Kultur und Wein

das beschauliche Magazin


Professor Bernhardi Ensmeble © Sepp Gallauer

PROFESSOR BERNHARDI Der einzige Gerechte unter so vielen Sündern

Matthias Franz Stein, Herbert Föttinger © Sepp Gallauer

Schnitzlers feinsinnige Abrechung mit der anderen Gesellschaft

Hat sich seit 1912, als das Stück „Professor Bernhardi“ in Berlin uraufgeführt wurde, die Einstellung der Menschen – gemeint sind damit die Bewohner Mitteleuropas – grundlegend geändert? Damals tat sich zwischen der jüdischen und der katholisch-christlichen Elite der Habsburgermonarchie ein unvorstellbar tiefer Graben auf. Für uns Heutige sind es eher nur die Spitzenleistungen jüdischer Künstler, Komponisten, Wissenschaftler und Dichter, die einem zu dieser Zeit einfallen. Arthur Schnitzler ist einer davon. Ohne seine Dramen wäre ein österreichischer Theaterbetrieb kaum denkbar. Er war auch Arzt und wusste, wie es zuging, wenn um einen Posten wie die Leitung eines Instituts gerittert wurde. Sein Held ist der jüdischstämmige Professor Bernhardi, Direktor des Elisabethinums. Eine umstrittene Entscheidung dieses Arztes wird zum Gegenstand einer schonungslosen Darstellung des moralischen Zustands seiner Umgebung. Nach einer illegalen Abtreibung liegt in seiner Abteilung ein Mädchen im Sterben. Allein, sie spürt nichts von der Nähe des Todes.

Christian Nickel, Herbert Föttinger © Sepp Gallauer

Sie schwebt in ihren letzten Momenten in einem Glücksgefühl, einer Euphorie, die ihr ein zur letzten Ölung gerufener Geistlicher zerstören könnte. Bernhardi verwehrt ihm den Zugang zum Krankenbett. Der Vorfall entwickelt sich schnell zum Politikum, das seinen Höhepunkt in einer Interpellation des Parlaments findet und in der Folge für Professor Bernhardi zu einer zweimonatigen Gefängnisstrafe wegen Religionsstörung führt. Der frei denkende und keineswegs in Konfessionen verhaftete Bernhardi wird damit zur Galionsfigur der Liberalen, will sich aber auch von dieser Seite nicht vereinnahmen lassen, sondern lediglich seinen durch die Verurteilung verloren gegangenen Doktorgrad und das Recht zur Berufsausübung als Arzt zurück haben.

Florian Teichtmeister, Holger Schober, Alma Hasun © Sepp Gallauer

Von der Liste der handelnden Personen her mutet dieses Stück seltsam an. Neben der einen Krankenschwester (Alma Hasun als Ludmilla) sind 19 Männerrollen zu besetzen. Regisseur Janusz Kica hatte damit im Theater in der Josefstadt selbstverständlich kein Problem. Auf einer Bühne, steril wie ein Krankenhaus, lässt er mit den Herrn Doktoren das Staraufgebot des Hauses aufmarschieren. Florian Teichtmeister ist Dr. Ebenwald, ein Deutschnationaler, der nur darauf zu warten scheint, dass seinem Direktor ein entscheidender Fehler unterläuft.

Dieser ist seiner Ansicht nach auch passiert, als statt eines christlichen Arztes der Jude Dr. Wenger (Alexander Strömer) einen Posten im Institut erhält. Vertreten im medizinischen Stab sind auch André Pohl (Dr. Cyprian), Michael König (Dr. Pflugfelder), Christan Nickel (Dr. Filitz), Michael Schönborn (Dr. Tugendvetter), Johannes Seilern (Dr. Löwenstein), Wojo van Brouwer (Dr. Schreimann), Peter Scholz (Dr. Adler), Nikolaus Barton (Dr. Oskar Bernhardi), Alexander Absenger (Dr. Kurt Pflugfelder), Bernhard Schir (Minister Dr. Flint), Oliver Rosskopf als der glücklose Landarzt Dr. Feuermann und alternierend Michael Dangl und Alexander Strobele als Rechtsanwalt Dr. Goldenthal. Der angehende Arzt Hochroitzpointner ist Holger Schober. Ebenfalls als Doktor, aber seines Zeichens Hofrat im Kultusministerium, lässt Martin Zauner tief in die österreichische Beamtenseele blicken.

