzen Stück nicht mehr.

 

Irgendwann kommt der Moment, in dem es heißt, „das Festival ist eröffnet!“ Im letzten Moment wird noch die Antschi-Tant verständigt, dass es jetzt losgeht, bevor das Handy auf das kräftige Brummen der Lautlosfunktion geschaltet wird. Abdrehen? Das gibt´s schon lang´ nicht mehr. Im Sommertheater gibt es keine Zwänge, schon gar nicht denjenigen, die persönliche Unterhaltung einzustellen. Wozu auch? Darsteller und Musiker sind ohnehin elektronisch verstärkt, um sich gegen Gemurmel im Publikum, Flugzeuge am Himmel und Einsatzfahrzeuge auf der nahen Bundesstraße durchsetzen zu können. Aber irgendwann ist dann doch die Aufmerksamkeit einigermaßen auf das Stück gerichtet. Wenn Zuschauer in Begeisterung geraten, dann müssen sie den Augenblick doch festhalten. Wer könnte da etwas dagegen haben!? Die Situation auf der Bühne wird dramatisch und das Licht stimmungsvoll eingezogen; wenn´s also richtig spannend wird, dann zeigt das Handy, was es kann. Diese Dinger haben einen tollen Blitz. Der ist imstande, den ganzen Innenhof eines Schlosses in grelles Licht zu tauchen, und das Großartige, man kann die Fotos gleich verschicken. Da wird die Antschi-Tant, die daheim auf die Kinder aufpasst, aber schauen, wenn sie diesen beeindruckenden Moment live miterleben darf.

 

Jedes Fest hat irgendwann auch ein Ende. Die Inszenierung war sehr gut, voller neuer Ideen, die Schauspieler durchwegs ausgezeichnet und das Ambiente unvergleichlich. Der Kritiker schwänzt die Premierenfeier und macht sich auf den weiten Weg nach Hause. Die vielen positiven Eindrücke von dieser Aufführung wollen noch in selbiger Nacht festgehalten werden. In berufsbedingter Humorlosigkeit verliert er jedoch geflissentlich kein Wort über das gesellschaftliche Sommertheater, das sich rund um das ernsthafte Bühnengeschehen abgespielt hat.

Zeichnung aus dem Buch

Dem Wiener sein Tod

Ein Totentanz, Cartoons von Hannes Gans


 

Eine „ernstgemeinte“ Warnung vor erfolgreichem Abnehmen

Rank, schlank und unglücklich

Sollten Sie zu dick sein und ernsthaft abnehmen wollen? Ich rate Ihnen, diesen Gedanken umgehend zu verwerfen. So lange vor dem Vorsatz noch ein Morgen steht, sind Sie zwar rund, aber – abgesehen von ein paar kalorienfreien Gewissensbissen – glücklich. Sollten Sie dennoch nicht widerstehen können, sich eine Bikinifigur anhungern zu wollen, sagen Sie nachher nicht, man hätte Sie nicht vor den äußerst unangenehmen Nebenwirkungen jedweder Gewichtsabnahme gewarnt. Die Gefahren sind tückisch und werden viel zu spät erkannt. Fragen Sie diesbezüglich auch keinen Arzt oder Apotheker. Diese Herrschaften in Weiß haben nur Ihre Gesundheit im Auge, die leider selten mit den wirklich angenehmen Dingen des Lebens im Einklang stehen.

 

Gefahr eins: Einigermaßen zufriedenstellend laufen die ersten Reduktionswochen ab. Man hungert zwar, kann aber mit Kaffee, Zigaretten und genügend saurem Weißwein das seelische Wohlbefinden auf gewohntem Level halten. Sündteuere Diäten sind dagegen reinste Geldverschwendung. Für neues Selbstbewusstsein sorgt der täglich xfache Blick auf die Waage, am besten einer solchen mit möglichst genauer Skala. Sie freuen sich über jeden Gramm, der dort nicht mehr aufscheint. Stolz trägt man weit. Textilien, die vorher Kurven zeichneten, flattern um verschwundene Rundungen und im Badezimmerspiegel bemerkt man an sich plötzlich Reliefs, wo sich vorher eintönige Flächen weich gepolsterter Wölbungen erstreckt haben.

