Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Vertraut machen mit der Dynamik des Arbeitslebens

Vom Schweiße unseres Angesichts

Es ist doch schon eine Weile her, dass unsere Ureltern aus dem Paradies vertrieben wurden und ihr Dolcefarniente gegen tägliche Müh´ und Plag´ eintauschen mussten. Arbeit hat also Tradition. Sie bestimmt ein Leben lang unser Dasein, ermöglicht uns aber erst das Überleben. Das Technische Museum hat sich nun dieses Themas angenommen und eine Schau gestaltet, die uns dieses Leben mit der Arbeit in allen seinen Dimensionen nahebringen will.

In Arbeit“ lädt zur Mitarbeit ein, zum Mitmachen und stellt den Widerspruch zwischen Spiel und Arbeit in Frage. Erstmals wurde zu einem Ausstellungsthema ein eigener Bereich entwickelt, der Kinder und Jugendliche an das Arbeitsleben heranführt. Der Bereich ist als große Spielfläche gestaltet. Der (junge) Besucher wird Teil dieser Phantasiewelt, die er in der Rolle seines Traumberufs durchwandern kann.

 

Man sollte sich die Freizeit gönnen, für einen mußevollen langen Blick auf die Arbeit, bei der man anpacken kann. Hands-on! in verschiedensten Bereichen. Aber nicht nur das. Arbeit wird auch Be-Greifbar. So befindet sich bereits im Eingangsbereich ein taktiles Modell, das die räumliche Gesamtsituation detailliert veranschaulicht. Eines der Ziele, die damit verfolgt werden, ist die Entwicklung optimaler Methoden und Formen, die auch blinden und sehbehinderten Menschen den Besuch eines Museums barrierefrei und wertvoll machen.

„In Arbeit“ ist der zwar wenig einladende, im Grunde aber praktische Titel. Er lässt mehrere Möglichkeiten der Deutung offen, angefangen vom Broterwerb, dem ein jeder von uns nachgehen muss, bis zur Baustelle und der gedanklich mit ihr verbundenen Entwicklung, die seit dem Beginn des Industriezeitalters bis heute nichts von ihrer rasenden Dynamik verloren hat. Das diesbezüglich zu beackernde Feld ist unendlich weit, wurde aber für diese Ausstellung übersichtlich und vor allem spannend aufgearbeitet.

 

Mit der groben Gliederung in hand.zeug, werk.raum, menschen.maß, rang.ordnung, schweiß.perle und not.verband hat man sich die Möglichkeit geschaffen, in klaren Strukturen unterschiedliche Geschichten zu erzählen. So ist das zweite Kapitel, der werk.raum, ein Spaziergang durch Vergangenheit und Gegenwart der „Werkräume“ und Arbeitsumgebungen seit der Industrialisierung; beginnend mit einer Manufaktur für Wollzeug, einer Zigarettenfabrik usw. bis zum Uniqa-Tower als modernem Büroturm.

Bilder © Technisches Museum Wien zum Vergrößern anklicken

 

Panorama: Kaiser-Josef-Pflug, 1916 (Nachbildung)

r.g.o.: Ziegelofenfabrik mit Playmobilfiguren

r.o.: Feilenhaumaschine, um 1900

r.u.: Wiener Molkerei, um 1907 (Modell 1:12)

l.o.: Die Teddybärenfabrik in der "Mitmachausstellung"

l.u.: Kragenproduktion

 

Elektropathologie – eine Ausstellung über die unsichtbare Gefahr

Präsentation der elektropathologischen Sammlung Jellineks anlässlich der „Allgemeinen Hygienischen Ausstellung“ 1906 in der Rotunde im Wiener Prater © Sammlung des Elektropathologischen Museums

Deswegen mutet die Ausstellung im Technischen Museum Wien auch etwas ältlich an, mit Warntafeln, auf denen im Stil der 1930er Jahre drastisch auf die Gefahren bei unvorsichtigem Umgang mit Elektrizität hingewiesen wird, mit Schwarzweißfotos von tödlichen Unfällen an Hochspannungsleitungen und – einigermaßen makaber - mit Wachsmoulagen und teils sogar echten menschlichen Körperteilen mit schweren Stromverletzungen.

