Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Maria Lassnig, um 1993 oto: © Kurt-Michael Westermann / Maria Lassnig Stiftung

MARIA LASSNIG 100 der schönsten Zeichnungen und Aquarelle

Maria Lassnig Selbstportrait als Playboystuhl, 1969 Albertina, Wien © 2017 Maria Lassnig Stiftung

Was mir beim Wort „Liebe“ einfiel

„Zwiegespräche“ ist der Untertitel der Ausstellung, die Maria Lassnig (1919-2014) drei Jahre nach ihrem Tod in der Albertina gewidmet ist. Gemeint ist damit ein Zwiegespräch mit innen und außen, mit Gefühlswelten und Realitäten, wie es im Vorwort des Kataloges formuliert wird. Man begegnet der Künstlerin in Zeichnungen und Aquarellen, die wie kaum eine andere künstlerische Technik den unmittelbaren Gedanken wiedergeben und für Lassnig als Experimentierfeld für spontan gesetzte Linien und Farbflächen dienten. Dennoch entbehren diese Arbeiten nichts an kompositorischer Vorarbeit, sodass, wie es im Katalog weiter heißt, die Idee der Skizze und des ersten Entwurfs gesprengt und zu einer autonomen künstlerischen Aussage erhoben werden.

 

Die Bedeutung von Maria Lassnig muss nicht eigens herausgestrichen werden, man kennt sie, vor allem ihre Gemälde, die den Betrachter ob ihrer brutalen Wahrhaftigkeit nicht selten unangenehm berühren.

Maria Lassnig Ohne Titel (Schreiende), 1981 © 2017 Maria Lassnig Stiftung, Foto: Roland Krauss

„Body Awarness Paintings“ ist der Ausdruck für das Sichtbarmachen von körperlichen Emotionen und das Nachspüren der Körperwahrnehmung. Auf dem Papier zeigt Lassnig durchaus Humor, wenn sie im Titel eines Aquarells bescheiden angibt, was ihr beim Wort „Liebe“ eingefallen ist. Dahinter steht aber der Ernst einer tiefen Selbstempfindung. Nicht was sie sieht, sondern wie sie es spürt, wird bei ihr zum Bild. „Man malt wie man ist“, sagt sie selbst im „Gespräch“ mit den von ihr wahrgenommenen inneren und äußeren Wirklichkeiten.

Maria Lassnig Gesichts-schichtenlinien, 1996 Albertina, Wien © 2017 Maria Lassnig Stiftung

An den Jahreszahlen neben den Bildern erkennt man, wie früh sie zu ihrer unverwechselbaren Linie gefunden hat. Bereits in den 1940er-Jahren entstehen die ersten „Körpergefühlszeichnungen“, die Lassnig noch „introspektive Erlebnisse“ nennt. Noch weit vor allen anderen setzt sie ihren eigenen weiblichen Körper in den Mittelpunkt des Schaffens. Ende der 1960er-Jahre übersiedelt Lassnig nach New York, wo sie die pulsierende Kunstszene und die Präsenz feministischer Positionen und Gruppierungen animieren, Neues zu gestalten.

Es entstehen Zeichentrickfilme, in denen ihre privaten Erlebnisse, Sehnsüchte und Erfahrungen umgesetzt werden. „Die Zeichnung ist der Idee am nächsten“, hat sie bereits früh geäußert und den Akt des Zeichnens in vielen Blättern thematisiert. Die zeichnende Hand ist großformatig auf das Papier gebannt, sodass der Betrachter ihr quasi über die Schulter schauen kann und in den kreativen Prozess eingebunden wird.

Entstanden ist die Ausstellung in einer Kooperation mit dem Kunstmuseum Basel und großzügiger Unterstützung der Maria Lassnig Stiftung. Nur so, wird von den beiden Direktoren Schröder und Josef Helfenstein betont, war es möglich, an die 100 der schönsten Zeichnungen und Aquarelle der Künstlerin zusammen zu führen. Bislang völlig unbekannte Blätter haben sich in der Schau als Schlüsselwerke herausgestellt und ermöglichen neue Einblicke in das vielseitige Schaffen der österreichischen Künstlerin gewährt werden können.

