Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Rainer Galke, Ensemble  © www.lupispuma.com / Volkstheater

1984 George Orwells Vision von unserer Gegenwart

Steffi Krautz, Sebastian Klein © www.lupispuma.com / Volkstheater

Erinnerung an eine Zeit, in der dein sozial digitaler Schatten bedrohlich lange wird

Als George Orwell, mit bürgerlichem Namen Eric Arthur Blair, 1948 seinen letzten Roman fertig gestellt hatte, drehte er einfach die letzten beiden Ziffern um; der Titel 1984 war geboren. Unglaublich, wie nahe er dadurch mit seiner Vorhersage einer utopischen Gesellschaft und eines übermächtigen Überwachungsstaates an die Wirklichkeit herangekommen ist. 33 Jahre später braucht man nur Kleinigkeiten zu ändern, schon ist man mitten drin in der bedrückenden Geschichte, in der aus dem Menschen ein gläsernes Wesen geworden ist. An die Stelle der allgegenwärtigen Bildschirme braucht man nur das Smartphone zu setzen, mit dem sich die meisten von uns freiwillig ihre letzten Geheimnisse entreißen lassen. Die Betreiber von Suchmaschinen wie Google sammeln eifrig Daten, um uns damit leichter gängeln zu können. Dazu kommt, dass die Wahrheit zu einer relativen Erkenntnis geworden ist, die jeder für sich drehen und wenden kann, wie er will, und er wird trotzdem recht haben. Wer meint, sich aus diesem Wahnsinn ausklinken zu können, endet nicht selten als Loser.

Rainer Galke, Kaspar Locher, Birgit Stöger © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auf gut Deutsch, er wird zum Sandler, weil ihn die so wohl vernetzte Gesellschaft draußen liegen lässt. Äußerst praktisch erweist sich dieses System für diejenigen, die daraus persönlichen Nutzen zu ziehen verstehen. Sie lenken die Massen mit einem Mausklick, weil sie genau wissen, dass ein kindisches Smiley mehr Informationsgehalt hat als ein seriös durchdachtes Statement. Wenn sich dazu noch politische Macht gesellt, dann steht einer kurioserweise demokratisch legitimierten Diktatur nichts mehr im Wege. Gefängnis und Todesstrafe für diejenigen, die sich mit eigenem Denken dagegen stellen, gehören in einem solchen Regime zur Tagesordnung.

1984 Ensemble © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Volkstheater hat 1984 in der Bühnenfassung von Alan Lyddiard (Deutsch von Michael Raab) umgesetzt. Mit mobilen Kameras wird der Zuschauer auf einer zweiten Ebene, einer riesigen Videowall, unmittelbar mit Grausamkeiten konfrontiert, die möglicherweise sogar Orwell entsetzt hätten. Gnadenlos wird auf das Auge des Protagonisten Winston Smith (Rainer Galke in der Aufmachung des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-un) gezoomt, wenn ihm blind machende Haftschalen eingesetzt werden.

In Grossaufnahme zeichnet sich die Folter schmerzhaft in seinem Gesicht ab, während eine künstlich klingende Stimme fröhlich ein schmackhaftes Gericht nach dem anderen aufzählt, das nichts anderes als einen neuen Gang der peinlichen Befragung benennt. Hermann Schmidt-Rahmer nimmt in seiner Inszenierung keine Rücksicht auf die Befindlichkeiten des Publikums; und das ist gut so. Damit kann diese allzu gegenwärtige Utopie entsprechend beklemmend und abstoßend wahrgenommen werden.

Katharina Klar © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dass manches dabei vermischt wird, geht leider unter. Angeprangert werden die Rücknahme der Healthcare durch Präsident Donald Trump und seine alternativen Fakten. Im Gegenzug wird aber latent der Terrorismus und religiöser Fanatismus als Möglichkeit des Widerstandes ins Auge gefasst. Sein eigenes Denken zu bewahren heißt nicht alles das gut zu heißen, was einem korrupten Regime, oder besser System Schaden zufügen könnte. Damit sind um das Jahr 1984 bereits die Anarchisten gescheitert.

