Die anziehende Irritation der gewollten Verunsicherung
Der 89-jährige Saul Leiter gilt kurioserweise als Entdeckung der letzten Jahre. Man war offenbar seine Qualität gewohnt, mit der er ein Leben lang vor allem im Bereich der Fotografie tonangebend und richtungsweisend tätig war. Mit dem ernsthaften Malen soll der in Pittsburgh (USA) geborene Saul bereits als Teenager Ende der 1940er begonnen haben. Er war Autodidakt. In seiner Familie fand er keine Unterstützung. Sein Vater, ein anerkannter talmudischer Rabbiner und Gelehrter hatte stets gehofft, in seinem Sohn einen Nachfolger zu finden.
Dass Saul seinen Willen durchgesetzt hat und damit in kürzester Zeit erste Erfolge erzielte, der Aufstieg zum begehrten Modefotografen und Lieferanten sensationeller Bilder in höchst anerkannten Magazinen, aber auch der sehr späte wahre Durchbruch (1990er Jahre), all das ist im Detail in den Wandtexten der Ausstellung „Saul Leiter“ bis 26. Mai 2013 im KUNST HAUS WIEN nachzulesen. Man sollte nicht darauf verzichten. Das Wissen um die Wege durch dieses lange Künstlerleben erleichtert zu vielen seiner Werke den Zugang ungemein.
Für den jungen Maler war Farbe eine Selbstverständlichkeit. Dass sie in der Fotografie in diesen Tagen noch verpönt war, dürfte ihn nicht gestört haben. Er hat es geschafft, Farbfotografie zu einer Zeit als Kunstform zu adaptieren, als von „New Color Photography“ und ähnlichen Richtungen noch keine Rede war. Das Malerische blieb seiner Fotografie erhalten und er blieb auch der Fotografie als Maler erhalten. In seinen übermalten Aktfotografien brachte er beides auf einer Bildfläche zur gemeinsamen Wirkung.
Am stärksten tritt das malerische Element dann zutage, wenn er als Fotograf bewusst mit der Spannung aus Schärfe und Unschärfe operiert, den eigentlichen Bildinhalt hinter einer beschlagenen Glasscheibe, in unzähligen Spiegelungen oder jenseits des Randes seines Regenschirms verbirgt. „I like it when one is not certain of what one sees”, sagt Saul Leiter selbst über die gewollte Verunsicherung des Betrachters. Gleichzeitig verlockt er ihn gerade damit, auf das Bild hinzuschauen und sich auf anziehende Weise davon irritieren zu lassen.
Es gibt einen Grund zum Feiern: 20 Jahre KUNST HAUS WIEN! Das Hundertwasserhaus an der Unteren Weißgerber Lände im 3. Wiener Gemeindebezirk war seit seiner Eröffnung 1991 ein Besuchermagnet. Gemeinsam mit dem Architekten Peter Pelikan hatte der Künstler Friedensreich Hundertwasser (1928-2000) in diesem Haus seine Philosophie sichtbar und vor allem erfahrbar gemacht. Man braucht nur über die unebenen Böden zu gehen, vorbei an den kindlich verspielten bunten Keramiksäulen und den Bäumen, die durch Wandöffnungen hinauswachsen, und einen Blick aus den unregelmäßig gesetzten Fenstern auf das bewachsene Dach des Restaurants im Hof zu werfen. Das alles ist Hundertwasser, wie er keine weitere Erklärung mehr benötigt.
Zwei Etagen waren schon bisher als weltweit einzigartiges Personalmuseum dem Schöpfer dieses Hauses und seinem Werk gewidmet. Ebene 3 und 4 beherbergen an sich internationale Sonderausstellungen, stehen aber aus Anlass des Jubiläums im Zeichen des Künstlers mit der Ausstellung: Hundertwasser – Die Kunst des grünen Weges (bis 6. November 2011), auch nachzulesen im Buch zur Ausstellung (Prestel Verlag) oder zu erleben auf der DVD mit Peter Schamonis preisgekröntem filmischen Porträt Hundertwassers Regentag.
In Fotoserien (u.a. Manfred Böckelmann, Franz Hubmann, Erich Lessing) und diesen gegenübergestellten Arbeiten (die wichtigsten: Die Häuser hängen unter den Wiesen, Kleiner Palast der Krankheit, Der Garten der glücklichen Toten) folgt man seinem Leben, gleichzeitig damit seinen Gedanken, die offenbar vom ersten Moment an eine künstlerische und philosophische Einheit gebildet haben.
In 13 Stationen werden ausgewählte Brennpunkte seiner Biografie aufgegriffen, beginnend mit dem Zweiten Weltkrieg, weiter mit den wilden Jahren der ersten Ausstellungen und Kontroversen in Wien, seiner Positionierung in der internationalen Avantgarde, dem legendären Otto-Wagner-Dachatelier in der Wiener Spiegelgasse und dem Leben mit der „Regentag“, einem Schiff als Schlüssel zu seiner Gedankenwelt, und Neuseeland als seine zweite Heimat und letztes Paradies.
Hundertwasser war, wenn auch oft umstritten, ein Kämpfer für Natur als ein Kämpfer für sich als Mensch und damit für den Menschen schlechthin. Efthymios Warlamis, der Grieche im Waldviertel, lässt im Buch Geheimnis Hundertwasser – Ein imaginärer Dialog (Styria) den Künstler selbst diesen ökologischen Cluster erklären: „Meine wichtigste Erkenntnis war die Entdeckung meines Eigenraumes. Mein Leib ist mein erster Raum, und meine Haut ist die sensible Grenzfläche zwischen meinem Innenraum und der Außenwelt, aber auch der Raum, der mich jenseits meines Leibes umgibt, wie eine zweite, dritte, vierte und fünfte Haut. Ich wohne in meinem Leib.“
Darin steckt also die Antwort auf eine Frage, die sich oben gestellt haben könnte, als behauptet wurde, dass man bei einem Besuch im Hundertwasserhaus keine Erklärung mehr zu Hundertwasser braucht. Unser gesamtes Leben spielt sich in Architektur welcher Form auch immer ab. Wen es dabei in einen der kahlen modernen Wohnbauten verschlagen hat, dem dürfte das Herz schwer werden angesichts zweier Fotos, auf denen Hundertwasser seelenlose Fronten übermalt hat.
Warum nur hat man diesen Menschen Autobahnstationen und Müllverbrennungen bauen lassen, ohne ihn zu verpflichten, im Gegenzug zu jedem dieser Großprojekte zumindest zehn Wohnhäuser gemeinsam mit einem dieser phantasiearmen Architekten zu gestalten? Damit wurde die einzigartige Chance vertan, mit einer vernünftigen Schnittmenge aus geradliniger Menschenverachtung und Hundertwassers kompromissloser Natürlichkeit eine Welt zumindest mit Ansätzen von kommunalem Wohlfühlen zu schaffen.