Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Der Zarewitsch Ensemble © Christian Husar

DER ZAREWITSCH, der keine Frauen um sich litt

Thomas Malik (Iwan), Melanie Schneider (Mascha) © Christian Husar

Die fast wahre Geschichte eines russischen Thronfolgers

Was hätten Romanciers und Librettisten ohne die Staatsräson geschrieben? Dieser Zwang, eine standesgemäße Ehe einzugehen, hat wunderbar süßbittere Liebesgeschichten geboren. Die wenigsten der Betroffenen, ob Prinz oder Prinzessin, haben dem Zwang zu einer Vernunftehe widerstehen können. Es gibt nur wenige Beispiele in der Geschichte des Hochadels, in denen auf den Thron oder auf die Herrschaft verzichtet wurde. Zarewitsch Alexej hätte das Zeug dazu gehabt und man hofft wider besseres Wissen, dass er doch der Stimme seines Herzens folgt, zumal er scheinbar eine Kunstfigur ist, ein erdachter Charakter – aber nur scheinbar. Regisseur Michael Lakner ist für die Produktion der Bühne Baden der Historie nachgegangen. Seine Recherchen haben ergeben, dass mit dem Zarewitsch Nikolaus II., der letzte Zar, gemeint war. Er hatte tatsächlich ein Verhältnis mit einer Tänzerin, die er aber, ganz Zarensohn, im Gegensatz zu seinem Operettenhelden, leichten Herzens gegen eine adelige Braut getauscht und sich in die für ihn erwählte Gattin sogar verliebt hat.

Maya Boog (Sonja), Jevgenij Taruntsov (Zarewitsch) © Christian Husar

Aus diesem Stoff wäre aber kaum eine der Operetten von Franz Lehar zu machen gewesen. Bela Jenbach und Heinz Reichert, die dafür den Text verfasst haben, hatten eben das richtige Gespür, wie man dem Publikum die Tränen in die Augen treibt. Am Beginn steht ein zurückgezogen und sportlich lebender Zarewitsch, der keine Frauen um sich leidet. Kluge Berater versuchen es deshalb mit dem Trick, ihm eine weibliche Person in der Erscheinung eines jungen Tänzers nahezubringen. Vielleicht, so das Kalkül, führt dieses Spielchen mit dem Geschlecht den – Gott bewahre – eventuell andersrum veranlagten Thronfolger ins richtige Gleis. Aber auch die ihm am nächsten stehenden Menschen haben keine Ahnung von den wirklichen Sehnsüchten ihres „Patienten“.

Lehar hat dafür eine der schönsten Arien komponiert, eben das Wolgalied. Es steht ein Soldat am Wolgastrand und sehnt sich nach einem Engel, den ihm der da oben schicken soll. Ob damit Bub oder Mädchen gemeint ist, bleibt vorläufig offen. Klar wird die Sache erst, als sich der junge Tscherkesse als Sonja herausstellt und sich Alexej spontan in die junge Frau verliebt. Die Liebesgeschichte kommt in Fahrt, zuerst zuckersüß, dann bitter traurig und in diesem Fall mit keinem Happy End.

Benjamin Plautz (Der Ministerpräsident), Gerhard Balluch (Der Großfürst) © Christian Husar

Jevgenij Taruntsov singt den Zarewitsch, hat aber ausgerechnet am Premierenabend deutlich hörbar nicht seinen besten Tag. Neben der überzeugenden Stimme von Maya Boog als Sonja setzt sich eher seine stattliche, eines zukünftigen Zaren würdige Erscheinung durch. Ein erfreuliches Buffopaar sind Melanie Schneider als Mascha und Thomas Malik als liebenswürdig patscherter Leiblakai Iwan. Ihre Stimmen sind frisch und die Komik gekonnt. Das Ballett wächst in dieser Inszenierung über sich hinaus. Es ist in dieser Operette nicht nur Aufputz, sondern hat, was selten der Fall ist, auch inhaltlich seinen festen Platz, wenn es für den Zarewitsch auf Wunsch von Sonja tanzt. Chapeau dem Orchester unter der Stabführung von Oliver Ostermann, der den Lehar so richtig schmelzen ließ. Der Chor macht sängerisch seine Sache wie immer sehr gut.

Er bewegt sich durchaus organisch im etwas sonderbar anmutenden Bühnenbild von Christof Lerchenmüller. Auf nach hinten zusammenlaufenden Wänden stehen diverse Köpfe, deren Sinn sich aber aus der Handlung nicht erschließen lässt. Darunter befindet sich eine Reihe von Türen, die ein wenig den Eindruck erwecken, als ginge es um Tür auf, Tür zu. Dazu ist das Geschehen aber eindeutig zu ernst. Der Zarewitsch ist schließlich kein Lustspiel, sondern eine menschliche Tragödie aus einer Zeit, in der auf persönliche Gefühle aus welchem Grund immer keine Rücksicht genommen werden durfte.

