Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Schweizerhaus im Prater, 2014  Foto: Heribert Corn

ES LEBE DER WIDERSPRUCH in Falter-Fotos

Räumung der besetzten Häuser in der Aegidi- und Spalowskygasse, 1988  Foto: Christian Fischer

Fotos fliegen frei wie der Falter

Kurator Michael Schwarz betont, dass die gezeigten Fotos aus dem Kontext genommen wurden und nun im Sinne der Stadtzeitung „Falter“ frei zu den Erinnerungen des Betrachters fliegen können. Es sind tatsächlich nicht betitelte Fotografien, die Schwarz gemeinsam mit Susanne Winkler aus einem Berg, genannt Archiv, ausgegraben hat. Grund dafür sind die 40 Jahre, die seit dem ersten Auffliegen des Falters an die Zeitungskioske vergangen sind. Wer jemals einen Blick in diese Zeitschrift getan hat, wird auch sofort den Titel der Ausstellung verstehen: „Es lebe der Widerspruch!“ (bis 27. August 2017) Aufmüpfig sein, Selbstverständlichkeiten hinterfragen und energisch gegen den Mainstream anrudern ist Programm der von Armin Thurnher 1977 gegründeten Stadtzeitung.

 

Die Geschichten zu den Fotos liefert ein Begleitbuch, das im Verlag des „Falter“ erschienen ist. Weitere Informationen zu den beredt schweigenden Fotos liefert ein umfangreiches Rahmenprogramm.

Flüchtlingslager in der Triester Straße, 1991/92  Foto: Andreas Schwarzer

Es gibt Führungen, Gesprächsrunden mit Armin Thurnher und Florian Klenk und eine Stadtexpedition mit „Falter“-Redakteuren zu unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten.

 

Der „Falter“ hat sich in den vier Jahrzehnten prächtig entpuppt. Im Mai 1977 erschien eine Art Flugblatt aus bräunlich-gelbem Papier im Umfang von zwölf gefalteten Seiten. Er war Ausdruck der Alternativbewegung Wiens, die ein Jahr zuvor mit der Arena-Besetzung kräftige Lebenszeichen von sich gegeben hatte. „Es lebe der Widerspruch!“ stand als Motto am Ende des ersten Editorials

Der „Falter“-Kolumnist Hermes Phettberg als Jesus, 1994  Foto: Christian Fischer

Die kritische Öffentlichkeit sollte damit ein Sprachrohr erhalten und Alternativen zur Hochkultur zu Gesicht bekommen. Dazu trugen die Fotos ihren gewaltigen Teil bei. Das Bildprogramm war wie die Texte offen parteiisch, aber nicht einer Partei zugehörig. Die Leser wurden auf dem Laufenden gehalten, beispielsweise wie die Besetzung der Hainburger Au ablief, was sich bei Hausbesetzungen tat, was Anti-Atomkraft unternommen wurde und wie die neuen „Grünen“ ihren Weg in die Politik fanden.

Durch Montagen konnte neben dem Text mit Satire polemisiert werden. Aus den anfangs namenlosen Fotografen entwickelte sich im Lauf der Zeit eine Fotografie mit eigenem Qualitätsanspruch und einer deutlichen Linie. Ab 1986 richtete sich die Linie des Blattes gegen die FPÖ, die unter Jörg Haider einen Aufschwung sondergleichen erlebte. Die großen Wochenmagazine übertrafen sich mit Titelfotos dieses Populisten, um irgendwo drinnen einen kritischen Artikel abzudrucken. Um dieser Werbung entgegen zu steuern, wurde im „Falter“ über Haider ein „Bilderverbot“ verhängt. Reportagen heilten Einzug.

Sie zeigten der Öffentlichkeit Menschen in Schubhaft und Flüchtlingsheimen.

 

Heute umfasst das Archiv 25.000 analoge und 150.000 digitale Fotos. Als bewusstes Kontrastprogramm zur Häme, wie sie in den Social-Media vor allem durch filmende Handys mehr und mehr um sich greift, verzichtet „Falter“ heute weitgehend auf polarisierende Bilder, nicht ohne jedoch dem Motto „Es lebe der Widerspruch!“ treu geblieben zu sein.

