Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Die Wachtel, die eine nach der anderen in den Sack hinein müssen

DAS WACHTELMÄRE Marionetten erzählen über das mittelalterliche Wien

Barbara Kriegl und Scott Wallace beim Turnier der ritterlichen Taterman

Die Taterman von Sankt Stephan, Ritter im Turnier und liederliche Spielleut´

Drei kleine Teufel sollen einst respektlos um den Stephansdom herumgewirbelt sein. Die Wiener nannten die Vertreter des höllischen Spuks liebevoll Luziferl, Spirifankerl und Springinkerl und ließen sich vielleicht gar nicht so ungern von der Andacht beim Gottesdienst abhalten. Irgendwann, so erzählt die Sage, ereilte sie aber die Strafe der Frommen und die Teuferl erstarrten zu Stein. Im 14. Jahrhundert wurde eine Inschrift angebracht, mit der Mahnung, diese Figuren, die Taterman, nicht wie die Heiden anzubeten, wohl ahnend, dass es sich dabei um römische Statuetten handelte, die man beim Bau des Domes gefunden und in das Bauwerk integriert hatte. Sicherheitshalber wurden sie in einem Käfig gefangen gehalten, um sicherzustellen, dass die lustigen Tatermann der ernsten Kirche keine Konkurrenz machen konnten.

 

Barbara Kriegl und Scott Wallace, kurz fidlfadn, haben diese Geschichte zum Ausgangspunkt eines reizenden Marionettenstücks genommen. Für sie lag der Schluss nahe, dass mit diesen Taterman auch die Spielleute gemeint waren.

Spirifankerl, Luz, Ginkerl mit dem musizierenden Scott Wallace im HIntergrund

Die Musikanten sorgten für Unterhaltung und wollten dafür auch bezahlt werden. Diese Treiben erregte zwangsläufig den Neid der Kirche, die durch ausgelassene Musik und Tanz nicht nur eine moralische, sondern auch eine finanzielle Gefahr witterte. Man weiß, dass das „gumpelvolke“, „des tiuvels blasbelge“ für vogelfrei erklärt wurden.

Das wiederum hinderte diese in keiner Weise, über die Pfaffen zu spotten. Kriegl und Wallace sind selber leidenschaftliche Spielleute. Anhand des Gedichts „Das Wachtelmäre“, einer, wie sie es beschreiben, wirren Mischung aus respektloser Heldenparodie, frecher Kritik an der Kirche und den frühesten deutschsprachigen Motiven des Schlaraffenlands, erwecken sie mit diesem Marionettentheater das mittelalterliche Wien wieder zum Leben.

Pfaff Berthold versucht eine Wachtel zu fangen.

In der zwölften und letzten Strophe werden die Instrumente aufgezählt, angefangen von der „hunds hute“ (Hundshaut), einer Handtrommel, der „ross zegl“, dem Fidelbogen, bis zu „die dermer“, den Darmsaiten und Flöten, den „pheiffer durchs holtz“.

Die dafür erforderlichen Tongeräte hat der Instrumentenbauer natürlich selbst hergestellt. Zu hören sind Weisen wie das gregorianische „Ave Maria Stella“, „Sinc an guldin huon“ von Neidhart von Reuenthal oder „Under der linden“ von Walther von der Vogelweide. Dazu treiben die Taterman, geschaffen und geführt von Barbara Kriegl, ihr liebenswürdiges Unwesen. Ginkerl, die liebreizende „dançatrix“, der „spilman“ Luz und der „kleine wicht“ Spirifankerl sorgen mit ihren Streichen dafür, dass nach jeder Strophe eine Wachtel in den Sack fällt. Da dieses Treiben dem Dompfaff namens Berthold nicht passt, bringt er das Trio kurzerhand hinter Gitter, kann aber nicht verhindern, dass die auch die zwölfte Wachtel im Sack landet.

 

Ihren großen Auftritt haben auch die Taterman, die bereits um 1170 im „Hortus Deliciarum“ der Äbtissin Herrad von Landsberg abgebildet sind. Bei diesen zwei an Fäden geführten Rittern handelt es sich, so Barbara Kriegl, um die ersten europäischen Fadenpuppen.

Scott Wallace mit einer Flöte aus einem Kuhhorn und der Harfe

Nach einigen Rekonstruktionsversuchen ist es ihr gelungen, diese Figuren fit für ein Turnier zu machen. Wenn die beiden Ritter ungestüm mit ihren Schwertern aufeinander prallen, rollen unweigerlich die Köpfe.