Karina Gieler, Tiago Augusto Mendes Silva © Christian Husar

Orpheus in der Unterwelt Ensemble © Gregor Nesvadba

ORHEUS IN DER UNTERWELT als Badener Operettenschwank

Orheus in der Unterwelt Ballett und Ensemble © Gregor Nesvadba

Fröhliches Gewimmel in Offenbachs Götterhimmel

Die griechische Mythologie und ihre Götterwelt war für die gebildeten Pariser Mitte des 19. Jahrhunderts Teil des Allgemeinwissens, ganz anders als heute, wo man bestenfalls noch einige Namen kennt, die aber eher aus der römischen Tradition überliefert sind. Göttervater Zeus wird damit zu Jupiter und dessen eifersüchtige Gattin Hera zu Juno. Es sind durchwegs sehr menschliche Figuren und man kann sich schwer vorstellen, dass der Mensch in der Antike für eine solche Gesellschaft wahre Verehrung empfand. Die Herren sind ständig auf Brautschau, die Damen nicht zimperlich, wenn es sich um die Haltung eines jugendlichen Liebhabers dreht. So besehen war es logisch, dass sich Jacques Offenbach mit seinen Librettisten Hector Crémieux und Ludovic Halévy darüber lustig macht, wenn auch knapp 2000 Jahre danach. Es verfehlte aber nicht seine Wirkung, wenn sich der oberste Herr auf dem Olymp wie der gerade regierende Kaiser Napoleon III. benimmt und dessen Hofstaat keinerlei Mühe hat, sich in den anderen Personen dieser Opéra wieder zu finden.

Ilia Staple (Eurydike), Alexandru Badea (Orpheus) © Gregor Nesvadba

Die ursprünglichen Ziele dieses Spottes gibt es längst nicht mehr, aber der Erfolg hat angehalten. Dazu beigetragen hat nicht zuletzt die traumhafte Musik, die Offenbach zu dieser Persiflage eines klassischen Themas wie den bereits vor ihm unter anderem von Christoph Willibald Gluck bemühten Sänger Orpheus komponiert hat.

Anastasia Egorova, Beppo Binder, Karina Gieler © Gregor Nesvadba

In Baden wurde der an sich lustigen Handlung noch ein kabarettistisches Häubchen aufgesetzt. Ulrike Beimpold, diesbezüglich keine Unbekannte, erschuf für ihre Inszenierung „Die öffentliche Meinung“ (Katharina Dorian), die mit Handy und Regenbogenpresse bewaffnet die Geschichte im Sinne der Seitenblicke vor sich hertreibt. Das Publikum der Premiere am 23. Juni 2017 nahm diese launige Aktualisierung großteils dankbar an. Die Götter erscheinen wie direkt von Vivienne Westwood gewandet.

Die Küche im Haushalt von Orpheus und Euridike ist kleinbürgerlich, der Himmel eine Ansammlung von blauen Wölkchen und das Purgatorium (Fegefeuer) in der Unterwelt ist eine riesige Waschmaschine (Kostüme und Bühnebild: Mignon Ritter). Vom ersten Moment, vom Prolog „Der öffentlichen Meinung“, an bis zum höllisch gut getanzten Cancan am Schluss (Choreografie der Ballettnummern: Michael Kropf) schafft es diese Inszenierung, mit ihren Gags Lacher zu erzeugen und dennoch dem Offenbachschen Musikgenuss in keiner Weise abträglich zu sein.

Franz Suhrada (Hans Styx), Gustavo Quaresma (Pluto) © Gregor Nesvadba

Die Besetzung ist mit Georgij Makazaria als solider Jupiter und großartige Monsterfliege, Elisabeth Flechl (Juno), Elena Dediu (Diana) oder Sylvia Rieser (Minerva) durchwegs stimmgewaltig. Die attraktive Venus (Bettina Schweiger) nicht nur den Göttern eine Sünde wert. Als Cupido schlägt Gabriele Schuchter akrobatisch Räder, während Beppo Binder mit Goldhelm durch das Gewimmel webt und ganz ungeniert jammert, dass es als Merkur verdammt hart ist, der beste zu sein.

Pluto (Gustavo Quaresma), der Schwerenöter aus der Hölle, schafft es, das nicht gerade romantische Wort „Honigfabrikant“ mit einem Schmelz wie in der großen Oper erklingen zu lassen. Wenn der ersten Hälfte der Aufführung etwas der Schwung gefehlt hat, wurde dieses Manko nach der Pause mehr als gut gemacht. Franz Suhrada berührt als Hans Styx mit seinem Prinz von Arkadien die Herzen und darf als Prinz von Baden das an sich von Franz Josef Breznik souverän geleitete Orchester dirigieren.

 

Die beiden Hauptdarsteller Ilia Staple und Alexandru Badea geben ein ganz normal auseinandergelebtes Ehepaar. Euridike vergisst aus lauter Verliebtheit in den als Schäfer Aristeus verwandelten Höllenfürsten aufs Geschirrabwaschen und strampelt wie ein zorniger Teenager, wenn sie die Herren einfach schnappen und mit sich tragen wollen – nicht ohne dabei sogar mit dem Kopf nach unten sauber die höchsten Töne zu treffen. Der Tod ist ihr lieber als ihrem Gemahl Orpheus beim Geigenspiel zuzuhören, obwohl dieser – nicht zu übersehen – ein gewisser Schönling ist, der einst das Finanzministerium beherrschte.

Von seinen Schülerinnen wird er angehimmelt, weil er so fesch ist und muss ständig die Teflonfrisur aus dem Gesicht blasen. Dazwischen ist er nicht nur Sänger, sondern spielt selbst die Geige so beeindruckend, dass er damit sogar diese seltsame Götteransammlung erweichen kann – nicht ganz in seinem Sinn. Es ist „Die öffentliche Meinung“, die ihn dazu zwingt, Euridike wieder zu sich zu nehmen. Aber dafür darf er sich auf Geheiß von Jupiter bekanntlich nicht umdrehen – und er nützt die Chance...

Ilia Staple (Eurydike), Georgij Makazaria (Jupiter) © Gregor Nesvadba

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