 

Die moralisch über jeden Zweifel erhabene Figur des Professor Berhardi hat sich Herbert Föttinger, Direktor der Josefstadt, selbst vorbehalten. Stets souverän, auch in der Erniedrigung einer gerichtlichen Verurteilung, steht sein Bernhardi zur Überzeugung, im kritischen Moment das Richtige getan zu haben.

Seine wichtigste Frage, ob man auch ohne Religion existieren könnte, wird jedoch von den anderen Beteiligten geflissentlich überhört, obwohl gerade dort eine schlüssige Antwort zu finden wäre. Man sieht den inneren Kampf, wenn ihm der Priester (Matthias Franz Stein) die Hand hinstreckt, und spürt die Überwindung, die es ihn kostet, durch diesen Handschlag einen Abgrund zu überbrücken, der uns heute längst unverständlich sein sollte, von seiner Tiefe offenbar aber nichts verloren hat.

Professor Bernhardi Ensemble © Sepp Gallauer

Wie man Hasen jagt Ensemble © Erich Reismann

WIE MAN HASEN JAGT und einen Bock abschießt

Roman Schmelzer, Pauline Knof © Erich Reismann

Treu sein? Völlig sinnlos!

Das Theater in der Josefstadt hat mit „Wie man Hasen jagt“ unter der Regie von Folke Braband eindrucksvoll bewiesen, dass man einen Feydeau auch ausgesprochen elegant spielen kann. Immerhin geht es in dieser Komödie nicht um Kleinigkeiten. Auf dem Spiel steht die eheliche Treue. Und wenn die gebrochen ist, könnte sich durchaus eine Tragödie daraus entwickeln. Natürlich nicht bei Georges Feydeau. Der französische Theaterautor hat die Menschen gekannt wie kaum ein zweiter und den allgemein verbreiteten Wunsch nach der Unmoral zum Hauptthema seiner hinreißenden Stücke gemacht. Aber er schenkt seinen nach Erfüllung strebenden Liebesgenossen nichts. Bevor es zur sinnlichen Erfüllung kommt, hat er immer noch ein Hindernis eingebaut. Es gibt genügend Türen und Fenster, durch die seine Protagonisten verschwinden, erscheinen oder durchklettern müssen. Turbulenz ist garantiert, genauso wie Lachen, wenn denen auf der Bühne das gleiche misslingt wie vielleicht einem der Zuschauer oder Zuschauerinnen am Abend davor.

Pauline Knof, Martin Niedermair © ERich Reismann

So knapp vor dem Erlegen eines Hasen hat man dennoch einen Bock geschossen! Wenn sich das Ganze dazu noch in herrlich witzigen Dialogen (aus dem Französischen in ein pikantes Deutsch übersetzt hat das Stück Elfriede Jelinek) abspielt, voller Pointen und schlüpfriger Anspielungen, dann steht der Schadenfreude nichts mehr im Wege. Warum soll es den Helden bei Feydeau besser als unsereinem ergehen?! Andererseits, was wäre das Leben ohne das Prickeln der Gefahr erwischt zu werden. Man sollte sich lediglich genügend gute Ausreden dafür zurecht legen, um letztlich schadlos zu überleben.

Roman Schmelzer, Pauline Knof © Erich Reismann

In der „Herrenjagd“, wie der Untertitel lautet, wird die schöne Léontine (Pauline Knof) vom Hausfreund Moricet (Martin Niedermair) stürmisch umworben, während sich ihr Gemahl Duchotel (Roman Schmelzer) angeblich mit dem g´scherten Cassagne (Holger Schober) auf der Jagd befindet. Dass er sich möglicherweise auf Abwegen befindet, will sie erst bewiesen haben. Dafür genügen ihr nicht einmal die fein verpackten Wildpasteten, die er als eben erlegte Jagdbeute nachhause bringt.

Denn so lange sie nicht hundertprozentig sicher ist, kann und will sie sich nicht rächen und lässt gnadenlos ihren Verehrer zappeln und ihn die Patronen für ihren Mann stopfen. Ihm helfen alle Liebesschwüre nichts. Sie bleibt unnahbar, wenngleich nicht ohne ständig kleine erotische Aufmunterungen wie Knallerbsen in Richtung Moricet abzufeuern.

