Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Susanne Preissl, Christian Kainradl © Bettina Frenzel

DER JÜNGSTE TAG Menschliches, allzumenschliches Versagen

Christan Kainsradl, Ensemble © Bettina Frenzel

Ödön von Horváths düstere Zwischenstation auf seiner Durchreise

Ein Stationsvorstand der Eisenbahn in einer kleinen Ortschaft lässt sich von einem übermütigen Mädchen ablenken. Er vergisst das Signal auf Rot zu stellen. Es kommt zum Zusammenstoß zweier Züge mit 18 Toten und zahlreichen Verletzten. Die Erhebungen kommen zu keinem eindeutigen Schluss, da das Mädchen für ihn aussagt, während die Frau des Bahnbeamten das Gegenteil behauptet. Um deren Ehe steht es seit längerem nicht mehr gut, also wird im Endeffekt der Entlastungszeugin vom Gericht Glauben geschenkt und der Stationsvorstand freigesprochen. Aber weder das Mädchen noch der Bahnbeamte kommen über die Lüge hinweg. Er bringt sie um und stellt sich zuletzt der Polizei.

 

Ödön von Horváth war als vielgereister Mann mit den Gegebenheiten bei der Eisenbahn vertraut. Ein Zugsunglück hätte ohne weiteres auch ihm zustoßen können. Er kannte auch die Menschen zu gut, und zwar alle, nicht nur die Angestellten der Bahn, um nicht die Katastrophe voraus zu ahnen, die auf die Gesellschaft wie ein Expresszug im Jahr 1937 zubrauste.

Anna Sagaischek, Georg Kusztrich © Bettina Frenzel

In „Der jüngste Tag“ machte er seinen Ängsten Luft. Es ist das bedrückende Bild einer Gesellschaft, der er mit seiner Emigration nach Paris entkommen wollte. Dass sich das in diesem Stück beschriebene Szenario jederzeit, auch heute, so abspielen könnte, mag einer der Gründe sein, warum es vom Theater zum Fürchten mit dem Prinzipal Bruno Max ins Programm genommen wurde. Menschliches Versagen ist nicht auf Bahnhofsvorstände beschränkt. Es ist eine allgemeine Eigenschaft der Spezies Mensch, der er sich nicht oft genug stellen kann, um daraus vielleicht irgendwann doch etwas zu lernen.

Jörg Schelling, Christina Saginth © Bettina Frenzel

Regisseur Peter M. Preissler hat diesen Horváth in entsprechender Düsternis inszeniert. Ein Gleis beherrscht die Bühne (Julia Krawczynski), auf der die bedrückende Handlung einer wie immer gearteten letzten Gerechtigkeit, also dem Jüngsten Tag zustrebt. Auf die Schauspieler, Nebendarsteller und sogar auf die Komparsen, die als Feuerwehr und Blasmusiker gekonnt im Einsatz sind, ist Verlass. Wie eine Moderatorin sorgt Angelika Auer als Frau Leimgruber für ekelhaften Tratsch und damit für Information.

Frau Hudetz, die von allen gehasste Gattin des Herrn Stationsvorstehers, ist Christina Saginth. Dabei ist sie jedoch alles andere als die Xantippe, als die sie von den anderen Ortsleuten hingestellt wird. Mit feinen Nuancen macht sie deutlich, dass sie lediglich am Altersunterschied – sie ist 13 Jahre älter als ihr Mann – und an seiner erloschenen Liebe zerbrochen ist. Ihr Bruder Alfons (Jörg Stelling), der ihr Halt geben sollte, sagt sich nach ihrer gerichtlichen Aussage von ihr los und versucht immer wieder vergeblich, in die Ortsgemeinschaft hinein zu wachsen. Einfacher hat es diesbezüglicher der Wirt zum „Wilden Mann“. Georg Kusztrich ist der Vater von Anna, der mit der Autorität eines ländlichen Gastronomen die öffentliche Meinung virtuos zu beherrschen und zu lenken versteht. Dass er den Mörder seiner Tochter am liebsten selbst erschießen würde, mag nachvollziehbar sein, ebenso die Reaktion seines Fast-Schwiegersohnes, dem Fleischhauer Ferdinand (Valentin Frantsits).

Leni, die dralle Kellnerin (Anna Sagaischek), hätte sich ganz gerne was mit dem feschen Stationsvorstand angefangen, muss aber nach dem Verschwinden von Anna einen verräterischen Kratzer im Gesicht eben dieses Mannes feststellen. Die bewusste Anna erhält von Susanne Preissl die für eine solche Rolle nötige Keckheit, aber auch die Skrupel über ihren Meineid vor Gericht. Als sie sich unter dem Viadukt mit Thomas Hudetz dazu aussprechen will, wird sie von ihm ermordet. Christian Kainradl ist der Stationsvorstand, der sehenswert unentschlossen ist, auch gegenüber dem Eingeständnis seiner Schuld am Zugsunglück, bis er vom verunglückten Lockführer (RRemi Brandner) und dem Geist von Anna auch mit der jenseitigen Konsequenz für seine Taten konfrontiert wird und er sich nach so viel menschlichem Versagen doch der Staatsgewalt in Gestalt des Gendarmen (Leopold Selinger) stellt. Wie es allen Beteiligten am Jüngsten Tag wegen ihres Verhaltens in diesem Fall ergehen wird, das hat Ödön von Horváth jedoch für alle Zeiten offen gelassen.

Leopold Selinger, Angelika Auer © Bettina Frenzel
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