 

Die Gefahr erahnt man erst, wenn das Werkl einmal stoppt. Dann wird es ernst. Wann es passiert, ist unerheblich. Es kann nach schon nach einem, zwei, fünf, oder erst nach zehn Kilogramm passieren. Was ist geschehen? Warum geht nichts mehr weiter? Ich habe heute doch noch gar nichts gegessen! Und das um Halb Zehn am Vormittag. Schlagartig ist jede Seligkeit aus der Seele gewischt, bohrendem Skrupel wird Platz gemacht. Verzweifeltes Ansudern der Kolleginnen hilft auch wenig. Deren kalte Augen verraten die Falschheit schlecht gespielten Mitleids. Jedem anderen ist es wurscht, was man wiegt. Viel eher begrüßt man Sie insgeheim als Mitglied im Club der Versager. Mit einem Wort, du bleibst unglücklich, trotz der geschwundenen Kilos.

 

Geschwunden ist eigentlich der falsche Ausdruck. Die Kilos haben sich nur Urlaub genommen, um mit neuen Freunden alsbald zu dir zurück zu kehren (Gestatten Sie das vertrauliche Du, aber in diesem Club wird jeder geduzt). Schoki macht angeblich glücklich. Also wird Schokolade angekauft und damit jeweils ein paar Sekunden Zufriedenheit. Der Zeiger auf der Waage steigt und steigt rasant, ohne sich auf der ursprünglichen Marke einzubremsen. Jo-Jo-Effekt ist nicht umsonst eines der meistgebrauchten Wörter unserer Sprache. Tonnen haben manche Dicke auf diese Weise bereits abgenommen. Noch mehr Schokolade, noch mehr Gewicht, noch mehr Unglück – bis zum nächsten missglückten Anlauf.

 

Gefahr zwei: Schlimmer noch ergeht es dir aber, wenn es nach der ersten Stagnation mit dem Lebendgewicht weiter bergab geht. Du erreichst das dir gesteckte Ziel. Neue Kleidung wird angeschafft, um viele, viele Nummern kleiner. Komplimente wie „du schaust aber schlecht aus! Hast du was mit dem Magen? Ich mach´ mir Sorgen“ gehen runter wie das sauteure Olivenöl mit den gesunden ungesättigten Fettsäuren. Längst bist du Spezialist auf dem Gebiet richtiger Ernährung und betreibst ein ausgefeiltes sportliches Begleitprogramm. Du weißt Bescheid über die ideale Zufuhr von Eiweiß, Kohlenhydraten, Vitaminen und Mineralstoffen und hast vergessen, wann du das letzte Mal Schnitzel mit Ketchup und Pommes oder eine Leberkäsesemmel verschlungen hast.

 

„Was soll daran schlimm sein?“ ist eine dumme Frage, wirklich dumm, weil sie nur einer stellen kann, der noch nie in diese verhängnisvolle Mühle geraten ist. Ab dem Moment des so sauer erarbeiteten Idealgewichts ist es vorbei mit jeder Art von Lebensqualität. Du bist wieder unglücklich, denn jeder Bissen, wirklich jeder Bissen, und sei es nur ein ganz, ganz kleines Vollkornkekserl, legt sich penetrant auf deine Rippen und vergrößert sich dort auf wundersame Weise zu einem Fettpolster. So gewonnenes Gewicht lässt sich beim morgendlichen Wiegen auch durch Wippen und Leichtmachen nicht mehr übersehen. Bier und Wein oder sonstige flüssige Erfreulichkeiten treiben mit dir das gleiche Spiel. Sie pushen gnadenlos dein Gewicht zurück nach oben. Stoppen, beziehungsweise umkehren kannst du den Trend nur, indem du mit voller Härte den Asketen gibst.

 

Bekanntlich ist Verzweiflung die finstere Brutstätte von Hirngespinsten. Träume, in denen du wieder grässlich blad bist, zerstören deinen Schlaf, der ohnehin vom dauernden Entsagen seicht und unruhig ist. Beim Aufwachen im Schweißbad ist dein erster ängstlicher Griff an den Bauch. Gott sei Dank, er ist noch keine Wampe. Aber woher kommen dann die Blähungen? Du traust dich nicht mehr einatmen. Dicke Luft könnte Kalorien haben. Auch die angeblich so gesunden Spaziergänge werden zur Seelenpein. Bekanntlich endet jeder Weg ins Grüne vor einem Wirtshaus, das du nicht betreten darfst. Nix mit Würstchen und einem Krügerl, wie du es in runden Zeiten gehalten hast.

