Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


 

EXILLosAngeles Treffpunkt künstlerisch Entwurzelter

Claudia Androsch, Erika Deutinger, Julia Resinger © Benjamin Epp

Ein Gespräch wie ein Kammermusik-Trio in Moll

An sich ist es nichts Besonderes. Die Schauspielerin Fritzi Massary und die Karikaturistin Eva Herrmann finden sich an einem Nachmittag zum Plausch in der Villa von Helene Thimig ein. Serviert wird Orangensaft und Eierlikör. Der Ort ist dennoch ungewöhnlich, denn dahinter ist deutlich der berühmte Schriftzug OLLYWOODLAND auf einem Felsen zu sehen, dessen H irgendwann in den 1940er-Jahren umgekippt ist. Juden aus Österreich und Deutschland haben dort in Los Angeles zumindest körperliche Sicherheit gefunden. Es handelt sich bei diesen Vertriebenen durchwegs um bedeutende Kulturschaffende, die in der Traumfabrik an ihre Erfolge in Europa anknüpfen wollten. Sie war jedoch nicht jedem wohl gesonnen. Der Komponist Bruno Granichstaedten oder der Schriftsteller Bruno Frank zerbrachen am Verlust ihrer Heimat und wurden zu Ausgeschiedenen. Sie hatten nicht das Glück wie Erich Wolfgang Korngold, Thomas Mann, Bertolt Brecht oder Vicky Baum, deren Genie auch in der Neuen Welt anerkannt wurde. Sie waren Entwurzelte.

Julia Resinger als Eva Herrmann © Benjamin Epp

Ihrer Muttersprache beraubt waren sie in einen Abgrund der Depression gestürzt. Es mag uns heute unverständlich erscheinen, wie einem, der in Österreich über Jahrzehnte das Theatermachen beherrscht und die bis heute bestehenden Salzburger Festspiele initiiert hatte, die Anerkennung versagt werden konnte. Er verstarb noch vor Ende des Zweiten Weltkrieges in New York (am 31. Oktober 1943). Seine Witwe war Helene Thimig, die an dem bewussten Tag, dem 7. August 1944, noch nicht über den Tod ihres Gatten hinweggekommen war und Trost bei ihrer Freundin Fritzi Massary gesucht hatte.

 

Helmut Korherr hat in seinem Stück EXILLosAngeles die Gespräche der drei Frauen zu einem Kammermusik-Trio in Moll komponiert. Es legt mit „In the Mood“ los, um mit den ersten gesprochenen Sätzen in ein Andante zu wechseln, dessen Thema nach wenigen Takten Erinnerungen an Max Reinhardt erklingen lässt. Verarbeitet wird das Kulturgeschehen vor der Nazizeit, dessen ungeahnter Reichtum erst dadurch deutlich wird. Wen allen hat man damals verjagt? Wer aller musste vor Verfolgung und KZ fliehen? Es ist unbegreiflich, dass Deutschland und Österreich diesen Aderlass an kreativer Kraft jemals verkraftet haben. Natürlich wird auch das Allegro des Tratsches angespielt und von den Damen genüsslich breitgetreten. So soll Lion Feuchtwanger über eine überschießende Potenz verfügt haben und von seiner eigenen Frau zu den Rendezvous mit seinen Geliebten gefahren worden sein und Alma Mahler-Werfel soll ein Schandmaul der besonderen Klasse gewesen sein. Der Schlussakkord ist jedoch in Moll, wenn die übersinnlich veranlagte Eva Herrmann ihre Gesichte von den in Gaskammern ermordeten Juden offenbart und in all denjenigen, die sich in der Sonne Kaliforniens ihres Lebens erfreuen, das schlechte Gewissen erweckt.

Kurt Ockermüller führt in dieser Produktion im KIP (Kunst im Prückl) Regie. Er schafft den drei Frauen (Claudia Androsch als Helene Thimig, Erika Deutinger als Fritzi Massary und Julia Resinger als Eva Herrmann) die entspannte Atmosphäre, um ihre Gedanken in Ruhe ausbreiten zu können. Nichts auf der Bühne ist unnötig. Das Grammophon wird zum Einsatz gebracht, mit einer Schellack mit einer Aufnahme von Fritzi Massary in „Die Rose von Stambul“ von Leo Fall, den die Schauspielerin persönlich bestens gekannt hat. An der Rampe steht die Leiter eines Swimmingpools, die wohl von Eva Herrmann benutzt wird, die sich im Wasser eine Abkühlung verschafft, und an der Seite thront das Porträt von Max Reinhardt, vor das Helene Thimig gleich zu Beginn frische Rosen stellt. Alles zusammen ergibt einen berührenden, fein durchkomponierten Abend, der nicht zuletzt aufgrund der peniblen Recherchen des Autors Helmut Korherr in erschreckender Weise offen legt, was durch verblendende Politik an großer Kultur verlorengehen kann.

EXiLLosAngeles Ensemble © Benjamin Epp
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