Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Marcel Odenbach, Im Schiffbruch nicht schwimmen können, 2011 © Marcel Odenbach & BILDRECHT, 2017

MARCEL ODENBACH Afrika und Deutschstunde im KZ Buchenwald

Marcel Odenbach, Deutschstunde, 2006 © Marcel Odenbach & BILDRECHT GmbH, 2017

„Beweis zu nichts“ ist keine feige Ausrede, nicht Stellung nehmen zu müssen

Botschaften haben heutzutage kurz zu sein, prägnant und jedem Deppen einleuchtend. Was diesen Parametern nicht entspricht, wird einfach überhört. Warum sollte man sich auch damit abgeben?! Zeit ist knapp und teuer, auch für das Nachdenken. Marcel Odenbach, dem bis 30. April 2017 in der Kunsthalle Wien eine Personale gewidmet ist, stellt sich mit seinen Werken entschieden gegen den Trend der Vereinfachung. Man braucht Muße, um ihm nahezukommen, um zu verstehen, was Odenbach mit dem Titel „Beweis zu nichts“ meinen könnte.

Marcel Odenbach, Jeder Schuss ein Treffer, 2009/2010 © Marcel Odenbach & BILDRECHT GmbH, 2017

Der Satz ist geborgt. Ingeborg Bachmann hat ihn über eines ihrer Gedichte geschrieben, das mit den berührenden Wort beginnt: „Weißt du, Mutter, wenn die Breiten und Längen den Ort nicht nennen, dass deine Kinder aus dem dunklen Winkel der Welt dir winken?“ Odenbach hat ihn in Videos und Papierarbeiten umgesetzt und versucht den Betrachter damit zu dem zu führen, was das Verb „betrachten“ im Grund bedeutet: sich meditativ zu versenken, um Antworten auf nicht gestellte Fragen zu suchen, um sich in die nach wie vor bestehende Opfer-Täter-Struktur der Nachkriegsgesellschaft einzuordnen und die beängstigende Nähe scheinbar weit entfernter Probleme zu erfassen.

Marcel Odenbach, Meldung, 2016 © Marcel Odenbach & BILDRECHT GmbH, 2017

Auf den Papierbildern lässt Marcel Odenbach die Beherrschung bildnerischer Techniken anklingen. Kollagen halten den Blick unwillkürlich fest, wie das Bild des toten Zebras mit dem Titel „Jeder Schuss ein Treffer“ oder „Die gute Stube“, die, wenn man es weiß, das Innere des Berghofs von Adolf Hitler auf dem Obersalzberg darstellt. Es sind keine dekorativen Bilder, die man an die Wand hängen möchte, zu sehr irritiert ihr Inhalt und hält die Unruhe wach, die Odenbach mit diesen Arbeiten aus Tinte auf Papier erregen will.

Sie sind für Ausstellungen gedacht, die der Besucher nur mit merkbarer Erschütterung verlassen soll, egal ob es sich um eine Aktennotiz aus 1942 handelt, in der es um die obrigkeitliche Entrüstung geht, dass polnische Zwangarbeiterinnen ein bestimmtes Abzeichen nicht tragen, oder um die durch Palmenwedel verdeckten „Durchblicke“ auf die Kolonialgeschichte Afrikas.

Marcel Odenbach, Im Kreise drehen (Video Still), 2009, © Marcel Odenbach & BILDRECHT GmbH, 2017

Den Schwerpunkt der Ausstellung bilden jedoch Videoarbeiten von Marcel Odenbach. In „Deutschstunde“ lesen Schüler mit erfrischender Ungeschicklichkeit Texte betroffener Autoren zur Zeit der Judenverfolgung im Dritten Reich. „Im Kreise drehen“ führt den Zuschauer in das düster graue Mausoleum in einer bedrückenden Landschaft im polnischen KZ Majdanek.

Bei „Im Schiffbruch zu schwimmen“ besuchen drei afrikanische Männer unterschiedlichen Alters den Louvre und machen sich, während sie das Gemälde „Das Floß der Medusa“, ein gemalter Kommentar zur französischen Kolonialgeschichte, intensiv anschauen, ihre Gedanken, warum Europa für sie die unwiderstehliche Anziehungskraft eines vermeintlichen Paradieses ausübt. Premiere feiert im Zuge dieser Personale das Video „Beweis zu nichts“ (2016), das sich der Gedenkstätte Buchenwald annimmt.

Die mächtigen Figuren dieses Monuments für das antifaschistische Deutschland, das 1952 in der DDR verwirklicht gesehen wurde, werden von der Kamera umkreist und abgetastet, bevor sie schließlich das Innere nach außen kehrt. Es sind keine spannenden Filme, eher eine Ansammlung aller Untugenden, die einem Filmemacher offenstehen. Aber Odenbach produziert eben keinen Blockbuster. Er ist Künstler, der sich holprige Kamerafahrten, endlose verwackelte Schwenks über öde Gegenden und unmotivierte Schnitte leisten darf. Es geht um die Botschaft, die ebenfalls weit außerhalb der gängigen Vorstellung einer zeitgemäßen Mitteilung angesiedelt ist. Nicht der Inhalt ist das Wesentliche, nicht die Story, sondern die Einladung zur Betrachtung, für die ein einmaliger Besuch der Ausstellung kaum ausreichen dürfte.

Marcel Odenbach, Die gute Stube, 2011, © Marcel Odenbach & BILDRECHT GmbH, 2017
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