Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Kapiell Nr. 40 Das lettzte Abendmahl aus dem besprochenen Buch

SANTO DOMNIGO DE SILOS Kreuzgang der magischen Zahlen

Kapitell Nr. 39 Harpyien aus dem besprochenen Buch

Ein Schlüssel zu den geheimnisvollen Botschaften der Kapitelle

Vielfach können wir die Symbole der Romanik nicht mehr lesen. Man wusste damals bestens Bescheid über die Mystik der Zahlen, jedes Wesen, ob Tier, Mensch oder Monstrum, hatte seine besondere Bedeutung in der Heilslehre und man konnte deren Kombinationen wie Texte oder sogar wie Notenzeilen lesen. Lesenbuch war in vielen Fällen der Kreuzgang eines Klosters. Dieser Ort war abgeschieden von der Welt. Betreten durfte er nur von den Mönchen werden. Das von seiner Ruhe ausgezeichnete Geviert war der Platz für die geistige Betrachtung, der ungestörten Kontemplation zwischen Ora, Beten, und Labora, der Arbeit. Zu beiden verpflichtete sie die Ordensregel des heiligen Benedikt von Nursia, aber auch zum Lege, zum Lesen.

SANTO DOMNIGO DE SILOS Kreuzgang der magischen Zahlen Cover

Es lag also nahe, diese erbauliche Tätigkeit durch eine Bildersprache anzuregen, die damals jeder Mönch verstand und täglich vor Augen hatte, wenn er an den Säulenkapitellen des Kreuzgangs vorbei wandelte. Die Botschaften, die sich ihm boten, waren eindringlicher Natur. Hässliche Ausgeburten der Fantasie als Vertreter der Laster warnten ihn vor der Sünde. Diesen gegenüber standen Gestalten himmlischer Schönheit als Botschafter der göttlichen Ordnung mit der Versprechung überirdischen Lohns für das Gott geweihte Leben. Nicht sie haben das Reden verlernt, sondern wir die Fähigkeit, ihnen zuzuhören und sie zu verstehen.

NW Pfeiler Gang nach Emmaus aus dem besprochenen Buch

Rainer Straub ist an sich Musiker und Fachmann für Alte Musik und Gregorianik. Aber er ist längst auch Experte für romanische Darstellungen, die für ihn durchaus zu deuten sind und, wie er feststellen durfte, auch mit dem Gesang der Mönche kombiniert werden können. In seinem Buch „SANTO DOMINGO DE SILOS Kreuzgang der magischen Zahlen“ (erschienen im Verlag Anton Pustet) führt er den Leser in dieses spanische Kloster, dessen außergewöhnliches Bildprogramm ihn neugierig gemacht hatte. Er schreibt: Ist es denn wirklich möglich, dass Mönche auf den Kapitellen ihres Kreuzgangs so fantastischen Wesen abbilden ließen, die – bis auf einige wenige – nichts als böse Fratzen, teuflische Wesen, Ausflüsse krankhafter Fantasien darstellten? Man begegnet Harpyien als Mischwesen aus Vogelkörper und menschlichem Kopf, die als verführerische Sirene und Ausgeburt der Hölle teuflisch abstoßendem Antlitz und Bocksfüßen auftreten und sowohl Engel wie auch Dämonen sein können. Es gibt Pfauen mit den Hörnern eines Steinbocks oder Vögel mit Hundeköpfen.

Männer sitzen verkehrt auf ihrem Pferd, um mit Prügel aufeinander einzuschlagen oder verschiedenste Tiere haben sich in einem Geflecht aus Ranken hoffnungslos verfangen. Gleichzeitig wird auf wie in einer Biblia pauperum das von der Bibel überlieferte Heilsgeschehen erzählt. Keine Geste, keine Linie, auch nicht die Anzahl der dargestellten Personen, nichts ist zufällig. Eine Gestalt mit überkreuzten Beinen gilt als wichtiger Zeuge, eine Hand, die nach oben deutet, als Hinweis auf die Göttlichkeit des Erlösers und die Wolke, hinter der Jesus gen Himmel schwebt, als Bezeichnung für das „obere Wasser“, das bei der Schöpfung von den „unteren Wassern“ getrennt wurde.

 

Im letzten Kapitel beschäftigt sich Straub mit der musikalischen Deutung des Kreuzgangs und wird auch dabei fündig. Symbole stehen für bestimmte Töne, die in der richtigen Reihenfolge gesungen die Melodie der Antiphon zur Vigil des Festes des Santo Domingo de Silos ergeben.

Den diesbezüglich kundigen Mönchen stand also mit jedem Aufenthalt im Kreuzgang die Tonfolge von „Christum Regem“ vor Augen, das sie am 20. Dezember anlässlich des Patroziniums in der Klosterkirche zu Ehren ihres Heiligen sangen. Dem Forscher zur Seite steht durch das ganze Buch hindurch ein junger Mann, der entscheidende Fragen stellt, um sie vom Autor so beantworten zu lassen, dass auch der Leser weiß, wovon die Rede ist. Wenn man auch nicht gleich nach Spanien kommt, um sich an Ort und Stelle mit diesem Buch bewaffnet an die Deutung der Kapitelle zu machen, so findet sich doch ein nützlicher Ansatz, um sich in den wunderschönen, meist gotischen Kreuzgängen unserer heimischen Klöster, die allesamt über ein reiches Bildprogramm verfügen, zumindest ansatzweise zurecht zu finden.

Kapitell 3 Verfüßer in pflamnzlichem Rankenwerk verstrickt aus dem besprochenen Buch
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