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Ausstellungsansicht Julius Tnadler im Waschsalon

Julius Tandler und sein Traum vom „neuen Menschen“

Ausschnitt aus einer Texttafel zur Eugenik

Fürsorge heißt, eine Menschenseele erschließen

Abgesehen vom Julius-Tandler-Platz im neunten Bezirk scheint heutzutage nur mehr wenig an diesen Kommunalpolitiker des Roten Wien zu erinnern. Die Betonung liegt auf „scheint“. Denn ein genauer Blick lässt in vielen Bereichen Julius Tandler als Pionier erscheinen, dessen Reformen bis in die Gegenwart wirksam sind und nachhaltig zur Entstehung des auch heute gelebten sozialen Umfeldes unserer Stadt geführt haben. Der Waschsalon Karl-Marx-Hof hat Julius Tandler daher aus Anlass seines 80. Todestages eine eigene Ausstellung gewidmet, in der das Wirken und das Gedankengut dieses Arztes und Politikers mit historischer Akribie aufgearbeitet sind.

 

Geboren wurde Julius Tandler am 16. Februar 1869 im mährischen Iglau in eine Jüdische Familie. Seine Kindheit war von bescheidenen Verhältnissen geprägt, trotzdem schaffte er es bis zum Medizinstudium an der Wiener Universität. Sein Mentor wird Emil Zuckerkandl, der Leiter des Anatomischen Instituts, dem Tandler bereits 1910 in dieser Funktion nachfolgt.

Texttafel zur person von Julius Tandler

Tandler sah schon damals seine Aufgabe nicht nur im Behandeln, sondern auch im Verhindern von Krankheiten, was später seinen Einsatz als Politiker maßgeblich beeinflussen sollte. 1919 wird er in den Wiener Gemeinderat gewählt, während er noch mit der Ausarbeitung eines bundesweiten Krankenanstaltengesetzes befasst ist. Darin wird erstmals gesetzlich geregelt, dass auch der Staat eine Verpflichtung zu einem Anteil an den Kosten der Heilbehandlung sämtlicher Staatsbürger zu tragen hat.

Texttafel aus der Ausstellung Julius Tandler

Julius Tandler war in den ersten Nachkriegsjahren mit einem unsagbaren Elend in Wien konfrontiert. Die Hauptleidtragenden waren wie immer die Kinder. So trägt Tandler 1920 im Wiener Gemeinderat die vier Grundsätze seines künftigen Fürsorgesystems vor. Fürsorge war damals neu und revolutionär. Es begann mit dem Embryo über Betreuung und Beratung junger Mütter bis zu Kindergärten und Spielplätzen, über Infrastruktureinrichtungen in Wohnbauten, Sportstätten und Bäder bis zu Arbeitslosenunterstützung und sogar dem Ableben und der Bestattung, die 1922 mit der feierlichen Eröffnung des Krematoriums ihren Ausdruck fand. 1929 schrieb die Arbeiter-Zeitung den bemerkenswerten Satz: In keiner anderen Stadt erstreckt sich die Wirksamkeit des Wohlfahrtsamtes so vollständig auf alle Etappen des menschlichen Daseins wie in Wien.

 

Trotz der unbestreitbaren Leistungen entzündete sich an Julius Tandler in den letzten Jahren eine Auseinandersetzung um seine Einstellung zu sogenannten Eugenik. Die Forderungen reichten bis zur Umbenennung des nach ihm benannten Platzes. In der Ausstellung wird dieses Thema deshalb besonders ausführlich behandelt und die zwiespältige Position Tandlers ohne falsche Beschönigung deutlich dargelegt.

Ein derart sozial eingestellter Mensch wie er, der noch dazu Jude war und es damit im antisemitischen Österreich der 1920er- und -30-Jahre alles andere als leicht hatte, schrieb, dass uns „eine Sintflut der Minderwertigen“ drohe. Was der Nationalsozialismus wenige Jahre später in seinen Euthanasieprogrammen überhöhte und grausam umsetzte, findet sich offenbar auch in Tandlers Gedankengut. Aber man muss über die verstörenden Passagen weiterlesen, um im selben Aufsatz ein klares Bekenntnis zum Wert jedes Individuums zu finden: Die Einschätzung des Wertes des eigenen Lebens ist und bleibt ein Teil der persönlichen Freiheit.

Mit Alkoholismus hatte Julius Tandler kein Einsehen: Ich gehe auf den Schnaps wie ein Jagdhund“. „Am Steinhof“ wurde eine eigene Trinkerfürsorgestelle eingerichtet, für den „Kampf gegen die Inhaltslosigkeit des Daseins“, die er als Hauptursache für den Alkoholmissbrauch erkannt hatte. 1934 wird er in den Wirren des Bürgerkriegs verhaftet und nach seiner Entlassung zwangspensioniert. Er will die bereits davor ausgeübte Reisetätigkeit wieder aufnehmen.

Ausschnitt aus einer Wandtafel: Karl Seitz bei einer Ansprache zum 60. Geburtstag von Julius Tandler

1936 fährt Julius Tandler einer Einladung folgend nach Moskau, wo er in der Nacht vom 25. auf den 26. August im Kreml-Krankenhaus an „Herzschwäche“ stirbt.

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