Kultur und Wein

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Sujetfoto Talisman mit Dany Sigel und Andreas Berger © Sommertheater Mödling

St. Othmar und „Der Talisman“ – Nestroy in Mödling

Dany Sigel, Dominique Lösch, Andreas Söllner, Victor Kautsch © R. Weber

Das Vorurteil ist eine Mauer, von der sich noch alle Köpf´, die dagegen ang´rennt sind, mit blutige Köpf zurückgezogen haben.

Sommertheater in Mödling ist an sich eine Verheißung. Diese wunderbar alte Stadt mit ihren unzähligen historischen Gebäuden ist selbst schon die schönste Kulisse. Wenn dann noch der Platz vor der ehrwürdigen Pfarrkirche, geweiht dem heiligen Othmar, zur Bühne wird, dann muss einfach stimmungsvolles Sommertheater draus werden. Angesagt ist heuer sogar ein Nestroy, dazu mit einem Stück, dessen Hauptdarsteller die größten Nestroyinterpreten in Erinnerung ruft. „Der Talisman“, die kürzeste Formel für Vorurteile, ist wahrhaftig eine knallharte Abrechnung mit unserer moralischen Unzulänglichkeit. Gleichzeitig ist sie dagegen die beste Medizin, die verabreicht mit dem Witz eines Johann Nestroy viel weniger bitter schmeckt, als es den Patienten eigentlich zustünde. Rote Haare genügen schon, ganz einfache rote Haare als Symbol für alle die Kleinigkeiten, mit denen andere aus unserer so kommoden Gleichheit ausgegrenzt werden können. Nestroy, einer der größten Menschenkenner, lässt niemanden gut aussteigen.

Titus Feuerfuchs (Victor Kautsch) © R. Weber

Die einzige Ausnahme ist vielleicht Salome Pockerl (Dominique Lösch), die rothaarige Hüterin der Gänse. Da sie mit demselben Makel behaftet ist wie Titus Feuerfuchs, der vazierende Barbiergeselle (Victor Kautsch), fällt es ihr allerdings auch nicht schwer, anständig zu sein. Nicht so leicht haben es diesbezüglich die anderen Damen, allesamt Witwen, in denen allein die Haarfarbe auf dem Kopf eines attraktiven jungen Mannes Heiratspläne und sinnliche Begehrlichkeiten weckt. Da ist zum einen die resche Gärtnerin Flora Baumscheer (Sabine Herget), die in Aussicht auf die Zweisamkeit mit dem Perücken tragenden Titus diesem an die Brust fällt. Die andere ist Constantia, die feine Kammerfrau (Angela Schneider), die den Geliebten Monsieur Marquis, seines Zeichens Friseur (Kurt Wittmann), umgehend in die Wüste schickt, nachdem sie dem Charme der schwarzen Perücke erliegt. Und erst die Frau von Zypressenburg (eine in freudiger Erwartung unnachahmlich schnurrrrende Dany Sigel), die resolute Herrin, die auf der Stelle bereit ist, im Kopf unter einer nunmehr blonden Perücke literarische Qualitäten zu erkennen.

Titus Feuerfuch (Victor Kautsch) © R. Weber

Bekanntlich wird Titus Feuerfuchs samt seinem enervierend roten Schädel entlarvt und von den eben noch so bereiten Damen schnöde abgewiesen. Alles muss er zurückgeben, die Anzüge der verblichenen Gatten und sogar die graue Perücke des Gärtners. Dass seine Aktien dennoch nicht um 100 Prozent fallen, dafür sorgt als Deus ex machina sein erbfreudiger Vetter Spund, ein reicher Bierversilberer (Andreas Söllner). Geld, genügend Geld, ist offenbar das einzige Antidot bei scheinbar unheilbaren Aversionen gegen rote Haare.

Andreas Berger, Regisseur und Prinzipal des Sommertheaters Mödling, hat das einzig richtige getan, was bei einem Nestroy im Freien angebracht ist: Er lässt ihn simpel so über die „Bühne“ gehen, wie ihn der Meister geschrieben hat. Mit dem Ensemble hat er einen Goldgriff gemacht. Jeder einzelne Darsteller, auch der patscherte Plutzerkern Harald Simon und der elegante stumme Diener Schweiger (Andreas Berger), alle sind einem Nestroy mehr als würdige Schauspieler. Nachdem es von Witwen nur so wimmelt, haben sich ein Grabmal und ein doppelsärgiger Epitaph an der Kirche als sehr praktische Ziele für das Gedenken an die Gatten selig erwiesen und geben dem Titus Feuerfuchs Gelegenheit, darüber zu räsonieren, warum eigentlich nur verstorbene Ehemänner selig sind. Die Vögel im angrenzenden Baumbestand dürfen mitsingen, wenn Frau Grete Wallner mit dem Akkordeon die launig bissigen Couplets begleitet. Die Uraufführung von „Der Talisman“ fand am 16. Dezember 1840 im Theater an Wien statt. Warum musste es 175 Jahre dauern, um vor der Kirche St. Othmar den neuen, idealen Aufführungsort zu finden.

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