Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Michael Baba (Otello), Alexandra Reinprecht (Desedmona) © Reinhard Podolsky

Otello am Schnittpunkt von Orient und Okzident

Michael Papa (Otello), Alexandra Reinprecht (Desdemona) © Reinhard Podolsky

Kein schöner, aber ein großer Abend in der Burg Gars

Wenn sich langsam der Abend über das Gemäuer der Burg Gars senkt, während Jago sein Bekenntnis zum Bösen düster besingt, spürt man unwillkürlich die Gänsehaut über den Rücken laufen. Mag sein, dass dazu auch die Waldviertler Frische des Premierenabends beigetragen hat, aber dagegen hatte sich der Großteil des Publikums mit Winterjacken und Decken gut gewappnet. Otello im Freien, man braucht nicht näher darauf hinzuweisen, ist ein gewaltiges Wagnis.

Chor der Opere Burg Gars © Reinhard Podolsky

Die Verantwortlichen der Oper Burg Gars sind es mit begründeter Zuversicht eingegangen. Man hat jahrelange Erfahrung mit dem ungewöhnlichen Unternehmen, ein derart heikles Genre wie die Oper unverstärkt unter freiem Himmel auf die Bühne zu bringen, und man kann auf Erfolge verweisen, was auch der ungebrochene Andrang des Publikums beweist. Jahr für Jahr finden sich mutige Sänger, die Wind, Wetter und mangelnder Akustik trotzen und mit hörbarem Spaß an der Sache die Herausforderung annehmen. Mit Otello, sagen wir´s kurz, wurde das Open Air Unternehmen Gars um einen weiteren glanzvollen Höhepunkt bereichert.

Klemen Gorenšek (Montano), Oscar Marin (Cassio) © Reinhard Podolsky

Der an sich stets fröhliche Intendant Johannes Wildner hatte in diesem Jahr ernsthafte Worte als Einleitung parat. Als vor eineinhalb Jahren Verdis Oper Otello als Verbeugung vor dem Jahresregenten William Shakespeare auf den Spielplan gesetzt wurde, sagte Wildner, hatte man noch nicht geahnt, welch tragische Aktualität dieses Stück enthalten sollte. Schauplatz ist Zypern und als Rahmen für die Handlung ein Krieg zwischen Venedig und dem Osmanischen Heer.

Jahrhunderte verschwinden wie in einem Zeitloch, wenn vor dem ersten Ton aus dem Orchester eine Kanonenkugel krachend einschlägt und für Minuten die Szene in dichten Rauch hüllt. Mit einem Schlag ist man an die Schnittstelle von Orient und Okzident versetzt, an der Intrigen und Eifersucht beinahe zu persönlichen Problemen verkommen. Wildner wünschte den Besuchern keinen schönen, sondern einen nachdenklichen Abend, getragen von der Musik des großen Giuseppe Verdi und Shakespeares Text, den Arrigo Boito mit viel Einfühlungsvermögen zum Libretto verarbeitet hat.

Ein Sänger des Chores © Reinhard Podolsky

Trotz des Titels ist Jago die Hauptgestalt des Dramas. Mit Michael Kraus war dieser Bösewicht nicht nur stimmgewaltig, sondern auch schauspielerisch erstklassig besetzt. Michael Baba als Otello kam hingegen mit den schwierigen Umständen weniger gut zurecht. Es hatte leider hörbare Probleme mit den großen Melodiebögen, dazu hat man seinen obligat schwarz angemalten Kopf mit einer seltsamen Afroperücke bedeckt, was seinem Erscheinungsbild als einen vor Eifersucht Rasenden Ernsthaftigkeit genommen hat.

Mucksmäuschen still wurde es in der Burg, als Alexandra Reinprecht in der Gestalt von Desdemona, gequält von Todesahnungen, zum Gebet niederkniete. Mit feinem Timbre ließ sie in jedem Ton tiefes Gefühl anklingen, senkte ihre Stimme bis zum Pianissimo und blieb trotzdem präsent. Es war einer dieser seltenen Momente zum Atemanhalten, den man in dieser Umgebung am wenigsten erwartet hätte. Anna Agathonos (Emilia), Oscar Marin (Cassio), Benedikt Kobel (Roderigo), Bernd Hofmann (Lodovico) und Klemen Gorenšek (Montano) boten eine tadellose Leistung, ebenso wie Attila Mokus (Herold), der mit gewaltiger Tiefe die Botschaft Venedigs an Otello überbrachte.

Alexandra Reinprecht (Desdemona), Anna Agathonos (Emilia) © Reinhard Podolsky

Es wäre keine Grand Opéra im Freien, gäbe es nicht auch kleine Pannen, die eine solche Aufführung erst liebenswert machen. Die räumlichen Distanzen zwischen Orchester und Sängern plus Chor sind groß und führen damit zwangsläufig zu einigen Unreinheiten im Zusammenspiel. Dazu kam Fernmusik hoch oben vom Turm, die sogar in einem Konzersaal nicht einfach zu bewältigen ist. In windiger Höhe mit kaltem Mundstück kann dem Trompeter schon ein Ton ausrutschen.

Aber Johannes Wildner schaffte es immer wieder, mit deutlichem Dirigieren das Ganze umgehend zum Wohlklang zu vereinigen. An den Texteinblendungen links und rechts über der Bühne muss allerdings noch kräftig gearbeitet werden.

Die Übersetzung war teils nicht immer sauberes Deutsch, damit nur schwer verständlich und fiel fallweise sogar ganz aus. Was auch sein Gutes hatte, denn endlich waren die Augen nicht mehr vom Geschehen auf der Bühne abgelenkt. Sie konnten sich in der Kulisse der alten Babenberger Festung verlieren, auf der das spätmittelalterliche Zypern unter einem dramatischen Himmel in die Gegenwart versetzt worden war.

Oper Burg Gars Gesamtansicht bei der Premiere © Reinhard Podolsky
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