Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Jacobwosky und der Oberst Ensemble © Bettina Frenzel

JACOBOWSKY UND DER OBERST berührend ernst und heiter

Alexander Rossi, Hermann J. Kogler © Bettina Frenzel

Warum nur werden zwei so nette Menschen durch die Welt gejagt?

„Komödie einer Tragödie in drei Akten“ nennt Franz Werfel sein zwischen 1941 und 1942 entstandenes Stück „Jacobowsky und der Oberst“. Werfel wusste aus eigener leidvoller Erfahrung, was Flucht bedeutete. Als Schriftsteller jüdisch-deutschböhmischer Herkunft hatte er 1938 ebenfalls ins Exil gehen müssen, gemeinsam mit seiner Frau Alma, zuerst nach Frankreich, dann in die USA. Der Humor war ihm trotz des Ungemachs nicht verloren gegangen. Mit S. L. Jakobowsky, einem lebensbejahenden allein stehenden Herrn, der seine Fluchten kaum mehr an einer Hand abzählen kann, hat Werfel den abertausenden vertriebenen Juden ein Denkmal gesetzt. Diese Menschen mussten alles daran setzen, um den Nazi-Schergen und damit dem sicheren Tod in einem der Konzentrationslager zu entgehen. Werfel spart nicht mit ironischen Elementen, wenn er seinem Helden Schläue, gepaart mit gesundem Geschäftssinn, zugesteht und ihn jede Situation durch ein mitunter nervendes Durchdeklinieren von stets zwei Möglichkeiten meistern lässt.

Alexander Rossi, Martina Dähne, Hermann J. Kogler © Bettina Frenzel

Das Schicksal will es, dass Jacobowsky die Flucht aus Paris mit einem von den Deutschen gesuchten Oberst der polnischen Armee in Frankreich antreten muss. Werfel braucht lange, bis er diesem Militaristen Sympathien angedeihen lässt. Erst muss dieser starke Mann, der gewohnt ist, Befehle zu geben und seinen Willen durchzusetzen, Schwäche zeigen und sie auch eingestehen. Nur dann ist er ein Mensch geworden, der es auch wert ist, mit einem Jacobowsky das U-Boot in die Sicherheit besteigen zu dürfen. Aber letztlich sind beide Verfolgte und das Leben eines jeden von ihnen steht auf dem Spiel, was Werfel wiederum bewogen haben dürfte, dieser Tragödie einer Flucht ein Ende mit einem Lächeln zu geben.

Hermann J. Kogler, Christoph Prückner, Christina Saginth © bettina Frenzel

Die Scala Wien, bekannt als Theater zum Fürchten, hat unter der Regie des Prinzipals Bruno Max „Jacobowsky und der Oberst“ in beeindruckender Weise erfolgreich auf die doch nicht allzu große Bühne gestellt. Es gilt Autofahrten zu absolvieren, die Schauplätze ändern sich laufend und erfordern einen beachtlichen Umbau und eine stattliche Anzahl von Rollen sind zu besetzen. Die Lösungen, die dafür unter anderem von Sam Madwar (Raum) gefunden wurden, sind bravourös.

Während zwischen den einzelnen Bildern aus einem Luftschutzkeller der Vorplatz des Hotels, oder aus dem Garten von Marianne Deloupe der Rastplatz in einem Wald bei Bayonne wird, werden auf den geschlossenen Vorhang Filmausschnitte aus den Wochenschauen oder Manifesten dieser Tage projiziert. Man wird damit als Zuschauer in diese Zeit versetzt und erlebt den Schrecken von Fliegerangriffen, den Einmarsch der Deutschen in Paris und die Gefahren und Mühen einer Flucht unmittelbar mit, erfreulicherweise ohne mit krampfhaften Gegenwartsbezügen belästigt zu werden.

Christoph Prückner, Bernie Feit © Bettina Frenzel

Solche ergeben sich ganz von selbst und führen zu einer durchaus differenzierten Betrachtung des Themas Flüchtlinge und Vertreibung.

 

Das Ensemble des TZF mit Hermann J. Kogler als ein S. L. Jacobowsky zum Liebhaben und Alexander Rossi als forscher Oberst Stjerbinsky mit einem Herzen wie eine Kathedrale, in der etliche Kerzen für seine Frauen brennen, macht diese Inszenierung zu einem komplexen Erlebnis zwischen Besinnlichkeit und Schmunzeln.

Für Lacher sorgt zumeist Bernie Feit, der gut ausgestopft und mit dicker Brille neben einem durchtriebenen Autoverkäufer einen feisten sächselnden Touristen von der Gestapo gibt. Stjerbinskys ist mit Robert Stuck die zu Herzen gehende Gestalt eines treu ergebenen Dieners, der alles für seinen Herrn Oberst tun würde, um dessen Leben zu retten.

Die berührenden Momente schaffen unter anderem auch Christina Saginth als Madame Bouffier, der umsichtigen und warmherzigen Besitzerin eines Pariser Hotels, und Martina Dähne, die die von ihr gespielte Marianne Deloupe überzeugend von der kindlich naiven Lebedame zur liebenden Frau und Kämpferin der Résistance entwickelt. Franz Werfel hatte das Ende des Deutschen Reiches übrigens noch erlebt und seinen vorsichtigen Optimismus bestätigt gefunden. Er starb am 26. August 1945 in Beverly Hills in Kalifornien.

Hermann J. Kogler, Martina Dähne, Alexander Rossi © Bettina Frenzel
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