Sie werden aber von den beiden Kontrahenten Barbara und Scott mit kurzem Handgriff für den nächsten Durchgang wieder aufgesetzt. Der Taterman ist eben unsterblich. Es gibt ihn bis heute, allerdings nur in Gestalt des zittrigen Greises, der von der Jugend despektierlich als alter „Tatterer“ belächelt wird und gar nichts mehr mit den beiden Rittern, den liederlichen Spielleuten und schon gar nichts mit den quicklebendigen Teuferln von Sankt Stephan zu tun hat.

Barbara Kriegl mit ihren selbtsgemachten Darstellern

Die nächsten Aufführungstermine von DAS WACHTELMÄRE werden bekannt gegeben.

DER LEBENSREIF kommt ebenfalls wieder zur Aufführung: Di., 18.04.2017

 

Kontakt: Fidlfadn, Barbara Kriegl, 1160 Wien, Nauseagasse 16/1, Tel. 01 4709573 oder per FIDLFADN-Mail

Barbara Kriegl und Scott Wallace auf der Bühne von fidlfadn

FIDLFADN, die Marionettenbühne in der Instrumentenwerkstatt

Scott Wallace und die Puppen von Barbara Kriegl

Mittelalterliche Musik und Geschichten, eingeflochten in den LEBENSREIF

Es gibt wieder ein neues Programm, das Barbara Kriegl und Sott Wallace für ihr exklusives kleines Theater geschaffen haben! In einem Keller in der Nauseagasse in Wien Ottakring betreibt Scott eine Werkstatt für den Bau von Meisterbögen. Einige Male im Jahr wird das Werkzeug zur Seite geräumt und der Keller in eine Bühne für mittelalterliche Marionettenkonzerte verwandelt. Die Stücke dafür erarbeiten Barbara und Scott gemeinsam aus mittelalterlichen Vorgaben, wie in der jüngsten Produktion mit dem Titel LEBENSREIF mit Liedern von Hildegard von Bingen, der Geschichte von Herzeloydes Traum von Wolfram von Eschenbach und der sogenannten „Wiener Melodie“, einem Klagelied mit Motiven aus dem Parzivalstoff. Die Musik dazu kreiert Scott Wallace für die von ihm nach Originalen gebauten mittelalterlichen Instrumenten. Zu hören sind Drehleier, Panflöte, ein Harfenpsalterium oder das Chalumeau, mit denen Scott das virtuose Marionettenspiel von Barbara begleitet.

Barbara Kriegl mit der Puppe im Lebensreif

Barbara bringt die ausschließlich von ihr geschnitzten Figuren in offener Spielweise zum Leben. Man vergisst bald, dass die Marionetten an Fäden hängen und wird auch im LEBENSREIF den Geschichten folgen, die sie selbst mit ihren Bewegungen und mit der Musik ihrer Zeit dem Zuschauer erzählen.

Das Motto dazu ist ein Ausspruch von Hildegard von Bingen, der großen Mystikerin, die von 1098-1179 gelebt und gewirkt hat: „Die Ewigkeit gleicht einem Rad, das weder Anfang noch Ende hat.“ Nicht nur Wissen und Erkenntnisse von Natur und Heilkunde sind von ihr überliefert, sondern auch Musik, so ein Drama und 77 Lieder, von denen einige als Beispiele wunderbarer Poesie in den LEBENSREIF eingeflochten wurden.

Das kleine Kind im Lebensreif

Inhalt sind die drei Lebensalter. Neugierig krabbelt das Baby hinter einem Ball her und stellt sich voll Tatendrang seinem vor ihm stehenden Leben. Der Mensch im besten Alter glaubt den sich schnell drehenden Reif des Lebens fest im Griff zu haben.

Er ist aber eingespannt zwischen Liebe und Leid, Freude und Trauer, die in den starken Bildern der Dichtung von Wolfram von Eschenbach beschrieben werden. Schließlich hält sich das Alter mit Mühe und dennoch mit Würde an den Reif, der sich aber unerbittlich weiter dreht, bis der Mensch loslässt, um sich aus dem ewigen Kreislauf zu befreien – im Grunde eine zeitlose Wahrheit, die von FIDLFADN mit Puppen und Musik aus einer längst versunkenen Zeit in unsere Gegenwart heraufgeholt wird.

Die nackte Greisin im Lebensreif

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