 

Deine Freizeitbeschäftigung beschränkt sich aufs daheim bleiben. Du sitzt vor dem Kühlschrank, stierst ihn mit hohlen Augen an und passt krampfhaft auf, dass er stets leer ist. Drehst du den Fernseher auf, was kommt? Eine Kochsendung. Weggezappt! Weiter zur Talkshow. Eine zaundürre, offenbar an Bulimie leidende Moderatorin speit Lebensweisheiten aus. Weiter! Eine Comedy. Das Lachen verträgst du schon lang nicht mehr, vor allem dann nicht, wenn es aus der Konserve kommt. Endlich eine Naturdoku. Worum geht´s? Ums Fressen und gefressen werden. Auch nicht ideal. Zu den Nachrichten. Katastrophen hat deine Depression gerade nötig. Also was anschauen? Einen Film? Das große Fressen? Nein, sicher nicht! Bleibt nur mehr das Fenster zum Hof. Aber ausgerechnet dort strömt aufdringlicher Duft von Schweinsbraten herein und zum Gram gesellt sich noch der Neid.

 

Vom künstlerischen Segen, den uns das Handy beschert

Die Dramen um das Drama

Mit der Erfindung des Handys und seiner Weiterentwicklung zum tragbaren Gehirnfortsatz als jüngste Stufe menschlicher Entwicklungsgeschichte in Form des allwissenden Smartphones teilt sich unser Dasein bekanntlich in Zeiten des Telefonierens, SMSens, Surfens und kurzer, unvermeidlicher Schlafpausen. Eine solche Lebensweise überträgt sich selbstverständlich auch auf Orte, an denen die lustigen Signalgeräusche eines Mobiltelefons nicht allgemein goutiert werden. Nicht in jedem Fall sind sie harmonisch oder melodiös auf die Darbietungen eines auf der Bühne unverschämter Weise live spielenden Orchesters abgestimmt.

Vergesst die Bühne! Die wahren Dramen spielen sich am Handy ab.


 

Da jederzeit der entscheidende Anruf erfolgen kann, der den Lotto-Sechser verkündet oder eine die Welt verändernde Entscheidung in der Sekunde verlangt, muss das Handy natürlich auch ins Theater mitgehen. Da derart bedeutende Anrufe üblicherweise ausbleiben und ein nicht benutztes Telefon im Tascherl ein unziemliches Ärgernis darstellt, wird es ersatzweise dafür benutzt, um den Lieben zu Hause oder fernen Freunden mitzuteilen, dass man soeben das Theater betreten hat, an der Garderobe mit Trinkgeld das Gewand losgeworden ist, noch schnell das Klo aufsuchen wird, dort aber warten muss, weil bereits zahlreiche telefonierende Notdürftige davor warten, und lässt niemanden überhören, dass man sich dann erleichtert zum Sitz begibt.

 

Ohne das Gespräch zu unterbrechen hat man beim Billeteur ein Programm gekauft. Auch die Musiker im Orchestergraben hätten diese wesentliche Info erfahren, hätten sie nicht störenderweise auf ihren Instrumenten unkoordiniert gestrichen, geblasen oder getrommelt. Man sollte es der Theaterdirektion gehörig mitteilen, dass sich die Damen und Herren Musiker gefälligst in ihrer Garderobe oder besser noch daheim einspielen sollten. Besucher, die bereits auf ihren Plätzen sitzen und telefonieren, stehen freundlicherweise auf, um dem Anrufer den Weg zu seinem Sessel frei zu machen. Wenn endlich alles sitzt, macht das vollbesetzte Haus durchaus den Eindruck eines mit Plüsch ausgeschlagenen Fernamts.

 

Wenn man nun derjenige ist, der das Handy an solchen Abenden nicht bei sich hat, dann wird man ohne Aufpreis mit gleich mehreren Dramen beglückt. Für das eine auf der Bühne hat man teure Karten gekauft, die anderen werden einem frei Haus und gratis geliefert. Die Geschichte vorne an der Rampe ist an sich bekannt. Viel spannender sind die Stories, die sich links, rechts, vor einem und hinter einem abspielen.

