Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Nachbarschaftsbuch aus Siebenbürgen

HAUSPOSTILLE VON MARTIN LUTHER in der österr. Volkskunde

Hauspostille von Martin Luther

Suche nach evangelischen Spuren in einer „katholischen“ Volkskultur

Es ist eigentlich erstaunlich, wie wenig sich aus der seinerzeit doch mächtigen Bewegung, eben der Reformation, in Österreich erhalten hat. Offenbar war die Gegenreformation in den von den Habsburgern regierten Ländern erfolgreicher als man annimmt. Im Sinne von „cuius regio, eius religio“ wurden die sogenannten Evangelischen, also die Protestanten, aus den Habsburgischen Ländern und aus Salzburg vertrieben. Das neue Bekenntnis hatte sich am Land rasch verbreitet gehabt und der Gegenschlag hatte nun zur Folge, dass viele dieser Menschen Grund und Boden verloren und in ein von einem Protestanten regiertes Land übersiedeln mussten. Noch unter Kaiser Karl VI. und Maria Theresia wurden unter der beschönigenden Bezeichnung Transmigration in den Jahren 1734 bis 1756 aus Kärnten, dem Salzkammergut und später aus dem Landl, dem Kerngebiet Oberösterreichs zwischen Wels, Gmunden und Vöcklabruck (aus ihnen wurden die heute noch so bezeichneten Landler), Tausende Menschen nach Siebenbürgen im heutigen Rumänien deportiert. Es handelte sich zwar um habsburgisches Gebiet, das jedoch durch Türkenkriege und Pest entvölkert war.

Wintertracht einer jungen Landlerin für krichliche Feiertage

Sie wohnten nun in der Nachbarschaft der dort bereits seit dem Mittelalter lebenden Siebenbürger Sachsen. Beide Bevölkerungsgruppen hielten an ihrer mitgebrachten Kultur und Sprache fest, schafften aber über die Jahrhunderte kaum eine Verbindung untereinander oder gar mit den dort ebenfalls befindlichen Rumänen.

Replik des Eherings von Martin Luther und Katharina von Bora aus Sopron, 19. Jahrhundert © VKM Wien

Zwei Trachten der Landler erinnern derzeit in der Ausstellung „Hauspostille von Martin Luther“ (bis 8. Oktober 2017) im Volkskundemuseum Wien an die Zeit der Vertreibung und Deportation. Sie zählen zu den seltenen Relikten, die sich von der Volkskultur aus der Zeit vor der Gegenreformation erhalten haben. An sieben Stationen in der Dauerausstellung wird dem Reformationsjahr Rechnung getragen. Bestehende evangelische Artefakte wurden mit Originalen ergänzt. An einem Infotisch kann sich der Besucher anhand einer Zeitleiste das erforderliche Vorwissen abrufen, bevor er sich auf die Suche begibt.

Mit der erst kürzlich restaurierten „Hauspostille von Martin Luther“ aus dem späten 16. bzw. frühen 17. Jahrhundert steht er bereits an der zweiten Station vor einem Highlight dieser Sonderausstellung. Die reiche Bebilderung dieser protestantischen Predigtensammlung wird erfreulicherweise elektronisch zugänglich gemacht.

Das zweite bemerkenswerte Druckwerk ist ein Nachbarschaftsbuch aus drei Siebenbürgischen Gemeinden aus 1778 bis 1782, in dem die Namen der Mitglieder, ihre Aufgaben und alle wichtigen Ereignisse festgehalten wurden. Zu entdecken ist auch eine Replik des Eherings von Martin Luther und eine oberösterreichische Ofenkachel mit dem Halbrelief des Reformators. Es handelt sich dabei durchwegs um an sich alltägliche Objekte aus dem Leben der Evangelischen, die in dieser „Intervention“ erstmals öffentlich gezeigt werden.

Bäuerlicher Segenswunsch
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