Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Das Dreimäderlhaus Ensemble © www.christian-husar.com

„Das Dreimäderlhaus“ Badener Biedermeier herzerwärmend

Christiane Marie Riedl (Hederl), Juliette Khalil (Hannerl), Katharina Dorian (Haiderl) © C. Husar

Ein Operetten-Liederabend bei Franz Schubert

Mitten im Ersten Weltkrieg hatte Heinrich Berté die geniale Idee, Franz Schubert in der bereits allgemein grassierenden Verzweiflung als Trostspender heranzuziehen. Kein anderer Komponist hatte in seinen Schöpfungen die österreichische Seele je so unmittelbar berührt wie er. Berté bediente sich als Handlungsvorlage des Romans „Schwammerl“ von Dr. Rudolf Hans Bartsch und an den Melodien von Schubert, zu denen Alfred Maria Willner und Heinz Reichert die Liedtexte schrieben. Am 15. Jänner 1916 wurde die Operette „Das Dreimäderlhaus“ im Raimund Theater uraufgeführt. Seit damals wenden sich Schubert-Puristen mit Grausen ab von dieser, wie sie sagen, kitschigen Collage, und in gleicher Weise feiert dieses Stück seit damals Erfolge, wie derzeit in der Sommerarena Baden, als vollständige Produktion. Eins darf man bei aller Liebe zur reinen klassischen Musik nicht vergessen: Mit einer Operette wird Schuberts Musik auch Menschen zugänglich, die sich mit einem ernsthaften Konzertbetrieb vielleicht wenig anfangen können.

Sera Gösch (Giuditta Grisi), Clemens Kerschbaumer (Schober) © www.christian-husar.com

Regisseurin Isabella Fritdum hat es sich, so könnte man sagen, leicht gemacht. Wofür man ihr dankbar sein muss. Sie hat die Operette in der Zeit ihrer Handlung, also 1826, zwei Jahre vor Schuberts Tod, belassen. Ihre Inszenierung ist Biedermeier pur, von den Kostümen angefangen bis zum Bühnenbild, das sich im Handumdrehen vom Flieder blühenden Innenhof über die Wohnung des Hofglasermeisters Tschöll zu einem Kaffeehausgarten in Hietzing verwandeln lässt.

Jörg Schneider (Schubert) © www.christian-husar.com

Spontanen Szenenapplaus erntete das Tableau vivant am Beginn des zweiten Aktes mit der Hochzeitsgesellschaft bei Tschöll. Schubert sitzt in der Mitte am Klavier, vor ihm lehnen die beiden Brautpaare, die übrige Gesellschaft ist malerisch um diese Gruppe drapiert. Es könnte sich um ein Gemälde von Kupelwieser handeln, der zum Freundeskreis von Schubert gehörte und diesen in seinen Bildern verewigt hat.

 

Dieser Kupelwieser hat natürlich auch in der Operette seinen Platz gefunden.

Dargestellt wird er von Wolfgang Resch. Neben ihm verkörpern Peter Kratochvil als Moritz von Schwind und Sebastian Huppmann in der Rolle des Hofopernsängers Johann Michael Vogl die fröhlich leichte Lebensweise der Boheme im Wien Anfang des 19. Jahrhunderts. Der vierte im Bunde ist der Dichter Baron Franz Schober (Clemens Kerschbaumer), der allerdings als Rivale Schuberts zu einer Hauptfigur dieser süß-bitteren Liebesgeschichte avanciert. Es wird gegessen, getrunken, musiziert und mit den Mädchen geschäkert. Solchen Ambitionen kommen natürlich die drei Töchter des Glasermeisters fürbass. Haiderl (Katharina Dorian) und Hederl (Christiane Marie Riedl) sind allerdings schon vergeben. Bleibt noch die dritte der Schwestern, Hannerl, die von Schubert durchaus angetan wäre, wäre da nicht die (noch) aktuelle Liaison Schobers in Gestalt der Hoftheatersängerin Giuditta Grisi.

Sylvia Rieser (Marie Tschöll), Peter Faerber (Christian Faerber) © www.christian-husar.com

Sera Gösch macht ihrer Bühnenprofession mit sicheren Höhen und geschmeidiger Phrasierung alle Ehre. Mit böser Zunge und einem schlampigen Gebrauch des Namens Franz zerstört Grisi gründlich das zart keimende Liebespflänzchen. Juliette Khalil ist eine bezaubernde Hannerl. Als kleine Schwester wirbelt sie lebendig und frech durch Familie (ihr erfrischend komischer Vater ist Peter Faerber) und Freundeskreis, während ihr klarer, heller Sopran federnd leicht über die traumhaften Melodien Schuberts fliegt.

Jörg Schneider verwandelt sich in faszinierender Weise in Franz Schubert. Dass er äußerlich dem Vorbild entspricht, ist beinahe Nebensache. Er spielt unser aller Franzl hinreißend echt, schüchtern und traurig, und wenn er singt, dann ist es eine Wonne. Sein Tenor hat lyrischen Schmelz und doch die Kraft, in der Manier eines Opernstars den Schlusston über die Orchesterbegleitung (Michael Zehetner als gefühlvoller Schubert-Dirigent) drüber zu schmettern.

Kurz gesagt, die Premiere von „Das Dreimäderlhaus“ war herzerwärmend und hat Baden als Biedermeier- und Operettenstadt wieder einmal in großartiger Weise bestätigt. Übrigens könnte man sich jede und jeden der Sängerinnen und Sänger sehr gut bei einem Schubertabend vorstellen, mit einer Winterreise, einer Schönen Müllerin oder einem der vielen Lieder, die uns dieser vom Leben bestrafte Komponist neben so viel anderer traumhafter Musik geschenkt hat.