 

Dame auf dem Sitz dahinter: „Die Antschi-Tant liegt im Spital, eh schon eine Woche und soll morgen raus kommen, aber ob die Ärzte wirklich…“, aber kaum hat man Interesse an dieser Mitteilung gefunden, wird deren Telefonat vom Herrn daneben übertönt: „Du, Burli, gestern das Abachterln war ein Hammer! Wieviel? Siebene?!“

 

Kurze Pause, in der man wieder Antschi-Tantes Krankengeschichte weiterverfolgen kann: „No, großartig haben sie operiert. War ja alles schon vereitert, ganz entzunden…“

 

Gott sei Dank, der Herr hat wieder zu Stimme gefunden: „Was ich da tu?! Meine Frau hat g´sagt, das soll ich mir anschauen. Was? Welches Stück? Was weiß ich, irgendwas, wo dauernd g´sungen wird. Eine Oper??? Na, hoffentlich nicht, weil…“

 

Leider gehen die Argumente für seine Aversion gegenüber dem Musiktheater unter der schrillen Stimme einer weiteren Sitznachbarin unter: „Hallöchen!!! Wie geht´s? Ja, wie geht´s dir denn? Alles Picobello!? Also, mir geht´s gut und dem Karli auch. Aber der ist nicht mitgegangen…, äh!.. Was meinst damit? Ob er stattdessen bei der Freundin ist? Was red´st für einen Stumpfsinn. Der macht das nicht! Woher willst grad du das wissen?“

 

„Weil die Antschi-Tant viel zu fett ist.“

 

„Und das Gedudel von die Holzbischkotten! Ich halt´s net aus!“

 

„So was will eine Freundin sein, eine Schlangen bist!“

 

„Dafür haben sie gesagt, dass man wegen so viel Schlatz in der Lungen ruhig sterben kann, aber sie hat wieder g´sagt, dass…“,

 

„Ich bin doch nicht eifersüchtig! Auf dich, du Schlampen, schon gar nicht.“

 

„…entweder schlaf´ ich eh ein oder ich…“

 

„Was, er ist bei…“

 

Spannung pur, vom Regisseur Zufall in eine tolle Dramaturgie verpackt! Wo befindet sich der untreue Gatte nun wirklich auf seinen Abwegen? Wird die Antschi-Tant überleben? Übersteht der Banause den Theaterabend? Im Moment lässt sich noch nichts Schlüssiges erfahren. Das Licht im Saal geht aus. Übrig bleibt der grüne Schein von Hunderten von Displays in den Gesichtern des Publikums. Als Ouvertüre ertönen per Lautsprecher eingespielte Handysignale, gefolgt von der warmherzigen Aufforderung, die Mobiltelefone nach der Vorstellung verlässlich wieder einzuschalten. Eine wichtige Mitteilung, vor allem das mit dem wieder aufdrehen. Wie sonst soll man als nicht telefonierender Theaterbesucher die Antwort auf die wirklich großen Fragen der Menschheit bekommen!? Gäbe es nicht vor, zwischen und nach den läppischen Szenen aus der Scheinwelt des Theaters die wahren Dramen des Lebens, wie sie laut und deutlich an den Handys dargeboten werden.

 

Interview mit einem Spucknapf bei der Weinverkostung:

Jetzt rede ich!

Man kann nicht jeden Tag gewinnen, oder anders gesagt, es gibt Tage, die man besser vergisst. Einer davon ist heute. Ich wurde eingeteilt für eine Publikumsverkostung, als einer von vielen, die dafür vorgesehen sind, nicht getrunkenen Wein aus den Kostgläsern aufzunehmen und möglicherweise auch entleert zu werden, spätestens dann, wenn der unappetitliche Inhalt blassrot ins Tischtuch sickert.

