Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Katharina Klar, Claudia Sabitzer  © www.lupispuma.com / Volkstheater

NATHAN DER WEISE Einsamer Denker im Dialog mit seiner Puppe

Günter Franzmeier, Stefan Suske © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der Traum von Toleranz und Aufklärung, verbrannt zu Schutt und Asche

Gotthold Ephraim Lessing hat der Menschheit mit der Ringparabel bereits vor mehr als 200 Jahren die Leviten gelesen. Geholfen hat´s nichts. Der einzige Unterschied: Aus dem Krieg der drei einschlägig bekannten Religionen gegeneinander ist ein Kampf von einer gegen alle anderen geworden. Vor 30 Jahren noch hätt´ man es nicht geglaubt, dass es irgendwann wieder einen so eminenten Unterschied macht, wie jemand seinen Gott nennt. Hauptsache, in seinem Namen wird fröhlich drauf los gebombt und terrorisiert; ohne Rücksicht darauf, ob die Opfer überhaupt etwas geglaubt haben oder ob es ihnen nicht doch schnurz egal war, wohin sich der Täter beim Morgengebet vor dem Anschlag verneigt hat. Lessings Ideendrama NATHAN DER WEISE hat, trotz der etwas verschobenen Vorzeichen, also nichts an Aktualität verloren. „Das gute alte Lied muss halt immer wieder mit frischen Stimmen gesungen, die zentralen Fundamente einer zivilisierten Gesellschaft in jeder Generation zu neuer Selbstverständlichkeit gebracht werden“ schreibt dazu der deutsche Schriftsteller Ilija Trojanow.

Christoph Rothenbuchner, Stefan Suske © www.lupispuma.com / Volkstheater

Zu finden ist der Text im Programmheft des Volkstheaters zu Lessings NATHAN DER WEISE und er wurde von Regisseur Nikolaus Habjan in beeindruckender Weise beherzigt. Abgesehen davon, dass man trotz der originalen Sprache dem klassischen Drama kaum sein Alter anmerkt, hat der Puppenspieler zu einem genialen Trick gegriffen. Anstelle der nicht gerade sparsam eingesetzten Monologe gibt er Nathan eine Puppe als Alter Ego und macht daraus ungemein lebendige Dialoge.

Günter Franzmeier, Steffi Krautz, Gábor Biedermann  © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein Grund mehr über das Ganze nachzudenken ist auch die Interpretation des doch seltsam anmutenden Inhalts als Traum, den Nathan angesichts der Trümmer seines verbrannten Hauses durchlebt. Dazu kommt das nachvollziehbare Menscheln der handelnden Personen. Es wird verständlich, warum wer jeweils so handelt, wie er es tut – eine Labsal für das Publikum, das bei derlei Klassikern anderweitig nicht selten gegen das Einschlafen kämpfen muss.

Günter Franzmeier ist Nathan, der seiner Figur auch die Schwächen nicht erspart, die trotz Weisheit und Reichtum einen ganz normalen Vater aus ihm machen. Dass Recha nicht seine leibliche Tochter ist, will diese selbst am wenigsten wahrhaben. Katharina Klar ist ein bezaubernd trotziger Teenager, der sogar dem Sultan Saladin (Gábor Biedermann) eine Szene im wahrsten Sinn des Wortes hinlegt, wenn sie auf dem Boden liegt und zornig strampelt. Ein ähnliches Kaliber ist der junge Tempelherr, gespielt von Christoph Rothenbuchner. Er verwandelt sich glaubhaft vom Ekel zum schüchternen Verliebten und wieder zurück, bis er kraftlos zu Boden sinkt, als er erfährt, dass Recha seine Schwester ist. Claudia Sabitzer als Daja wird im Verlauf des Stückes mehr und mehr zur schlitzohrigen Händlerin von Geheimnissen.

