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Foto © Thalhof Reichenau

Herzmanovsky-Orlando: Kaiser Joseph II. und die Bahnwärterstochter

Von Hofzwergen und sonstigen Ministern, die einfach zu früh die Eisenbahn erfunden haben

Foto © b. fuchs

In Wuzelwang am Wuzel, einem malerischen Gebirgsort mit grandiosen Gletschern, gab es bereits Ende des 18. Jahrhunderts eine mit Allerhöchstem Privileg Rangir- und Haltestation der Kaiserlich Erbländisch Anticipirten Eisenbahn; zumindest laut Fritz von Herzmanovsky-Orlando (1877-1954). Beamte wie der Zwölfaxinger Franz, seines Zeichens k. erbl. Bahnwärter und der Teuxelsieder Franz, k. erbl. Hilfheizerstellvertretersanwärtersubstitutengehilfe ohne Gebühren versahen eben dort ihren verantwortungsvollen Dienst. Da die Entlohnung nicht gerade üppig war, verdienten sich diese

Foto Thalhof © H.D.

Herren das Fleisch auf das trockene Brot mit der Wilderei. Eine gravierende Änderung, verbunden mit der Nobilitierung der Nozerl und ihres heimlich Verlobten Teuxelsieder bringt das persönliche Erscheinen des Kaisers, der per Bahn angereist ist und, während er mit Nozerl schäkert, im Dampf des Lokomotivkessels gegarte Würstel verspeist. Erst ganz zum Schluss erfahren er und alle die anderen, dass aufgrund eines Britischen Erlasses die Eisenbahn erst 1829 von George Stephenson erfunden zu werden hat.

Dieses, wie es Herzmanovsky-Orlando selber bezeichnet, „parodistische Spiel mit Musik in einem Akt“ ist ein Juwel, das die meiste Zeit allerdings sehr gut im Schmuckschachterl verwahrt wird. Die Uraufführung fand erst drei Jahre nach dem Tod des Dichters statt. Seither haben sich nur selten Theatergruppen der Mühe unterzogen, diese schräge „Komposition“ aus Sprache, Musik und scharfer Ironie auf die Bühne zu stellen. Ein Grund dafür mag darin liegen, dass der Autor allein schon in der üppigen Besetzung wenig Rücksicht auf die Möglichkeiten eines Theaters genommen hat. An die 50 Rollen wollen besetzt werden, angefangen von allerhöchsten Herrschaften herunter über den Hochadel, die Hofgesellschaft, die zweite Gesellschaft, die Hofbediensteten, die Leute aus dem Volk und Herrschaften zweifelhafter Provenienz bis zu Rinaldo Rinaldini und dessen arme Seele.

Als ideale Lösung bietet sich dafür Wolfram Berger an. Er ist einer der wenigen Schauspieler, die einfach alles in einer Person sein können, und zwar so intensiv, dass es einem nicht einmal auffällt. Herzmanovsky-Orlando und Berger werden zur Einheit von dem Moment an, wenn die erwähnte Besetzungsliste verlesen wird. In jedem Satz, ja, in jedem Wort hat der Autor eine Pointe versteckt, die Berger genüsslich hervorholt und zelebriert. Mit ihm wird der Abend im Thalhof Reichenau, an eben jener Stätte, in der sich im Fin de Siècle Wiener Intelligenz um Arthur Schnitzler ein Stelldichein gegeben hat, zur Reminiszenz an Zeiten, als der Witz der feinen Zwischentöne noch in vollen Zügen genossen wurde.

 

Begleitet wird Wolfram Berger von Christian Bakanic auf dem Akkordeon. Die von ihm für dieses Solo komponierte Musik ist sparsam, trifft aber genau auf den Punkt.

Akkordeonist Christian Bakanic © Hermann Burgstaller

Das Instrument wird zum anfahrenden Zug, untermalt älplerische und andere Weisen und stimmt mit ein paar Tönen aus der Kaiserhymne auf die Ankunft Seiner Majestät ein. Bacanic gibt damit einer Handlung ihren Lauf, die Herzmanovsky-Orlando ganz im Sinne seiner Abrechnung mit Hofzwergen und sonstigen Ministern wohl als Satire über Zeitgenossen aller Zeiten verstanden haben wollte.

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