In der 2017 real passierenden Welt von 1984 hat man einiges aus dem Programm genommen, was einen Menschen noch Mensch sein ließ. Obgleich die Erinnerung ein strafrechtliches zu ahndendes Verhalten bezeichnet, schimmert doch die Reminiszenz an glücklichere Tage durch, wenn der steinalte Loser, ein Outlaw und uninteressant für die Gedankenpolizei, als einzigen Lichtblick aus seiner Vergangenheit erzählt: „Wir haben immer nur ans Ficken gedacht.“

Aber er ist ja längst fern von Gut und #metoo. Dass Winston mit der burschikosen Julia (Katharina Klar) einen Anklang in einer entlegenen Hütte davon erlebt, bekommt ihnen beiden im Endeffekt nicht gut. Im „Ministerium der Liebe“ wird sie erfolgreich umgepolt und Winston von roboterähnlichen Wesen (Sebastian Klein, Steffi Krautz, Kaspar Locher, Sebastian Pass und Birgit Stöger) gequält, bis er endlich vier Finger als fünf zählen kann und begriffen hat, was sein großer Bruder von ihm will.

Sebastian Klein, Birgit Stöger, Katharina Klar © www.lupispuma.com / Volkstheater

Christoph Rothenbuchner, Claudia Sabitzer © www.lupispuma.com / Volkstheater

WIEN OHNE WIENER Die tiefschwarze Seele unserer Stadt

Christoph Rothenbuchner, Gábor Biedermann  © www.lupispuma.com / Volkstheater

Kein Gedanke kann so böse sein, dass Georg Kreisler ihn nicht gedacht hätte

„Der Stephansdom ist nicht das Wahrzeichen von Wien, er ist seine Diagnose“, ist eine der harmlosesten Pointen, mit denen sich der selbsternannte Anarchist an seinen Mitbürgern gerächt hat. Was hat Georg Kreisler so aufgebracht, dass er an den Mitwienern kein gutes Haar gelassen hat? Es war weniger Abneigung als der Kotzreflex, wenn ihm das goldene Wienerherz verlogene Freundlichkeit aufdrängte. 1938 hatte er in die USA emigrieren müssen, weil die ach so netten Wiener plötzlich einen Hass auf die Juden entwickelt und keine Hemmungen hatten, ehemals bewunderte Kabarettisten voller Liebenswürdigkeit ins KZ zu liefern. Da sich in der Fremde der große Erfolg nicht einstellen wollte, kehrte er doch wieder zurück und wurde Mitglied des „Namenlosen Ensembles“ mit Gerhard Bronner, Peter Wehle und Helmut Qualtinger. Er kannte also Wien, zumindest das Wien dieser Tage, in dem Ehemalige zu Ehren und Posten gekommen waren und im Kulturbereich das Sagen hatten. So durften seine Lieder im Österreichischen Rundfunk nicht gesendet werden.

Isabella Knöll, Claudia Sabitzer © www.lupispuma.com / Volkstheater

Kreisler wäre damit zu vielen Verantwortlichen auf die Zehen gestiegen, und genau das wollte man vermeiden, den Verdrängung war in diesen Tagen angesagt. Über der wunderschönen Stadt an der blauen Donau erstrahlte eine kitschige Gloriole von Weinseligkeit und einer gefährlichen Gemütlichkeit, zu der Lieder wie „Tauben vergiften im Park“ nicht so richtig passen wollten.

Wien ohne Wiener Ensemble © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Zeiten haben sich gewandelt, den Wiener Kreislerischer Definition gibt es nicht mehr, abgesehen von seltenen Exemplaren in ein paar Nischen, in die sich kein anderer als der tief verwurzelte Nostalgiker einer längst verschwundenen Lebensart verirrt. Dennoch kann ein Georg-Kreisler-Liederabend mit dem für die Zeit seiner Entstehung prophetischen Titel „Wien ohne Wiener“ das Publikum mitreißen, das zwangsläufig aus Wienern besteht, die sich noch erinnern können, wovon hier die Rede ist.