Stefan Suske als Klosterbruder steht ihr darin in nichts nach. Fehlt nur noch Sittah, Schwester des Sultans, der Steffi Krautz die trockene Kraft verleiht, ihrem doch etwas zu laxen Bruder regierungsmäßig auf die Sprünge zu helfen. Ein Meisterwerk von Nikolaus Habjan ist der Patriarch von Jerusalem. Es handelt sich um eine von drei Personen geführte Puppe, die im grellen Licht eines Scheinwerfers alle Grauslichkeit eines in seiner Religion gefangenen Menschen verkörpert.

Stefan Suske, Steffi Krautz, Katharina Klar, Christoph Rothenbuchner  © lupispuma/Volkstheater

Stefanie Reinsperger Fotorechte: © www.lupispuma.com / Volkstheater

KASIMIR UND KAROLINE Ein seltsam extremes „Liebes“Paar

Rainer Galke, Birgit Stöger Fotorechte: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Es geht immer besser, besser, besser... Es reicht!

Laut seinen Regieanweisungen lässt Ödön von Horváth „Kasimir und Karoline“ in München „in unserer Zeit“ spielen. Gemeint war damit die Wirtschaftskrise von 1929. Freilich gibt es auch heute Armut und Arbeitslosigkeit, zum Glück aber nicht in einer derart bitteren Form, wie sie damals breite Bevölkerungsschichten erfasst hatte. Bequem zurücklehnen sollte man sich deshalb trotzdem nicht – was bei der Inszenierung von Philipp Preuss auch keineswegs möglich ist. Er schont weder Publikum noch Schauspieler. Die Bühne ist ein Karussell aus Glitzerbändern, das die Beteiligten einfängt und wieder ausspuckt. Was sich drinnen abspielt, kann mit Projektionen auf und über dem Ringelspiel mitverfolgt werden. Gesichter werden in der Großaufnahme ebenso verzerrt wie die Emotionen, die sich an diesem Oktoberfest mit Urgewalt entladen und wie ein kalter Guss aus einem Mass Bier über den Zuschauer geschüttet werden. Horváths Motto für dieses Stück lautet „Und die Liebe höret nimmer auf“, die Lust darauf wird einem aber gründlich ausgetrieben.

Rainer Galke, Stefanie Reinsperger Fotorechte: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dass sich Kasimir und Karoline überhaupt gefunden haben, mutet in dieser Besetzung eigenartig an. Rainer Galke ist ein sensibler Mann, der zwar wie ein Hund darunter leidet, dass er am Vortag abgebaut wurde. Aber man hört von ihm kaum einen lauten Ton. Meiste Zeit hat er auf der Rampe zu sitzen, wo er das grelle Geschehen einfach über sich ergehen lassen muss. Ganz anders sie in Person von Stefanie Reinsperger.

Sie hüpft und rennt unmotiviert über die Bühne, girrt wie eine überdrehte Fünfzehnjährige beim rücksichtslosen Amüsement und brüllt hysterisch, wenn sie um die Restfetzen ihrer Beziehung zu Kasimir kämpft. Sie passt sich damit offenbar genau der Regie an, die jede Figur, jede Äußerung und jedes Gefühl bis zur Derbheit überzeichnet, außer der Musik, die ganz untypisch für dieses Bierhochamt auf blecherne Stimmungsmache und Schunkeln verzichtet.

Kasimir und Karoline Ensemble © www.lupispuma.com / Volkstheater

Kaspar Locher gibt seinem Merkl Franz eine Brutalität, die zum Fürchten ist, zu dem von ihm verkörperten Kleinkriminellen aber ausgezeichnet passt. Man hält den Atem an, wenn er seiner Erna (Birgit Stöger) auf die Hand steigt, weil sie darunter eine Erdnuss versteckt. Sie hingegen spricht langsam und ermüdend monoton, als hätte sie sich vor dem Rummelgehen ein paar Joints zum Mutmachen hineingezogen. Der Schürzinger Eugen ist da schon ein anderes Kaliber. Sebastian Klein macht auf freundlichen Aufreißer, der einem jedoch im Herzen leid tut, wenn er, der Antialkoholiker, in Gesellschaft seines unsympathischen Chefs und dessen Freund Speer einen Kirsch nach dem anderen kippen muss.

