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Die Verwandlung, Stanislaus Dick © Alexi Pelekanos

DIE VERWANDLUNG Kafka für das Klassenzimmer interpretiert

Die Verwandlung, Stanislaus Dick © Alexi Pelekanos

Der Mensch als Käfer auf dem Rücken

Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ hat seit ihrem Erscheinen 1915, also mitten im Ersten Weltkrieg, für Kämpfe zwischen den Literaturwissenschaftlern gesorgt. Wie auch die anderen Werke dieses Verwirrung schaffenden Schriftstellers entzieht sich dieser Stoff jedoch jeder schlüssigen Interpretation. Die Möglichkeiten, ihn für sich zu lesen sind dennoch vielfältig und aufgrund fehlender Autoritäten jede davon durchaus legitim. Eine der reizvollsten Alternativen bietet diesbezüglich die Bühne. Das Landestheater Niederösterreich hat „Die Verwandlung“ dem jungen Regisseur Moritz Beichl übertragen und für das große Solo den sowohl darstellerisch wie körperlich prädestinierten Schauspieler Stanislaus Dick engagiert. Die Familie wird in den Mittelpunkt gerückt, der bankrotte Vater, die zartbesaitete Mutter und die herzenswarme Schwester Grete. Sie sind mit einer schrecklichen Metamorphose von Gregor konfrontiert, ausgerechnet der Person, die bisher für ihr Auskommen gesorgt hat. Wie reagieren sie auf das riesige Insekt, das sich anstelle des vertrauten Sohnes bzw. Bruders eines Morgens in dessen Zimmer befindet?

Die Verwandlung, Stanislaus Dick © Alexi Pelekanos

Das Resümee ist ernüchternd, die einzige Lösung bietet sein Verschwinden, zwar nicht mit Insektengift, aber doch mit Gewalt beispielsweise in Form eines Apfels, der vom Vater geworfen in seinem Buckel stecken bleibt.

 

Stanislaus Dick schafft es, ohne monströse Verkleidung wie einem Chitinpanzer und nur mit einer Hand voll Requisiten wie leere Bilderrahmen, dem Lieblingsbild und ein paar Möbel zum Käfer zu mutieren, der hilflos auf dem Rücken zu liegt und mit den Gliederfüßchen strampelt, um sich langsam aufzuraffen und den Kampf mit sich und der Ablehnung durch seine Lieben aufzunehmen. Er meistert akrobatisch die literarische Vorgabe, wie ein Insekt an den Wänden hoch zu krabbeln, wirft sich abenteuerlich durch die Sesselreihen und bezieht Mitleid heischend hemmungslos das Publikum in die Familie ein. Aus dem Hintergrund wird Musik eingespielt, mit dem Nerven zerfetzenden Rhythmus eines ungarischen Tanzes von Johannes Brahms oder einem Violinsolo, das mit dem herzlichen Gefühl zu seiner Schwester für einen kurzen Moment die Verzweiflung übertönt. Dazwischen liest Katharina Knap aus Gretes Tagebuch, in dem die traurige Entwicklung von außen betrachtet wird.

 

„Die Verwandlung“ ist als Klassenzimmertheater konzipiert. Die Vorstellung dauert exakt 50 Minuten, also genauso lang wie eine Unterrichtsstunde. Die Produktion kann damit in jeder Schule gebucht werden, allein schon vom geringen Aufwand der Ausstattung her. Für diese lebendige Lektion in Deutsch und Literaturgeschichte genügt tatsächlich der Katheder, der zum Bett umfunktioniert wird, auf dem sich Gregor mit drastischem Zucken in das Insekt verwandelt. Es ist imstande, die Aufmerksamkeit der Schüler wie wenig anderes zu fesseln und diese erstens auf einen Dichter zu lenken, der zum Lebensbegleiter im Bücherschrank werden sollte, und zweitens zu einer Diskussion über das Verhalten gegenüber Unerwartetem und vollkommen Ungewöhnlichem im Anschluss an die Vorstellung anzuregen.

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