Kultur und Wein

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Ausstellungsansicht heimat : machen

Heimat : machen Alltag und Politik im VolkskundeUSEum

Zertifizierungsmarken der Trachtenberatungsstelle im Volkskundemuseum Foto: Christa Knott © VKM Wien

Museale Zeugnisse aus einer Zeit, als um unsere Identität gerungen wurde

Die 1930er- und die erste Hälfte der 1940er-Jahre waren von einem bis zum Blutvergießen brutalen Ringen um den Begriff Heimat geprägt. Das austrofaschistische System, das von 1933/34 bis 1938 Österreich regierte, war mit Gewalt darum bemüht, dem dürftigen Rest einer einstmals über halb Europa reichenden Monarchie Profil und Selbstbewusstsein zu geben. Was eignete sich dazu besser, als sich des „Eigenen“ zu besinnen, das das Land zwischen Bodensee und Neusiedlersee zu bieten hatte. In den Augen der Machthaber war es Brauchtum, verbunden mit der Tracht und dem übrigen Erbe einer alpenländischen Volkskultur. Zum „Gehirn“ dieses Suchens und Bemühens wurde das Museum für Volkskunde in Wien. Es wurde zum „Schatzhaus heimischer Volkskunde“ und zum „wahren Haus österreichischer Volksart“. Die Politik konnte sich an den Sammlungen und dem damit verbundenen Wissen bedienen, um die Bevölkerung von Stadt und Land von seinen Intentionen zu überzeugen.

Aufführungen des „Urania Volkstanzkreises“ vor dem Rabenhof, Wien, 1934 © ONB Volksliedwerk

Mit dem Einmarsch Hitlers war es mit Österreich für sieben Jahre vorbei. Das Völkische erstreckte sich über den „germanischen Raum“, über Deutschland hinaus bis in den Norden Skandinaviens. Gleichzeitig wurden die Experten einer nicht mehr existierenden österreichischen Volkskunde in den Dienst der nationalsozialistischen Ideologie gestellt. So stellte beispielsweise die „Arbeitsgemeinschaft Waldviertel“ im Zusammenhang mit der großangelegten „Entsiedlung“ des Raumes Döllersheim (des heutigen Truppenübungsplatzes Allentsteig) anthropologische Forschungen an. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Museums selbst bejahten die Machstrukturen und scheuten nicht davor zurück, im Auftrag des „Einsatzstabes von Reichsleiter Rosenberg“ im Rahmen des organisierten Kunstraubes Vorteile daraus zu ziehen.

Ausstellungsansicht heimat : machen

Mit Kriegsende und dem Wiedererstehen Österreichs griff man gerne auf die davor gewonnenen Ergebnisse zurück, wenn es darum ging, einem am Boden liegenden Heimatbewusstsein auf die Sprünge zu helfen. Später, also während des „Kalten Krieges“ waren es die während der Habsburgermonarchie aus den Kronländern und während der NS-Zeit in das Haus eingebrachten Gegenstände.

In Ausstellungen konnte so das Museum als ethnologisches „Fenster nach Osteuropa“ genutzt werden. Mittlerweile ist man bei einer strengen Provenienzforschung angelangt, um die speziell zwischen 1938 und 1945 entstandenen Sammlungen zu untersuchen. Das Volkskundemuseum Wien, wie es heute genannt wird, erfüllt damit neben seiner bildnerischen Aufgabe auch eine neue Funktion der kritischen Betrachtung seiner Existenzgrundlagen, die in der Ausstellung „heimat : machen“ (bis 11. März 2018) mit Dokumenten, Objekten und anschaulich präsentiertem Wissen vermittelt werden sollen. Anlass sind nicht zuletzt die 100 Jahre (seit 1917), die das Museum in den Räumen des Gartenpalais Schönborn in der Laudongasse in der Wiener Josefstadt eingerichtet ist.

Aus dem Museum wird damit, so das Anliegen der beiden Kuratorinnen Birgit Johler, Magdalena Puchberger und der Architektin Gabu Heindl, ein USEum, das für seine Besucher, besser gesagt, für seine Nutzer sowohl einen offenen Blick zurück als auch auf die Bedeutung von Volkskultur in einer Gegenwart bietet, in der ein Begriff wie Heimat aufgrund von Migration äußerst vielschichtig und labil geworden ist.

„Hl.-Geist-Taube“, erworben von Richard Wolfram in Schweden Foto: Christa Knott © VKM Wien
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