Vom Mantel wird man angezogen, von einem weiten blauen Malerkittel, wie ihn Gustav Klimt auf vielen Fotos trägt. Es ist die persönliche „hautnahe“ Annäherung an einen längst Unnahbaren. Gemälde wie der Kuss haben nicht nur seine Epoche geprägt, sie sind nach wie vor allgegenwärtig, in verschiedensten Formen, in einer Palette vom harmlosen Kalenderprint bis zum grausamen Kitsch. Die Phantasie kennt in der Vermarktung Klimts keine Schmerzgrenze.
Zeichnung an Zeichnung, die Wände sind damit beinahe tapetenartig bedeckt, und trotzdem ist der Betrachter nicht überfordert. Er muss ohnehin zu jedem Bild hingehen, ganz genau schauen, um den oft feinen Strich überhaupt wahrnehmen zu können. Durch die Nähe zum Detail verschwindet die Umgebung. Die Aufmerksamkeit des Besuchers fokussiert sich auf das jeweilige Thema, dem die Skizze gewidmet war. Diese wiederum erschließt den Zugang zu den Gedanken und dem Suchen des Künstlers und entpuppt sich damit per se als Meisterwerk.
Unter dem Motto „Worst of Klimt“ werden daher in einem kleinen Bereich der Ausstellung in amüsanter Weise Devotionalien und Souvenirs vorgestellt. Man kann sie gelten lassen als lockere Einstimmung auf den „wahren“ Klimt, der sich nirgendwo sonst authentischer erweist als in seinen Zeichnungen, in den unzähligen Skizzen, die jedem seiner großen Gemälde vorangegangen sind. Übermannshoch sollen sich die Blätter in seinem Atelier gestapelt haben. Was blieb davon erhalten?
Zumindest an die 400 Zeichnungen befinden sich im Besitz des Wien Museums, neben weltberühmten Gemälden und Klimts zensuriertem Secessionsplakat, der Totenmaske, eben dem Malerkittel und Fotografien. Es soll sich dabei um die zahlenmäßig umfangreichste Klimt-Sammlung der Welt handeln, die nun in einer, wie Direktor Wolfgang Kos es ausdrückt, „Radikalmaßnahme“ in ihrer Gesamtheit untern dem Titel „Klimt, die Sammlung des Wien Museums“ bis 16. September 2012 gezeigt wird.
Museum einmal anders, eine Ausstellung wie ein Magenbitter
Der Kampf um städtische Freiräume
„Die Arena-Besetzung war unser 1968“, definierte eine Aktivistin die Geschehnisse, die im Juni 1976 mit der Besetzung des ehemaligen Schlachthofes in St. Marx ihren Ausgang nahmen und über Jahrzehnte, im Grund bis heute anhielten. Gesellschaftliche Revolutionen wie die Hippie-Bewegung waren am gemütlich sozialistisch-bürgerlichen Wien vorbeigezogen. Der gestandene Wiener konnte sich anfangs auch mit den Wilden in der Arena nichts rechtes anfangen, zumal sie ohnehin in der sicheren Distanz eines Zeitungsartikels oder eines Beitrages in Zeit im Bild agierten. Dass in diesen Tagen die Reichsbrücke einstürzte, dürfte ihn wesentlich tiefer getroffen haben.
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r.o.: "Arena besetzt“, 1976 Foto: Heinz Riedler / Sammlung Wien Museum
r.u.: Flugblatt zur Demo „Keine Schonzeit für Hausbesitzer“, 1981 Sammlung Peter Lachnit, Wien
l.o.: Arena-Theater, 1976 Foto: Burgi und Peter Hirsch / Sammlung Wien Museum
Leiste: "Sue“ im Kultur- und Kommunikationszentrum Gassergasse Foto: Christian Schreibmüller / Sammlung Wien Museum
Titel: Rosa Lila Villa, 1983 Foto: Christian Schreibmüller / Sammlung Wien Museum
Man kann also zurück schauen, ohne sich schämen zu müssen. In diesem Sinn wirft das Wien Museum mit der Ausstellung „Besetzt! Kampf um Freiräume seit den 70ern“ (bis 12. August 2012) einen Lichtstreifen auf Häuserkämpfe, gewaltsame Räumungen und erfolgreiche Besetzungen von der Arena bis zur „Pankahyttn“. Als Kontrastprogramm zur großen Klimt-Schau, die ab Mai zu sehen ist, wirken die extra dry Fotos und Dokus von der Rosa Lila Villa, dem Autonomen Stadtteilzentrum Rotstilzchen und der Gassergasse angenehm erfrischend wie ein Magenbitter.
