Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


s´Herz am rechten Fleck, Ensemble

S´HERZ AM RECHTEN FLECK und ein guter Schmäh!

s´Herz am rechten Fleck, Ensemble

Tschauner Klassik, das weltweit einzigartige Stegreiftheater

Kein Text, keine Proben, eine Handlung in groben Zügen und nur eine kurze Besprechung vor der Aufführung, wann wer wie aufzutreten hat. Das ist Stegreif Klassik, wie sie seit bald 110 Jahren in Wien unter dem Namen Tschauner Sommer für Sommer das stets beste Publikum noch besser unterhält. Evelyn Kiesl ist ein langjähriges Mitglied dieser Truppe und erzählt nach der Vorstellung gern, worauf es dabei ankommt: „Du musst schlagfertig sein, weil du auf den anderen sofort reagieren musst. Der richtige Schmäh muss rennen, mit den schönen alten wienerischen Ausdrücken, die ja fast schon verschwunden sind. Die Leute sollen lachen! Das ist unser Anliegen.“ Für manch einen Schauspieler eine wahrhaft unvorstellbare Situation – draußt´ in Ottakring, in der Maroltingergasse, aber „dramatische“ Wirklichkeit. Evelyn: „Deswegen sind wir zu Recht stolz darauf, dass wir diese Tradition als einzige Stegreifbühne weltweit aufrechterhalten. Unsere Leute sind Mädchen für alles. Sie sind in einer Person Schauspieler, Textdichter, Regisseur, Maskenbildner und Bühnenarbeiter.

Sebastian Kolin, Eva Chiristina Binder

Die Folge ist ungläubiges Staunen der Besucher, die in der Pause mit der berühmten Tschauner-Jause (Knackwurscht und Bier) das malträtierte Zwerchfell beruhigen. Dazu erklingt aus den offenen Fenstern eines Pavillons neben der Bühne Wienerische Klaviermusik, von Roland Spöttling, einem blinden Pianisten, mit routinierten Fingern in die Tasten geklopft. Falls es einmal regnet, dann schützt das Schiebedach die Besucher des einzigen Cabrio-Theaters Wien die Besucher. Man fühlt sich tatsächlich um viele Jahrzehnte zurück versetzt in eine Zeit, als die Leut´ noch mit dem Stellwagen in die Vorstadt gepilgert sind, um sich dort unbeschwert amüsieren zu können.

Wolfgang Czeloth, Evelyn Kiesl

Prinzipal der Truppe ist Wolfgang Czeloth, der sich für diesen Abend den Naz Wipf als Rolle ausgesucht hat. Gegeben wird „s´Herz am rechten Fleck“, das von einem heruntergekommenen Bauernhof erzählt, den die Christl als resolute Haushälterin (Evelyn Kiesl) wieder auf Vordermann bringt. Wie es sich gehört, werden dabei gleich ein paar Ehen gestiftet, so die des bis dahin verhinderten Liebespaares Sepherl (Eva Christina Binder) und Alois Lindner (Sebastian Kolin).

Aber auch dessen Mutter Margarethe (Monika Schmatzberger) überzeugt diesbezüglich den in Ehedingen und Vaterpflichten recht säumigen Bürgermeister Peter Pummer (Frank Petersen). Naz hat noch zwei Brüder, die ihn im Nichtstun unterstützen, nämlich den Lenz (Manfred Sarközi) und den Veit (Christian Schiesser), die nicht zuletzt durch mehr als saloppe Kleidung, mangelnde Körperpflege und überzeugendes Faulsein für entsprechende Komik sorgen.

Es wäre ja alles so einfach, gäbe es nicht Veronika Pfister, die Schwester der drei Taugenichtse. In der Annahme, dass die Tage der Brüder ohnehin gezählt seien, hat sie ein Auge auf das Erbe geworfen und verkompliziert damit das Geschehen derart, dass dieses erst nach drei Akten wirklich zu einem Happy End findet. Das Publikum ist dafür allerdings sehr dankbar, denn die Veronika wird von der ungekrönten Königin des Stegreiftheaters gespielt, von Emmy Schörg. Sie braucht einfach nur aufzutreten, mit ihrem charakteristischen Gangl, das durch den rausgestreckten Hintern enorme Wichtigkeit vermittelt, schon sind ihr die Lacher gewiss. Wenn sie erst mit dem Reden loslegt, dann weiß man, was Spontaneität und Wortwitz bedeuten. Eine solche Schauspielerin braucht wirklich keinen Textdichter. Emmy Schörg hat einfach ein unvergleichliches Mundwerk und die entsprechenden Sensoren, um zu spüren, was das Publikum bei jedem der gut vierzig Stücke, die auf dem Programm der Stegreif Klassik stehen, regelmäßig zum Zerkugeln braucht.

Emmy Schörg, die ungekrönte Königin des Stegreiftheaters
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