Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Modell des Regierungsviertels Niederösterreich

HAUS DER GESCHICHTE neu im Museum Niederösterreich

Haus der Geschichte Ausstellungsansicht zur Landwirtschaft

Aufschlussreiche Begegnungen mit Jahrtausenden Geschichte

Schön, einmal seine ersten Vorfahren zu treffen; wenn schon nicht die steinzeitlichen Landsleute selbst, dann zumindest ihre Werkzeuge, die Jagdwaffen und das Geschirr, in dem sie sich ihre Mahlzeiten zubereitet haben. Um zu diesem Verwandtenbesuch zu gelangen, muss man jedoch an einem Wachturm vorbei, wie er viel später am Eisernen Vorhang gestanden ist. Keine Angst, er ist nicht mehr besetzt und in Europa sind die Grenzen großteils offen, abgesehen von ein paar nervösen Kontrollen, die jedoch zeitlich begrenzt sind. Geschichte in ihrer ganzen Breite tut sich an diesem Punkt auf, in einem Spannungsbogen von der frühesten bis zur jüngsten Vergangenheit. Das Dazwischen muss man sich allerdings erst erwandern, zwischen engen Gängen, die immer wieder kleine offene Plätze freigeben, in denen eine Leuchtschrift das jeweilige Thema, das nun zur Vertiefung betreten wurde, ankündigt. Jedes einzelne dieser Kapitel wird eingehend und anschaulich behandelt, ohne sich jedoch auf Kleinräumigkeit zu beschränken.

Plakat zur 400 Jahrfeier anlässlich der Befreiung aus Türkennot

Die Objekte stammen zum größten Teil aus den wahrhaft umfangreichen Landessammlungen Niederösterreich. Der Blick wird immer wieder auf das Ganze hinausgezogen, sowohl geografisch als auch zeitlich. Landkarten von Europa zeigen die kontinentale Entwicklung, der sich auch das – so besehen – kleine Niederösterreich nicht entziehen konnte. Texttafeln erzählen über die Entwicklungen, die von dort ihren Ausgang in die Zukunft genommen haben. Der Besucher wird eingebunden in den Lauf der Historie, der ihm, auch wenn er kein Niederösterreicher ist, keinesfalls gleichgültig sein sollte.

Haus der Geschichte Ausstellungsansicht (Schulklasse)

Hinter den Kulissen der Schauräume, die in der Shedhalle, dem ehemaligen Platz für Kunstpräsentationen des Landes Niederösterreich, eingerichtet sind, erfüllt das Haus der Geschichte freilich noch einige weitere Aufgaben. Stefan Karner, der wissenschaftliche Leiter, spricht von drei Säulen, auf denen dieses Haus errichtet ist: Ausstellung, Forschung und Service: „Dieses von uns ausgearbeitete Konzept ist mit dem Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich optimal umgesetzt.

Im vollen Bewusstsein um diese große Verantwortung einer kulturellen Pionierarbeit haben wir daher ein innovatives Konzept der thematischen Darstellung gewählt, das einerseits Brüche und Kontinuitäten besser darstellen kann und gleichzeitig laufend Brücken zur Gegenwart baut.“

Votivbild aus den Landessammlungen Niederösterreich

Wichtig ist auch der Aspekt, dass es sich um ein Museum für alle handelt. Das heißt praktisch: Multimedia Guides und Maßnahmen wie ein taktiles Modell oder Videos in Gebärdensprache sollen die Inhalte für alle Besucher zugänglich machen. Gemeint ist damit aber auch, dass das Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich eine innovative Schnittstelle zwischen Forschung und Vermittlung sein will, womit die Unverzichtbarkeit auf eine der drei oben genannten Säulen betont wird. Im Sinne einer „Exhibition in Progress“ fließen laufend neue Forschungsergebnisse und aktuelle Ereignisse in den Ausstellungsbetrieb ein.

Sogenannte „Foren“ verankern die Vermittlungsarbeit direkt in der Ausstellung. Fragen, die aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen betreffen, haben möglicherweise schon vor Jahrhunderten die Menschen beschäftigt. Themen wie Besiedlung – womit wir wieder bei den eingangs erwähnten Urahnen sind – oder die über die Zeit herauf sich immer wieder wandelnde Verwaltung des Zusammenlebens sind zeitlos. Man denke nur an die jüngsten Flüchtlings- und anderen Einwanderungsströme, durch die sich die Bevölkerungsstruktur des einst bäuerlich geprägten Landes grundlegend verändert hat.

Bereitungsbuch des Viertels ober dem Wienerwald 1591

Schwerpunktausstellung ist „Die umkämpfte Republik – Österreich 1918-1938“. Zeitgerecht zu den Feiern im kommenden Jahr um 100 Jahre Republik Österreich wurde das Haus der Geschichte eröffnet und widmet sich intensiv den konfliktreichen Jahren 1918 bis 1938. Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, dass eine Gesellschaft von miteinander lebenden Menschen derart zerrissen war, dass sie mit Waffen aufeinander losgegangen sind und sich gegenseitig umgebracht haben.

Die Gründe dafür werden in diesem Schwerpunkt deutlich gemacht: Zunehmende Radikalisierung und Gewaltbereitschaft, ein autoritäres System, soziale und wirtschaftliche Spannungen. Objekte aus den Landessammlungen und aus einer eigens dafür durchgeführten Sammelaktion dokumentieren Phänomene wie Massenarbeitslosigkeit und Armut und machen damit politische Entwicklungen begreifbar, ohne jedoch die schlimmste aller Folgen, den Zulauf zu den Nationalsozialisten und den damit verbundenen Gräueln rechtfertigen zu wollen.

Dazu ist eben Forschung da, um Fakten zu erarbeiten und in die Rückschau Objektivität zu bringen, die sich an keiner Weltanschauung mehr ausrichten muss, um eine breite Akzeptanz zu erhalten. Irgendwann wird man auch auf unsere Zeit zurück blicken, vielleicht milde lächelnd ob der Probleme, die uns im Augenblick unüberwindlich erscheinen, oder voll Hochachtung auf eine Gesellschaft, die Geschichte ernst genommen hat und – was bisher leider noch kaum passiert ist – daraus auch ihre Lehren gezogen hat.

Haus der Geschichte Ausstellungsansicht zum Eisernen Vorhang
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