Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Die IHr an der Rückwand des Glaskobels © Sepp Gallauer

HEILIG ABEND Alles andere als eine Weihnachtgeschichte

Bernhard Scir, Maria Köstlinger © Sepp Gallauer

Der beinharte Ermittler, die intellektuelle Anarchistin und ein geheimnisvolles Bomberl

Abgeschirmt in einem Glaskobel beginnt just eineinhalb Stunden vor Mitternacht des Heiligen Abends ein erbitterter Kampf zwischen einem Polizisten und der von ihm Verhörten. Die Frau, eine Professorin für Philosophie, steht im Verdacht, einen Anschlag vorzubereiten. Sie ist ins Netz der staatlichen Überwachung geraten und wird nun zu ihrem angeblichen Vorhaben befragt. In einer Notiz in ihrem Computer hat sie die genaue Zeit notiert, eben dann, wenn fromme Christen zur Mitternachtsmette gehen. Aber davon ist keine Rede im Stück. Es geht einfach um den Moment der Überraschung, um das aufmerksam machen einer Gesellschaft auf vielfältige Probleme der Welt, die, so die mutmaßliche Terroristin, nur durch Aktionen wie eine Bombe ins Gedächtnis gerufen werden können. Für den Ermittler beginnt die Zeit davon zu laufen. Sein Gegenüber ist ihm geistig weit überlegen, aber seine Stärke liegt in der Kunst, ein Verhör führen zu können, und in der Brutalität, die solche Routine zwangsläufig mit sich bringt. Üble Tricks und gegenseitiges Ausspielen mit ihrem Exmann, alles das führt jedoch in keiner Weise zum Erfolg. Am Ende bleibt offen, ob die Bombe explodiert.

Bernhard Schir, Maria Köstlinger © Sepp Gallauer

Der junge Autor Daniel Kehlmann hat mit dem Stück HEILIG ABEND versucht, aus den vielen Schichten der Gegenwart diejenige herauszuarbeiten, die derzeit fast täglich für Schlagzeilen sorgt. Es geht um den Terrorismus, um die gewaltsame „Verbesserung“ der Gesellschaft und um die Frage, wie viel Berechtigung dazu auf moralischer Ebene besteht. Dass eine Professorin die mögliche Täterin sein könnte, spielt das Problem auf eine heutzutage ungewöhnliche Ebene.

Derlei philosophisch begründeter Terrorismus passierte in den 1970er-Jahren, nicht zuletzt aufgrund der dahingehend ausgelegten Schriften von Herbert Marcuse. Mittlerweile haben jedoch längst religiös fanatisierte Islamisten diese Rolle übernommen. An diesem Punkt setzt leider auch das Problem des Stückes an. Es ist in seiner Besetzung mit einer intellektuellen Anarchistin nicht mehr zeitgemäß. So spannend es beginnt, so aufregend die Dialoge und die Ahnung eines dahinter stehenden Netzwerks sind, so sanft wird es, je weiter die Zeit voranschreitet.

Szenenaufnahme © Sepp Gallauer

Aus dem Massen vernichtenden Anschlag wird allmählich ein Bomberl, das so besehen eher harmlos wie einst bei den Bumsern in Südtirol schlimmstenfalls einen Strommast umlegen könnte.

 

Dass man erst nach der Aufführung drauf kommt, dass irgendwann die Luft draußen war, ist zweifellos den beiden Schauspielern Bernhard Schir und Maria Köstlinger und der Inszenierung von Herbert Föttinger zu verdanken.

Das Publikum, obgleich im Zuschauerraum sitzend, wird in diesen hermetisch abgeschlossenen Glaskobel miteingesperrt und leidet die Beklemmung dieses Verhörs in „Echtzeit“ mit. An der Rückwand zählt eine Digitaluhr die Minuten bis zur Mitternacht herunter. Der Text wird mit Mikrofonen auf Lautsprecher übertragen. Irgendwann dreht sich die Bühne und in der Dunkelheit vor etlichen Bildschirmen gewahrt man Personen, die das Verhör mitverfolgen. Wenn eines dabei klar geworden ist, dann die Tatsache, dass der Mensch mittlerweile gläsern geworden ist. Er braucht, so eine der Botschaften von HEILIG ABEND, gar nicht mehr seine Blödheiten auf Facebook zu veröffentlichen, eine gut funktionierende Überwachung schafft es angeblich auch, einen offline betriebenen Computer zu knacken und den gesamten Tagesablauf eines x-beliebigen Menschen bis ins Detail nachzuvollziehen.

