Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Günter Brus, "Portfolio Ana IV", 1964/2004 Foto: Khasaq (Siegfried Klein), © Belvedere, Wien

GÜNTER BRUS Von der Zerreißprobe zur Bilddichtung

Günter Brus, "Luna Luna", Außenseite Pavillon, 1987 © Archiv Brus

Provokative Kunst, aber keine Provokation für die Kunst

Das Belvedere 21 widmet einem der bekannten Aktionisten anlässlich seines 80. Geburtstages eine umfassende Retrospektive. Es handelt sich um das gewaltige Werk eines Mannes, dem noch immer Abenteuerlust und der Spaß an der Irritation seines Gegenübers aus den Augen schaut. Im allgemeinen Gedächtnis geblieben ist Brus als weiße Gestalt, als ein Mensch, der sich angemalt hat, mit dem charakteristischen roten Streifen. Damit wollte er sich mit seinem Werk, das durch seine Aktionen von der Malerei gelöst worden war, wieder verbinden. Aber sein Schaffen umfasst wesentlich mehr Aspekte als den des Aktionismus, den er in Österreich begonnen und später, nicht zuletzt durch seinen Aufenthalt in Berlin international gemacht hat.

Günter Brus, "Transfusion", 1965-1999 © Günter Brus Farbfotografien

Die Ausstellung ist eine Wanderung durch sein Leben, durch eine „Zerreißprobe“, die auch nach der Zeit der Performances prägend für ihn geblieben ist. Abgesehen von dem zwar düsteren, im übrigen aber ansprechenden Informel sind seine Ideen, die er bildnerisch festgehalten hat, alles andere als angenehm zum Anschauen. Die Serie „La Croce del Veneto“ ist dafür das beste Beispiel. Arkadien wird bei ihm zum Blutbad ausgerechnet an Bischöfen. Das mehrteilige „Meerschweinchen-Experiment“ mag durchaus noch heute ein zartbesaitetes Nervenkostüm zum Missklang bringen.

Günter Brus, "Wiener Spaziergang", 1965 Foto: Ludwig Hoffenreich, © Günter Brus

 Das liebe Tierchen soll darauf mit einer raffinierten Vorrichtung, die von einem Penis gesteuert wird, gekillt werden. In „Leichtstoffpoesie und Zeichenchirurgie“ wurde ihm das Zeichnen für seine Gedankenfülle zu eng. Hingekritzelte Texte beschreiben beispielsweise den Besuch einer Kathedrale und die Ansichten des Künstlers zu dem dort Gebotenen unter dem Motto „RELIGION MIT STATUTEN IST EINE EINGEBETETE KINDERKRANKHEIT.“ In einem „Kleinen Ausflug in vermutete Ursachen“ stellt er zur Diskussion, ob Gott nicht eine Frau, eine Krankenschwester ist, und konstatiert geheimnisvoll „DAS GEFÜHL IST EIN SCHULMEISTER DES EKELS“.

Den Schwerpunkt bildet dennoch nach wie vor das aktionistische Werk, das auf Fotoserien einen von sich selbst gepeinigten Günter Brus zeigt. „Aktion im engen Kreis“, „Ana“, „Starrkrampf“ oder „Transfusion“ sind vollständig zu sehen. Provokation war ein Zweck dieser Aktionen, aber, so betont der Künstler, sie sollte nie den Zweck haben, erst auf die Kunst aufmerksam machen zu wollen. Zu sehen sind auch neben Kostümentwürfen für „Das schlaue Füchslein“ von Leoš Janáček, den Bühnenbildern für die von Brus selbst geschriebene Tragödie „Der Frackzwang“, genial gezeichnete „Aktionsskizzen“ und Bilddichtungen in der Brus immanenten schrägen Poesie.

Für den Betrachter, der sich einmal mit Günter Brus eingelassen hat, gibt es dann kein Entrinnen mehr. Irgendwann, und sei es auf einem der Bildtexte, wird klargestellt, was mit dem Titel der Ausstellung „UNRUHE NACH DEM STURM“ gemeint ist. Begonnen hat Brus mit seiner Kunst in einer Zeit, in der zu Recht die Frage gestellt wurde, ob es nach einem Zweiten Weltkrieg und den Naziverbrechen überhaupt noch Kunst geben kann. Dass es sie bis heute gibt, wenn auch in wenig schmeichelnder Weise, ist ein Verdienst von Künstlern vom Schlage eines Günter Brus, der seinem Publikum bis heute beim Betrachten die Gänsehaut über den Rücken jagt.

Günter Brus, "Schlaues Füchslein", Kostümentwürfe, 1994 © Archiv Brus
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