 

Dieser Job ist unter der Würde eines professionellen Spucknapfs, das will ich hier festgehalten haben. Üblicherweise werde ich, wie es der Würde unseres Hauses entspricht, einem kundigen Weintester zugeteilt. Ich throne vor ihm auf dem Tisch, unmittelbar hinter den Kostgläsern. Zusammen sind wir ein Team: ich, der Koster und die Gläser. Alles läuft perfekt. Meine Aufgabe ist es, die weinige Spucke zu empfangen, wenn der Tropfen entsprechend lang über den önologisch geschulten Gaumen gerollt ist. Himmlisch, nichts ist dabei zu hören außer dezentem Schlürfen, dem Geräusch des Kugelschreibers und den kurzen, präzisen Ansagen seitens der Verkostungsleitung.

 

Und heute!? Weiß nicht, wer unglückseligerweise den Karton mit den Edelnäpfen gegriffen hat. Ich stehe da in lautem Gedränge, einmal auf diesem, dann auf jenem Tisch. Man kann sich weder an die Gläser gewöhnen, noch an den Winzer und, aber wer wollte das schon, an den Spucker.

 

Die ersten Minuten am frühen Nachmittag waren noch am ehesten zu ertragen. Einige wenige Profis, die zum Kaufen da waren, haben ohne großes Tamtam gezielt Weinproben geordert, gekostet und ein paar Worte mit dem Weinbauer geplaudert, bevor sie die Gläser entleert haben, um zum nächsten Stand zu pilgern. Ich habe ihnen angesehen, dass es zu einer solchen Tageszeit alles andere als Spaß macht, Wein zu sich zu nehmen – und trotzdem dürfte sich in ihren Kreisen herumgesprochen haben, dass sich öffentliches Ausspucken bei solchen Anlässen einfach nicht gehört.

 

Je länger der Nachmittag dauerte, also bis jetzt, wurde die Situation zunehmend brutaler – nicht nur für mich, den Kübel zum Ausleeren der Kostproben, auch für alle anderen Akteure. Nicht einmal den Hauptdarstellern wird Respekt gezollt. Weine mit Adel müssen sich mit dicken, nach Himbeere schmeckenden Lippenstiften am Glasrand matchen, ihr feines Frucht-Aroma wird von dichten Wolken diverser Parfüms vernebelt und sie müssen sich am Gaumen gegen Zwiebelbrot und würzige Käseproben durchboxen.


 

Ein Schütt-Krug, der seine Ehre bewahren konnte.

Bei einer Publikumsverkostung hat ein Spucknapf eigentlich nichts zum Lachen


 

Mit Grausen erinnere ich mich daran, wie wehrlos ein großer Pinot blanc war, als man ihn in ein gebrauchtes Rotweinglas schüttete und durch flottes Schütteln den edlen Weißen zu einem erbärmlichen Rosé verschnitt. Der Winzer hatte wohl keine Möglichkeit mehr zum Widerstand. Von allen Seiten wurden ihm Gläser vor die Nase gehalten – zwischen, über und unter den Schultern der sogenannten Angedockten. Ich meine damit diejenigen Herrschaften, die sich ungeachtet des großen Andranges in teils beachtlicher Breite vor dem Kosttischchen postieren. Dort verharren sie hartnäckig, bis gründlich jeder Wein – fast hätte ich gesagt: verkostet – also, bis jeder Wein über Glas und Mundhöhle im Spucknapf gelandet ist.

 

Schwer zu sagen, was dabei unangenehmer ist: von Unberufenen bespuckt zu werden oder deren Reden anhören zu müssen. Mit jeder Kostprobe werden sie lauter. In der irrigen Meinung, durch den langsam angewachsenen Alk-Spiegel g´scheiter geworden zu sein, lassen sie ihrem Weinwissen freien Lauf. Dieses wiederum missbraucht die so gewonnene Freiheit, um sich, wenn auch dürftig und mager, als üppiges Lexikon der Weinsprache zu gebärden.

 

Die anderen, die sich mit wachsender Lautstärke an den runden Tischchen abseits der Koststände über dies und das unterhalten, kann ich gnädiger Weise nicht verstehen. Der Lärmpegel, gemixt aus sich gegenseitig übertönender Rechthaberei, prustendem Gelächter und schrillem Kirren, ist einfach schon zu hoch, um sich noch über eine der ohnehin meist unnötigen Quick-Expertisen wundern zu müssen.

