Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Kopf der sozialistischen Zeitung "Das Kleine Blatt"

PRESSE UND PROLETARIAT Vorwärts! Lesen!

Werbung für die Arbeiter Zeitung

Die Zeitung als starke Waffe im Klassenkampf

Die AZ, also die Arbeiter Zeitung, mag noch so manchen unserer Leser in Erinnerung sein. Ihre politische Ausrichtung war klar, das Niveau erstaunlich hoch, eine Qualitätszeitung der SPÖ, die aber nicht verhindern konnte, dass das Parteiorgan wirtschaftlich untragbar wurde. Ihr Ende fand freilich in einer Zeit statt, in der von einer unterdrückten Arbeiterklasse in einem Sozialstaat wie Österreich schon lange keine Rede mehr sein konnte. Dennoch, die Arbeiter Zeitung war, abgesehen von ein paar nach wie vor existierenden Gewerkschaftszeitungen, die letzte Vertretrin einer großen Zeit, in der sich das Proletariat, also die unterprivilegierte Arbeiterschicht, im roten Wien „emporgelesen hat“, wie es der Historiker Alfred Pfoser formuliert hat. Der Aufstieg der Arbeiterschaft wäre ohne Druckmaschinen und gewandte Journalisten nicht denkbar; zumindest hat man den Eindruck, wenn man die aktuelle Schau „Presse und Proletariat“ im Waschsalon Karl-Marx-Hof anschaut. Gezeigt wird die Entwicklung der Presse, die vom damals starken Arm, der, wenn er nur wollte, alle Räder zum Stillstand bringen konnte, bedient wurde.

Victor Adler als Symbolfigur für die Blildung der Arbeitklasse

Es bedurfte des Revolutionsjahres 1848, in dem das liberale „Preßgesetz“ erlassen wurde und in den Bestrebungen von Franz Joseph um eine absolutistische Herrschaft offenbar übersehen wurde. In kürzester Zeit entstanden damals in Österreich mehr als 300 periodische Druckwerke, darunter 86 Tageszeitungen. Es gab darunter auch Zeitungen, die sich mit der Arbeiterfrage beschäftigten und klingende Namen wie „Der Ohnehose“, „Der Proletarier“ oder „Der Radikale“ trugen. Die Arbeiter begannen zu lesen, sich über bestehende Verhältnisse aufzuregen und ließen sich nicht zuletzt durch das Gedruckte zu einer Einheit formen, die einer neoliberalen Wirtschaft und dem die Menschen verachtenden Kapitalismus Paroli bieten konnte.

Presse und Proletariat Ausstellungsansicht

Victor Adler gelang es, mit der seit 1989 erscheinenden „Arbeiter Zeitung“ ein Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie zu schaffen. Seine Botschaft war deutlich: „In jedem Lande ist die Leistung eines Arbeiterblattes unausgesetzter Kampf. Kampf gegen die Ausbeuterklasse und ihre Organe, Kampf gegen die Übergriffe einzelner Ausbeuter, Kampf gegen den Feind, den wir am tiefsten hassen, gegen den systematisch gezüchteten, mit allen gesetzlichen und ungesetzlichen Mitteln aufrecht erhaltenen Unverstand der Massen.

Der neue Vorwärts-Verlag an der Rechten Wienzeile ermöglichte eine Reihe weiterer Publikationen, denen man ebenfalls in der Ausstellung begegnet. Was heute Gratiszeitungen sind, war damals das „Kleine Blatt“, das mit der Comicfigur des Tobias Seicherl auf einfach verständliche Weise die Welt in Dumm (Seicherl) und G´scheit (sein Hund) einteilte.

 

Man hatte bald erkannt, dass Lachen ein probater Weg der Lenkung von Massen ist. „Glühlichter“ hieß das Blatt, das seit 1889 erschien und auf dem Weg der Satire und der Karikatur seine Sicht der Wahrheit transportierte. Der Witz, hingezeichnet und geschrieben mit spitzer Feder, kommentierte bissig die Tagespolitik und verstand es, damit den Unwillen derjenigen anzuheizen, die mit den Umständen alles andere als zufrieden waren.

Sogar Alfred Kubin, Alfons Petzold und Alexander Roda-Roda haben für die „Glühlichter“ gearbeitet. Auf dem Zeichenbrett entstanden ist damals die berühmte Kopfbedeckung der Sozis, die phrygische Mütze, die von den Jakobinern während der französischen Revolution getragen wurden. Sich über Unerträgliches lustig zu machen, war auch die Aufgabe von „Habakuk“, der mit Blunzinger und des Pfarrers-Kathi das Establishment aufs Korn nahm. Dass dabei das Verhältnis zu den Juden kein einfaches war, wird ebenfalls in der Ausstellung thematisiert. Führende Sozialdemokraten waren Juden, aber gleichermaßen lag das Kapital in jüdischen Händen, was mitunter Zeichner und Schreiber ganz schön in die Bredouille brachte. Das Tor zur großen Welt öffnete als erste österreichische Illustrierte der „Kuckuck“, der unter dem Motto „Eine Photographie kann oft mehr sagen als ein Leitartikel“ ab 1927 zur Lieblingslektüre der Sozis wurde, die, so die Gestalter der Ausstellung Lilli Bauer und Werner T. Bauer, zu einem Run auf Zeitungen führte, angefangen vom Vereinsblatt über das Gewerkschaftsorgan bis zur Frauenzeitschrift „Die Unzufriedene“ in den Arbeiterhaushalten abonniert und damit wohl zumindest artikelweise auch gelesen wurden.

Presse und Proletariat Ausstellungsansicht
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