Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Michael Reiter, Georg Kusztrich © Bettina Frenzel

DIE FLEISCHBANK Wienerisch schwarzes Psychogramm eines Mörders

Christina Saginth, Georg Kusztrich © Bettina Frenzel

Wenn „Ana hat immer des Bummerl“ zur Hymne des Siegers wird

Die Augen flackern gefährlich, das Gesicht ist zur Grimasse verzogen und die Bewegungen sind wild und unkontrolliert. Einem Menschen in solch einer Gemütsverfassung sollte man besser nicht begegnen. Wenn man nun aber ein braver Geldbriefträger ist, der zu einem solchen Individuum kommen muss, bleibt ihm nicht anderes übrig. Außerdem kehrt er demjenigen, den gerade dieser Rappel befällt, den Rücken zu. Was dann passiert, bringt nicht nur Lungenbraten und Braunschweigerwurst, sondern auch warmes Blut in die so herrlich schwarze, wie sie der Autor Alfred Paul Schmidt nennt, Ballade „Die Fleischbank“. Arnulf heißt der Fleischhauer (Georg Kusztrich), der recht und schlecht sein Geschäft in der Buchengasse in Wien betreibt. Rechtschreiben kann er nicht, weil er offenbar auch dazu zu dumm ist. Er lässt sich hint´ und vorn von seiner aufgetakelten Lebensgefährtin Hedwig (Christina Saginth) und von seinem windschiefen Spezi Heinz (Leopold Selinger) ausnützen. Die aufdringlich biedere Frau Dalma (Birgit Wolf) will nur das zarteste Stück für ihren in Fleischfragen sehr heiklen Gatten.

Georg Kusztrich © Bettina Frenzel

Bezahlen kann sie nicht und lässt anschreiben. Behördliches Ungemach droht ihm von Harry Bunderit (Bernie Feit), der ihn mit der geschliffenen Überheblichkeit eines Beamten von der Fleischerinnung kaltherzig verarscht. Dabei wäre so viel schöne Musik im Schädel von Arnulf, der diesen wo anrennen möchte, dass es aus ihm heraus spritzt. Aber statt des herrlichen Requiems von Mozart, das er im Radio hören will, überfällt ihn von gespenstischen Erscheinungen gekreischt das Lied „Ana hat immer des Bummerl“ und macht ihn fix und fertig. Da hilft nur eins: ein Mord, denn Umbringen ist ein Segen, stellt Arnulf fest, nachdem er den alten Postler Pletterscheck (Michael Reiter) mit dem Hackbeil erschlagen hat.

Die Fleischbank, Szenenfoto mit Erescheinungen © Bettina Frenzel

Peter M. Preissler hat aus „Die Fleischbank“ wahrhaftiges Theater zum Fürchten gemacht. Auf einer sehr realistisch wirkenden Bühne, geschaffen von Marcus Ganser und Bruno Max, lässt er Georg Kusztrich alle Facetten zwischen total irre und einem durchaus nachvollziehbaren Wahnsinn ausspielen. Arnulf hat eine Hetz mit sich und jubelt: „Ich bin der Mörder und das weiß niemand!“ und findet für eine kurze Weile zu sich, zu einem, der kein blödes Nichts mehr ist, sondern einer, wie er es immer sein wollte.

Die Euphorie verfliegt jedoch bald und aus den Plänen von exotischer Ferne im Khakianzug wird nichts. Das angeschaffte Kleidungsstück bleibt bis zuletzt am Haken, abgesehen von dem Moment, als er das Sakko anzieht. Ausgerechnet dann tritt der Kommissar (Karl Maria Kinsky) auf, ein gemütlicher Wiener Kieberer auf der Suche nach ein paar sachdienlichen Hinweisen, wo der vermisste Geldbriefträger stecken könnte. Ob er dem Täter auf die Spur kommt? Die Lösung dieses Falls muss man einfach selbst erleben. Nur so viel sei verraten:

Wien ist das wohl fruchtbarste Biotop für schwarzen Humor, vor dem auch ein junger Geldbriefträger mit Vollbart und langen Haaren ganz so wie Florian-Raphael Schwarz nicht unbedingt gefeit sein muss. Zeit des Geschehens sind ca. die 1970er-Jahre, was aber überhaupt nichts darüber aussagt, dass sich diese Geschichte heutzutage nicht genauso abspielen könnte, weil „Ana hat immer das Bummerl“ nicht nur quälen, sondern auch zur Siegerhymne eines Mörders werden kann.

Georg Kusztrich, Karl Maria Kinsky © Bettina Frenzel
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