 

Aber auch ein solcher Tag geht vorbei – einen anderen Trost habe ich im Moment nicht, außer vielleicht die Aussicht, durch einen kleinen Umbau an meinem Plastikkörper als Weinkühler auftreten zu dürfen. Ein solcher, so durfte ich beobachten, wird wenigstens erst gegen Ende der Verkostung mit unsereins verwechselt, zu einem Zeitpunkt, an dem es schon egal ist, ob man voll ist mit abgestandenem Wasser von den Eiswürfeln oder mit der mir bestens vertrauten Cuvée aus Wein und Spucke.

 

Einmal anders gefragt:

Welches Essen darf den Wein begleiten?

Oder noch schärfer: Darf Essen überhaupt den Wein begleiten? Andersrum ist die Frage ein beliebtes Quiz zwischen Gourmet und Sommelier. Der eine bestellt das Essen und erwartet sich Beratung, was ihm der andere dazu einschenken soll. Dazu einschenken! Was heißt das!? Wird dem Wein eingeschenkt!? So richtig eingeschenkt!? Keiner ist noch auf die Idee gekommen, zuerst den Wein zu fragen – ob´s ihm überhaupt recht ist, Begleiter zu spielen, quasi zum kulinarischen Escort-Service degradiert zu werden.

 

Es war das Weinregal im Vorzimmer, in dem unvermutet diese Kommunikation begonnen hat, besser gesagt, die dort von Ankunft bis Genuss zwischengelagerten Flaschen fingen an zu reden. Die lauteste Klage tönte vom weißen Eck´ her. „Jetzt rede ich!“ ließ sich ein Weinviertel DAC, also ein aufrechter Grüner Veltliner, vernehmen. Hatte er meinen begehrlichen Blick in seine Richtung aufgefangen? Tatsächlich stand deftiges Futter auf dem Programm. Selchfleisch, gebratene Blunzen und dazu Sauerkraut mit Senf und Brot. „OK! OK! Das wär´ gemein“, beruhigte ich den aufgeregten Weinviertler, „dein Pfefferl in Ehren, aber sicher nicht als Verdauungshilfe nach dem Sautanz.“ „Das allein wär´s nicht“, schrie der Verzweifelte, „man attackiert mich mit Essig! Krampensaurer Presswurst! He?! Das muss einer erst überleben!“

 

In diesem Moment mischte sich der Schilcher ein, ein wahrer Säure-Experte: „So was stecke ich noch locker weg, und das ganz ohne Restzucker, ha, ha! Du musst einmal gegen Käferbohnensalat bestehen, gegen einen vom Kernöl blickdicht versteckten Mischmasch aus staubtrockenen Hülsenfrüchten und brennender Zwiebel.“ Der zaghafte Einwand eines Welschrieslings vom Neusiedlersee, dass man sich eben den Sitten und Gebräuchen wilder Weinbergvölker zu fügen habe, wurde energisch von den beiden Klageführenden abgeschmettert. Unisono hielten sie dem blumenreichen Sonnengereiften vor, dass er keine Ahnung von den Grausamkeiten der Heurigenwirte und Buschenschänker habe.

 

„Oh doch“, meinte dieser, „erstens gibt es auch bei uns im Seewinkel den Heurigen, zweitens bin ich ja wesentlich sensibler als ihr beiden. Mich krümmt es bereits bei einem leicht versalzenen Zanderfilet. Aber wenn ich das selige Leuchten in den Augen der Genießer sehe, kann ich ihnen nicht mehr böse sein. Meine einzige Konsequenz: Ich schmeck´ nach nichts mehr.“

 

„Masochist!“ knurrte der Smaragd, „deine Lust an Weinquälerei nervt. Spaß an der Freud hin oder her. Ihr alle“, und dabei wandte er sich der Gesamtheit der im Regal vereinigten Flaschen zu, „ihr alle da wisst ja, dass ich zu den ganz Großen zähle“, er ignorierte geflissentlich das Murren der Angesprochenen, „dass ich über unvergleichliche Komplexität in Frucht und Mineralität verfüge, über eine Ausgewogenheit in…“

 