Ein der ganz bösen Figuren ist auch der Direktor, Herrscher über dieses Kabinett an Abnormitäten, dem Thomas Frank alle Schmierigkeit der Welt verleiht.

 

Die angestrebten sexuellen Abenteuer der beiden alten Herren Kommerzienrat Rauch (Michael Abendroth) und Landesgerichtsdirektor Speer (Lukas Holzhausen) gehen bekanntlich in die Hosen. Die beiden Festschönheiten Elli (Seyneb Saleh) und Maria (Nadine Quittner) können nicht verhindern, dass Speer zu Boden geht, und Karoline kann ihren Galan Rauch gerade noch vor dem Hinscheiden retten, ohne dafür im Geringsten bedankt zu werden. Nichts wird´s mit der Fahrt nach Altötting im Cabriolet. Aber auch ihre Beziehung zu Kasimir ist die Isar hinabgeschwommen, zumindest aber hat sie, worum sie die anderen, nicht nur Kasimir, beneiden werden, einen Job und damit eine Aussicht, mit dem neu gewonnen Schürzinger eine Zukunft anzufangen: „Es geht immer besser, besser, besser, besser...“ so lang, bis es aus dem Publikum tönt: „Es reicht!“

Rainer Galke, Birgit Stöger, Kaspar Locher © www.lupispuma.com / Volkstheater

Rechnitz Ensemle ©  © www.lupispuma.com / Volkstheater

RECHNITZ Über falsche und verlogene Unschuldigkeit

Rechnitz Ensemble  © www.lupispuma.com / Volkstheater

Boten haben keine Emotionen

Was in den letzten Tagen der Naziherrschaft in Rechnitz an der Grenze zu Ungarn passiert ist, wurde lange totgeschwiegen und ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt. Das Programmheft zum Stück RECHNITZ von Friederike Jelinek berichtet: In der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 waren 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter willkürlich erschossen worden. Die Täter dieser Morde entstammten dem Dunstkreis der Gräfin Batthyány. Es handelte sich um SS- und Gestapo-Männer, die allesamt von der Gräfin auf deren Schloss in Rechnitz zu einem Gefolgschaftsfest geladen waren. Der NSDAP-Ortsgruppenleiter hatte um 23 Uhr einen Anruf erhalten. Waffen wurden ausgegeben. Eine Gruppe fuhr zum nahegelegenen Kreuzstadel und ermordete dort die Zwangsarbeiter, um danach wieder ins Schloss zurück zu kehren und weiter zu feiern. Die Toten verscharrte man in einem Massengrab, das von anderen, später ebenfalls ermordeten Zwangsarbeitern ausgehoben worden war. Zurückgeblieben sind die Boten: Mitwisser wie das Personal und Zeugen dieses Festes, die über die Ereignisse dieser Nacht berichten.

Rechnitz Ensemble  © www.lupispuma.com / Volkstheater

Miloš Lolić hat diese Berichte zu einer rasanten Collage aus Wordrap und Musikvideos gebündelt. Die Boten sind Thomas Frank, Katharina Klar, Sebastian Klein, Steffi Krautz, Kaspar Locher, Claudia Sabitzer, Birgit Stöger und Jasmin Avissar. Aneinander gelehnte Reste von Platten mit vergoldetem Stuck in der Mitte der Bühne (Paul Lerchbaumer) stehen für das Schloss, das kurz nach diesem Fest abgebrannt ist. Um sie herum spielt sich eine Nicht-Handlung ab. Wortfetzen als Aufhänger für ganze Sätze, Abtriften an endlose Ketten von Assoziationen, Wörter werden bis zur Penetranz auf alle ihre Bedeutungen und Möglichkeiten hin abgeklopft.

