Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Der Brandner Kaspar und das ewig´ Leben Ensemble © Rolf Bock

Der Brandner Kaspar und das ewig´ Leben – ein berührendes Festspiel

Peter Uray (Brandner Kaspar), Stephan Paryla-Raky (Boanlkramer) © Rolf Bock

Ein gmiatlicher Boanlkramer und ein(e) herzliche(r) Portner(in), das ist Himmel in der Wachau

Marillenschnaps aus der Wachau ist zweifellos die beste aller Medizinen. Sie kann, richtig angewendet, das Leben um 18 Jahre verlängern. Bei dem in München geborene Mineralogen und Schriftsteller Franz von Kobell (1803-1882) ist es zwar „Kerschgeist“, aber mit derselben Wirkung. Er hat den großen Traum der Menschheit vom ewigen Leben in eine zutiefst bayerische Mundarterzählung verpackt, mit Petrus als Portner an der Himmelstür und einem strengen Erzengel Michael samt Flammenschwert. Ihr Abgesandter ist der Boanlkramer, der auf seinem Karren die Seelen der Verstorbenen von der Erde vor ihr Hohes Gericht bringen soll. Dort wird  dann auf gut katholisch über Seligkeit, Fegefeuer oder Höllenverdammnis entschieden. Der düstere Geselle findet seinen Meister im Brandner Kaspar, dem er schon übel mitgespielt hat, indem er ihm Frau und Kind viel zu früh geraubt hat. Geblieben ist dem Kaspar nur die Enkelin Marei, für die es sich einfach noch ein paar Jahre zu leben lohnt.

Anna Sophie Krenn (Marei), Natascha Shalaby (Theres) © Rolf Bock

Intendant Marcus Strahl hat die „Gschicht vom Brandner Kaspar“ für seine Wachaufestspiele in Weißenkirchen eingerichtet und als g´schmackige Mischung aus Bayern und Wachau inszeniert. Strahl lässt die Geschichte im irdischen Jammertal beginnen.

Anna Sophie Krenn ist als temperamentvolle und dennoch liebreizende Marei in den selbstbewussten, aber bitterarmen Taglöhner Florian (Markus Freistätter) verliebt. Beide verdienen sie zu den kargen Einkünften als Treiber bei herrschaftlichen Jagden und gelegentlicher Wilderei ein kleines Zubrot. Mareis zweiter Verehrer ist ausgerechnet Simmerl, ein fürstlicher Jäger und fescher Bursch (mit gekonntem Stottern und glaubhaft schwankend zwischen Liebe und Pflicht: Philipp Limbach). Sein Chef Rudi Larsen in der Gestalt des Alois Senft, Bürgermeister und Oberjäger, erscheint als gar nicht so unsympathische Mischung aus verdrängtem Mitgefühl und Verachtung für das arme Volk. Wenn er Reden halten soll, muss er es sich jedoch gefallen lassen, von den Kindern Clara Wildeis und Fanny Hick frech zum Gendern angehalten zu werden. Die Dame, die mit der Mühe der Maske auf alt getrimmt wurde, ist Natascha Shalaby, die hinieden die Theres spielt, um im Jenseits als selige Afra jung und hübsch aus dem Himmelstor zu treten.

Anna Sophie Krenn (Marei), Waltraut Haas (Portner) © Rolf Bock

Genau dorthin, eben ins Jenseits, will der Brandner Kaspar partout nicht. Peter Uray schlüpft mit sichtlichem Vergnügen in die Haut des stets zu Streichen aufgelegten Büchsenmachers und Jagdhelfers. Das verschmitzte Lächeln vergeht dem Alten erst, als seine Marei verunglückt.

Der Brandner Kaspar und das ewig´ Leben Ensemble © Rolf Bock

Davor aber trotzt er mit entschiedenem Nein den Verlockungen des Boanlkramers. Stephan Paryla-Raky ganz in Schwarz ist nur im ersten Moment Furcht einflößend. Danach kann er noch so böse schauen, er ist und bleibt ein gemütlicher Tod, genauso einer, den sich jeder für seine letzte Stunde erbitten möcht´. Er kann sich sogar schämen. An hoher Stelle ist man nämlich dahinter gekommen, dass er sich im betrunkenen Zustand vom Brandner Kaspar beim Kartenspiel hereinlegen hat lassen.

Eher amüsiert reagieren darauf die himmlischen Kartendüppler St. Berthold (gleitet virtuos auf einem Maniaboard durch die Seligkeit: Oliver Hebeler) und Rupert Dringer, Glockengießer selig (Robert Notsch).

