Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Josephine Bloéb, Tobias Artner © Alexi Pelekanos

DIE FLUCHT OHNE ENDE durch ein zerklüftetes Europa nach 1918

Josephine Bloéb, Tobias Artner © Alexi Pelekanos

Die Sprache von Joseph Roth ist auch in dramatischer Kürze ein literarisches Erlebnis

Die Habsburger Monarchie war zerfallen, der Erste Weltkrieg zu Ende. Der österreichische Offizier Franz Tunda kann aus der russischen Gefangenschaft in Irkutsk stiften gehen, wie man damals sagte, und findet Unterschlupf bei einem polnischen Bauern, der aus einem der vorhergegangenen Kriege in Sibirien geblieben war. Als Tunda vom Waffenstillstand erfährt, versucht er sich nach zuhause durchzuschlagen. Er gerät in eine Irrfahrt, die ihn von der Ukraine wieder zurück nach Russland, von dort in den Kaukasus, dann nach Baku in Aserbaidschan und über Umwege doch nach Wien führt. Aber auch dort hält es ihn nicht lange und er reist der ehemaligen Verlobten Irene, die mittlerweile in Paris verheiratet ist, nach. Es treibt ihn durch das Europa der Nachkriegszeit, das im Osten vom Bolschewismus überrannt wird und im Westen mit seiner Dekadenz den nächsten Krieg herausfordert. Joseph Roth, der persönlich nie über den Zerfall des großen Reiches, der gemeinsamen Heimat so vieler Nationen im Herzen des Kontinents, hinweg gekommen ist, schreibt diese „Beichte“ eines „jungen, resignierten, skeptischen Mannes“ auf.

Tobias Artner, Stanislaus Dick © Alexi Pelekanos

Es ist die Flucht vor dem Neuen, mit dem die Menschen in diesen Jahren im besonderen Maße konfrontiert waren. Viele waren zu ihren Familien heimgekehrt, aber als Kriegsversehrte. Für diesen Odysseus gab es jedoch kein Ithaka, wenngleich viele der Stationen an die Odyssee erinnern. Frauen kreuzen seinen Weg, bei denen man durchaus an Kirke, die Sirenen oder an Kalypso denken darf.

So hat er mit der Soldatin Natascha in der roten Armee ein feuriges Verhältnis, heiratet die taubstumme Alja und schläft mit der Frau eines Pariser Rechtsanwalts. Als er in Paris am Hungertuch nagt und von Irene nicht mehr erkannt wird, verzweifelt er an seiner Haltlosigkeit. „Hier sitz ich an meinem Wanderstab“ lässt ihn Joseph Roth an einer Stelle sagen und meint damit sich selbst. Im Untertitel heißt es „Ein Bericht“ und im Vorwort wird versichert, dass der Dichter weder etwas erfunden noch komponiert habe.

Die Flucht ohne Ende Ensemble © Alexi Pelekanos

Regisseur Felix Hafner hat den Roman für das Landestheater Niederösterreich als Grundlage eines Theaterstücks genommen. Er hat sowohl den Titel als auch die faszinierende Sprache von Joseph Roth unangetastet gelassen. Damit bleibt für den Zuschauer der wohltuende Eindruck, dass trotz der Kürze nichts von dieser langen Reise verloren gegangen ist, zumindest nicht das Wesentliche. Sein Held Tunda (Tobias Artner) ist stets unentschlossen, nie glücklich, immer nur auf dem Weg irgendwohin, immer in Richtung eines nie gewählten und deswegen unerreichten Zieles. Für die Menschen, denen er begegnet, genügen drei Schauspieler.

Josephine Bloéb, Stanislaus Dick und Michael Scherff, deren jeweilige Rollen mit wenigen Requisiten erkennbar gemacht werden. Das Bühnenbild besteht aus praktischen Holzkisten und zwei Projektoren, die je nach Bedarf am schwarzen Hintergrund das Geschehen illustrieren. Es gibt am Ende kein Osten und kein Westen mehr, wenn die karge Ausstattung von der Bühne weg hinausgeschafft wird. Was bleibt ist nur die einzige Überzeugung Tundas, nämlich die, dass er auf dieser Welt überflüssig ist.

Tobias Artner © Alexi Pelekanos
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