„Und was willst du mit der Angeberei sagen?“ fuhr ihm brüsk ein ungeduldig gewordener erdiger Südburgenländer in die Wachauer Parade. Der Smaragd war im Moment sprachlos, hatte aber sofort begriffen, dass er gegen einen Falstaffsieger besser schwiege als zu hören, dass man es selber im SALON lediglich auf die Plätze geschafft habe. „Also“, fuhr er in kleinlautem Lamento fort, „man gibt mit mir an. Man gibt mit mir schrecklich an. Und dann schüttet man das Weltkulturerbe über die Vorspeise, gleich nach dem Gruß aus der Küche. Was kann da noch folgen!?“

Typische, von jedem Wein gefürchtete Marende


 

„Wird sich schon was finden“, nahm der Blaufränkische ruhig das Gespräch an sich. Auch er hatte eine Leidensgeschichte zu erzählen. „Weißer Wein zu weißem Fleisch, roter Wein zu dunklem Fleisch…ich kann den Spruch nicht mehr hören“, begann er klar zu legen, „damit bleibst du immer ein Rindvieh, und wenn es hoch hergeht, ein Hirsch oder eine Wildsau.“ Das rote Mittelburgenland pflichtete ihm bei, was in der Umgebung zu ungläubigem Gekicher führte, gekrönt von der spitzen Bemerkung einer Flasche Chardonnay vom Römerland Carnuntum: „Dass ich das noch erleben darf, Blaufränkischland d´accord mit dem Eisenberg, hi, hi, hi.“

 

„Liebe Dame, bitte keine Bosheiten, zumal Sie selber mehr als leidtragend sind“, wies sie ein Riesling von der Mosel sanft zurecht, „Ihr feines, was sag´ ich, Ihr edles Aroma muss sich oft genug mit Salzbrezeln und Kartoffelscheiben herumschlagen…“ „Mit Soletti und Erdäpfelchips, meinst du“, unterbrach derb der Wiener G´mischte Satz das deutsche Liebeswerben, „bei uns heißt´s auch Backhendln und Stelzen, nicht Hühnchen und Eisbein.“ Der Riesling, eine noble Spätlese mit reifem Charakter aus steiler Lage überhörte den rohen Einwurf und fuhr fort: „Man hat verlernt zu trinken. Wir haben doch alle unsere Finessen. Keiner von uns allen, die wir dieses Regal bevölkern, braucht sich zu den Billigen zählen zu lassen. Aber kaum ist man wer, kaum wird man in Connaisseur- und Gourmetkreisen beachtet, wird schon gefragt, zu welchem Essen man passen könnte. Wären wir nicht zwei Weine“, er wandte sich zu Madame Chardonnay, „ich möchte sagen, nur wir zwei passen zusammen.“

 

Allgemeines Lachen war die Folge. Vor allem der Süßwein, ein Picolit aus dem Friaul, konnte sich nicht einkriegen: „Allora, Riesling und Chardonnay, das wäre eine Cuvée, ecco!“ „Basta, Passito, basta! Du hast am wenigsten zu lachen“, holte ihn Landsmann Friulano wieder runter, „dich stopft man voll mit Torten oder mit Schimmelkäse und wer würdigt deinen Adel, die Vielfalt süßer Früchte, deine Harmonie!? Ich hingegen bin es gewohnt zu dienen, mich an Salami, San Daniele und Montasio anzuschmiegen, aber du? Du solltest zumindest eine Spur von Stolz in dir tragen!“ „Und was, meinst du, soll ich machen?“

 

Die Antwort darauf blieb der Friulano schuldig. Warum? Ganz einfach, weil er aufgemacht und getrunken wurde, ganz allein, ohne Marende, gut gekühlt und jedes Glas beäugt, berochen und bekostet. Worauf dieser vor Dankbarkeit überfloss und mit jedem Schluck ein Stück mehr von seiner zauberhaften italienischen Heimat in den Colli Orientali del Friuli erzählte.

 

Eine gutgemeinte Warnung vor Ausstellungseröffnungen

Man hat´s nicht leicht als Ehrengast

Große Museen verstehen es, Eröffnungen von Ausstellungen zu zelebrieren. Das Publikum, selten unter 50 plus, ist fein gewandet und hat ernste Miene aufgesetzt. Herren tragen sogar Sakko, die Damen, ganz dem Anlass angepasst, teure Brüsseler Spitze auf ergrauter Dauerwelle. Schließlich geht es um Flämische Kunst des 15. Jahrhunderts, deren stattliche Bestände aus dem hauseigenen Depot hervorgeholt wurden und für einige Monate dem gedämpften Licht der Museumsräume ausgesetzt werden.