Dazwischen taucht immer wieder wie ein Blitz eine dieser herrlichen Formulierungen von Jelinek auf, zum Beispiel „Ein Lachen, das einem die Eingeweide zerreißt, wären sie von den Schüssen nicht schon zerrissen gewesen.“ Das Fest, von dem aus zum Morden aufgebrochen wird, ist eine Disco mit bekannten Nummern, getanzt wird wild und ausgelassen (Choreographie: Jasmin Avissar), während über die Trümmer des Schlosses und den Hintergrund der Bühne die Gesichter der Tänzer und Sänger aus den Videos flackern.

Rechnitz Ensemble ©  www.lupispuma.com / Volkstheater

Jelineks Boten erzählen ohne Emotionen, aber freimütig, was sie wohl von den wahren Zeitzeugen unterscheiden dürfte. Als eine der historischen Bürgschaften dient der Film „Totschweigen“ von Eduard Ernes und Margareta Heinrichs. Er dokumentiert die jahrzehntelangen Bemühungen, die Gräber der Ermordeten zu finden, und, so liest man im Programmheft, den Unwillen der Einwohner von Rechnitz, ihr Wissen um das Geschehen in dieser Nacht und die Schuldigen preiszugeben. Den Hauptschuldigen des Massakers wurde nie der Prozess gemacht.

Margit Batthyány lebte mit ihrem Mann bis zu ihrem Tod im hohen Alter in der Schweiz. Der Ortsgruppenführer hatte sich mit ihrer Hilfe rechtzeitig nach Südafrika abgesetzt. Andere Beteiligte erhielten geringe Strafen. Zwei wichtige Zeugen wurden ermordet. Offen bleibt auch nach dieser Premiere die Frage, was Elfriede Jelinek mit dieser hochdramatischen Aufarbeitung in, wie sie es selbst ausdrückt, „kognitiver Distanz“ bezwecken wollte. Ihre Boten geben darauf keine Antwort.

Rechnitz Ensemble ©  www.lupispuma.com / Volkstheater

Stefanie Reinsperger, Gábor Biedermann ©  www.lupispuma.com/Volkstheater

MEDEA Grillparzer kraftvoll konzentriert

Evi Kehrstephan, Stefanie Reinsperger © www.lupispuma.com/Volkstheater

Der ergreifende Kampf einer Vertriebenen gegen die Vertreibung

Die Kolcher waren offenbar ein recht unfreundliches Volk an der Schwarzmeerküste, eben Barbaren, die jeden Besuch aus dem hochzivilisierten Griechenland, und war er noch so gut gemeint, a priori als Aggression betrachteten. Gastfreundschaft wurde nicht einmal dem friedlich erscheinenden Phryxus zuteil, der das berühmte Goldene Vlies von einem Tempel in Delphi wieder an seinen ursprünglichen Ort Kolchis retournieren wollte. Aietes, König der Kolcher, ermordete ihn, nachdem Medea, seine zauberkundige Tochter, den jungen Mann mit einer Art KO-Tropfen wehrlos gemacht hatte. Ab diesem Moment konnte das goldene Schaffell so richtig mit dem Unheil loslegen, das mit seinem unrechtmäßigen Besitz verbunden war.

 

Franz Grillparzer war der antike Stoff eine Trilogie wert, die mit der Missachtung der Gastfreundschaft seitens der Kolcher beginnt, sich mit dem Kriegszug der Argonauten unter der Führung Jasins fortsetzt und in der Tragödie Medea seinen dramatischen Höhepunkt erlebt.

Günter Franzmeier, Philipp Bauer, Nikolaus Baumgartner, Evi Kehrstephan © www.lupispuma.com/Volksth.

Nachdem es heutzutage schwierig sein dürfte, drei Abende mit Grillparzer attraktiv zu machen, muss das Ganze eben komprimiert werden. Das Volkstheater hat diesbezüglich den letzten Teil gewählt, den Verrat an Medea, ihre Vertreibung und furchtbare Rache. Der Rest der Geschichte wurde geschickt in die Handlung eingebaut, was in erster Linie der Regie der Chefin des Hauses Anna Badora zu verdanken ist. Man kennt sich, auch ohne ein Spezialist für das Goldene Vlies zu sein, jederzeit aus, trotz einer uns ungewohnten, leicht umständlichen Sprache eines Dichters des 19. Jahrhunderts. Dass sich die Verse dennoch wie ein natürliches Gespräch ausnehmen, ist Sache der Darsteller, die diesbezüglich wahrlich Großes leisten.

