Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Falco, 1985  Foto: Didi Sattmann

GANZ WIEN Eine Pop-Tour durch die Musikstadt

Georg Danzer übergibt Frau Josefine Hawelka die Single Jö schau, 1975  Foto: Wolfgang Sos

Ein Bild der Pop-Kultur am Rand des Austropops

Wien ist weitgehend unterkellert und bietet in dieser Welt auf der anderen Seite des Bodenhorizonts nicht nur Raum für obskure künstlerische Verschwörungen und gemütliche Sauflokale, sondern auch den Platz für Musik, die durch ihre Lautstärke auf der Oberfläche eventuell als störend empfunden würde. Proberäume können die ganze Nacht hindurch benutzt werden, ohne dass sich ein Bewohner des Hauses darüber aufregen würde, und ein Konzertpublikum, das sich für den Uneingeweihten lediglich beim Eintritt in die trauliche Tiefe und später beim Verlassen derselben manifestiert, kann beim besten Willen nicht als Belästigung des in den Fernseher schauenden Mitmenschen empfunden werden. So hat sich dort unten bereits früh eine Kulturszene entwickelt. Einiges von der dort erstmals gespielten Musik hat den Aufstieg in den lichten Äther der Radiowellen geschafft und wurde zum Ö3-Hit. Wer jedoch in der Redaktion dieses Senders keine Gnade fand, blieb weiter Underground und schuf ein reizvolles Paradoxon.

Gustav, 2008  Foto: Thomas Degen

Unterhalb des Straßenniveaus wurde auf hohem Niveau einen Beitrag für den Ruf von Wien als Musikstadt geleistet. Gigs im Rahmen von Kulturinitiativen brachten die dort agierenden Bands zwar immer wieder an die Sonne, zum Beispiel in Parks oder auf öffentlichen Plätzen. Das Interesse der Öffentlichkeit blieb dennoch gering, sodass den Musikern nichts anderes übrig blieb, als wieder im Unterrund zu verschwinden und von dort aus regelmäßig der Leidenschaft an Mikrofon, Schlagzeug und E-Gitarre nachgehen zu können.

Hansi Lang, Keine Angst, LP, 1982  Privatsammlung Walter Gröbchen

Die Ausstellung GANZ WIEN EINE POP-TOUR (bis 25. März 2018) geht in dieser Form der Pop-Musik nach. Walter Gröbchen, Michaela Lindinger und Thomas Mießgang sind Spezialisten dieses Genres. Sie haben sich Gedanken zum Begriff „Musikstadt“ gemacht und kamen zum Schluss, dass sich dieses überstrapazierte Label zumeist aus den unterschiedlichen Spielarten der klassischen Musik speist. Ihre Zielrichtung war jedoch die „popkulturelle Musik“, wie sie sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs entwickelt hat. Mit Falco wurde Pop aus Österreich weltweit zum Botschafter einer neuen Musikkultur in einem Land, in dem Mozart, Beethoven und Haydn bis Schubert, Mahler und Schönberg gewirkt haben.

Die anderen Vertreter haben es zumindest bis an den Rhein geschafft und wurden auch in deutschen Landen populär. Marianne Mendt, Wolfgang Ambros, Georg Danzer, André Heller sind nur drei Namen, die auch in der Ausstellung Würdigung finden. Arik Brauer, Ludwig Hirsch oder Reinhard Fendrich wird man vergebens suchen. Nach Ansicht der Gestalter liegen deren Produktionen zu nahe am Schlager, ungeachtet ihres Beitrags für den Austropop. Um den geht es hier aber nicht, sondern um Wien Pop, der hiermit entsprechend definiert erscheint.

Plakat „Novak’s Kapelle“ mit Walter „Walla“ Mauritz, Paul Braunsteiner, Peter Travnicek, Erwin Novak

Den Anfang macht die „Brutstätte der Avantgarde“, der Strohkoffer, 1951 eröffnet vom Art Club Wien. Der Besucher tritt ein in das kleine Kellerlokal und trifft dort auf die Kreativen dieser Tage wie Ernst Jandl, Friederike Mayröcker und vor allem auf ein Bild von Helmut Qualtinger, der als „Der Wilde mit seiner Maschin´“ einer der ersten war, der im Wiener Dialekt gesungen hat. Die Architektur zur Ausstellung von Thomas Harman kann trotz der vielen Musik auf Kopfhörer verzichten.

Mit einer kleinen Verbeugung begibt man sich unter einen Sturz und erlebt, unter Umständen gemeinsam mit anderen Besuchern, recht unmittelbar die Stimmung, die bei diversen Pop-Konzerten geherrscht hat. An diesen von Chrono Popp soundmäßig installierten Audiostationen spielen unter anderem die Schmetterlinge (Tschotscholossa), Tom Pettings Herzattacken (Radio Radio) und Dradiwaberl (Boring Old Fart). Die Wände des Ausstellungsraumes sind dicht beklebt.

Längst sind sie begehrte Sammelobjekte: Zeitungsfotos von damals, die Cover von längst historischen Schallplatten und Plakate, mit denen Lokale wie der Star Club Wien, das San Remo oder das Voom Voom um ihr eher jugendliches Publikum warben. Die Zeit bringt es mit sich, dass die Wilden von damals auch in die Jahre gekommen sind, nun aber auf dieser „Pop-Tour“ durch Wien mit Sicherheit von „irgend einem nostalgischen Moment“, so die Kuratoren, berührt werden sollen.

Die Band Gipsy Love live in der Camera, 1971  Privatsammlung Karl und Anna Ratzer
Wien Museum Logo 300

Statistik