Die Reihenfolge der Redner ist fein abgestuft. Ganz unten in der Rangordnung, also an der Basis, oder besser, als die Basis, darf der Kurator Arbeit und Bilder erklären. Er wüsste zu jedem der Bilder eine spannende Geschichte. Das gewaltige Wissen zur gesamten Periode lässt sich aber schwer in unterhaltsame Bahnen lenken. Schon im ersten Gemälde verfängt sich sein Mitteilungsbedürfnis und verliert sich in einem Dickicht von Details. Die anfänglich hochinteressierten Gesichter, in deren matte Front er wacker hineinredet, verlieren allmählich die Spannung. Das Glänzen der Augen weicht dem matten Einerlei geschlossener Lider.

Die bedenklich hängenden Köpfe erheben sich erst ruckartig, als eine neue Stimme vom Rednerpult tönt. Sie gehört dem Botschafter des Landes, dessen Künstler vor nunmehr 550 Jahren diese Werke geschaffen haben. Dieser Herr, meistens ist es ein Herr, bedient sich trotz des diplomatischen Amtes seiner Heimatsprache, die Satz für Satz von einer jungen Dame auf Deutsch wiederholt wird. Er überbringt unverbindliche Grußbotschaften von wem immer, ist stolz auf „seine“ Maler, weist sich mit Reminiszenzen an großartige Ausstellungen mit flämischer Kunst irgendwo sonst in der Welt als musealer Globetrotter aus und kann es letztendlich doch nicht unterdrücken, darauf hinzuweisen, dass es sich bei den in Kürze gezeigten Bildern um ehemaliges Eigentum seiner Heimat gehandelt habe. Es war als Scherz gemeint.

Die Direktorin des Museums, sie hatte ihrem Dösen bislang ein freundliches Grinsen aufgesetzt, zieht die Brauen hoch; mit dem deutlich ungesagten Wunsch: „Nur keine solchen Diskussionen in meiner Kunstsammlung! Wir Republikaner können nichts dafür, wenn sich seinerzeit unsere Monarchen bei euch bedient haben.“
 
Eine gute Stunde ist inzwischen vergangen, bis sie selber den Mund aufmachen darf. Die Direktorin des Museums kann sich zwar nur mehr in Versicherungen darüber ergehen, dass ohnehin schon alles gesagt sei, schafft aber das Kunststück, mit solch bedeutungsschwangeren Beteuerungen eine weitere Stunde zu füllen, bevor die das Wort an ihre Freundin, an die anwesende, für derlei Angelegenheiten zuständige Ministerin, feierlich übergibt.

Die Politikerin hat auf diesen Moment lange genug gewartet. Sie hatte der Eröffnung von Beginn an beiwohnen müssen. Ohne sie wäre nicht eröffnet worden. Mit ihrer Rede macht sie ihre Wartezeit wett und spricht auf die Minute genau so lange wie die Vorredner zusammen. Sie ist wie jeder politisch tätige Mensch mäßig kunstsinnig, rhetorisch aber bestens geschult. Unglaublich und faszinierend, wie geschickt sie politische Tagesthemen in die Kunst des ausgehenden Mittelalters einzuflechten versteht und dabei routiniert übersieht, dass das – wie gesagt – bereits etwas in die Jahre gekommene Auditorium erneut in kommunalem Schlummer versunken ist.

Erst das spätabendliche ministerielle Kommando „Ich erkläre die Ausstellung hiemit für eröffnet“ weckt die schlafende Kunstgemeine und bringt sie hurtig zum Laufen. Ziel ist das Buffet, das während der Reden durch einladendes Klingen leerer Gläser und voller Flaschen dezent angekündigt worden war. Und die Bilder? Wer hat schon dafür Zeit und vor allem den Willen, nach erfolgter Kunstbetrachtung vor abgeräumten Tellern und ausgetrunkenen Weinflaschen zu stehen.

Österreichisches Wein-Orakel

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