Maria Köstlinger, Bernhard Schir © Sepp Gallauer

Sieben Sekunden Ewigkeit Sujet © Jan Frankl

SIEBEN SEKUNDEN EWIGKEIT Die nackte Frau hinter Hedy Lamarr

Sandra Cervik als Hedy Lamarr © Sepp Gallauer

Ein berührendes Menschenbild, gemalt von Peter Turrini und zum Leben erweckt von Sandra Cervik

Die Einstellung, in der Hedwig Kiesler nackt durch die Landschaft rennt, dauert exakt sieben Sekunden. Mit diesen sieben Sekunden ist diese Frau jedoch in das ewige Gedächtnis der Menschheit eingegangen. Das meiste andere wurde vergessen, sogar ihr richtiger Name. Man erinnert sich nur mehr an Hedy Lamarr, an den Künstlernamen, den sie später im Interesse Hollywoods gegen Kiesler getauscht hatte. Kaum jemand verbindet mit ihr technische Erfindungen wie die Gelenksprothese, den saugfähigen Tampon (sagt sie zumindest im Stück) oder das Frequenzsprungverfahren, das im Zweiten Weltkrieg für die Steuerung von Torpedos eingesetzt wurde und nach wie vor im Smartphone keine unwichtige Rolle spielt. Das schauspielerische Talent war eher beschränkt und das Angebot an Filmrollen überschaubar. Aber Hedy Lamarr galt eine Zeit lang als schönste Frau der Welt. Sie war von Männern umschwärmt und damit ständig auf der Flucht vor goldenen Käfigen, bis sie in sich selbst gefangen war, in ihrer Verzweiflung vor dem Altern und der verlorenen Schönheit.

Sandra Cervik als Hedy Lamarr © Sepp Gallauer

Peter Turrini hat mit SIEBEN SEKUNDEN EWIGKEIT ein eindringliches Lebensbild dieser Frau geschaffen. Er hat sich von der reinen Biographie gelöst und, wie er selbst sagt, ein literarisches Stück geschrieben, „ein Stück, welches nicht den äußeren Ereignissen nachspürt, sondern dem Wesen dieser außergewöhnlichen Frau.“ Und um diese Figur auf der Bühne wahrhaftig umzusetzen, hat sich eine ebenfalls außergewöhnliche Frau gefunden, die Schauspielerin, oder genauer gesagt, seit der Premierenfeier am 12. Jänner 2016 Kammerschauspielerin Sandra Cervik. In der Regie von Stephanie Mohr erzählt sie, umgeben von Schaufensterpuppen, aus den wichtigsten Stationen im Leben von Hedy Lamarr. Als verwirrte Alte bettelt sie um Whisky, um einen kleinen Schluck, um wieder zu sich zu kommen und im nächsten Moment den Glamour der 1920er-Jahre aufblitzen zu lassen. Sie sitzt als Ladendiebin verhaftet in einem Gefängnis, erinnert sich in überraschend vulgärer Ausdrucksweise an sexuelle Erlebnisse, um gleichzeitig festzustellen, dass sie immer zu viel für die Männer war. In ernstem Ton philosophiert sie hingegen über ihre Erfindungen, von denen ihr nur eine einzige nicht geglückt ist: Die ewige Jugend, die sie in Form eines Videos mit den sieben Sekunden ständig bei ihr getragen haben soll.