Pauline Knof, Martin Niedermair © Erich Reismann

Das Wohnzimmer ist hell und groß, sogar mit einem Flügel ausgestattet, auf dem bestenfalls geklimpert wird (Bühnenbild und Kostüme: Stephan Dietrich). Und es gibt das obligate Stubenmädchen Babet (Gioia Osthoff), das für sich gesehen schon eine Sünde wert wäre. Man weiß zu leben, wenngleich Kultur nicht die Stärke des Hausherren ist, der sich nicht einmal mit einem von Moricet verfassten Gedichtband was anzufangen weiß und diesen als Unterleger bei einem Möbelstück verwendet.

Gemütlicher ist es da schon im Stundenhotel, das von der abgefrackten Gräfin Madame Latour (Elfriede Schüsseleder) geführt wird. Das Licht ist gedämpft, ein rundes Fenster gaukelt den Mond vor und die Wände sind zwecks Schalldämmung mit abgestepptem Samt verkleidet. Léontine, die sich mit Moricet dort zum Tête-à-Tête trifft, kommt trotzdem nicht in Stimmung. Sie zögert ihre Hingabe so lange hinaus, bis sich irgendwann die gesamte Gesellschaft, inklusive des frühreifen Neffen Gontran (Tobias Reinthaller) dort trifft. Diese Szene ist ein Paradebeispiel für Tür auf, Tür zu, das sogar den strengen Polizeikommissar Bridois (Alexander Strobele) zu verwirren imstande ist.

Dann gibt´s Pause, um alle Beteiligten wieder ihre Plätze im Wohnzimmer einnehmen zu lassen, wenn auch mit vertauschten Hosen und einem inkriminierenden Brief im Gilettascherl des Falschen. Erst als sich die Ausreden von Duchotel ins Absurde versteigen, sieht Léontine ein, dass eheliche Treue ein vollkommen sinnloses Unterfangen ist. Wie sie ihre Überzeugung äußert, das hat allerdings Noblesse, die nur die Josefstadt in dieser Form über die Rampe bringen kann.

Roman Schmelzer, Martin Niedermair © Ericht Reismann

Der Engel mit der Posaune Ensemble © Sepp Gallauer

DER ENGEL MIT DER POSAUNE als Gefangenenwärter

Maria Köstlinger, Alexander Absenger © Sepp Gallauer

Auf diesen Klavieren haben Mozart, Beethoven und Mahler gespielt

Man muss den Roman als Vorlage dieses Theaterstücks sehen. Der von den Nazis vertriebene Schriftsteller und einstige Direktor der Josefstadt, Ernst Lothar, hat 1946 die davor liegenden Jahrzehnte anhand der großbürgerlichen Familie Alt aufgearbeitet. Sie bewohnte in der Sailerstätte in der Wiener Innenstadt ein Palais, das vom Gründer einer Klavierfabrik Mitte des 18. Jahrhunderts erbaut worden war. Er hatte seinen Nachkommen ein fatales Vermächtnis hinterlassen. Wer je in diesem Haus gelebt hat, darf es bis zu seinem Tod nicht mehr verlassen. Als Wächter darüber ließ er über dem Portal einen Engel mit einer Posaune anbringen. Was über einige Generationen gut gegangen zu sein scheint, wird Ende des 19. Jahrhunderts zum Problem. Die Gesellschaft veränderte sich von Grund auf. Der alte Kaiser regierte eine Monarchie, die in ihrem Inneren längst zerfallen war. Die zahllosen Völker waren nur mehr im Hass aufeinander verbunden und versuchten mehr oder weniger offen, ihre nationalistischen Bestrebungen durchzusetzen.

Der Engel mit der Posaune Ensemble © Sepp Gallauer

Liberale Strömungen waren ebenso wenig aufzuhalten. Auch nicht der sozialistische Gedanke, den Arbeitern Rechte zu geben. Dazu kam ein damals unerhörtes Selbstverständnis der Frauen, die wie die Männer studieren und ihr Gefühlsleben nicht mehr einem von Gott und Kaiser vorgeschriebenen Moralkodex unterordnen wollten. In den 60 Jahren, von denen die Handlung umfasst wird, fiel der Erste Weltkrieg und die Zwischenkriegszeit, in der sich unversöhnliche Lager bildeten, die auch vor einem Bürgerkrieg nicht zurück scheuten. Das Ende bestimmt der Nationalsozialismus, der jeder anderen Auseinandersetzung ein schreckliches Ende bereitete. Eines der Opfer war die Familie Alt, in deren Genealogie immer wieder Juden aufschienen, was dazu führte, dass die Klavierfabrik von den Nazis enteignet und arisiert wurde.