Der Erfolg liegt nicht zuletzt an der Regie von Nikolaus Habjan. Der junge Mann kann einfach alles. Er schafft Puppen mit den Fratzen, wie sie Kreisler wohl in den Gesichtern seiner Mitmenschen gesehen hat, er lässt die Zuschauer über sich selbst lachen, wenn sie sich in einer der bitterbösen Figuren wiedererkennen, und er springt ganz selbstverständlich ein, wenn wie bei der Premiere Christoph Rothenbuchner ausfällt, um zu spielen, singen und pfeifen, als wäre es das Einfachste auf der Welt.

Für das übrige Ensemble, bestehend aus Gábor Biedermann, Günter Franzmeier, Isabella Knöll, Claudia Sabitzer und Stefan Suske, ist es sichtlich ein Vergnügen, als Puppenspieler und Sänger zu arbeiten. Sie geben den Arschkriecher, singen das letzte Heurigenlied und sind überzeugt, dass einer erst tot ist, wenn er tot ist. „Der Tod muss ein Wiener sein“ ist eine Hymne an die Sehnsucht, zumindest nach dem Ableben wer zu sein, wenn man im Leben nur von „Trutschen“ und anderem unnötigen Gelichter umgeben ist. Begleitet werden die Schauspieler von der Musicbanda Franui mit Romed Hopfgartner, Markus Kraler, Angelika Rainer, Bettina Rainer, Andreas Schett und Nikolai Tunkowitsch. Sie finden den richtigen Ton, der zwischen schräg und Kakophonie die abgrundtief bösen Inhalte der Lieder von Georg Kreisler untermalt. In jeder vordergründigen Freundlichkeit ist das spitze Messer verborgen, das gnadenlos wie ein Skalpell alte Eiterbeulen aufschneidet, die man längst als verheilt geglaubt hat, bis man sich wundert, was da noch alles an Dreck drinnen steckt, wenn es so schön gallig heraus quillt. Schön, dass ein solcher Chirurg bis heute nicht vergessen wurde.

Wien ohne Wiener Ensemble © www.lupispuma.com / Volkstheater

Laura Laufenberg, Christoph Rothenbuchner © © www.lupispuma.com / Volkstheater

HÖLLENANGST Teuflisch authentischer Umgang mit Nestroy

Thomas Frank, Claudia Sabitzer © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das „echte“ Volksstück über den Katzenjammer der Revolutionäre

Ist Aberglauben nun ein Zeichen von Dummheit, oder ist der Aberglauben per se dumm? Johann Nestroy hat darauf die Antwort gegeben: Beides! Als Beweis dafür hat er den Revoluzzer Wendelin erfunden, einen in Sachen Intelligenz eher beschränkten Menschen, der auf der Stelle bereit ist, in einem überraschenden Eindringling in seine ärmliche Bleibe den Teufel zu erkennen. Dass es sich bei dieser unter Donner und Blitz erfolgten „Erscheinung“ um den Oberrichter von Thurming handelt, will er auch dann nicht einsehen, als ihn dieser später in amikaler Weise freispricht. Vielleicht ist es doch besser, an die Macht infernalischer Mächte zu glauben als an das gute Wort eines Menschen. Abgesehen von seinem Vater, einem dem Suff zugeneigten Schuster namens Pfrim, haben alle anderen Beteiligten längst begriffen, dass der gute Wendelin nicht der Hellsten einer ist und dessen Höllenangst einfach die Frucht seiner überaus bescheidenen Denkart. Jede positive Wendung seines Daseins sieht er als Schuldigkeit des Höllenfürsten an.

Thomas Fran © www.lupispuma.com / Volkstheater

Er geht dabei so weit, sogar die Zuneigung seiner geliebten Rosalie, einer Kammerjungfer der Baronesse Adele, als Teufelswerk abzutun. Dass ein solch einfältiger Aufmucker ein Jahr nach der kläglich in die Hosen gegangenen 48er-Revolution weder bei Kritik noch beim Publikum angekommen ist, versteht sich von selbst. Man wollte ein „echtes“ Volksstück sehen und keine Verarschung. Mittlerweile dürften wir doch ein bisserl g´scheiter worden sein und lieben unseren Nestroy für diesen ungnädigen Spiegel unserer eigenen Dummheit.

