Kultur und Wein

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Der Diener zweier Herren Ensemble bei der Schlussverbeugung

Der Diener zweier Herren mit den Comici della strada

Claudia Waldherr (Columbina), Okan Cömert (Truffaldino) © Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Ein Working Poor: zwei Jobs und dennoch einen leeren Bauch

Carlo Goldoni hätte seine Freude mit den Comici della strada gehabt. Eine lustige Theatertruppe rund um den Prinzipal Christoph F. Krutzler macht sich ans Werk, den Klassiker der Commedia dell´arte schlechthin auf die Freiluftbühne vor der Stockerauer Pfarrkirche zu stellen. „Der Diener zweier Herren“ erlaubt intelligentes Blödeln, ausgelöst durch witzige Texte, und damit ein lachendes Publikum, was im 18. Jahrhundert genauso eine Garantie für vollbesetzte Zuschauerreihen war wie heute. Regisseur und Intendant Zeno Stanek hat das Stück selbst in seiner Zeit belassen, damals, als in Italien ein Conte den anderen mit dem Degen abgestochen hat und ein Diener nicht viel mehr war als ein Prellbock, den man hemmungslos verprügeln und verhungern lassen durfte. Gleichzeitig hat er es aus den Zeiten herausgehoben, zeitlos gemacht, wie man so schön sagt.

Horst Heiss (Pantalone),  Alexander T.T. Mueller (Dottore) © Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Theater im Theater ist ein probater Trick, in Kostümen von damals ewige Wahrheiten unaufdringlich und damit umso eindringlicher den Leuten nahezubringen.

 

Der doppelte Boden bekommt dieser Komödie ausgezeichnet. Okan Cömert als Truffaldino regt mit seinem dauernden Gejammer vom leeren Bauch tatsächlich auch die Magennerven der Zuschauer an. Man könnte darauf wetten, dass das Buffet in der Pause in diesem Jahr das doppelte Geschäft mit Lachsbrötchen gemacht hat. Truffaldino wirbelt über die Bühne, beweist sich als Akrobat, nicht nur in seinem Spagat als ein von zweifelhafter Beflissenheit zerrissener Diener zweier Herren,

sondern auch in den Bewegungen und der Virtuosität, mit der er Goldonis Texte in seine Performance einfließen lässt. Er macht unmissverständlich klar, dass er ein Working Poor ist, der trotz zweier Jobs noch immer gefährlich nahe am Verhungern ist. Am deutlichsten wird der Mangel an Nahrung in dem herrlich ausgespielten Solo, in dem Truffaldino mit einem Bröckerl gekautem Brot einen Brief wieder versiegeln will, aber ein Bissen nach dem anderen im Magen verschwindet.

Naemi Latzer (Rosa), Tobias Eiselt (Silvio) © Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Truffaldinos reizende Columbina ist Claudia Waldherr. Sie ist ein Springginkerl, quicklebendig und süß verliebt in den dienenden Chaoten. Pantalone, ihr Herr, könnte stolz auf ein solches Kammermädchen sein. Horst Heiss hat als solcher aber ganz andere Probleme. Erstens hat man ihm Schuhe angezogen, die ihn noch um ein Stück länger machen und dabei verdächtig an Herman Munster erinnern.

Zweitens hat er eine Tochter namens Rosa (Naemi Latzer), deren angeblich verblichener Bräutigam doch am Leben ist, obwohl sie in der Zwischenzeit der Jugendliebe Silvio (Tobias Eiselt) zugesagt wurde. Obwohl dessen Vater (Alexander T.T. Mueller) Dottore der Jurisprudenz ist, scheint diese Verbindung und die damit verbundene stattliche Mitgift nicht zustande zu kommen. Silvio kämpft mit seinem scheinbaren Rivalen Rasponi wie der Teufel und stellt sich erst patschert, als ihm der Prinzipal erklärt: „Silvio, du kannst gar nicht fechten!“

Der Diener zweier Herren Ensemble © Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Dieser geheimnisvolle, vom Tod wieder auferstandene Rasponi ist, wie man weiß, dessen Schwester Beatrice. Der zarten Katharina Stemberger nimmt man den jungendlichen Grafen gerne ab. Forsch tritt sie den Herren entgegen und ist auch am Schluss in Frauenkleidern eine dominante Erscheinung, der man einfach Respekt zollen muss.

Ihr Geliebter Florindo (Daniel Keberle) müsste sich gegenüber ihrer Persönlichkeit einigermaßen zusammenreißen, um sie ein Leben lang als Gatte überzeugen zu können. Es bleibt ihm jedoch erspart, denn schließlich handelt es sich nur um eine Aufführung der „Comici della strada“, in der sich Prinzipal Krutzler die angenehmste Rolle, die des Wirten Brighella, gekrallt hat, um in beiden Rollen sein bekannt komödiantisches Können in allen seinen dunkelgrauen Facetten ausspielen zu können.

Daniel Keberle (Florindo), Katharina Stemberger (Beatrice) © Festspiele Stockerau/Johannes Ehn
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