Michael Dangl, Matthias Franz Stein, Maria Köstlinger © Sepp Gallauer

Das Theater in der Josefstadt hat mit „Der Engel mit der Posaune“ (Bühnenfassung von Susanne F. Wolf) eine bedrückende Zeitreise geschaffen, die man als Zuseher jedoch nicht so einfach stornieren kann. Wenn es streckenweise auch unangenehm ist, unmittelbar dabei zu sein, wenn sich das Familienidyll Schritt für Schritt zum Schlechteren entwickelt, so ist es doch faszinierend zuzusehen, wie Menschen trotz aller Aversion gegen den Status quo dem Posaune blasenden Engel gehorchen.

Janusz Kica hat sich in seiner Inszenierung vom bekannten gleichnamigen Film mit Paula Wessely und Attila Hörbiger gelöst und für die Klavierfabrikanten Alt eine vollkommen neue Welt erschaffen. Abstoßend graue Wände anstelle einer bürgerlichen Wohnung im Fin de Siècle sind die Kulisse, in der sich die von ihrer Zeit ausgelöste Katastrophe abspielt (Bühnenbild und Kostüme: Karin Fritz). Alles dreht sich um die schwarzen Flügel, die wie Gespenster durch die Szene rollen und gerollt werden. Die Musik (Kyrre Kvam) begleitet beklemmend das Geschehen um den Verlust des großen Klanges der Klaviere, auf denen bereits Mozart, Beethoven oder Mahler gespielt haben.

Maria Köstlinger, Gerhard Kasal © Sepp Gallauer

Michael Dangl und André Pohl sind die Brüder Franz und Otto Eberhard Alt. Sie bieten zwei grundverschiedene Charaktere, die mit den Wandlungen ihrer Zeit umzugehen versuchen und wirken dabei dennoch menschlich nachvollziehbar; der eine als verliebter Ehemann, der mit Gewalt die Augen vor den Eskapaden seiner Frau verschließt, der andere als kühl distanzierter Staatsanwalt, der jedoch ein Verbrechen wie Mord in der eigenen Familie mit unzureichender Faktenlage abzutun imstande ist.

Henriette Alt, geborene Stein, hat mit Maria Köstlinger eine Darstellerin gefunden, die in ihrer Jugend zu ihrer Liebe zu Kronprinz Rudolf steht, von Graf Traun (beide Xaver Hutter) geschwängert wird, und im Alter dem Engel am Portal zu gehorchen anfängt und ähnlich abweisend gegen jeden anderen Einfluss wird wie die Tante ihres Mannes. Marianne Nentwich ist eine großartige Sophie Alt, die mit wohltuender Ironie der an sich biestigen Rolle gegenüber sogar für Lacher sorgt.

Die jungen Herren Alt sind Matthias Franz Stein als Hermann, der schlagende Burschenhafter und Hitlerfan, und Alexander Absenger als Hans, der sozial denkt und mit seinem Vorarbeiter Czerny (Wojo van Brouwer) darin durchaus eines Sinnes ist. Über den Tod seiner Frau Selma (Alma Hasun) kommt er jedoch nicht hinweg. Dass ihm die hübsche Sekretärin Mizzi Hübner (Alexandra Krismer) mit Liebe und Lebendigkeit zu Seite stehen will, ignoriert Hans geflissentlich. Aber er glaubt an ein Österreich, für das er sogar aus dem Untergrund unter Einsatz seines Lebens Botschaften in den Äther sendet. Michael Schönborn als kaiserlicher Kabinettsdirektor und sadistisch veranlagter Schulprofessor Miklau sowie Gerhard Kasal als SS-Sturmbannführer Esk spielen mutig nicht gerade mit Sympathie beladene Gestalten. Johannes Seilern, der den treuen Diener Simmerl gibt, hat es diesbezüglich leichter, ebenso wie die Buben (als junger Hans Alt Johannes Brandweiner oder David Manhart), die sich schon recht gekonnt um die Familienehre balgen. Das Premierenpublikum hat dem Ensemble seinen Einsatz mit einem für Josefstädter Verhältnisse lang anhaltendem Applaus gedankt.

Xaver Hutter, Maria Köstlinger © Sepp Gallauer
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Foto © Theater in der Josefstadt

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