Das Mädl aus der Vorstadt Ensemble © Erich Reismann

Das Mädl aus der Vorstadt – Nestroy in Josefstädter Reinkultur

Thomas Kamper, Martin Zauner, Matthias Franz Stein © Jan Frankl

Ein mehr als unterhaltsamer Krimi mit Betrügereien, Familienhaftung und schwerer Erpressung

„Ehrlich währt am längsten“ lautet der Untertitel, den Johann Nestroy seiner Posse „Das Mädl aus der Vorstadt“ mitgegeben hat. Es zeigt, dass auch in diesem Dichter mit dem unbestechlichen Blick auf die Unzulänglichkeiten seiner Mitmenschen eine Spur Glauben an das Gute gewohnt hat. Das geheimnisvolle Mädchen, das sich als Stickerin in der Vorstadt verdingen muss, hat tatsächlich eine ganze Reihe positiver Eigenschaften, an denen die kriminellen Machenschaften ihrer Umgebung wie ein gegen die Wand geworfenes Weinglas zersplittern. Ihre berechtigte Skepsis denen gegenüber, aus deren Kreisen sie stammt, ist der Aufwischfetzen, mit dem sie den verschütteten Wein vom Boden auftunkt und in den Gully auswindet. Sie heißt Thekla (Daniela Golpashin) und ist die Tochter eines angeblichen Diebes. Als Markenzeichen trägt sie eine Pudelhaube, eine Art Tarnkappe, um sich möglichst unauffällig in der Gesellschaft bewegen zu können. Trotzdem wird sie erkannt. Gigl (Matthias Franz Stein), der sich mit der reichen Witwe Erbsenstein (Michou Friesz) verloben sollte, hat sich in Thekla verliebt.

Daniela Golpashin, Matthias Franz Stein © Erich Reismann

Er lässt nicht ab von ihr, gegen alle Vorhalte seiner Freunderln, doch diese Vorstadtpflanze draußen verwelken zu lassen.

 

Mit dem Geld jongliert ein gewisser Kauz (Martin Zauner). Er kann es sich nach eigener Aussage grad noch leisten, bei Saftl, dem Besitzer einer vorortigen Vergnügungsstätte (Siegfried Walther oder wer!), dessen Schwester Storch (Susanna Wiegand) und den als Näherinnen angestellten Damen zu verkehren. Das weiß natürlich auch Schnoferl, der umtriebige Winkelagent, der seinerseits unsterblich in Frau Erbsenstein verliebt ist.

Nebenbei spürt er aber auch den finanziellen Machenschaften von deren Onkel Kauz nach und deckt diese schließlich auf. Thomas Kamper wird voll und ganz zum Nestroy, der sich einst ja diese Rolle auf den Leib geschrieben hat. Als solcher darf Kamper die herrlichsten Metaphern Netroy´scher Prägung virtuos abfeuern und damit den eigentlichen Zweck eines solchen Theaterbesuches erfüllen. Deswegen geht man ja hin, um sich ein solches Stück anzuschauen.

Das Mädl aus der Vorstadt Ensemble © Erich Reismann

Michael Schottenberg hat diesen Nestroy regiemäßig bestens unter die Haube gebracht. Es gäbe tausend Ansätze für Aktualitäten. Allein, Schottenberg widersteht der Versuchung, plumpe Gegenwartsbezüge herzustellen, abgesehen vielleicht von den modernen Kostümen und Teilen der Ausstattung. Es genügt, diesen Nestroy so wahrheitsgetreu wie er ist zu fassen, dann ergibt sich der Zeitsprung ganz von selber.

Man schmunzelt über die politisch völlig unkorrekte Familienhaftung und freut sich schamlos, wenn im Sinne des Happy Ends beinharte Erpressung betrieben wird. Schließlich sollen möglichst alle Beteiligten auf Kosten des betrügerischen Bösewichtes glücklich und vermögend werden. Und wenn sie nicht gestorben sind, die Finanzhaie, die schlitzohrigen Schnüffler, die versoffenen Koberer und die wilden Vorstadtweiber, dann leben sie noch heute.

Matthias Franz Stein, Thomas Kamper, Daniela Golpashin © Erich Reismann
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Foto © Theater in der Josefstadt

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