Von heiligem Zorn und schlechter Laune erfüllt ist hingegen St. Michael. Leila Strahl als attraktiver Erzengel schleppt tapfer eine schwere goldene Rüstung mit zwei abenteuerlich ausladenden Flügeln über die Bühne und schwingt furchterregend das Flammenschwert. Wenn schon barock, dann ordentlich, bis zu den Engerln von der Sixtinischen Madonna (die beiden Kinder von vorhin). Für entsprechende Stimmung sorgen auch die extra von Frizz Fischer komponierte Bühnenmusik und das Bühnebild von Martin Gesslbauer, das mit Projektionen von Andreas Ivanscics auf den Renaissancearkaden des Teisenhoferhofes sogar einen Sonderapplaus erhält.

 

Wäre da nicht die gütige Strenge des Portners, wäre es sowohl um den Boanlkramer als auch um den Kaspar schlecht bestellt. Die große Waltraut Haas ist als weiblicher Petrus über jeden Zweifel erhaben und bestätigt eindrucksvoll die Moral dieser Geschichte: „Ein Ort, wo (solche) Frauen regieren, das muss das Paradies sein.“

Leila Strahl (Erzengel Michael) © Rolf Bock
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Der Wachauer Jedermann, das Spiel vom Sterben des reichen Winzers

Susanne Hirschler (Buhlschaft), Marcus Strahl (Jedermann), Tod (Michael Schefts) © Wachau Festspiele

Wann´s daun hoaßt, die Roas´ antret´n, san a die best´n Freindaln furt

Die Wachaufestspiele in Weißenkirchen haben endlich ihren „Jedermann“. Der reiche Mann, wie könnte es anderes sein, ist ein erfolgreicher Winzer. Dank wohl gefüllter Weinkeller kann er ausgelassene Feste mit seinen Spezis feiern. Gestandene Hauer, was sich so schön auf Wachauer reimt, ziehen zum Klang der Ziehharmonika ein und bieten ein veritables Volkstanzen mit dem Damenflor in Dirndl und Goldhaube. Wenn die irdischen Leut´ untereinander reden, dann tun sie es recht ungezwungen im Dialekt aus dem schönen Donautal zwischen Krems und Melk. Nur wenn die Überirdischen auftreten, die Werke zum Beispiel (Michaela Ehrenstein) oder der Teufel (Martin Gesslbauer), dann bewältigen diese großartig die gespreizte Verssprache, die Hofmannsthal seinem Mysterienspiel verpasst hat.

 

Die Mundartfassung stammt von Peter Galler. Die sprachliche Zweiteilung ist ein Kunstgriff des Autors. Entdeckt hat diese Fassung das Ensemblemitglied Leo Schörgenhofer.

Martin Gesslbauer (Teufel) © Wachau Fesspiele

Er versucht als 1. Vetter mit rustikalen Einlagen bei der üppigen Wachauer BrettlJause die plötzlich getrübte Stimmung des sonst so lustigen Gastgebers aufzuhellen. Er kann ja nicht wissen, dass ausgerechnet dieser Spitzen-Weinbauer in seinen besten Jahren vom Tod (mit beeindruckender Stimme Michael Schefts) zu einer „Roas´“ ohne Wiederkehr abgeholt wird.

Waltrauf Haas (Mutter), Marcus Strahl (Jedermann) © Wachau Festspiele

Sowohl er, als auch die dralle Buhlschaft (Susanna Hirschler) und der Kumpan (ein sehr natürlich agierender Felix Kurmayer) wollen Jedermann unter keinen Umständen begleiten. Wäre da nicht der resolute Glaube (Anke Zisak), es wäre schlecht um den betuchten Wachauer Winzer bestellt.

 

Galler hat Hofmannsthals Stück verkürzt, mit viel Respekt vor dem großen Dichter. Im Grunde ist es der vertraute Jedermann geblieben. Zugunsten des Originals wird auf Anspielungen auf diverse Goldgruben wie Wein und Tourismus verzichtet. Das Premierenpublikum wusste diese Zurückhaltung zu schätzen und war merkbar stolz, auch in der Wachau einen Jedermann erleben zu dürfen. Der Schauplatz, der Teisenhoferhof, trägt das seine zum Gelingen bei, mit seinen Arkaden im ersten Stock, aus denen fürchterlich die Jedermann-Rufe tönen und, auch wenn Pfarrer und Festspiele nicht ganz koordiniert sind, mit vollem Geläute der Glocken vom Turm der darüber thronenden Pfarrkirche.

Der Wachauer Jedermann ist ein Geburtstagsgeschenk, das Intendant Marcus Strahl zum zehnjährigen Jubiläum den Wachau Festspielen überreicht hat. Dass es nicht bei dem einem Mal bleibt, liegt zum einen daran, dass die Vorstellungen 2014 flugs ausverkauft waren. Zum anderen spielt Marcus Strahl selbst den Jedermann, seine Mutter Waltraud Haas die Mutter und seine Frau Leila Strahl einen überaus attraktiven Mammon. Eine solche Besetzung verlangt einfach nach einer Neuauflage im nächsten Jahr, die es versprochener Weise auch geben wird.

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