Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Ausstellungsansicht: Ydessa Hendeles. Death to Pigs © Ydessa Hendeles

YDESSA HENDELES Death to Pigs als abgründige Drohung

Gliederpuppe Detail aus Crypt Foto: Stephan Wyckoff © Ydessa Hendeles

Ein Kuriositätenkabinett aus Erlebtem und Interpretiertem

Ydessa Hendeles ist eine hierzulande, man darf ruhig sagen in der Alten Welt noch unbekannte Künstlerin. Sie ist zwar in Marburg (Deutschland) geboren, war aber schon als Kind – sie ist die Tochter von Holocaust-Überlebenden – nach Kanada gekommen, wo sie in Toronto bis heute lebt und arbeitet. Ihre Ausstellung in der Kunsthalle Wien (Death to Pigs, bis 27. Mai 2018) ist die erste große Retrospektive in Europa, was natürlich Direktor Nicolaus Schafhausen mit entsprechendem Stolz erfüllt. Das Werk von Ydessa Hendeles hat tatsächlich das Zeug, Publikum anzulocken. Es ist ungewöhnlich, weil es irritiert und Gefühle erzeugt; eine heutzutage eher seltene Eigenschaft der Kunstproduktion. Es ließe sich in die Installationen von Ydessa Hendeles freilich viel an Politischem hineininterpretieren, und es steht jedem frei, das zu tun, aber es genügt durchaus, sich den Stimmungen und Erzählungen auszusetzen, die ein riesiger Kneifer auf einem Märchenbuch, eine überdimensionale Fahrradglocke oder das einst als Spielzeug gedachte Aero-Car auslösen.

Detail aus Death to Pigs Foto: Stephan Wyckoff © Ydessa Hendeles

Größe wird bei ihr relativ, so ist dieses Spielzeugauto für Riesen gedacht und in einem Glaskäfig eingesperrt. Das Warum und Wieso kann in einem praktischen Booklet, das die Ausstellung begleitet, nachgelesen werden. Diese Hilfe ist unerlässlich, da sich nur damit der eigentliche erzählerische – oder wie man in der Kunsthalle sagt – narrative Hintergrund erschließt. So findet man in eben diesem Arrangement einen Albatros am Hals eines Seemanns und erfährt, dass dieser Zusammenstellung eine alte Matrosenweisheit zugrunde liegt.

 

Eine Attraktion für sich ist die Völkerschaft an Gliederpuppen, die einen großen Teil der Schau einnimmt. Eine Heiligenfigur mit Kerze stimmt bereits andächtig, wenn man die an anatomische Vitrinen gemahnenden Schaukästen passiert und eine Schulklasse betritt, deren Belegschaft auf kleinen und großen Gliederpuppen besteht, die den Eintretenden beinahe feindselig mustert. Das titelgebende Werk, also Death to Pigs, ist eine Galerie von und mit Schweinen. Wer jedoch erwartet, dass von Schlachten und Wurstfabrikation die Rede ist, wird enttäuscht sein. Vielmehr geht es darum, dass aufgezeigt werden soll, wie von uns Menschen konstruktive Kräfte destruktiv eingesetzt werden und utopisches Denken in Dystopien verwandelt wird.

Zitat aus dem Beleittext: Die Hauptfigur ist das Hausschwein, ein Tier, das in der Weltkultur eine zentrale Rolle einnimmt, von der Einhaltung religiöser Bräuche über Märchen bis hin zu Massenmedien. Wenngleich seine Intelligenz höher als die von Hunden und Katzen eingestuft wird, figuriert das Schwein als Metapher für negative menschliche Eigenschaften und Gruppen jenseits gesellschaftlicher Normen. Warum sich ein Ausstellungsbesucher mit einer solchen Info konfrontieren soll, ist nicht so einfach zu erfahren, könnte sich aber nach entsprechender Meditation über die streng choreographierte Assemblage aus Kunst, Artefakten, Fotografien und audiovisuellen Medien ohne weiteres erleben lassen.

Canadian Child Foto: Stephan Wyckoff © Ydessa Hendeles
Kunsthalle Wien Logo 300

Statistik