Michael Abendroth, Günter Franzmeier, Evi Kehrstephan, Gábor Biedermann © www.lupispuma.com/Volksth.

Michael Abenroth ist ein feindseliger König Aietes und als strenger Herold der Amphiktyonen ebenfalls alles andere als gütig. Als des Königs Sohn Absyrtus steht ihm Michael Köhler zur Seite. Dessen Anschlag auf Jason, der sich gerade mit seiner Schwester Medea beschäftigt, geht schief; ein Missgeschick das ihn das Leben kostet. Seine Rolle wäre damit beendet, wäre da nicht ein großartiger Einfall, die Herren aus Kolchis immer wieder hinter einer Art Zeitfenster sichtbar werden und Medea ins Gewissen reden zu lassen.

Sie hat sich schließlich in Jason verliebt, ihm das Goldene Vlies zukommen lassen und ihre Heimat verraten.

 

Politische Ränke lassen ihren Mann nach dessen Rückkehr nach Griechenland zur Unperson werden und zwingen ihre Familie, zu der mittlerweile zwei Kinder und die Amme Gora (Anja Herden) gehören, zur Flucht. In Korinth erhofft sich Jason bei König Kreon Aufnahme. Schließlich war er schon einmal in dessen Tochter Kreusa verliebt. Günter Franzmeier ist der joviale König, der allerdings mit Medea gröbere Probleme hat. Sie ist eine Barbarin, der man nicht trauen darf. Kreusa in der Person von Evi Kehrstephan hat weniger Berührungsängste.

Sie versucht Medea Tanzen, Singen und das Gehen in High Heels beizubringen, kurz die Errungenschaften einer kultivierten Gesellschaft zu vermitteln. Dass sich die zierliche junge Frau nebenbei Jason gekrallt hat, muss Medea ja nicht wissen. Erst als es hart auf hart hergeht, Kreon seine Tochter mit Jason verheiraten und die Kinder an seinem Hof behalten will, beginnt Medea ihren Kampf, der für alle schrecklich endet. Jason (Gábor Biedermann) ist kein Held, sondern ein Schwächling, der sich bei den ersten Problemen von seiner Frau distanziert und ihrer Vertreibung zustimmt. Medea ist auf sich allein gestellt. Gut dass es Stefanie Reinsperger gibt, die ihrer Medea die wilde Kraft einer verzweifelten Barbarin verleiht. Ihre Umarmungen pressen den Geherzten sichtbar die Luft aus dem Leib, egal ob bei Mann oder Frau, sogar die eigenen Kinder ziehen sich verschreckt vor ihr zurück. Ihre Liebe ist schrecklich, schrecklicher aber noch ihre Rache, die alle mit dem Goldenen Vlies – in diesem Fall tatsächlich ein vergoldetes Schaffell mit dem Knochenschädel eines Widders – verbundenen Flüche treulich erfüllt.

Evi Kehrstephan, Gábor Biedermann, Stefanie Reinsperger, Günter Franzmeier © www.lupispuma.com/VT

Der Menschenfeind Ensemble © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der Menschenfeind – Molières Warnung vor der Ehrlichkeit