Irgendwann begann man sich aber dafür zu interessieren, für die Anarchos, die sich vor dem Opernball mit der Polizei Scharmützel lieferten, für die Hausbesetzer, die sich als Außenseiter für Anliegen von Außenseitern einsetzten, und die Aktivisten, die sich gegen eine dem Fortschritt verschriebene Abrissbirne stemmten. Und spätestens dann, als Arena-Aktivisten im städtischen Kulturleben bereits das große Sagen hatten, spätestens dann war die Besetzung etabliert, oder zumindest gesellschaftlich anerkannt – und wie so viele halbwegs friedlich verlaufene Umstürze Teil der Wiener Folklore, oder sagen wir, Stadtgeschichte geworden.
Was mit einer zornigen Demonstration begonnen hatte, endete meistens in einem angemeldeten Verein. Ein Beispiel: Zwecks Modernisierung sollten Teile des historischen Spittelbergs im 6. Bezirk geschliffen werden. Protest formierte sich gegen das „Hinaussanieren“ der damals wenig wohlhabenden Bewohner. Das vom Verfall bedrohte Geburtshaus des Malers und Dichters Friedrich Amerling sollte als selbstverwaltetes Kultur- und Kommunikationszentrum eingerichtet werden. Das Haus wurde besetzt – drei Jahre später nahm das heute älteste selbstverwaltete Kulturzentrum Wiens als „Haus für alle“ offiziell seinen Betrieb auf – in einem der heute best sanierten Grätzl Wiens.
Die Sammlung Katarina Noever im Wien Museum am Karlsplatz
Internationaler Lifestyle im muffigen Wien
Katarina Noever war in den 1960er Jahren Top-Model. Sie trug die Kreationen der Boutique „Etoile“ und sorgte damit für frischen Wind im muffigen Wien. Ältere Semester haben möglicherweise täglich die makellose Figur dieser jungen Frau bewundert, zumal dann, wenn sie zur Flasche „Diana mit Menthol“ gegriffen haben. Die leicht geschürzte Bogenschützin mit den klassischen Zügen ist niemand anderer als Katarina Sarnitz (Noever).
1971 gründete sie mit Peter Noever die heute legendäre Section N. als „eine Art urbaner Salon“ (Laurids Ornter). Kunst und Sinnlichkeit waren damals noch eins. Modeschauen wurden beispielsweise im Hundertwasser-Atelier veranstaltet und Hans Hollein gestaltete das Geschäft, mit dem einem Wiener Publikum internationales Design nahegebracht wurde. Das Angebot war bunt, angefangen von Lampen und Möbeln eines Achille Castiglioni oder Marcel Breuer bis zu steirisch-stylischen Filzpatschen und Ethno-Mode aus Asien.
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l.o.: Etoile Modenschau im Hundertwasser-Atelier, späte 1960er-Jahre Foto: Roland Pleterski/WestLicht/AnzenbergerAgency
Die Sammlung Noever ist heute „Mehr als Mode“, so auch der Titel der Ausstellung (bis 20. Mai 2012). Für Noever selbst bedeutet Mode nicht kurzlebige Novitäten, sondern Essentielles. Bemerkenswert ist ihr Geständnis: „Fast alle meine ´Gwandln´ habe ich über die Jahre, manchmal Jahrzehnte getragen.“ Zusammengetragen und aufbewahrt wurde von ihr, was sich neben „Zauber und Qualität des Materials“ durch Originalität, formale Klarheit und dem Potential zum Klassiker auszeichnete.