 

Die gezeigte Sammlung hat auch schon einige Jahre am Buckel. Angelegt wurde sie von Stefan Jellinek (1878-1968). Jellinek war Gerichtsmediziner und begann ab 1898 alle ihm bekannt gewordenen Stromunfälle genau zu dokumentieren und möglichst vollständig zu erfassen. Vor allem aber erwarb er die Geräte, die zu diesen Unfällen geführt hatten. Sollten die Verunfallten nicht mit dem Leben davon gekommen sein, sezierte er die Leichen und konservierte die so gewonnenen anatomischen Präparate in Formalin. Damit und durch die Umsetzung seiner Erkenntnisse in die Praxis schaffte er die wissenschaftliche Anerkennung und erhielt 1929 den neu eingerichteten Lehrstuhl für Elektropathologie. Nachsatz: 1939 wurde Stefan Jelinek aufgrund seiner jüdischen Abstammung zur Emigration gezwungen, die Sammlung wurde beschlagnahmt und dem Institut für gerichtliche Medizin und Kriminalistik unterstellt.

o.: Zerstörung der Gesäßhaut als Folge des Stromeintrittes (sofort nach dem Unfall)“

l.: Narbe, 2 ½ Jahre nach dem Unfall

o.l.u.r.: Aus: Stefan Jellinek, Atlas der Elektropathologie, 1909 © Sammlung des Elektropathologischen Museums

u.: Stefan Jellinek © Technisches Museum Wien

Unter Strom

Wahrscheinlich jeden von uns hat´s irgendwann schon ordentlich g´schnepft, wie man im Wienerischen zu einem Stromschlag sagt. Früher freilich öfter als heute, da die Technik eine Reihe von Sicherungen zwischen Erde, uns und die Stromquelle gelegt hat.

unten: Warntafeln aus: „Elektroschutz in 132 Bildern“ von Stefan Jellinek, 1931 © Sammlung des Elektropathologischen Museums

„Mädchen in der gut geerdeten Badewanne berührt schadhaften Wandarm und gerät in tödlichen Stromkreise (Erdschluß)“


„Elektrisierung des Kindes beim Einstecken einer Haarnadel in eine Büchse einer Steckdose dadurch, dass die auf der Mauer aufgestützte Hand Erde vermittelt.


„Der die Spitzhacke an ihrem Metallteil berührende Arbeiter wird elektrisiert, als bei der Grabenarbeit die Spitzhacke die Isolation des Kabels durchschlägt und dadurch auf die Kabelseele kommt“


„Versuch, den Papierdrachen aus den – gegen die Sicherheitsvorschriften – zu niedrig über dem Dachfirst geführten Leitungsdrähten freizubekommen, wobei das Kind zwischen beide Pole der Anlage gerät“


Nach dem Zweiten Weltkrieg bis 2002(!) wurden im „Elektropathologischen Museum“ Schüler vor allem mit technischer Ausrichtung im sicheren Umgang mit der Elektrizität unterwiesen. 2005 wurde die etwa 2000 Objekte umfassende Sammlung dem Technischen Museum übergeben. Sie ist nun auch der Aufhänger für die Ausstellung „Unter Strom“.

 

Ein Abschnitt zeigt das Forschen des Arztes Stefan Jellinek und die Begründung der Elektropathologie. Blitze und Blitzunfälle sind ein weiteres Thema. Für die jüngere Zeit und dem Zuwachs an Sicherheit wird in einem übergroßen Modell die Wirkungsweise eines FI-Schalters (Fehlerstromschutzschalters) auch einem technischen Laien begreiflich gemacht.

 

Neben allen möglicherweise lebensrettenden Warnungen vor der zerstörerischen Kraft des Stromes ist doch der Teil der Ausstellung sehr wesentlich, der sich mit der heilenden Wirkung von Elektrizität beschäftigt. Ein im aktuellen Museumssprech sogenanntes „Hands-on“, also „greif hin!“ lädt ein zum „Strom spüren“ anhand eines medizinischen Reizstromgerätes, um – selbstverständlich nur unter Aufsicht eines Kulturvermittlers – unterschiedliche Arten von Strom zu fühlen und sich so wieder mit der zwar mordsgefährlichen, aber ebenso sauberen und nach wie vor zukunftsweisenden Energie zu versöhnen (bis 31. Mai 2012).

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