In Wahlkampfzeiten gehen einen Porträts von Politikern regelmäßig auf die Nerven. Ihre gestylten grinsenden oder je nach Willen der PR-Agentur Kompetenz vorspiegelnden Gesichter fixieren aufdringlich den Passanten – und wollen ihm sagen: „Mich musst du wählen! Schau dir doch den anderen an, da auf dem Plakat gegenüber! Was will denn der mit seiner Knollennase? Ich dagegen hab´ das Geld, dein Steuergeld, bei guten Fotografen angelegt.“
Das eigentliche Bild des Mächtigen, ein oft ungewolltes Image, machen aber ganz andere, nämlich die Medien. Sie halten ihr öffentlich tätiges Gegenüber in der Weise fest, wie es die Linie des Massenblattes will oder wie es gerade vom Trend erwünscht ist: Ist einer der Böse, dann Gnade ihm Gott, sein Konterfei macht dem Satan persönlich Konkurrenz, ist einer der Gute, dann darf er regelmäßig gütig bis zur Dümmlichkeit von der Titelseite lächeln.
Leiste: Atelier Populaire, de Gaulle – Franco – Salazar, Frankreich 1968 Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, ZHdK
Das Kunsthaus geht in der Ausstellung „Head 2 Head. Politik und Image“ (bis 3. Juni 2012) der Frage nach der Auswirkung des Bildes vom Mächtigen nach – und zeichnet damit gleichzeitig ein Bild der Geschichte, die von den Dargestellten in nicht unbeträchtlicher Weise bestimmt wurde und wird. Strategien der Imagebildung und die wichtigsten dabei genutzten Bildformeln werden anhand reichen Anschauungsmaterials sichtbar gemacht: politische Plakate, Filmdokumente, Fotografien und künstlerische Projekte.
Vier Persönlichkeiten der internationalen Politik werden in dieser Ausstellung näher vorgestellt. Figuren, deren ikonografische Geschichte oder Gegenwart von Bedeutung ist oder Figuren, anhand deren Selbstdarstellung ein maßgeblicher Bedeutungswandel nachvollzogen werden kann: Zu Ersteren gehören der russische Revolutionsführer Lenin, dessen Porträt eine sehr bewegte Geschichte durchlaufen hat, der ehemalige Actionheld und Gouverneur Kaliforniens, Arnold Schwarzenegger, aber auch Che Guevara, dessen Konterfei das meistreproduzierte Porträt überhaupt darstellt. In die zweite Kategorie fällt die frühere ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko, die eine kaum fassbare Vielseitigkeit an Erscheinungsformen pflegte.
Es gibt einen Grund zum Feiern: 20 Jahre KUNST HAUS WIEN! Das Hundertwasserhaus an der Unteren Weißgerber Lände im 3. Wiener Gemeindebezirk war seit seiner Eröffnung 1991 ein Besuchermagnet. Gemeinsam mit dem Architekten Peter Pelikan hatte der Künstler Friedensreich Hundertwasser (1928-2000) in diesem Haus seine Philosophie sichtbar und vor allem erfahrbar gemacht. Man braucht nur über die unebenen Böden zu gehen, vorbei an den kindlich verspielten bunten Keramiksäulen und den Bäumen, die durch Wandöffnungen hinauswachsen, und einen Blick aus den unregelmäßig gesetzten Fenstern auf das bewachsene Dach des Restaurants im Hof zu werfen. Das alles ist Hundertwasser, wie er keine weitere Erklärung mehr benötigt.
Zwei Etagen waren schon bisher als weltweit einzigartiges Personalmuseum dem Schöpfer dieses Hauses und seinem Werk gewidmet. Ebene 3 und 4 beherbergen an sich internationale Sonderausstellungen, stehen aber aus Anlass des Jubiläums im Zeichen des Künstlers mit der Ausstellung: Hundertwasser – Die Kunst des grünen Weges (bis 6. November 2011), auch nachzulesen im Buch zur Ausstellung (Prestel Verlag) oder zu erleben auf der DVD mit Peter Schamonis preisgekröntem filmischen Porträt Hundertwassers Regentag.
In Fotoserien (u.a. Manfred Böckelmann, Franz Hubmann, Erich Lessing) und diesen gegenübergestellten Arbeiten (die wichtigsten: Die Häuser hängen unter den Wiesen, Kleiner Palast der Krankheit, Der Garten der glücklichen Toten) folgt man seinem Leben, gleichzeitig damit seinen Gedanken, die offenbar vom ersten Moment an eine künstlerische und philosophische Einheit gebildet haben.
In 13 Stationen werden ausgewählte Brennpunkte seiner Biografie aufgegriffen, beginnend mit dem Zweiten Weltkrieg, weiter mit den wilden Jahren der ersten Ausstellungen und Kontroversen in Wien, seiner Positionierung in der internationalen Avantgarde, dem legendären Otto-Wagner-Dachatelier in der Wiener Spiegelgasse und dem Leben mit der „Regentag“, einem Schiff als Schlüssel zu seiner Gedankenwelt, und Neuseeland als seine zweite Heimat und letztes Paradies.
Hundertwasser war, wenn auch oft umstritten, ein Kämpfer für Natur als ein Kämpfer für sich als Mensch und damit für den Menschen schlechthin. Efthymios Warlamis, der Grieche im Waldviertel, lässt im Buch Geheimnis Hundertwasser – Ein imaginärer Dialog (Styria) den Künstler selbst diesen ökologischen Cluster erklären: „Meine wichtigste Erkenntnis war die Entdeckung meines Eigenraumes. Mein Leib ist mein erster Raum, und meine Haut ist die sensible Grenzfläche zwischen meinem Innenraum und der Außenwelt, aber auch der Raum, der mich jenseits meines Leibes umgibt, wie eine zweite, dritte, vierte und fünfte Haut. Ich wohne in meinem Leib.“
Darin steckt also die Antwort auf eine Frage, die sich oben gestellt haben könnte, als behauptet wurde, dass man bei einem Besuch im Hundertwasserhaus keine Erklärung mehr zu Hundertwasser braucht. Unser gesamtes Leben spielt sich in Architektur welcher Form auch immer ab. Wen es dabei in einen der kahlen modernen Wohnbauten verschlagen hat, dem dürfte das Herz schwer werden angesichts zweier Fotos, auf denen Hundertwasser seelenlose Fronten übermalt hat.
Warum nur hat man diesen Menschen Autobahnstationen und Müllverbrennungen bauen lassen, ohne ihn zu verpflichten, im Gegenzug zu jedem dieser Großprojekte zumindest zehn Wohnhäuser gemeinsam mit einem dieser phantasiearmen Architekten zu gestalten? Damit wurde die einzigartige Chance vertan, mit einer vernünftigen Schnittmenge aus geradliniger Menschenverachtung und Hundertwassers kompromissloser Natürlichkeit eine Welt zumindest mit Ansätzen von kommunalem Wohlfühlen zu schaffen.