Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


 

Leer, öd, lässt sich das ungarische Wort puszta übersetzen. Gut, dass man es nicht weiß, wenn man zur immer wieder verschobenen Ungarnreise aufbricht. Die Gegend östlich von Budapest wird tatsächlich immer flacher, das Hügelland im Norden rückt aus dem Horizont. Übrig bleibt der sanfte Bogen der Erdkrümmung in einem Umkreis von 360 Grad. Endlich einmal ist man Mittelpunkt der Welt und steht genau an der Stelle, wo der Himmel die Erde berührt, wie die Ungarn ihre Tiefebene liebevoll beschreiben.

Allein dieses Gefühl der Unendlichkeit ist schon eine Reise wert. Die stillen Attraktionen im Nationalpark Hortobágy sind willkommene Draufgabe. Die Straße in dieses Nest ein paar Kilometer westlich von Debrecen führt über dieselbe Neunbogenbrücke, über die seit dem 19. Jahrhundert die Viehherden zum Brückenmarkt nach Hortobágy getrieben werden. Getrunken wird auf den gelungenen Handel in der Csárda auf der anderen Straßenseite, wo der Verzehr der Hortobágyi-Palatschinken zum Pflichtmenü zählt. Gulasch, eigentlich eine dünne Gulaschsuppe, und paprikás, der unserem Gulasch nahe kommt, werden hier aus Zackelschaf, Graurind, Mangalitzaschwein und Unmengen von Paprika gekocht.

Rund um Hortobágy breitet sich auf 52.000 ha. ein Nationalpark aus. Die artenreiche Gras- und Salzsteppe wurde rechtzeitig als schutzwürdig erkannt. Die seltenen Zugvögel beobachtet man am günstigsten am Abend, wenn sie malerisch gen Sonnenuntergang in langen Reihen über den Himmel zu ihren Brutplätzen ziehen.

 

Ein Tipp zur Übernachtung: Empfohlen wird ein Privatzimmer. Das einzige Fogadó, eine Art Hotel, entspricht nicht annähernd unseren Standards. Von Reinlichkeit ist keine Rede und in kühlen Nächten hält man wenig vom Einheizen.

 

Wenn sich nach zwei Tagen Tiefebene der Wunsch nach landschaftlicher Abwechslung rührt, braucht man nur die Theiß entlang nach Norden zu fahren. Das Städtchen Tokaj ist nicht zu verfehlen. Der Wein der Könige, der König der Weine gewährt bereitwilligste Audienz. Bevor man noch das Zimmer bezieht, wird man von der Hausfrau bereits in den Keller geführt, um Furmint, Szamorodni und Aszú zu verkosten. Nahezu in jedem Haus von Tokaj und Umgebung wird Wein gemacht, und man ist stolz auf den Tokajer, der tatsächlich ein besonderer Tropfen ist. Seine Vielfalt ist hierzulande kaum bekannt und bietet viel mehr als der Süßwein, den man fallweise von einer Fahrt zum ungarischen Zahnarzt über die Grenze schmuggelt.

Der kleine Tierpark mit den seltenen Haustierrassen und das Hirtenmuseum sind zur Einführung in diese Welt gedacht, in der die Zeit stehen geblieben ist. Wenige Minuten vom touristischen Zentrum entfernt verliert sich jede Folklore. Dort treiben Hund und Hirt nach wie vor in einem faszinierendem Zusammenspiel ihre Viehherden zum Ziehbrunnen, vor einem der flachen, langen Bauernhäuser trocknet das Schilf zum Decken der Dächer und mit etwas Glück kann man beim Strohdecken zuschauen. Dabei verzichtet man gern auf die mit touristischer Routine abgespulten Reitershows und Wagenfahrten.

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Die drei Rebsorten, aus denen der Tokajer in der Hauptsache gewonnen wird, sind Furmint, eine längliche großbeerige Traube, Hárslevelü, der Lindenblättrige, und der Gelbe Muskateller. Aus ihnen wird teilweise ein einfacher trockener oder halbsüßer Weißwein gekeltert. Durch das besondere Mikroklima mit sonnigen, warmen Herbsttagen befällt die Weinbeeren ein Pilz namens Botrytis Cinerea. Anderswo wird dieser Pilz gefürchtet, da er die Graufäule bewirkt. Im Tokajer Bergland, dem Tokaji-hegyalia, lässt er die Beeren schrumpfen und konzentriert deren Fruchtgehalt. Diese so genannten Aszúbeeren werden meistens noch am Stock händisch aus den Trauben herausgelesen und in Butten gesammelt. Sie werden getreten oder gemahlen, mit Most oder Neuwein aufgegossen und zwischen 24 und 28 Stunden lang eingeweicht, bevor sie gepresst und in die Gärbehälter gefüllt werden.

Wein der Könige, König der Weine

Die Menge der Butten zum aufgegossenen Wein wird gezählt und gilt als Qualitätskriterium. Der Aszúwein ist süß und haltbar. Er konnte deswegen schon im Mittelalter durch ganz Europa transportiert werden und erfreute sich an den Fürstenhöfen größter Beliebtheit. In besonders guten Jahrgängen werden die von Hand gelesenen Aszúbeeren in Bottichen gesammelt. Sie pressen dort durch ihr eigenes Gewicht eine kleine Menge konzentrierten Most mit 40 bis 80 Mostgraden aus, der nach langsamer Gärung zur Essenz reift, die in Ungarn sogar den Ruf einer Medizin genießt. Es heißt, dass man die Tochter des Winzers heiraten muss, um überhaupt zu dieser Köstlichkeit zu gelangen.

In weniger guten Jahren werden die Aszúbeeren gemeinsam mit der ganzen Traube gelesen und zum Szamorodni (polnisch: wie es gediehen ist) gekeltert.

 

Ausnahmslos jede Weinkost in Tokaj wird zu einem Gang durch alle die beschriebenen Arten des Tokajers, egal ob man in der Pinze, einem Keller, oder im Borház, dem Weinhaus, dazu eingeladen wird.

 

In gleicher Tonart geht es in den freundlichen Ortschaften des Tokajer Hügellandes, dem Tokaji-hegyalia, weiter. Man braucht sich nur zu trauen und in einem der großen Weingüter nachzufragen. Man wird umgehend durch die Kellerei geführt, bekommt das gesamte Programm an Weinen vorgesetzt und wird anschließend in keiner Weise zum Kauf genötigt.

In Tolcsva, wo auf der Straße anstelle von Autos und Traktoren noch Pferdefuhrwerke unterwegs sind, wird im Weingut Oremus eben dieser Tokajer in höchster Qualität produziert und in einem weitläufigen romantischen Kellerlabyrinth gelagert. In Hercegkút wiederum wird man beim Spaziergang durch die kuriose Kellerlandschaft spontan von einem der Weinbauern in seine unterirdische Welt eingeladen, um dort seinen Muskateller und Szamorodny zu kosten und selbstverständlich für gut zu befinden – kein Problem bei soviel Gastfreundschaft und Liebenswürdigkeit der ungarischen Weinbauern.

 

Man bleibt gern einige Tage länger als geplant in dieser süffigen Umgebung, um sich trotz mangelnder Sprachkenntnisse in amüsante Plaudereien über den Tokajer verstricken zu lassen.