C. Kerschbaumer (Schober), S. Huppmann (Vogl), W. Resch (Kupelwieser), P. Kratochvil (Schwind) © CH

Frasquita Ensemble mit Rupert Bergmann (Aristide)

„Frasquita“ als Verführerin zu einem selten gespielten Lehar

Frasquita Ensembe mit Sebastian Reinthaller © www.christian-husar.com

Die wundersame Verwandlung einer Wildkatze zum schnurrenden Streichelkätzchen

Man könnte es als kleine Carmen bezeichnen, was die Librettisten Alfred Maria Willner und Heinz Reichert für Franz Lehar gedichtet haben. Hier wie dort geht es um eine rassige spanische Zigeunerin, die einem liebestrunkenen Mann übel mitspielt. Im Unterschied zur großen Oper geht die Operette Frasquita jedoch gut aus. Statt den Verehrer und sich selbst zu vernichten, verliebt sich Frasquita in den französischen Lebemann Armand Mirbeau und schafft damit einen nicht nur für damalige Verhältnisse (1922 wurde das Stück in Wien uraufgeführt) unwahrscheinlichen gesellschaftlichen Aufstieg. Damit wäre die Handlung auch schon erzählt. Alles Übrige ist eine Zusammenstellung von inhaltlichen Versatzstücken, die in jeder anderen Leharoperette genauso vorkommen können. Es gibt das Buffopaar Dolly Girot und Hippolyt Gallipot, das für launige Einlagen sorgt, den reichen Aristide Girot, Stammgast im Nachtlokal Alhambra mit den hübschen Mädchen, die dem Alten willig um den Bart gehen, und die fröhlich singende Zigeunertruppe in gewohnt folkloristisch bunter Erscheinung.

Bibiana Nwobilo (Frasquita) © www.christian-husar.com

Anette Leistenschneider ist in der Inszenierung dieses seltsamen Stoffes keinerlei Risiko einer auch nur andeutungsweise kritischen Auseinandersetzung eingegangen. Es gäbe einige Ansatzpunkte, zum Beispiel die Tatsache, dass man eine Zigeunerin sofort des Diebstahls verdächtigt und dieses fahrende Volk lieber gehen als kommen sieht. Auch die zudringlichen Herren, die nichts als anderes wollen, als Frasquita billig zu vernaschen, dürfen hier eher liebenswürdige Trotteln sein, die ohnehin keine Chance auf eine Frau dieses Formats hätten.

Man hat fast das Gefühl, als wäre jede Beeinträchtigung von Lehars Musik bewusst vermieden worden. Sie braucht auch entsprechende Schonung. Üblicherweise jagt ein robuster Schlager den nächsten. Nicht so bei Frasquita. Der einzige Ohrwurm „Schatz, ich bitt´ dich, komm heut Nacht“ ist ein Fremdkörper im Reigen der anderen Melodien, die zwar durchwegs hübsch sind, aber nicht ins Ohr gehen wollen.

 

Das in diesem Metier erprobte Ensemble der Bühne Baden hat dennoch aus der (nicht zu Unrecht) selten gespielten Operette eine sehens- und hörenswerte Aufführung geschaffen. Das Orchester unter der Leitung von Franz Josef Breznik war der sichere Grund, auf dem sich diese unglaubliche Liebesgeschichte singend und tanzend Richtung Happy End bewegte. Rupert Bergmann als Aristide ist der rustikale Vertreter des Landadels, der überzeugt ist, mit Familie und Frauen umgehen zu können. Sieglinde Feldhofer als dessen Tochter Dolly hat Mut zur patscherten G´scherten und gleichzeitig die Quirligkeit einer ungemein vielseitigen Soubrette.

Sieglinde Feldhofer (Dolly Girot), Thomas Malik (Hippolyt Gallipot) © www.christian-husar.com

Ähnliches gilt für ihren Partner Thomas Malik, der den Hyppolit als verschrobenen Wissenschaftler zur unterhaltend komischen Figur ausbaut. Die beiden bringen Leben auf die Bühne und Lachen ins Publikum, wenn sie virtuos aneinander vorbeitanzen, unbeholfen ihre Brillen putzen und sich in Liebestöter gekleidet an ehelichem Sex versuchen.

 

Bleiben noch die beiden Helden, die sich gekonnt und mit beachtlichen Stimmen über malerische Gebirge aus Melodien turnen. Sebastian Reinthaller ist Armand, der die meiste Zeit nicht wissen darf, was er eigentlich will. Irgendwann glaubt man ihm sogar, dass er Frasquita ehrlich liebt, bis dahin verlangt er aber doch etwas viel von ihr, zumal dann, wenn er sich nach schmachtender Liebeserklärung wie ein beim Rauchen erwischter Lausbub vor der Entscheidung zwischen Dolly und der Zigeunerin herumdrückt. Umso mehr wundert es einen, dass sich Frasquita doch in ihn verliebt. Gerade mit ihr hat es Lehar am wenigsten gut gemeint. Für diese Gestalt, die vor Temperament beinahe platzen sollte, gibt es keine mitreißende Arie, die irgendwie an die gewollte Wildheit herankommt.

Bibiana Nwobilo macht das beste daraus. Sie wird zur fauchenden Wildkatze, die sich überraschenderweise sogar streicheln lässt, und mit ihrer tollen Stimme zur wahren Verführerin, sich auch diese Operette anzusehen, ohne lang darüber nachdenken zu müssen, dass weder die Zigeuner noch das Loblied auf eine Zigarette, wie es von Frasquita gesungen wird, im Entferntesten einer heutzutage geübten Political Correctness entsprechen.

Frasquita Ballettensemble © www.christian-husar.com

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