Günter Franzmeier © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Volkstheater har „Höllenangst“ ins Programm genommen und wird damit hoffentlich vielen Menschen Spaß bereiten. Felix Hafner hat in seiner Inszenierung auf das Volksstück verzichtet und diesen Nestroy aller biedermeierlichen Nettigkeit entkleidet. In einer riesigen schwarzen Metallschüssel versuchen die von unten sich nach oben zu turnen und rutschen dabei gnadenlos wieder in ihre Niederungen zurück, während die da oben dem armseligen Treiben da unten mit g´stopfter Überheblichkeit  zusehen (Bühne: Camilla Hägebarth).

Dass sich zeitgerecht infernalische Finsternis über die Szene legt, dafür sorgt Paul Grill. Die Couplets sind mit harschen rhythmischen Klängen unterlegt (Musik und Sounddesign: Clemens Wenger) und bringen damit ihre Botschaften deutlich gegenwärtig über die Rampe.

Stefan Suske, Günter Franzmeier, Kaspar Locher © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Ensemble hat sich bei der Premiere nach anfänglicher Distanz zum Text in das Stück mehr und mehr eingelebt und wurde bald zu einer homogenen Truppe, die den von Nestroy konzipierten Charakteren vollends gerecht geworden ist. Da wäre Freiherr von Reichthal (Gábor Biedermann) zu erwähnen, der aus dem farblosen, von seinem Onkel Freiherr von Stromberg (Stefan Suske) vertriebenen Burschen zum Kämpfer für die Armen in Gestalt von Günter Franzmeier als Pfrim und Claudia Sabitzer als dessen Weib wird.

Diese tun natürlich alles, um ihm zu helfen. Zumal sie über zwei Papiere verfügen, mit denen sein Recht auf das Erbe durchgesetzt werden kann. Außerdem war Frau Pfrim Amme von Reichthals Nichte, der Baronesse Adele von Stromberg (Laura Laufenberg), die in geheimer Ehe mit dem Herrn von Thurming verheiratet ist. Christoph Rothenbuchner hat als solcher die undankbare Aufgabe, zum Gottseibeiuns erklärt zu werden. Er wurde beim Tête-à-Tête mit seiner Frau ertappt und rettet sich vor den Verfolgern in die Bleibe des Schusters. Dort trifft er nur Wendelin an, belohnt ihn reichlich für die gewährte Hilfe und verschwindet wieder, nicht ohne Pech und Schwefel zu hinterlassen, die allerdings nur Wendelin bemerkt. Thomas Frank ist derjenige, der singt: „I lass mir mein´ Aberglaubn Durch ka Aufklärung raub´n.“ und der die ursprünglich von Nestroy selbst gespielte Rolle übernommen hat.

Er leidet sehenswert unter grässlicher Höllenangst und erhält Szenenapplaus unter anderem für seine Tanzeinlagen und Silly Walking vor dem Gendarmen (Mario Schober), der erst nach einer guten Weile drauf kommt, dass ihn da ein per Steckbrief Gesuchter zu provozieren versucht. Dass er die zarte Isabella Knöll als Rosalie an seinem stattlichen Body abprallen lässt, ist nur eines der feinen Details, die diesen Nestroy zu einer kurzweiligen und anregenden Begegnung mit unserem wahrhaftigsten Possenschreiber machen.

Höllenangst Ensemble © www.lupispuma.com / Volkstheater

Iphigenie in Aulis / Occident Exrpess Ensemble © www.lupispuma.com / Volkstheater

Iphigenie in Aulis / Occident Express und dazwischen Krieg

Sebastian Pass, Anja Herden © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ob in mythischer Vorzeit oder heute, die Tragödie bleibt im Grunde die gleiche

Gelangweilt plantschen die Krieger im seichten Wasser vor der Insel Aulis. Kein Lüftchen regt sich. Dabei wäre Wind so wichtig, um endlich aufbrechen zu können, um es den Trojanern zu zeigen, was sich die Griechen unter einer richtigen Rache vorstellen. Hat doch dieser Paris die schönste Frau des Landes verführt und geraubt. Diese Schmach kann nicht ungesühnt bleiben. Der gehörnte Ehemann Menelaos, König von Sparta, hat seinen Bruder Agamemnon zum Heerführer ernannt und eine gewaltige Streitmacht auf die Beine gestellt. Allein, der greise Seher Kalchas hat als Preis für günstigen Wind die Forderung der Götter genannt, nichts geringeres als das Opfer von Iphigenie, der Tochter von Agamemnon. Euripides hat einst daraus „Iphigenie auf Aulis“ verfasst, eine Tragödie, die unter anderem erklären will, was Menschen zu geben bereit sind, um ungestört Krieg führen zu können. In der Bearbeitung von Soeren Voima werden aus den Helden jedoch recht durchschnittliche Menschen. Agamemnon (Rainer Galke) ist trotz breiter Brust und hohen Kothurnen eine schwächliche Heulsuse.

