Kultur und Wein

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Tschechow in Jalta Ensemble © Bettina Frenzel

TSCHECHOW IN JALTA Kreativurlaub auf der Krim

Florian Graf, Dirk Warme, Hendrik Winkler © Bettina Frenzel

Was Dichter und Schauspieler einander zu sagen haben

Ist „Onkel Wanja“ eine Komödie oder nicht? Es wird darüber abgestimmt und die wenigsten der Anwesenden finden das Drama von Anton Pawlowitsch Tschechow erheiternd. Diejenigen, die um ihre Meinung gefragt werden, sind nicht irgendwer. Immerhin befindet sich Maxim Gorki in der Gesellschaft, mit ihm der Dichter Iwan Alexejewitsch Bunin, Stanislawski, Direktor des Moskauer Künstlertheaters (MChAT), dessen Verwaltungsdirektor Nemirowitsch-Dantschenko, die Damen Mascha (Tschechows Schwester), Lilina, Direktorsgattin, und Olga Leonardowna Knipper, der Star dieses Theaters. Man nimmt damit keine Rücksicht auf den Autor selbst, der überzeugt ist, damit eine Komödie verfasst zu haben. Auch John Driver und Jeffrey Haddow bezeichnen ihr Werk mit dem Titel „Tschechow in Jalta“ als Komödie und würden bei einer Abstimmung ebenso wenig Zustimmung wie Tschechow erhalten. Es ist ein Verkleinerungsspiegel der endlosen seelischen und menschlichen Weite, die der russiche Dichter in seinen Dramen und Novellen ausgebreitet hat.

Sonja Kreibisch, Monica Anna Cammerlander © Bettina Frenzel

In der Scala Wien, also im Theater zum Fürchten, wird dafür ein zauberhaftes Bühnenbild (Inszenierung und Raum: Rüdiger Hentzschel) aufgebaut. Die Zuschauer sitzen entspannt im Garten des Landhauses von Tschechow und beobachten die oben genannten Personen, die miteinander trinken, übers Theater reden und ihre Emotionen ausleben. Mehr passiert nicht. Aber ein paar erholsame Tage auf der Krim können nicht schaden: im Hintergrund das Schwarze Meer, umrahmt von einer pittoresken Küstenlandschaft. Eine kleine Mauer trennt das hübsche Anwesen von einem Friedhof, in dem Direktor Stanislawski (Randolf Destaller) die zum Schauspiel wenig begabte, aber im Übrigen durchaus ansehnliche Fjokla (Samantha Steppan), Tschechows Dienstmädchen, vernascht. Bis es soweit ist, hat man Gelegenheit, dem Schauspielprofi dabei zuzuschauen, wie er Fjokla Unterricht erteilt. An diesem Punkt schimmert tatsächlich Komödie durch, denn beide Darsteller spielen gekonnt ihre Komik aus;

Konstantin Sergejewitsch Stanislawski als von sich überzeugter Mime, sie als köstlich patscherte Elevin, die einen Mann von seinem Format einfach erregen muss. Seine Gattin Lilina (Sonja Kreibich) vergnügt sich indes mit dem Verwaltungsdirektor Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko (Rainer Doppler), der jedoch auch nach Entdeckung des Pantscherls die Ruhe nicht verliert und damit dem Theater zumindest für ein weiteres halbes Jahr die Existenz sichert.

Sonja Kreibich, Rainer Doppler © Bettina Frenzel

Ein wesentlicher Faktor für das Bestehen dieser Moskauer Bühne sind jedoch die Stücke von Anton Pawlowitsch Tschechow (Dirk Warme). Ihm zu Ehren wird ein Fest gegeben. Was hätte er dabei gerne eine Zigarre geraucht. Aber nein! Seine Schwester Mascha unternimmt alles, um ihm dieses Vergnügen vorzuenthalten. Birgit Linauer ist eine so richtig verbiesterte alte Jungfer, die keinen Zweifel daran offen lässt, dass ihr Bruder ohne sie nicht durchkommen würde. Aber sie hat sich getäuscht. Mit der Truppe, die bei ihm logiert, ist auch Olga Leonardowna Knipper (Monica Anna Cammerlander) erschienen. Sie liebt Tschechow, findet bei ihm Gegenliebe und übernimmt wie selbstverständlich die Rolle der Hausfrau. Mascha scheitert auch in ihrem Bemühen, den jungen Iwan Alexejewitsch Bunin (Hendrik Winkler) an die Brust zu drücken. Der junge Feschak zieht es vor, mit dem zornigen Maxim Gorki (Florian Graf) zum Fischen zu gehen.

Die anderen beiden Schauspieler (Max G. Fischnaller als Gitarre spielender Moskvin und Florian Lebek als der ewig besoffene Luschki) kommen als Herzenspartner nicht infrage. Sie sind nur Randfiguren, beleben das Geschehen aber ungemein. Der Reiz dieses Stückes, das von Friederike Roth und Thomas Dougerty ins Deutsche übersetzt wurde, liegt in seiner seltsamen Unverbindlichkeit, mit der einem Tschechow als einer der bedeutendsten russischen Bühnenautoren von seiner durchaus menschlichen Seite nahegebracht wird.

Samantha Steppan, Sonja Kreibich, Birgit Linauer © Bettina Frenzel
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