Maria Lassnig Illustration eines Gedankens - "Les Antagonistes", 1963  © 2017 Maria Lassnig Stiftung

Egon Schiele Auf dem Bauch liegender weiblicher Akt, 1917 Albertina, Wien

EGON SCHIELE 160 der schönsten Zeichnungen und Gouachen

Egon Schiele Aktselbstbildnis, 1916 Albertina, Wien

Die Moralpredigt hinter kantiger Erotik

Auf dem „Selbstbildnis mit Pfauenweste“ ist erstmals die berühmte V-Geste Egon Schieles zu sehen. Entgegen bisheriger Deutungen erscheint nun geklärt, dass es sich dabei um ein Zitat aus dem byzantinischen Pantokrator-Mosaik der Chora-Kirche in Konstantinopel handelt. Die Haltung der gespreizten Finger auf Höhe des Herzens eröffnet gemeinsam mit dem Lichtkranz um den Kopf des Künstlers einen vollkommen neuen Blick auf das Werk Schieles. Er inszeniert sich als Auserwählter von hohem Rang, zeigt den Künstler als Schöpfer und Messias und als Genie, das der Welt das Heil bringt. Das Werkzeug dazu bietet ihm der Tabubruch, die radikale Ästhetik des Hässlichen und das Ablegen von falscher Scham. Die Körper auf seinen Bildern erscheinen ausgezehrt, auch diejenigen der nackten Frauen. Sie sind voller Kanten und irritieren gewaltig den lustvollen Blick auf weibliche Erotik. Das Schönheitsideal dieser Tage konnte sich damit vorerst wenig anfangen. Die Gesellschaft des Fin de Siècle war Gutav Klimt und die ornamentale Formensprache der Secession gewohnt.

Egon Schiele Selbstbildnis mit Pfauenweste, 1911 Ernst Ploil, Wien

Die Augen der Betrachter freundeten sich erst langsam mit den ungeschönten Darstellungen eines Egon Schiele an. Es war bestimmt unangenehm, die Wahrheit derart direkt vorgehalten zu bekommen, wie sie in den Gestalten dieses Malers und Zeichners unübersehbar war. Schiele löst damit im Rezipienten einen Vorgang des Nachdenkens aus. Seine Predigten sind einerseits subtil, verbrämt mit einem meisterhaften Strich, andererseits aber so ungewöhnlich drastisch, dass sie fesseln, bevor sie von einer zu Unrecht aufkommenden moralischen Entrüstung abgelehnt werden könnten.

Egon Schiele Zwei kauernde Mädchen, 1911 © Albertina, Wien

Die Ausstellung EGON SCHIELE (bis 18. Juni 2017) bietet jedoch einen weiteren neuen Zugang. Es geht um das rätselhafte allegorische Werk und die Quellen seiner Inspiration. Erstmals wird die ikonografisch bisher nicht identifizierte Bildgruppe der allegorischen Werke intensiv beleuchtet. Neueste Forschungen haben ergeben, dass Schiele sich in diesen Bildern mit dem Armutsideal von Franz von Assisi auseinandersetzt. Gezeigt werden Männer in ärmlichem Gewand, es ist immer nur ein Kleidungsstück, das zum Teil das Gesäß frei lässt, mit Titeln wie „Erlösung“, „Andacht“ oder „Die Wahrheit“. Es sind Zitate aus einem damals erschienen Textbuch des Theaterstücks Franz von Assisi von Johannes Lepsius und unübersehbare Verbindungen zu den Darstellungen eines 1911 erschienen Buches „Sankt Franziskus in Kunst und Legende“. Freiwillige irdische Armut bedeutete dem Heiligen spirituellen Reichtum – eine Idee, die den Künstler offenbar fasziniert hat.

Egon Schiele hatte materielle Armut am eigenen Leib erfahren. Er hatte erst bis knapp vor seinem frühen Tod 1918 nicht das Geld, um sich Modelle leisten zu können. Diese Aufgabe mussten immer wieder eine seiner noch kindlichen Schwestern, seine Geliebte Wally Neuzil oder später seine Frau Edith erfüllen. Sie boten ihm ihre Körper, um ihn seine Freiheit und ästhetische Autonomie verwirklichen zu lassen.

Anhand ausgezeichneter Saaltexte wird der Besucher in diese Problembereiche eingeführt. Großformatige Fotos vermitteln in aller Deutlichkeit, wie weit sich im Leben Schieles eine materielle und idealistische Kluft aufgetan hat. Sie unterstreichen auf ihre Weise die Botschaften der Bilder, die in der Kombination mit Text und Foto einen vollkommen neuen Schiele zeigen, radikal anders als man ihn bisher vielleicht gern gesehen hat, aber doch so klar, wie man es auch ohne die neuesten Forschungsergebnisse bereits geahnt hat. Erschienen ist dazu selbstverständlich auch ein Katalog, herausgegeben von der Albertina mit ausführlichen, aber dennoch kurzweilig zu lesenden Texten u. a. von Johann Thomas Ambrózy und Direktor Klaus Albrecht Schröder, dem die Ausstellung der Schätze Schieles in der Albertina ein besonderes Herzensanliegen gewesen ist.

Egon Schiele Sitzendes Paar, 1915 © Albertina, Wien
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