Iphigenie auf Aulis / Occident Express Ensemble © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der nach Vergeltung dürstende Menelaos (Lukas Holzhausen) entpuppt sich als Zyniker, Odysseus (Sebastian Pass) ist ein, wie man in Wien sagt, odrahter Einidrahrer und aus dem göttlichen Achilleus (Jan Thümer) wird ein unzuverlässiger Schmähbruder. Die wirklich mutigen sind die beiden Frauen Klytemnestra (Anja Herden) und deren Tochter Iphigenie (Katharina Klar), die bereitwillig für die Ehre Griechenlands in den Tod geht.

Katharina Klar, Jan Thümer © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der zweite nicht unwesentliche Teil dieses Abends ist die Pause. Anna Badora, die Chefin des Volkstheaters, hat persönlich Regie geführt und meint dazu, dass in dieser Zeit, während ein Glas Sekt getrunken wird, der Krieg stattfindet, um den dritten Teil, den „Occident Express“ von Stefano Massini logisch darauf folgen zu lassen. Eine alte Frau (Henriette Thimig), sie spielt im ersten Akt den Alten, wird hier zu einer Reise gezwungen, die sie aus dem Irak über den Balkan bis nach Schweden führt.

Wäre es nicht die nette betagte Dame, die berührend hilflos immer wieder sagt, dass ihr Name Haifa ist, dass graue Haare hat und zur Sesshaftigkeit geboren ist, käme diese Botschaft wohl um einiges bedrohlicher über die Rampe. Die sogenannten Flüchtlingsströme sind noch gut in Erinnerung. Angesichts der Torturen, die sie alle auf sich genommen haben, um ins Gelobte Land wie Deutschland oder Österreich zu gelangen, die Entschlossenheit, sich Schleppern auszuliefern, um als Flüchtling die Party in Europa nicht zu versäumen, könnte einem unheimlich davor werden, was diese Leute sonst noch alles imstande sein könnten. Der Krieg, dem sie davon gelaufen sind, ist mit ihnen gekommen.

In den von ihnen angestrebten Paradiesen entstanden Kämpfe um den Bau von Stacheldrahtzäunen und Betonpollern, die errichtet wurden, um sich vor bisher ungekannten Aggressionen zu schützen. Aber auch dieses Stück gibt keine Antwort auf die Frage, warum diese Menschen ein Vermögen ausgegeben haben, um auf die beschwerlichste und gefährlichste Art zu reisen, immer mit dem Bewusstsein, wieder zurück geschickt zu werden, irgendwo zu ersticken oder zu ersaufen. Gibt es wirklich keinen anderen Weg, um sich in Sicherheit zu bringen? Ist das Leben in Berlin oder Wien wirklich um so vieles besser? Offenbar ja. Aber was können wir dafür? Die einzige Lehre, die unsereins aus dieser beeindruckend inszenierten Kombination von Gestern und Heute für sich mitnehmen kann, ist die Überzeugung, dass Krieg weder ein Opfer wie Iphigenie – sie wird ja von Artemis gerettet – noch die Selbstbeschuldigung einer an sich friedlichen Gesellschaft, die Kriege trotz allgegenwärtigen Terrors großteils nur im TV verfolgt, wert ist.