Das Wien Museum konnte diese außergewöhnliche Kollektion erwerben und mit einer kulturgeschichtlich bedeutenden Schenkung von Fotos und Mediendokumenten ergänzen. Gezeigt werden rund 80 Objekte, darunter Modelle von Missoni, Armani und Issey Miyake, Entwürfe aus Wien (Lisa Robinson Luna, Etoile), japanische Kimonos und Eigenkreationen von Katarina Noever, einer Modepionierin mit „seismographischem Formsinn“ (Otto Kapfinger).
Zeitmesser gibt es viele, aber längst nicht alle sind Uhren. Zumindest vertritt Rupert Kerschbaum, Leiter des Wiener Uhrenmuseums diese Anschauung. Er ist vernarrt in die Wunder-Werke, die im Laufe der Zeit zu deren Messung geschaffen wurden. Kerschbaum verwaltet nun im Namen des Wien Museums diese Sammlung, die von Rudolf Kaftan zusammengetragen wurde und den Kernbestand des Uhrenmuseums (1010 Wien, Schulhof 2) bildet. Diesen Uhren wurde nun ein Katalog gewidmet, der 40 Highlights daraus eingehend in Wort (Texte von Wolfgang Freitag und Rupert Kerschbaum) und Bild vorstellt.
Zumeist begnügt man sich mit der Anzeige auf dem Ziffernblatt. Aber erst ein Blick in den Kosmos aus feinen Zahnrädern dahinter offenbart die Kunstfertigkeit der Uhrmachermeister. Am einfachsten zu durchschauen ist diesbezüglich das Turmuhrwerk von St. Stephan. Das erste, das neben den Stunden die Zeit auch in Minuten unterteilte, wurde 1699 im Südturm montiert und war dort bis ins 19. Jahrhundert im Einsatz. Erst als sich die oberste Turmspitze bedenklich zu neigen begann, wurde dieser um das tonnenschwere Uhrwerk von Meister Joachim Oberkircher erleichtert. Es wurde zum Schrottwert veräußert, zum Glück aber nicht zerstört und bildet nun das Herzstück der Dauerausstellung des Uhrenmuseums.
Highlights aus dem Wiener Uhrenmuseum.
Hg. Wolfgang Kos, Eigenverlag des Wien Museums 2011.
ISBN 978-3-902312-22-8,
Preis € 14,-
Das Gegenstück zumindest in der Größe ist ein fingerhutgroßer Zappler (H.: 40 mm, Dm.: 30 mm). Das Innenleben dieser winzigen Großuhr (ja, tatsächlich, sowas Kleines darf sich auch Großuhr nennen, im Gegensatz zur Taschenuhr) kann durchaus mit einer Turmuhr mithalten. Zugegebenermaßen ist durch die Kürze des Pendels, das in diesem Fall vor dem Ziffernblatt aufgeregt hin- und her „zappelt“, kaum eine genau Zeitmessung möglich. Aber eine solche Uhr findet auf jeder Kommode Platz, und man weiß zumindest ungefähr, welche Stunde es geschlagen hat.
Was die Ganggenauigkeit betrifft, übertrifft die Astronomische Kunstuhr von David a. S. Cajetano (Rutschmann), gebaut 1762-1769, wohl viele der heutigen Chronometer. Das ganze Weltall ist in dieser Uhr eingefangen. 150 Räder bewegen eine Reihe von Zeigern, die neben Stunde und Minute die Umlaufzeit des Planeten Merkur, den Namen des Wochentages oder geheimnisvolle Daten wie die Astronomische Abweichung vom Mondknoten oder die Goldene Zahl anzeigt.
Im Wiener Uhrenmuseum ist man gern behilflich, diesbezüglich Aufklärung zu geben, allein, man sollte sich dafür ausreichend Zeit nehmen, um sich der Betrachtung der vielfältigen Möglichkeiten kunstvoller Zeitmessung eingehend genug widmen zu können.