Lukas Holzhausen, Evi Kehrstephan © www.lupispuma.com / Volkstheater

Eine Komödie, bei der man sich lachend an der Nase nimmt

Der Untertitel „Le Misanthrope ou l´Atrabilaire amoureux“, zu Deutsch Der verliebte Melancholiker, sagt eigentlich mehr über das Stück aus als der Haupttitel „Der Menschenfeind“. Alceste ist von den eleganten Lügereien der Hofgesellschaft in Frankreich angewidert. Jedes Wort wird von ihm analysiert und auf seinen Wahrheitsgehalt geprüft. Es beginnt damit, dass er Philinte, der ihn als Freund bezeichnet, diese Eigenschaft nicht so mir nichts dir nichts zuerkennen will. Oronte, ein ehrgeiziger Verseschmied, will von ihm eine ehrliche Kritik seines neuesten Gedichts und erhält sie auch, und zwar in einer Form, die ihn veranlasst, damit vor Gericht zu ziehen. In einem Punkt hat Alceste jedoch eine gewaltige Schwäche. Er ist in die junge Witwe Célimène verliebt und sein Herz hält sich in keiner Weise an die Vorgaben seines Kopfes. Die lebenslustige Célimène hat eine Reihe von Verehrern und ein offenes Haus, in dem man den Champagner liebt. Das stört natürlich den Wahrheitsfanatiker, den auch die Zusagen Célimènes, dass sie ihn ja liebe, nicht beruhigen können, noch weniger von der quälenden Eifersucht befreien, die Célimène stets nur mit feinem Lächeln quittiert.

Lukas Holzhausen, Evi Kehrstephan ©  www.lupispuma.com / Volkstheater

Zu Lebzeiten Molières soll diese Komödie gar nicht gut angekommen sein. Bei Hofe wurde sie abgelehnt und die adelige Gesellschaft von Paris hatte sicherlich keine Freude daran, wenn ein Marquis als eitler Fant und eine in besten Kreisen eingeführte Dame wie Arsinoé als lächerliche Männerjägerin dargestellt wurde. 350 Jahre später kann das Volkstheater damit garantiert einen Erfolg verbuchen. Denn Regisseur Felix Hafner hat den Molière ganz einfach als wunderbare Komödie inszeniert.

Er lässt seine Darsteller wie Models über eine Treppe auf eine mit Sektgläsern und -flaschen verminte Bühne herabsteigen und in einem Zug grinsend in einem Abgrund verschwinden. Nach Bedarf machen sie bei Alceste Station, um ihn von seiner unangenehmen Wahrheitsliebe zu heilen, mit ihm über die Liebe zu reden oder ihm gar ein Gedicht vorzutragen. Diese Aufgabe fällt natürlich Oronte zu, der in Person von Rainer Galke einen Komiker ungeahnten Formats gefunden hat.

Sebastian Klein, Nadine Quittner ©  www.lupispuma.com / Volkstheater

Kaspar Locher und Nils Rovira-Muñoz sind Marquis Acaste und Marquis Clitandre, die mit grau gemustertem Anzug und sehenswerter Überheblichkeit die Pariser Adelssociety vertreten.

Birgit Stöger als Arsinoé ist die Verkörperung der altjüngferlichen Tratschtante schlechthin. Angetan mit unmöglichen Kniestrümpfen webt diese Dame über das gesellige Parkett, um bei jedem Ohr ihr Gift auszusprühen. Sie kommt damit aber ebenso wenig an den Mann Alceste wie Éliante (Nadine Quittner), die diesen sturen Teufel sogar aufrichtig liebt, aber mit dem verwirrenden Charme ihrer Cousine Célimène nicht mithalten kann. Besser passt zu ihr Philinte, dem Sebastian Klein unerschütterliche Freundlichkeit und eine Menge Sympathie mitgibt. Evi Kehrstephan schwebt als Célimène mit hintergründigem Lächeln souverän über den Männerherzen, die ihr reihenweise dargeboten werden. Das eine, das sie anzunehmen bereit wäre, ist das von Alceste (Lukas Holzhausen), der mit bestimmtem Ernst seine Ansichten durchzieht und wie auch alle anderen Darsteller den in zweizeiligen Reimen gehaltenen Text (übersetzt von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens) in beachtlicher Natürlichkeit nicht zum Gedichtaufsagen verkommen lässt.

Birgit Stöger, Evi Kehrstephan © www.lupispuma.com / Volkstheater
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