Polizisten und Demonstrantin, um 1980  Foto: Unbekannt

Vogelperspektive von Wien aus Blickrichtung Westen, vor 1683/86 © Wien Museum

WIEN VON OBEN Stadtansichten aus der Vogelperspektive

Plastisches Modell der inneren Stadt mit dem Glacis, 1852/54 © Wien Museum

Von oben schauen ist keine Betrachtung von oben herab

Wien bietet aufgrund seiner Lage neben der Donau, wie es Hans Weigel formuliert hat, eine Fülle an Aussichtspunkten, die eine beeindruckende Sicht auf die Stadt von oben freigeben. Nicht nur die Hügel im Süden und Westen, von denen nahezu jeder mit einer Aussichtswarte bestückt ist, auch im Häusermeer selbst verschaffen seit Alters her Türme dem kleinen Bewohner die Möglichkeit, über die Wellen der Dächer hinaus bis zu deren Ufern aus Wäldern und Feldern zu schauen. In „Wien und seine Wiener“ beschreibt schon Adalbert Stifter im ersten Kapitel unter dem Titel „Aussicht und Betrachtungen von der Spitze des St.-Stephans-Turmes“ das ergreifende Erlebnis des anbrechenden Tages über Wien. Das Bedürfnis, den Schluchten der Gebäude zu entkommen und sich freie Sicht zu verschaffen, ist mindestens so alt wie die ersten Zeichnungen und Drucke, die den Wienern Stadtansichten aus der Vogelperspektive geboten haben. Es macht ungeheuren Spaß, auf alten Stichen die heutige Position von Häusern zu orten und den dynamischen Veränderung nachzuspüren, die unsere Stadt in den Jahrhunderten erfahren hat;

Blick auf Wien von der Höhenstraße, 1936  Hermann Kosel © Wien Museum

angefangen vom Abriss der Stadtmauern für den Bau der Ringstraße bis zur Eingemeindung der Dörfer rund um die heutige Innenstadt, die auf alten Darstellungen noch wie ehrfürchtige Zuschauer der Pracht der Residenzstadt huldigen und mittlerweile zu modernen Stadtteilen angewachsen sind.

Orientierungskarte zur Wiener Internationalen Messe, 1961  © Wien Museum

Dazu gesellt sich die Notwendigkeit, in das Gewirr von Gassen und Straßen Ordnung zu bringen. Landkarten wurden angefertigt, die sowohl militärischen Strategen als auch dem nicht ortskundigen Besucher von Wien die Orientierung erleichtern sollen. Es gibt noch viele Gründe, Wien von oben sehen zu wollen. Man begegnet ihnen in der Ausstellung des Wien Museums „WIEN VON OBEN Die Stadt auf einen Blick“ (bis 17. September 2017).

Eingeteilt in die vier Anschnitte Vermessen und Darstellen, Repräsentieren und Idealisieren, Beherrschen und Ordnen und Emanzipieren und Experimentieren zeigen rund 150 Beispiele, „dass die Darstellung Wiens nie neutrale, sondern stets selektive oder symbolische Repräsentationen waren“, schreibt Matti Bunzl im Katalog. Die einzelnen Objekte bestätigen den Direktor des Wien Museums, da jedes einzelne, ob Stadtkarte, Panorama, Vogelschau oder Modell, leicht ersichtlich eine bestimmte Intention verfolgt.

 

Sándor Békési und Elke Doppler sind die Kuratoren der Ausstellung. Sie haben ein Wienbild geschaffen, das überraschende Zusammenhänge des sogenannten Albertinischen Plans aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts mit dem 3D-Stadtplan von Wien am 360-Grad-Panoramaterminal „Zacturn Sphere“ aus 2013 herstellen.

Wo einst der Zeichner selbstbewusst „Das ist die stat Wienn“ geschrieben hat und dennoch nichts anderes gemeint hat als seine persönliche Vorstellung, wie diese Stadt von oben aussehen könnte, ist man heute bescheidener und gibt zu, dass es sich um einen interaktiven Flug über die Stadt handelt. In beiden Fällen aber ist es eine virtuelle Angelegenheit, die uns Wien von oben anschaulich macht. Auf einen Blick, wie es im Untertitel zur Ausstellung heißt, ist Wien also auf keinen Fall zu erfassen, es wird immer nur ein Teilaspekt sein, eine Reduktion, sogar in Google Earth, in das man sich am Ende des Rundgangs einklicken kann, das trotz seines Anspruches auf Vollständigkeit in seiner Aktualität stets vom Fleiß der Betreiber abhängt.

Rundansicht der Stadt Wien zur Zeit der „Ersten Türkenbelagerung“, 1529/1530 © Wien Museum
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