Eva Dorlass, Marlene Hauser, Sophie Reiml, Maren-Sophia Streich, Nadine Quittner © www.lupispuma.com

Katharina Klar, Claudia Sabitzer  © www.lupispuma.com / Volkstheater

NATHAN DER WEISE Einsamer Denker im Dialog mit seiner Puppe

Günter Franzmeier, Stefan Suske © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der Traum von Toleranz und Aufklärung, verbrannt zu Schutt und Asche

Gotthold Ephraim Lessing hat der Menschheit mit der Ringparabel bereits vor mehr als 200 Jahren die Leviten gelesen. Geholfen hat´s nichts. Der einzige Unterschied: Aus dem Krieg der drei einschlägig bekannten Religionen gegeneinander ist ein Kampf von einer gegen alle anderen geworden. Vor 30 Jahren noch hätt´ man es nicht geglaubt, dass es irgendwann wieder einen so eminenten Unterschied macht, wie jemand seinen Gott nennt. Hauptsache, in seinem Namen wird fröhlich drauf los gebombt und terrorisiert; ohne Rücksicht darauf, ob die Opfer überhaupt etwas geglaubt haben oder ob es ihnen nicht doch schnurz egal war, wohin sich der Täter beim Morgengebet vor dem Anschlag verneigt hat. Lessings Ideendrama NATHAN DER WEISE hat, trotz der etwas verschobenen Vorzeichen, also nichts an Aktualität verloren. „Das gute alte Lied muss halt immer wieder mit frischen Stimmen gesungen, die zentralen Fundamente einer zivilisierten Gesellschaft in jeder Generation zu neuer Selbstverständlichkeit gebracht werden“ schreibt dazu der deutsche Schriftsteller Ilija Trojanow.

Christoph Rothenbuchner, Stefan Suske © www.lupispuma.com / Volkstheater

Zu finden ist der Text im Programmheft des Volkstheaters zu Lessings NATHAN DER WEISE und er wurde von Regisseur Nikolaus Habjan in beeindruckender Weise beherzigt. Abgesehen davon, dass man trotz der originalen Sprache dem klassischen Drama kaum sein Alter anmerkt, hat der Puppenspieler zu einem genialen Trick gegriffen. Anstelle der nicht gerade sparsam eingesetzten Monologe gibt er Nathan eine Puppe als Alter Ego und macht daraus ungemein lebendige Dialoge.

Günter Franzmeier, Steffi Krautz, Gábor Biedermann  © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein Grund mehr über das Ganze nachzudenken ist auch die Interpretation des doch seltsam anmutenden Inhalts als Traum, den Nathan angesichts der Trümmer seines verbrannten Hauses durchlebt. Dazu kommt das nachvollziehbare Menscheln der handelnden Personen. Es wird verständlich, warum wer jeweils so handelt, wie er es tut – eine Labsal für das Publikum, das bei derlei Klassikern anderweitig nicht selten gegen das Einschlafen kämpfen muss.

Günter Franzmeier ist Nathan, der seiner Figur auch die Schwächen nicht erspart, die trotz Weisheit und Reichtum einen ganz normalen Vater aus ihm machen. Dass Recha nicht seine leibliche Tochter ist, will diese selbst am wenigsten wahrhaben. Katharina Klar ist ein bezaubernd trotziger Teenager, der sogar dem Sultan Saladin (Gábor Biedermann) eine Szene im wahrsten Sinn des Wortes hinlegt, wenn sie auf dem Boden liegt und zornig strampelt. Ein ähnliches Kaliber ist der junge Tempelherr, gespielt von Christoph Rothenbuchner. Er verwandelt sich glaubhaft vom Ekel zum schüchternen Verliebten und wieder zurück, bis er kraftlos zu Boden sinkt, als er erfährt, dass Recha seine Schwester ist. Claudia Sabitzer als Daja wird im Verlauf des Stückes mehr und mehr zur schlitzohrigen Händlerin von Geheimnissen.

Stefan Suske als Klosterbruder steht ihr darin in nichts nach. Fehlt nur noch Sittah, Schwester des Sultans, der Steffi Krautz die trockene Kraft verleiht, ihrem doch etwas zu laxen Bruder regierungsmäßig auf die Sprünge zu helfen. Ein Meisterwerk von Nikolaus Habjan ist der Patriarch von Jerusalem. Es handelt sich um eine von drei Personen geführte Puppe, die im grellen Licht eines Scheinwerfers alle Grauslichkeit eines in seiner Religion gefangenen Menschen verkörpert.

Stefan Suske, Steffi Krautz, Katharina Klar, Christoph Rothenbuchner  © lupispuma/Volkstheater
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